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IL HYPERION, Krankenstation, 16. Januar 2266, 13:30 Uhr

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Doktor Irina Petrova war eine Frau, der es oft an Feingefühl mangelte. Sie war kompetent, aber auch ruppig und undiplomatisch. Als sie jetzt auf Jayden zutrat, dominierte ein Ausdruck tiefster Beunruhigung ihr Gesicht. In ihren Händen hielt sie ihr persönliches Memopad.

Jayden saß auf einer der Untersuchungsliegen und wurde mit jedem Schritt, den die resolute Ärztin auf ihn zutrat, unruhiger. Direkt vor ihm hielt sie inne und bedachte ihn mit einem bedeutungsschweren Blick.

»Die Auswertungen haben etwas gedauert, Sir, aber ich fürchte, unsere Vermutungen treffen zu – wenn auch auf eine andere Art, als bisher gedacht.« Doktor Petrova betätigte ein Icon auf ihrem Pad, worauf der kleine Holotank neben der Krankenliege zum Leben erwachte. Eine Darstellung von Jaydens Gehirn erschien darin. Die einzelnen Bereiche unterschieden sich durch Farbmarkierungen.

»Anders als gedacht? Inwiefern, Doktor?« Jayden versuchte, aus der Anzeige schlau zu werden, doch ihm sagten weder die farblich abgestuften Bereiche noch die Markierungen etwas.

Petrova zoomte mit einer geübten Handbewegung jenes Areal heran, in dem sich sein Chip befand. Eingebettet in ektodermales Gewebe sah er genauso aus wie beim letzten Mal, als Jayden einen holografischen Scan seines Gehirns gesehen hatte.

»Beginnen wir mit den guten Nachrichten«, sagte Doktor Petrova und setzte ein Lächeln auf, das so gar nicht zu ihr passen wollte. »Die Funktionen des Chips sind nicht beeinträchtigt. Ebenso ist die Datenstruktur intakt.« Sie machte eine Pause, blickte noch einmal auf ihr Memopad und straffte die Schultern. »Leider gibt es ein Problem mit der bioneuralen Schnittstelle.« Sie zoomte die entsprechende Stelle heran. Winzige Fäden verbanden den Chip mit diversen Nervenknoten des Hirns. »Wie Sie vermutlich wissen, werden die Kontaktfäden des Kommandochips mittels Nanotechnik an die Nerven gekoppelt. Durch einen entsprechenden Funkimpuls lösen diese bei Bedarf diese Kopplung. Was immer auf dem Mars geschehen ist, hat diese Entkoppelungsfunktion zerstört. Die Naniten haben die Kontaktfäden nun sogar mit den Nerven verschmolzen.« Sie machte eine bedeutungsschwere Pause.

»Sie wollen damit sagen, dass der Chip nicht entfernt werden kann?«

Doktor Petrova nickte. »Er funktioniert tadellos, doch er kann nicht mehr extrahiert werden. In der Regel geschieht dies durch die Zufuhr spezieller Naniten, die in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren. Diese zersetzen den Chip, und seine Reste werden über die Blutbahn abtransportiert. Als ich versuchte, einen Nanitenstamm einzuschleusen, der die Kontaktfäden ihres Chips entfernen und ersetzen sollte, konnte ich keinen Erfolg feststellen. Im Gegenteil erlebte ich einen kolossalen Fehlschlag: Die Naniten wurden von ihren Chip-Pendants vollständig zerstört.«

Jayden erinnerte sich an das Chaos auf dem Mars, das von dem Artefakt ausgelöst worden war. »Haben Sie Ihre Untersuchungsergebnisse bereits an die Admiralität weitergeleitet?«

Petrova nickte. »Das habe ich, Sir. Man hat damit begonnen, jeden Kommandooffizier zu untersuchen, der sich im Einflussbereich des Artefakts befand. Doch bisher waren alle Ergebnisse negativ. Aus irgendeinem Grund ist nur Ihr Chip beeinflusst worden. So wie auch nur Sie die Koordinaten des nächsten Artefakts kannten.«

»Und vergessen Sie nicht meine plötzlichen Kenntnisse über die Schriftsprache der unbekannten Erbauer des Artefaktes.«

»Der Speicher des in den Kommandochip integrierten Translators wurde mit neuen Datensätzen gefüllt«, bestätigte Petrova. »Unnötig zu erwähnen, dass keine Kopie davon angefertigt werden kann. Ich fürchte, Sie werden bald sehr viel Zeit mit den Linguisten an Bord verbringen, um manuell die Syntax und Semantik dieser fremden Sprache zu dokumentieren.«

Jayden graute es schon jetzt davor. Was ihn jedoch viel mehr beunruhigte, war die Verschmelzung seines Chips mit seinem Hirn. Wer konnte schon sagen, was dieses verdammte Artefakt noch angestellt hatte?

»Doktor«, Jayden räusperte sich, »ich weiß, die Frage mag seltsam erscheinen, aber der Chip ist doch nicht in der Lage, mich zu kontrollieren?«

Petrova lachte auf. »Ich versichere Ihnen, Captain, ein solches Szenario ist völlig abwegig. Als die Chips eingeführt wurden, machten sich viele Kommandooffiziere darüber Sorgen, dass sie durch diese ferngesteuert werden könnten, man ihre Gedanken darauf speichern oder ihnen Erinnerungen einpflanzen würde. Das alles ist nicht möglich. Die Verbindung zwischen Chip und Hirn ist unidirektional. Sie können auf die Daten des Chips zugreifen, der Chip kann jedoch keine Daten von sich aus senden. Zudem besteht überhaupt kein Zugriff vom Chip zu höherwertigen Funktionen des Hirns. Machen Sie sich darüber also keine Sorgen.«

»Wenigstens etwas. Also gut, Doktor, was werden wir tun? Ich will diesen Chip aus meinem Hirn heraus haben, und zwar lieber heute als morgen.«

»Einstweilen können wir nichts tun. Und solange ich die genaue Reaktion der Naniten nicht voraussagen kann, werde ich auch auf einen chirurgischen Eingriff verzichten.« Doktor Petrova wirkte bei diesem Geständnis nicht gerade glücklich. »Ich werde in nächster Zeit mit verschiedenen Nanostämmen experimentieren. Doch bis ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Barriere zu umgehen, werden Sie mit dem Chip leben müssen.«

Jayden freute sich schon auf die Diskussion mit Admiral Sjöberg, der seinerseits die übrige Admiralität davon überzeugen musste, dass sich der Kommandant der HYPERION nicht über Nacht in eine tickende Zeitbombe verwandelt hatte.

»Ich verstehe. Danke, Doktor.«

Jayden verließ die Krankenstation. Er brauchte einige Minuten allein. Von Anfang an hatte er den verdammten Chip verabscheut. Es gab genug andere Möglichkeiten, Alpha-Dateien und Kommandocodes zu schützen. Aber nein, die Admiralität hatte der Empfehlung des Komitees zur sicheren Datenspeicherung von militärisch sensiblen Dateien nachgegeben und die Chips eingeführt. Vielleicht sollte er ein persönliches Gespräch mit dem Komiteevorsitzenden führen. Jayden atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen.

Doktor Petrova würde eine Möglichkeit finden, den Chip wieder abzukoppeln, daran bestand kein Zweifel. Die Frau mochte ja ein wenig barsch sein, ihre Kompetenz stand jedoch außer Frage. Bis dahin würde er sich mit der Situation arrangieren. Nicht, dass er eine Wahl gehabt hätte.

*

Heliosphere 2265 - Der komplette Fraktal-Zyklus

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