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Sonntag, 1. April 1990
ОглавлениеStuttgart, Deutschland
Langsam tastete sich das Bein vor. Das zweite folgte, dann das dritte, vierte, bis alle acht Gliederbeine sich vorsichtig über die weiche Haut schoben.
Sie war warm, so angenehm warm und attraktiv. Der Geruch war unwiderstehlich und lud sie geradezu ein, weiter zu klettern. Natürlich war sie nicht allein. Noch mehr Beine schoben sich heran. Ungewohnte Nähe von verwandten Seelen, doch das war nicht wichtig. Immer mehr Beine, immer mehr Körper scharrten sich um sie herum und erkundeten den warmen, weichen Leib, der sich in einem sanften Rhythmus hob und senkte.
Ein lautes Glucksen brachte ihre Haare zum Schwingen und ließ sie kurz verharren. Die Schallwellen waren stark, doch es ließ sich aushalten. Die Wärme war anziehender und der Duft immer noch unwiderstehlich.
Doch dann wurde es ungemütlich. Ein gellender Schrei zerriss die Luft und dann verrieten heftige Druckwellen drohende Gefahr.
Flucht! Und zwar schnellstens!
Alle stoben davon, in jede Himmelsrichtung, doch für manche war es zu spät. Grobe und brutale riesige Füße stampften auf zarte Körper und filigrane Gliederbeine und brachten Tod und Verderben.
Corinna Serra schrie und trampelte panisch auf den fliehenden kleinen Schatten herum. Der Anblick, der sich ihr bot, als sie das Kinderzimmer betreten hatte, trieb sie an den Rand eines Herzinfarkts.
In dem Kinderbett lag glücklich glucksend ihre kleine Tochter und streckte ihr fröhlich die zarten Babyarme entgegen. Dabei purzelten unzählige kleine Körper von ihr – Spinnen!
Zahllose Spinnen jeglicher Größe wimmelten über das Kinderbett und über den Babyleib, bedeckten jeden Zentimeter der zarten Haut. Das Gesicht war kaum zu sehen.
Corinna Serra schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Sie packte das nächstbeste Kleidungsstück und begann panisch, auf das Grauen einzuschlagen. Als die Spinnen flohen, trampelte sie wie besessen auf den widerlichen Kreaturen herum.
Aus dem fröhlichen Glucksen der Kleinen wurde erst ein Weinen und dann ein schrilles Schreien.
Corinna eilte besorgt näher. Zu ihrer Erleichterung schien ihre Tochter unverletzt. Keine Bissspuren waren zu sehen und mittlerweile auch keine Spinne mehr.
„Alles ist gut, meine Kleine!“ Sie streckte die Arme aus, um ihr Kind aus dem Bett zu heben. „Selina, Kleines, alles ist jetzt wieder gut!“
Das Gebrüll schwoll an und ließ sie zögern. Irritiert betrachtete sie das Babygesicht. Das war kein Angst- oder Schmerzgeschrei mehr. Das war blanker Zorn. Die Babyaugen funkelten sie wütend an.
„Selina“, flüsterte sie erschrocken. „Was ist denn, Liebes? Diese kleinen Monster sind doch alle weg. Sie können dir nichts mehr tun!“
Doch Selina Serra brüllte weiter und ließ sich nicht beruhigen.
Erst Stunden später schlief sie aus lauter Erschöpfung ein.
Corinna Serra sah ihre Tochter nie wieder lächeln.