Читать книгу Die stummen Gäste von Zweitlinden - Anny von Panhuys - Страница 4
1. Kapitel
ОглавлениеIm Park von Zweilinden feierte der Frühling eins seiner wunderbarsten Nachtfeste. Durch die frischbelaubten alten Bäume zog ein leises, geheimnisvolles Rauschen, und der Duft der frühlingsgrünen Pflanzen erfüllte die Luft mit jenem eigenen süßen Geruch, der erschöpft und belebt zu gleicher Zeit. Dicht am hinteren Ausgang des Parkes lag ein kleiner, alter Pavillon; seine Läden waren geschlossen, aber durch ein winziges Spältchen drang Licht daraus hervor.
In dem Pavillon, der nur mit einigen altmodischen Korbstühlen möbliert war, standen zwei Menschen in inniger Umarmung. Der Mann war sehr groß und schlank, hatte blondes Haar und graue Augen, seine Züge waren rassig, aber es lag darüber ein Hauch von Verlebtheit. Das Mädchen, das er im Arme hielt, hatte ein unregelmäßiges Gesicht, in dem die großen Blauaugen wohl das Schönste waren. Ihr braunes Haar war weich gelockt und zu einfachem Knoten tief im Nacken zusammengesteckt.
Der Mann ließ die Arme langsam sinken.
„Ich danke dir, Bettina, daß du mir die heutige Zusammenkunft gewährt hast, damit wir uns einmal gründlich aussprechen konnten.“ Er holte seine Uhr aus der Tasche. „Es fehlen noch dreißig Minuten bis Mitternacht, und es ist also reichlich spät für ein geheimes Stelldichein.“ Er lächelte. „Dein Pflegevater dürfte nichts davon erfahren, denn in seiner Korrektheit wäre er fähig, mir schon aus dem Grunde deine Hand zu verweigern, weil ich dich zu dem nächtlichen Treffen überredet habe.“ Er küßte Bettina Claudius lange. „O du, mein süßes Mädel, ich bin ja so unsagbar glücklich darüber, daß du mir gehören willst! Morgen vormittag komme ich zu deinem Pflegevater und spreche mit ihm von meiner Liebe zu dir, und dann heiraten wir bald. So bald wie möglich, denn ich sehne mich ganz toll nach dem ständigen Beisammensein mit dir, du Schönste. Nun pirsche dich nur sacht ins Haus. Für alle Fälle bleibt dir ja die Ausrede, du hättest noch einen kleinen Parkspaziergang gemacht, weil du Kopfweh hast.“
Bettina wehrte ab: „Nein, Wulf, den Vater zu beschwindeln, das ist eine schwere Sache, ich möchte es gar nicht erst versuchen. Besser ist’s schon, er merkt nichts von meinem kleinen Ausflug.“ Sie atmete tief auf. „Ich bin froh, daß ich nun bald das Geheimnis unserer Liebe nicht mehr vor ihm zu verbergen brauche. Es bedrückt mich schon.“
„Närrchen!“ lachte er nur, und sie sagte weich: „Der Vater ist so gut zu mir, so übergut. Ich darf schon deshalb keine Heimlichkeiten vor ihm haben. Du weißt, er behandelt mich wie seine eigene Tochter, und ich bin doch nur die eines armen Dorfschullehrers. Als meine Eltern so plötzlich kurz nacheinander starben, nahm mich Frau von Zweilinden zu sich, und seit sie starb, habe ich alle Rechte hier, als wäre ich wirklich die leibliche Tochter.“
„Die sieht auch jedermann in dir“, gab er zurück, „und es fehlt dir nichts dazu, als daß du adoptiert wirst.“
Sie nickte. „Vater hätte das auch wohl getan, aber weil er einen Sohn hat, kann er mich nicht an Kindes Statt annehmen.“
Um die Lippen des Mannes zog Hohn.
