Читать книгу Später, Lena, später - Anne Karin Elstad - Страница 7

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Im dunklen Kinosaal scheinen sie und Kjell ganz allein zu sein. Sie spürt den rauhen Stoff seiner Tweedjacke an ihrer Wange, als er den Arm um ihre Schultern legt. Spürt, wie seine Finger auf der bloßen Haut zwischen Pullover und Jeans spielen. Manchmal küßt er sie vorsichtig auf die Wange, zupft sie am Ohrläppchen, und wie immer läuft bei seinen Berührungen ein Schauer durch ihren Körper. Die Stimmung im Saal, die Musik, das Geschehen auf der Leinwand, alles verstärkt diese Gefühle, ihre Gefühle für ihn. Sie ist hilflos verliebt, steckt voller Empfindungen, mit denen sie nicht umgehen kann.

Sie sehen den Film über Glenn Miller, und um sie herum kocht der Saal. Der Film wird schon den dritten Abend gegeben, und die meisten sehen ihn auch zum dritten Mal. Sie kommen, um die Musik zu erleben: In the mood, String of pearls, Gene Krupa am Schlagzeug, Louis Amstrong mit Basin Street Blues, und sie weinen in der Schlußszene zusammen mit June Allyson, die Glenn Millers Frau spielt.

Engumschlungen verlassen sie das Kino, sie und Kjell, wortlos, einfach nur zusammen. Ab und zu bleiben sie stehen, küssen sich, stehen still, ganz nah. Sie spürt seinen schnellen Atem an ihrem Gesicht. Und engumschlungen gehen sie weiter. Die Klänge von Moonlight Serenade brausen durch ihren Kopf, nein, nicht im Kopf, überall in ihr, in den Nerven, unter der Haut; der Haut, die von Kjells Händen so warm ist.

Leise schließen sie Kjells Tür auf. Umarmen sich noch im Mantel, küssen sich. Vorsichtig hilft er ihr aus der Jacke, dann lächelt er schnell, sucht im Plattenstapel, und Moonlight Serenade erklingt im Zimmer, in ihr, bis zu den Fingerspitzen.

Engumschlungen liegen sie auf dem Sofa, sie sieht sein Gesicht über sich, sieht die dunklen Schatten, die über sein Gesicht jagen, ehe er das Licht löscht. Seine Hände suchen ihren Körper, ihre Hände wollen ihn abwehren.

„Nein, Kjell!“

„Doch, Lena, doch!“

Es ist schon oft so gewesen, aber trotzdem ist es heute anders. Alles ist an diesem Abend anders. Sie will, an diesem Abend will sie, und ihre Hände streicheln zaghaft seinen Körper, er hilft ihren Händen und sie finden sich zurecht, und als sie die weiche, weiche Haut berührt, wird ihr ganz warm und sie ist froh über das dunkle Zimmer.

„Kjell?“

„Ja, Lena, ich hab’ dich lieb, Himmel, du machst mich verrückt!“

Sie kämpfen mit den engen Kleidungsstücken, bis sie nackt daliegen und sie seinen harten Körper über ihrem spürt. Als er in sie hineinkommt, schluchzt sie und schließt ihre Arme hart um ihn.

„Lena, o Lena, du weißt ja nicht ...“, aber er verläßt sie wieder.

„Kjell, was ist los?“ fragt sie ängstlich.

Er fummelt auf seinem Nachttisch herum. „Wir müssen vorsichtig sein.“

Sie läßt sich zurücksinken, ihr wird kalt, ach Gott, ihr Körper wird kalt und gefühllos, während Kjell weiterfummelt, und sie weiß, was es ist und wird verlegen, würde am liebsten weglaufen. Er wird etwas benutzen, natürlich wird er das, und darüber sollte sie froh sein, aber ihre zurückgehaltenen Tränen schmerzen. Und als er wieder zu ihr kommt, ist es kalt und schmerzhaft, aber es dauert nicht lange, zum Glück dauert es nicht lange. Sie umklammert seinen Rücken und will warm für ihn sein. „Ach Kjell, du weißt ja nicht, wie lieb ich dich habe!“

„Lena, du bist wunderbar, du bist wunderbar!“

Und sie blickt über seine Schulter, sieht im schwachen Schein der Straßenlaternen die Umrisse des Zimmers. Irgendwo an einem kalten Punkt in ihrem Hinterkopf steht eine andere Lena und beobachtet sie. Lena, was tust du?

