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Verlorenes Glück Matt

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So also fühlte sie sich an, die ständige Ausnahmesituation.

Matt stand mit seiner Teetasse an der Seite und blickte auf das Treiben.

Gemeinsam mit Jane, Ultinova und Sam hatte er vor wenigen Tagen das sichere Haus in Italien erreicht. In den vergangenen Wochen hatte Angelo den Widerstand zügig ausgebaut und weltweit in Zellen unterteilt. Wurde eine der Zellen von den Wächtern aufgebracht, geschah den anderen nichts, da niemand die Position der anderen kannte. Über Spiegelpassagen, deren Schlüsselzauber ständig wechselte, konnten Übergänge geschaffen sowie auch problemlos vollständig getrennt werden.

Im Technikraum saßen Magier vor Monitoren und werteten die Informationen aus angezapften Glasfaserleitungen, Satellitenverbindung und den Nachrichten aus. Agenten waren überall auf der Welt unterwegs, um an Neuigkeiten zu gelangen oder Mitstreiter zu rekrutieren.

Sie kommunizierten mit Kontaktoren, puderdosenähnliche Geräte, die eine abhörsichere Kommunikation ermöglichten. Angelo teilte die neuen Widerständler dann der jeweiligen Zelle zu.

Die Offenbarung, dass das zweite Regnum begonnen hatte, hatte eingeschlagen wie eine Bombe. Seitdem herrschte hektische Betriebsamkeit.

Sie mussten auf eine Flucht vorbereitet sein, gleichzeitig jedoch versuchen, die magische Gesellschaft zu informieren.

»Hast du das Muster?«, fragte Angelo.

Sam sah von ihrer Tastatur auf. »Noch nicht. Da hat sich jemand alle Mühe gegeben.«

»Es ist die einzige Chance, in die Schule einzudringen. Das ist wichtiger denn je.«

»Gebe mein Bestes.«

Angelos schwarzes Haar war schulterlang, er trug einen Bart. Obgleich in seinen Augen Müdigkeit zu erkennen war, wirkte er unbeugsam wie ein dunkler Ritter. Einer, den Matt am liebsten an sich gedrückt hätte. Er wollte seine Lippen wieder spüren, die Geborgenheit der Umarmung.

Doch das war vorbei.

Angelo bemerkte seinen Blick. »Alles in Ordnung mit dir?«

Matt trat auf den Tisch mit den Monitoren zu. Im gleichen Augenblick verging das Gefühl, von außen auf das chaotische Treiben zu starren. Jetzt war er ein Teil davon. Überall klackten Tastaturen, Magier in Einsatzmontur eilten umher.

»Ihr könnt das Skydive nicht finden?« Er überging Angelos Frage.

Das magische Café sprang von einem Ort zum anderen und bot Schülern einen geheimen Zufluchtsort. Es gab eine Spiegelverbindung von dort in die mehrfach abgesicherte Einrichtung.

»Wer auch immer den Sprungzauber auf das Skydive gelegt hat, wollte sichergehen, dass kein Lehrer es findet«, sagte Sam. »Es muss ein Muster geben, hinter jedem Zauber steht eines. Wenn ich es entschlüsseln kann, können wir es finden und über die Spiegelverbindung in die Schule eindringen.«

Die Schüler hatten keine Chance im Falle eines Angriffs des Dämons. Ihr Talent war noch nicht erweckt, ihnen wurden Lügen eingeflüstert wie allen anderen.

Matt musste unweigerlich an seinen letzten Tag mit Nic und Jane denken. Gemeinsam hatten sie auf dem Trainingsgelände gekämpft.

»Es tut mir leid«, sagte Angelo und berührte Matt sanft am Arm. »Ich weiß, dass du Nic …«

»Wie geht es Gabriel?« Ruckartig wich Matt zurück.

Angelo wirkte, als habe er einen Stromschlag bekommen, seine Hand zuckte zurück. »Er begreift nur langsam, dass er nicht länger gefangen ist, wieder lebt. Er hat jede Nacht Albträume.«

Prompt fühlte Matt sich miserabel. Er hatte kein Recht auf Eifersucht. Angelo gehörte zu seinem Freund, von dem er all die Zeit gedacht hatte, dass dieser tot sei.

»Matt«, flüsterte Angelo mit Sanftheit in den Augen.

»Hör auf damit«, erwiderte er leise.

Die unerschütterliche Fassade wankte, Schmerz vermengte sich mit Schuld. »Ich …«

»Du liebst ihn doch.«

»Natürlich tue ich das. Aber das heißt nicht, dass meine Gefühle für dich plötzlich fort sind.« Fahrig fuhr sich Angelo über die Stirn, gefangen in einem unlösbaren Dilemma.