„Nun, Ottfried Zweilindens Name läuft nur noch wie eine alte Sage in unserer Gegend um. Er ist seit zehn Jahren verschollen und wohl auch tot, sonst hätte er längst von sich hören lassen.“
Bettina knipste das kleine elektrische Licht aus, das aus einer tiefhängenden Ampel Helle gespendet, und dicht aneinandergeschmiegt traten die beiden aus dem Pavillon, gingen zu der kleinen Hinterpforte der Parkmauer. Sie wechselten nur noch einen stummen Händedruck, dann schloß sich das Türchen mit leichtem Knarren hinter Graf Wulf von Speerau.
Bettina zog den Schlüssel ab und huschte auf leichten Füßen durch die Parkwege? Tief sog sie die reine, milde Nachtluft ein, und ein übèrströmendes Glück war in ihrem Herzen. Hoch oben glitzerten die Sterne wie Juwelen von unerhörter Pracht, und das bewegte Mädchen hätte in die Knie sinken und inbrünstigen, heißen Dank zum Himmel emporstammeln mögen, weil Wulf Speerau sie liebte. Denn das war doch das Herrlichste, was ihr vom Schicksal geschenkt worden war. Und morgen, morgen würde er zu ihrem Vater kommen, um von ihm ihre Hand zu erbitten. Dann wurde sie Wulfs Frau, Wulf Speeraus Frau!
Gab es denn auf Erden noch etwas Köstlicheres? Gab es denn auf Erden noch ein größeres Glück als das?
Und sie sank wirklich in die Knie, flüsterte im Überschwang ihrer Gefühle zum Himmel auf: „Ich danke dir, du guter Gott, daß du mein Leben so schön gemacht hast! Ich danke dir für die Liebe des besten und edelsten Mannes.“
Sie erhob sich und lief nun sehr schnell weiter durch den ausgedehnten Park, erreichte das Herrenhaus, aus dem sie sich wie ein Dieb gestohlen hatte. Ein Fenster zur ebenen Erde war nur angelehnt. Sie kletterte dort ein, stand dann in einem langen Raum, den man den Bankettsaal nannte, wohl noch von der Zeit her, als das Haus erbaut worden war. Und darüber mochten schon reichlich zweihundert Jahre vergangen sein.
Vorsichtig schloß Bettina die Läden und das Fenster, tastete sich dann nach dem Lichtschalter, und gleich darauf war der Raum in Helle getaucht.
Bettina blickte sich um. So, nun war das Schwerste geschafft, sie befand sich wieder im Haus. Durch einen schmalen Gang und über eine Treppe würde sie schnellstens ihr Zimmer erreichen. Sie wußte zu genau, ihr Pflegevater würde sehr böse sein, wenn er erfuhr, daß sie sich zu so später Stunde mit Wulf Speerau draußen im Park getroffen, und es war besser, er merkte nichts davon. Er urteilte über manche Dinge sehr hart.
Die hohe Standuhr draußen in der Halle meldete mit etwas heiserer Stimme die Mitternachtsstunde.
Bettina schaltete das Licht aus und holte dann eine kleine elektrische Taschenlampe aus ihrem Mantel. Eben wollte sie die Linke auf die Türklinke legen, als sie erschreckt aufhorchte und dann, wie von einem Blitzstrahl getroffen, förmlich erstarrte. Sie hörte ganz nahe vor sich die Schritte mehrerer Menschen, hörte kurze Zeit danach Stühle rücken, als ob mehrere Menschen Platz nehmen, und gleich darauf das Zusammenklingen feingeschliffener Weinkelche.
Sie bebte am ganzen Leibe. Gütiger Himmel, eben war der Saal doch noch leer gewesen, außer ihr hatte sich kein einziger Mensch darin aufgehalten!
Mit zitternder Hand schaltete sie das Licht wieder ein und blickte sich mit verstörten Augen um.
Niemand war hier, sie befand sich ganz allein, und doch hörte sie zum zweiten Male das Aneinanderklingen von Gläsern.
Eisige Schauer überrannen die regungslos Dastehende. Es ging ihr durch den Kopf: Was sie hörte, war keine greifbare Wirklichkeit. Was war das?
Es waren keine Menschen von Fleisch und Blut, die sich hier damit vergnügten, zu zechen. Was sie vernommen, war der Spuk von Zweilinden, von dem man sich im Dorfe und auf dem Gutshof zuweilen erzählte, es war der Spuk, an den sie nicht geglaubt, den sie bisher verlacht. Und nun hatte sie mit ihren eigenen Ohren gehört, was sie noch vorhin als Aberglauben und Unsinn bestritten hätte.