Er sinkt über ihr zusammen und die Kälte kriecht über ihre Haut und erfüllt sie.

„Kjell, hast du mich lieb?“

„Himmel, Lena, daß du das fragen kannst! Ich liebe dich!“

Als er sie verlassen will, hält sie ihn fest, schluckt ihr Schluchzen hinunter, streichelt den lockigen Kopf, der auf ihrer Brust ruht. „Nein, Kjell, geh’ nicht, noch nicht, bitte.“

„Wart einen Moment“, sagt er. Und als er am Waschbecken steht, wagt sie nicht, hinzusehen, obwohl sie im Halbdunkel nur seinen Schatten sieht. Schnell wirft sie sich ihre Kleider über, sieht, daß er dasselbe tut.

Als er das Licht einschaltet, sticht es in ihren Augen und im ganzen Körper. Er zündet beiden eine Zigarette an, setzt sich aufs Sofa, fährt sich durch die Haare, sieht sie kurz an, lächelt. „War das schön für dich?“

Sie nickt, erwidert sein Lächeln, Meilen scheinen zwischen ihnen zu liegen.

Er blickt sie forschend an und sie schluckt, während ihr vor Angst kalt wird.

„Du, Lena, kann ich dich etwas fragen?“

„Ja, was denn?“ fragt sie mit dünner Stimme.

„Ach, eigentlich gar nichts. Du, morgen müssen wir in die Schule. Ich bring dich jetzt nach Hause.“

„Ja. Ja, das ist vielleicht das beste.“

Aber sie will nicht nach Hause. Will nicht. Er soll sie in den Arm nehmen, lange. Das will sie. Er soll sagen, daß er sie liebhat, soll nah, warm sein, aber sie wagt nicht, das zu sagen, wagt jetzt nicht, darum zu bitten.

„Kjell“, sagt sie, als sie schon ihre Jacke angezogen hat. „Machst du dir was aus mir – immer noch?“

Da zieht er sie hart an sich. „Ja, Lena, das tu’ ich. Du bist mein Mädchen, vergiß das nicht. Jetzt bist du nur noch mein Mädchen.“

„Ja, Kjell, das weißt du doch.“

„Das ist mein Ernst. Weißt du das, Lena?“

Zu Hause in ihrem Zimmer zieht sie sich schnell aus und krümmt sich unter der Decke zusammen. Tränen wallen in ihr auf. Kjell, o Himmel, Kjell. Er hat nichts gesagt, hat nichts dazu gesagt, daß er nicht der erste war. So ist Kjell. Er ist nicht wie andere, das hätte sie wissen sollen. Aber trotzdem – hier, allein unter der Decke, einsam, läßt sie Angst und Enttäuschung freien Lauf, denn es war nicht anders und so darf sie nicht denken. Es darf nicht so sein, nicht mit Kjell.

Vorher, als sie zusammen aus dem Kino kamen, schien alles so richtig zu sein. Es war so richtig. Aber danach war er so fremd und seltsam. Wieder erfüllt sie die kalte Angst. Die Angst, ihn zu verlieren, die Angst vor dem kommenden Tag. Wie wird es sein, ihm in der Schule zu begegnen?

Sie sieht ihn erst in der ersten Pause. Angespannt, mit einem zitternden kleinen Lächeln geht sie auf ihn zu, spürt, wie ihr Gesicht heiß und rot anläuft. Sie hat das Gefühl, allen zu verraten, was zwischen ihnen passiert ist, aber er ist wie immer. Mit derselben Selbstverständlichkeit wie früher legt er ihr den Arm um die Schultern, drückt sie an sich.

