Читать книгу Fantasy Sammelband Riyala - Tochter der Edelsteinwelt Band 1 bis 5 - Antje Ippensen - Страница 7

1. Kapitel: Frei

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Der silbergraue Raubvogel stieß sich von ihrem lederumhüllten Unterarm ab und flog. Sie hörte seinen rauen Schrei ... dann flog der Falke in den tiefblauen Himmel hinein, und seine schlanke Silhouette schrumpfte rasch zu einem Punkt zusammen.

Riyala, Tochter der Matriarchin und des Heros der Stadt Co-Lha, seufzte tief auf. Wie sehr wünschte sie sich, es dem Vogel gleichtun zu können ...! Einfach weg von hier. Auf und davon.

Doch schon seit geraumer Zeit war es ihr nicht mehr erlaubt, die Stadt zu verlassen. Ihr blieb nichts, als hier an den äußeren Zinnen des Burgturms zu stehen und sehnsüchtig dem Falken nachzuschauen ... nicht sehr lange, und er würde zurückkehren, eine kleine Beute in den Fängen, denn sie hatte ihn sehr gut abgerichtet. Markho, der Falkner, hatte sie alles gelehrt, was er selber wusste.

Riyala stützte beide Ellbogen auf die Mauer und schaute verdrossen in die Tiefe. Jenseits des breiten, ausgetrockneten Grabens, der sich um die gesamte Stadt zog, sah sie wieder einmal ein Grüppchen von Landvolk-Bettlern. Die Leute lungerten da herum in der Hoffnung, dass ihnen eine mitleidige Seele unter den Zinnenwächtern Essensreste herunterwerfen würde. Das geschah in letzter Zeit nicht mehr sehr oft, da man sich sogar innerhalb der Stadt Co-Lha genötigt sah, die Nahrungsmittel zu rationieren. – Einmal innerhalb eines Mondzyklus ließ der Heros, Riyalas Vater, trotzdem immer noch eine größere Ladung Nahrungsmittel in Körben von der Stadtmauer herab, um die schlimmste Not der „Draußen-Menschen“ zu lindern. Es war zwar wenig mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber immer noch besser als nichts.

Riyala beobachtete die Armen dort unten und verspürte plötzlich Durst. Sie griff nach der Lederflasche an ihrem Gürtel und nahm einen tiefen Schluck vom kühlenden Nass. Es schmeckte ein kleines bisschen brackig, und sie rümpfte ihre schmale Nase.

In der Stadt musste man immer tiefer bohren, um das Wasser aus den Brunnen zu fördern. Jedoch deutete nichts darauf hin, dass die Brunnen etwa am Versiegen gewesen wären, und man konnte das Wasser mit Kräutern würzen, um den schlechten Geschmack zu überdecken. Riyala wusste zwar, dass die landbebauenden Co-Lhaner sogar viele Meilen zurücklegen mussten, um noch Wasser zu finden, aber sie verschwendete kaum einen Gedanken daran.

Was sie viel mehr beschäftigte, war ihre eigene Langeweile. Aus den Falten ihres mit Gold und Silber bestickten Gewandes zog sie einen kleinen Spiegel hervor und betrachtete ihr Gesicht. Sie wusste, dass sie sehr hübsch war mit ihren ebenmäßigen Zügen, den hohen Wangenknochen und ganz leicht schräggeschnittenen Augen von türkisgrüner Färbung. Ihr zarter und heller Teint ließ ihre Lippen, ihre zierlichen Augenbrauen und die blauschwarzen Wimpern gut zur Geltung kommen. Das lange Haar – links silberblond, rechts kupferrot – war zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten.

Heute funkelten ihre Augen besonders erlebnishungrig, fand Riyala – sie musste raus aus der Mondburg, sie wollte sich amüsieren und ablenken, endlich einmal etwas anderes sehen! Wenigstens in der von Menschen überfüllten Stadt durfte sie ja noch umherschlendern, wenn sie sich nur einen überzeugenden Vorwand ausdachte.

In diesem Moment sah sie ihren Falken zurückkommen. Mit schnellen, kreisenden Flügelschwüngen kam er näher, so wie immer, und seine junge Herrin streckte bereits ihren Arm aus. Doch urplötzlich, als habe ihn etwas erschreckt, machte der Raubvogel eine scharfe Kehrtwendung und stieß einen schrillen Ruf aus.

Was war nur los mit ihm? Riyala runzelte ihre glatte Stirn und blickte sich nach allen Seiten um, konnte aber nichts Furchteinflößendes entdecken. Und ihr Falke besaß ein mutiges Herz; noch nicht einmal Blaue Riesenadler konnten ihn in Schrecken versetzen.

Für einen kurzen Moment fühlte sich das Mädchen wie von einem gestaltlosen Schatten kommenden Unheils berührt. War es nicht so gewesen, als habe der Falke Angst vor ihr, Riyala, gehabt ...? Dann war diese flüchtige Empfindung schon wieder vorüber.

Der Falke verschwand über den Dächern der Stadt.