»Er braucht dich.«

»Und ich brauche ihn. Genau wie dich.«

Die Worte waren heraus und Matt erkannte, dass Angelo die Erkenntnis zusetzte.

»Angelo!«, erklang eine Stimme.

Matt wich noch einen Schritt zurück.

Ganz in Weiß gekleidet, kam Zola Mubawe herbeigeeilt. Die Heilmagierin aus dem Haus der Schicksalswächter gehörte zu den wenigen, die sich vor den Wächtern in Sicherheit hatten bringen können. Ultinova hatte ihr eine Warnung vor Inés zukommen lassen, bevor sie selbst ins Sanktum gegangen war.

Die Frau aus Südafrika wirkte dünn wie ein brüchiger Ast, war jedoch robust wie eine Eiche. Ihr magentafarbener Anima saß auf einer Metallplatte, die auf dem linken Handrücken magisch angebracht war.

»Wie geht es ihm?«, fragte Angelo.

Zola grüßte Matt im Vorbeigehen. »Körperlich ist er wiederhergestellt, sein Geist macht mir jedoch noch immer Sorgen. Ich habe ihn stabilisiert, indem ich magisch die Kernelemente seines Charakters in den Vordergrund gerückt habe. Durch Hypnose konnte ich verschiedene Schlüsselwörter verankern, die er nutzen kann, um ruhiger zu werden. Trotzdem hat ihn das Erlebte bis ins Mark erschüttert.«

Inés hatte Gabriel an einem grauenvollen Ort tief unter Afrika gefangen gehalten. Dort herrschte chaotische Magie, und die substanzlosen Abbilder verstorbener Fatumaris-Magier gierten nach frischer Magie. Dank Nic hatten die Freunde mit Gabriel entkommen können.

»Ich verstehe.« Er betrachtete Zola eingehend. »Was verschweigst du?«

Die Heilmagierin gab sich einen Ruck. »Inés hat in der ersten Zeit vorgegeben, du zu sein. Deshalb … Ich fürchte, deine Anwesenheit destabilisiert ihn.«

Angelo wirkte geschockt. »Ich kann ihn doch nicht allein lassen. Er braucht mich!«

»Er wird dich brauchen«, korrigierte Zola. »Aktuell bist du jedoch der Falsche, der ihm helfen könnte. Gabriel hatte immer ein sehr intensives Verhältnis zur Natur und eine ausgeprägte Empathie. Daher wäre mein Vorschlag, dass du«, sie wandte sich Matt zu, »ihm bei der Erdung hilfst.«

Matts erster Impuls war ein lautes Lachen, das er glücklicherweise unterdrücken konnte. Das musste ein Witz sein. »Ich?«

»Wir haben lediglich zwei weitere Pflanzenmagier, und die befinden sich in einer anderen Zelle«, erklärte Zola. »Außerdem bist du jemand, dem ich es zutraue.«

Das Lob konnte Matt nicht wirklich erreichen.

Auf Angelos Gesicht wechselten die Ausdrücke sekündlich. Abwehr, sanfte Hoffnung, Wut. »Wenn du mir noch etwas Zeit gibst, wird er sich mir wieder öffnen.«

»Angelo«, sagte Zola sanft, »deine Zeit kommt. Du hast ihn gerettet, ihn zurück ins Leben gebracht. Jetzt musst du einen Schritt zurücktreten. Vertraue mir und vertraue Matt.«

»Das ist eine große Sache«, krächzte Matt. »Was, wenn ich einen Fehler mache?«

»Es geht hier nicht um eine komplizierte Operation«, erklärte Zola beruhigend. »Lerne Gabriel einfach kennen, taste dich voran. Zeige ihm alles hier, nutze deine Gabe. Es wird ihn erden, wenn er nicht mehr nur grübelt.«

»Würdest du das tun?«, fragte Angelo mit schuldbewusstem Blick.

Am liebsten hätte Matt sich in seinem Bett verkrochen, die Welt ausgesperrt und niemanden hereingelassen. War es nicht genug, dass er seinen besten Freund und seinen Bruder verloren hatte? Nun sollte er dem Freund des Mannes bei der Genesung helfen, den er selbst … »Natürlich mache ich es.«

»Danke«, sagte Angelo wieder so verdammt sanft.

Wieso konnte er nicht ruppig sein? Distanziert?