„Gut geschlafen?“

Sie schluckt. „Ja. Du auch?“

Und ansonsten ist alles wie vorher. Er sagt nichts, und die Erleichterung verjagt Enttäuschung und Angst. Es war schön. Es war trotzdem anders. Natürlich war es das. Sie ist einfach dumm, dumm und kindisch.

Die Beziehung zwischen ihnen bekommt einen anderen Rhythmus. Lena ist nicht mehr so hektisch wie früher, aber sie vermißt oft etwas. Hat das Gefühl, sie hätten etwas verloren, die Erwartung, die Spannung, sie weiß nicht was. Sie verändert sich. Manchmal hat sie das Gefühl, die Ältere von beiden zu sein, aber sie organisiert ihre Tage um Kjell. Er arbeitet zielbewußt, um sich für den Herbst einen Studienplatz zu sichern, möchte Medizin studieren. Seine Arbeit geht vor, er entscheidet, wann sie sich sehen, und sie denkt nicht darüber nach. Es ist eine Selbstverständlichkeit, über die nicht diskutiert wird.

Ihre Welt schrumpft. Sie entfernt sich von der Schule und von den anderen in ihrer Klasse. Sie verbringt die Pausen mit Kjell, sie essen zusammen und verbringen ihre Freizeit in ihrem oder in seinem Zimmer. Sie wird von ihm abhängig, von seiner Meinung über sie, und mehr denn je beschäftigt sie sich mit ihrem Körper. Hingeworfene Bemerkungen können sie schrecklich verletzen.

„Deine Beine sind zu gerade, weißt du das, Lena? Von vorne sind sie übrigens okay, und es macht ja auch nichts. Ich mag dich so, wie du bist.“

Sie ist nie auf die Idee gekommen, daß an ihren Beinen so viel auszusetzen sein könnte, und sie kann seine Kritik nicht einfach hinnehmen, ihr Gesicht wird flammend rot.

„Nein, wirklich, Lena, du bist schon komisch“, lacht er. „Du machst dir doch nichts draus?“

„Tu’ ich nicht. Das sind meine Beine.“

Danach darf er ihre Beine nicht anfassen. Wenn sie einen Rock trägt, ist sie sich ihrer Beine peinlich bewußt.

„Von vorne sind sie okay ...“

Beim nächstenmal können es ihre Brüste sein.

„Dein Busen ist zu klein, Lena, aber ich mag dich trotzdem.“

Solche Bemerkungen treffen sie zutiefst. Sie kommt sich mißgestaltet vor, bisweilen jagt ihr Körper ihr Abscheu ein. Sie spannt die Muskeln an, wenn er ihre Brüste berührt, streckt den Fußrücken und spannt die Wadenmuskeln, wenn er ihre Beine ansieht, spannt die Bauchmuskeln, hat Angst, ihr Bauch sei nicht fest genug, flach genug.

Er kann in einer Filmzeitschrift blättern und ihr das Bild eines Mittelklassevamps im Bikini zeigen. „Sieh dir die an, Lena! Sieh dir die Titten und die Beine an!“

Damit kann der Abend für sie schon verdorben sein. Er neckt sie, sie wird eifersüchtig. Es tut weh, es tut entsetzlich weh, aber das ist noch nicht alles. Tief in ihr braut sich eine brennende Wut zusammen. Ein übertriebener Zorn, der in keinem Verhältnis zu seinen Neckereien steht. Sie ist zornig über ihn und versucht dabei, sich gegen etwas in ihr selber zu wehren, für das sie keinen Namen hat. Sie reißt ihm die Zeitschrift aus den Händen.

„Wie schön. Wenn ich nicht gut genug bin, kann ich ja gehen!“ ruft sie.

Und er lacht. Er lacht schallend und zieht sie zu sich aufs Sofa. „Du bist fabelhaft, Lena. Souverän!“

„Laß mich los!“ faucht sie.