Sie hatte die stummen Gäste von Zweilinden gehört, von denen in der Kirchenchronik von Zweilinden mehrfach die Rede war und deren Besuch den Familienmitgliedern stets Unheil verkünden sollte. In der Kirchenchronik waren ein paar Belege dafür angeführt.
Bettina öffnete die Tür, knipste das Licht aus und verließ, den Strahl der Taschenlampe aufspringen lassend, fluchtartig den Raum.
Sie vergaß völlig, sich besonders leise zu bewegen; aber sie gelangte doch unbemerkt in ihr Zimmer, das sie hastig hinter sich verschloß, als würde sie verfolgt. Dem Himmel sei Dank, daß sie sich in den vertrauten vier Wänden ihres Schlafzimmers befand!
Sie riegelte auch noch die Tür ab, die nach ihrer Wohnstube führte, denn sie war ganz außer sich vor Grauen, obwohl sie bisher dem Aberglauben noch niemals die geringsten Zugeständnisse gemacht hatte.
Sie ließ sich erschöpft, als hätte sie einen weiten, weiten Weg hinter sich, auf das kleine Sofa fallen.
„Ich bin ja verrückt“, sagte sie ganz laut in die Stille des Zimmers hinein, und es tat ihr gut, ihre eigene Stimme zu hören. Sie fuhr sich über die Stirn, hinter der sich die Gedanken allmählich wieder zur Ordnung fügten.
Es war ja toll, wie sie sich von irgendein paar harmlosen Geräuschen hatte einschüchtern lassen. Die Geschichte von den stummen Gästen von Zweilinden war weiter nichts als eine jener Sagen, die in alten Schlössern und Herrensitzen herumgeistern und den Dienstboten mit angenehmem Gruseln die Zeit vertreiben.
Das späte heimliche Beisammensein mit Wulf Speerau hatte sie erregt, und ihre Nerven hatten ihr einen Streich gespielt.
Sie waren im allgemeinen nicht überempfindlich, aber das Glück und die Mitternachtsstunde hatten sie schwach gemacht.
Sie erhob sich und stellte sich vor den großen Pfeilerspiegel, blickte sich prüfend in dem Glase an. So sieht ein Furchtbündel aus, verspottete sie sich selbst, und dann lachte sie sich an. Nein, so sah eine Glückliche aus, eine ganz unsagbar Glückliche! Morgen kam ja Wulf Speerau zum Vater, und der Vater würde ihrer Liebe sicher keine Schwierigkeiten in den Weg legen.
Trauer beschattete ihre Züge. In ihrem siebenten Jahre war sie elternlos geworden; aber sie erinnerte sich deutlich an Mutter und Vater, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden. Der Typhus ging damals im Dorfe um und riß sie beide mit so vielen anderen Dorfbewohnern ins Grab.
Bettina wandte sich vom Spiegel ab und trat vor ein Bild in glattem, schwarzem Rahmen: Vater und Mutter im Brautstaat. Einfache schlichte Menschen waren es, mit einfachen, schlichten Gesichtern.
Bettina sagte leise und zärtlich: „Ihr durftet nicht erleben, wie glücklich euer Kind geworden ist!“ Und sie sann, was die Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüßten, aus ihrem kleinen Mädel würde nun bald eine Gräfin Speerau werden. Sie faltete die Hände und flüsterte bewegt: „Segnet mich, Vater und Mutter, segnet euer Kind!“
Mit tränenfeuchten Augen blickte sie auf das Bild.
Drunten in dem alten Bankettsaal hatte sich aber keine Katze eingeschlichen, denn wenn Bettina unten geblieben wäre, würde sie noch einmal das Gläserklingen gehört haben, bald danach auch wieder das Stühlerücken und die Schritte. Sie würde dann gewußt haben, die unsichtbaren Besucher, die stummen Gäste von Zweilinden, hatten sich nach kurzer Rast entfernt; der Bankettsaal war wieder frei von den Unheimlichen.