»Dann gebe ich dir ein kurzes Briefing und den Rest überlasse ich dir«, erklärte Zola. »Informiere mich, wenn es zu Problemen kommt.«

»In Ordnung.«

Die Heilmagierin wollte sich abwenden, als Ultinova heranstürmte wie eine ziemlich grimmige Lokomotive. »Kommt mit. Alle drei.«

Sie durchschritten die Computerzentrale und stiegen eine Wendel­treppe hinab. Das weitläufige Anwesen verströmte mit seinen Sandsteinwänden, den Reben am Hang und den hellen Holzvertäfelungen italienischen Charme.

Ultinova brachte sie in den Keller, wo die Waffenkammer, ein magischer Trainingsraum und ein Labor untergebracht waren. Ihr Ziel war ein leerer Raum, in dessen Zentrum ein Podest aufgebaut war. In einem Metallgestell ruhte eine der Schattenglasklingen. Spiegel mit verschiedenfarbigem Glas waren ringsum an der Wand angebracht.

»Ich habe diese Waffen untersucht«, berichtete Ultinova. »Etwas Vergleichbares ist mir nie zuvor begegnet.«

»Eure Erzählung deutete bereits in diese Richtung.« Angelo trat näher heran. »Dieses verdammte Zeug taucht überall auf.«

Gemeinsam mit Nic und Jane war Matt in einer Höhle in Südamerika darauf gestoßen. Dort gab es gewaltige Fresken, die aus schwarzem Glas bestanden. Genau wie die Spiegel von Chavale, die überall auf der Welt verteilt waren und die nur Nic hatte nutzen können.

»Sie können Magie wirklich zerschneiden?«, fragte Zola.

»In der Tat«, bestätigte Ultinova. »Es ist mir gelungen, mit einem Anima Magie in die Klinge zu leiten, woraufhin die schwarzen Flammen zu tanzen begannen.«

»Was genau ist dieses Glas?«, fragte Angelo. »Und wieso ist es dazu fähig?«

»Die Spiegel waren der Ausweg Chavales, auch wenn er sie selbst nicht benutzen konnte. Ein Spalt im Schicksal, das sein Gefängnis war«, erklärte Ultinova. »Ich sehe in diesem Glas so etwas wie das Gegenstück zum Schicksal. Chaos, wo fein gewobenes Gold herrschen sollte.«

»Das würde erklären, weshalb lediglich Nic die Spiegel benutzen konnte«, sagte Matt. »Er wurde nachträglich eingewoben.«

»Ein schwarzer Faden in einem Gewebe aus Gold.« Ultinova wirkte nachdenklich. »Durchaus eine Möglichkeit.«

»Das legt den Schluss nahe, dass Chavale und Inés die Wächter mit diesen Waffen ausgestattet haben.« Angelo blickte in Richtung der Schattenglasklinge. »Damit können sie jeden magischen Angriff parieren.«

»Das mag sein«, sagte Ultinova, »doch während des Angriffs haben die Wächter keinerlei Magie aus der Umgebung herausgesogen. Das bringt mich zu der Frage, wie die Waffe entflammt werden konnte. Zudem erklärt es nicht, wieso Magier einfach zu schwarzem Nebel werden.«

»Es muss irgendwie die Bindung auflösen«, überlegte Zola. »Zwischen dem Menschen und der Realität.«

»Das Gegenteil von dem, was mit Nic geschah!«, rief Matt. »Er wurde rückwirkend eingeflochten. Diese Klinge …«

»… löscht Fäden aus.« Ultinova Stimme war pures Entsetzen. »Natürlich! Eine Waffe, die die goldenen Fäden abschneidet. Getroffene Magier werden aus dem Gewebe des Schicksals herausgeschnitten. Das ist natürlich nur eine Vermutung. Nach allem, was wir beobachten konnten, würde es Sinn ergeben.«

»Sie führen längst den Krieg«, flüsterte Angelo. »Aber niemand bemerkt es. Unsere eigenen Leute werden zu Soldaten, kämpfen für den Dämon, zerstören alles, was wir so lange vor Schaden bewahren wollten.«

Ultinova betrachtete Angelo mit verkniffener Miene. »Noch besitzen sie den Vorteil, doch mit jedem Schritt aus dem Schatten heraus werden mehr Magier begreifen, was hier geschieht.«

»Rechtzeitig?«, fragte Matt.

»Wir können nur unser Bestes geben«, erklärte Ultinova.

»Können wir eine deiner Theorien überprüfen?«, wollte Zola wissen. »Je mehr wir über dieses schwarze Glas und die Schattenglasklingen erfahren, desto besser. Vielleicht kann ich einen Zauber entwickeln, der die Bindung stärkt und den Betroffenen stärker mit dem Schicksal verwebt.«

»Wenn wir noch unsere Gabe besäßen, könnte ich all das prüfen«, sagte Ultinova. »Ohne sie kann ich nur simple Tests durchführen und Vermutungen anstellen.«

Angelo schnaubte frustriert.