Und sie rollen herum, und er weiß nicht, daß ihr Widerstand in diesem Ringkampf echt ist. Es soll ein Spiel sein, und sie läßt es zum Spiel werden, ihr Zorn aber ist nach wie vor vorhanden. Dennoch kann sie sich nicht gegen die Hände wehren, die Wellen von Wärme durch sie senden. Danach spürt sie eine leere Sehnsucht.

„Du bist phantastisch, Lena, weißt du das?“

„Weißt du, daß du eine schiefe Nase hast, Kjell? Aber ich mag dich trotzdem. Du hast zu kurze Beine, aber das macht nichts, für mich bist du gut genug.“

Er würde sich ausschütten vor Lachen.

Sie rächt sich auf andere Art. Bleibt in den Pausen im Klassenzimmer, weicht ihm draußen aus. Albert mit anderen Jungen herum, wirft den Kopf in den Nacken, wenn er fragt, was er ihr getan hat.

„Du machst ja wohl nichts falsch, oder, Kjell?“

Sein verletztes, verständnisloses Gesicht gibt ihr das Gefühl bitterer Befriedigung, aber es schmerzt auch.

Sie ist angespannt, kann sich nie gehen lassen. Sie ist verliebter als er, abhängiger von ihm als früher. Aber sie fühlt sich nie sicher, und am schlimmsten ist die Angst, es könnte schiefgehen, die Angst vor der Schwangerschaft.

Nicht immer hat er ein Kondom.

„Ist es jetzt gefährlich, Lena?“

Was soll sie antworten? Wie soll sie das wissen? „Ich weiß nicht, Kjell.“

„Das mußt du doch wissen? Du weißt doch, wann deine sichere Periode ist?“

„Nein, Kjell. Woher soll ich das denn wissen?“

„Aber du kannst doch nicht so dumm sein!“

Sie fühlt sich elend und kindisch. „Ich glaub’, jetzt ist es nicht gefährlich.“

„Ich bin vorsichtig.“

Danach ist alles nur schrecklich. Verlegen und ängstlich wischt sie sich mit dem Zipfel ihrer Bettdecke seinen kalten Schleim vom Bauch. Sie weiß nichts, weiß nicht, ob es so sein muß. Sie denkt an Synnøves Worte. Daß es vorher am besten ist. Und sie denkt, daß das stimmt, wenn auch nicht so, wie Synnøve es gemeint hat. Nicht, weil sie Kjell gerne bis zum Wahnsinn reizen möchte. Nein, sie denkt an die Wärme. Die Wärme ist das Gute. Wenn sie spürt, daß er sie liebt, wenn er sie liebkost, streichelt, entzündet. So könnte sie die ganze Nacht verbringen. Dann öffnet sie sich, kommt ihm in ihren Zärtlichkeiten entgegen. Und es gibt diese Erwartung: diesmal wird alles anders sein. Dann kann es vorkommen, daß sie alles Störende verdrängen kann, die Angst, die Peinlichkeit, wenn er sich am Kondom zu schaffen macht. Sie konzentriert ihre Gefühle auf seinen Körper, das ist gut, weil er es gut hat. In solchen Momenten kann sie sich über seine Nähe freuen, zwei Menschen können einander nicht näher kommen.

Meistens bringt er sie nach Hause, wenn er aufwacht, aber es kommt auch vor, daß sie allein geht, weil sie es nicht übers Herz bringen kann, ihn aus dem warmen Bett und dem Schlaf zu reißen.

„Gehst du allein?“ murmelt er schläfrig.

„Ja. Schlaf du nur.“

„Und das macht dir sicher nichts aus?“

„Ganz sicher.“

Aber an solchen Abenden, wenn sie nach Hause läuft, frierend, mit geschwollenen, wunden Lippen vom Knutschen, das immer nur vorher stattfindet, mit pochendem Unterleib, draußen wund, weil seine Liebkosungen oft hart und gewaltsam sind, dann verspürt sie eine Einsamkeit, die sie nicht in Worte fassen kann.

Später, Lena, später

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