Es musste schlimm für die überlebenden Schicksalswächter sein, plötzlich über keinerlei Talent mehr zu verfügen. Gerade Ultinova war eine Meisterin darin gewesen, das Schicksal rückwirkend zu beeinflussen und Veränderungen vorzunehmen.

Der Gedanke, dass er plötzlich nicht mehr spüren konnte, wie es den Pflanzen um ihn herum ging, erzeugte einen Knoten in Matts Brust. Es war wie ein weiterer Sinn. In einem gesunden Wald spürte er Stärke, Nähe und Geborgenheit.

»Können wir die Klingen selbst einsetzen?«, fragte Angelo. »Ihr habt ja einige mitgebracht.« Als Ultinova zum Sprechen ansetzte, ergänzte er schnell: »Nur um Magie zu zerteilen. Es wäre eine ausgezeichnete Waffe im Kampf. Natürlich töten wir damit keine Magier, das Schicksal bleibt unangetastet.«

Ultinova wirkte nicht glücklich. »Wir benötigen wohl jeden Vorteil, den wir kriegen können. Trotzdem sollten die Schattenglas­klingen nur mit äußerster Vorsicht eingesetzt werden. Und wirklich lediglich für diesen einen Zweck.«

Angelo betrachtete die Waffe erneut. »Untersuch sie weiter.«

»Das hatte ich vor.«

Er schmunzelte.

Matt begriff, dass Angelo längst von allen als Anführer des Widerstands akzeptiert worden war. Er hatte all das hier geschaffen, die Sicherheitsprotokolle entwickelt und kannte die ehemaligen Schicksalswächter persönlich.

Sie ließen Ultinova zurück und stiegen wieder nach oben in die Zentrale. Angelo wurde von Sam gerufen und war kurz darauf in ein Gespräch mit ihr vertieft.

»Ich bringe dich zu Gabriel«, sagte Zola und bedeutete Matt, ihr zu folgen. »Verhalte dich ganz normal.«

»Nichts leichter als das«, sagte Matt ironisch.

»Du warst unter denen, die ihn gerettet haben«, sprach Zola unbeirrt weiter. »Er wird also nicht vollständig abwertend reagieren. Rechne mit emotionalen Spitzen. Euphorie, Wut, absolute Traurigkeit bis hin zur Depression.«

»Was soll ich denn tun, wenn so etwas geschieht?«, fragte er.

»Sei einfach für ihn da. Hör zu. Das ist das Wichtigste.«

»Zola, ich bin kein Heilmagier. Wenn ich einen Fehler begehe …«

»Gabriel war im Grunde genommen nur noch ein Geist, Matt.« Die Heilmagierin führte ihn in den hinteren Teil des Hauses, wo die privaten Zimmer untergebracht waren. »Keiner von uns hat Erfahrung damit. So fühlt sich eine Fahrt auf Sicht durch dichten Nebel an.«

»Wie aufbauend du sein kannst.«

Sie lächelte. »In der jetzigen Situation fällt selbst mir das schwer.«

Sie hielt vor einer der Türen.

»Falls etwas ist, kannst du einen magischen Ruf aussenden, ich komme sofort.«

»Wie lange soll ich denn bei ihm bleiben?« In diesem Augenblick wollte Matt am liebsten davonlaufen.

Das Schicksal eines anderen Menschen sollte nicht in seiner Hand liegen. Es war zu zerbrechlich.

»Geh nach deinem Gefühl«, sagte Zola.

Sie schenkte ihm noch einen aufmunternden Blick, dann ging sie davon.

»Geh nach deinem Gefühl«, echote Matt. »Wenn ich das täte, wäre ich nicht hier.«

Kurz trat er ans Fenster neben der Tür und blickte hinaus auf den Garten, der zwischen den beiden rückwärtigen Teilen des Hauses eingerahmt war. Er betrachtete die starke Borke der Bäume, die Blüten der Sträucher, das dichte Gras. Im Zentrum gab es einen Spring­brunnen, dessen Wasser fröhlich plätscherte.

Die Kraft schien auf Matt überzugehen, allein die Anwesenheit der Pflanzen spendete ihm Trost. Mit einem letzten Blick riss er sich los und stellte seine Tasse auf dem Fensterbrett ab. Der Tee darin war längst kalt.

Ein letzter Atemzug, dann klopfte er gegen das Holz.

Ein weiteres Mal.

Stille.

»Herein!«

Matt drückte die Klinke herab.

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