„ Riyala! Riyala! Ja wo bleibt Ihr denn, mein Kind?“

Beim Klang dieser Stimme drehte sich Riyala rasch um und sah ihre rundliche Dienerin Lania, die soeben um die Wölbung des Burgturms herumkam. – Wie bei allen älteren Co-Lhanern hatte Lanias Haar eine einheitliche Farbe angenommen; in ihrem Fall mausbraun. Sie trug es in einem hochgesteckten Zopf, aber unbedeckt wie alle Frauen, gleich welcher Schicht sie angehörten.

Das plötzliche Erscheinen Lanias und ihre vorwurfsvollen Worte hatten das Rot des Ärgers in Riyalas Wangen steigen lassen. Auf einmal fiel ihr ein, was für ein Tag heute war.

„ Was fange ich nur mit Euch an! Ihr seid so pflichtvergessen wie ein Gauklermädchen!“, klagte die ältere Frau, die auch Riyalas Amme gewesen war und sie also von kleinauf kannte. Sie stand nun dicht vor ihrem Schützling, mit ungehalten blitzenden, eisengrauen Augen. Obwohl fast einen Kopf kleiner als Riyala, war Lania eine sehr energische Person und konnte auch recht streng sein.

„ Ihr müsstet schon längst im Silbernen Saal sein, damit ich Euch auf die Zeremonie vorbereiten kann, und das wisst Ihr auch sehr gut, nicht wahr? Weshalb trödelt Ihr also noch hier herum?“

Die scheltende Stimme der Amme schmerzte geradezu in Riyalas Ohren und riss sie aus ihren bunten Träumen von Freiheit und Abenteuern.

Ja, in ein paar Stunden begann das geheiligte Mond-und-Sterne-Ritual, das die Herrscherfamilie von Co-Lha durchführte, um dem notleidenden Land zu helfen ... Eben darum trug Riyala ja auch bereits das kostbare zeremonielle Gewand. Sie hatte das schlichtweg verdrängt.

Hastig suchte sie nach einer Ausrede. „Verzeih mir, Lania ... Hör zu, ich – ich mache mir Sorgen um meinen Falken. Er muss aber jede Minute zurück sein. Geh doch schon voraus in den Saal, ich komme gleich nach.“

Lania starrte sie noch ein paar Sekunden lang an, drehte sich dann aber mit einem mürrischen Brummen um und ging.

Riyala atmete erleichtert auf. Sofort aber dachte sie wieder an das stundenlange Ritual, das ihrer harrte. Schier endlose Gesänge und von feierlichen, genau vorgeschriebenen Gesten begleitete Litaneien. Die milden, aber dennoch mahnenden Augen der Mutter, die es sogleich spüren würde, wenn ihre Tochter ihre Gedanken abschweifen ließ ...

Und nützen wird es doch nichts, dachte sie geringschätzig. Ebenso wie all die Rituale zuvor.

Blitzschnell fasste sie einen Entschluss. Anstatt Lania über die Nordtreppe in Richtung Silberner Saal zu folgen, nahm sie die schmale Südtreppe. Jetzt kam es nur darauf an, wer beim Lieferantentor Wachdienst hatte.

Und das Glück war mit ihr: Kazolo stand am Tor. Der leicht untersetzte junge Mann errötete, als er Riyala sah. Grüßend hob er die Hand an die weiße Lederkappe, die seinen halb maisgelben, halb erdbraunen Haarschopf größtenteils bedeckte, und dann schlug er verlegen die Augen nieder.

Riyala hingegen reckte das Kinn empor und sagte knapp und herrisch: „Ich gehe kurz in die Stadt, um weiße Blumen zu besorgen.“ Aber aus den Augenwinkeln heraus schenkte sie ihm ein kleines Lächeln, und das genügte schon. Vor lauter Verliebtheit brachte Kazolo kein Wort heraus, und Riyala wusste genau, dass er ihr nun verstohlen nachblickte, als sie ihr Gewand raffte und leichtfüßig die paar Stufen zur Straße hinunterhüpfte.

So rasch wie möglich entfernte sie sich von der Burg und eilte durch abgelegene Nebengassen, als hätte sie ein bestimmtes Ziel – so hoffte sie, nicht so stark aufzufallen. Dennoch fühlte sie sich in ihrem auffallenden Gewand wie ein bunter Pfau unter grauen Hühnern, während sie sich durch die einfach gekleideten Einwohner und Landflüchtlinge schob.

Es war Riyala nur halb bewusst, dass sie sich mehr und mehr in Richtung der gewaltigen Stadtmauer bewegte – warum tat sie das? Hoffte sie insgeheim auf eine Möglichkeit, Co-Lha unerkannt zu verlassen? Wo es doch jeder Frau und jedem Mann, ja selbst jedem Kind klar war, wie streng der Wall tagtäglich kontrolliert wurde, um jedes Eindringen von außen zu verhindern.

Plötzlich stand Riyala direkt vor dem sich riesig auftürmenden, schützenden Bollwerk und spähte hinauf. Sie achtete darauf, im Schatten des Torbogens eines fest verrammelten Lagerhäuschens zu bleiben, damit kein Mauerwächter sie entdeckte. Hier war es still und einsam; menschenleer lag die kurze Sackgasse da.

Das Mädchen seufzte tief.

... um jeden Eindringling draußen zu halten – ja, der umgekehrte Fall kommt gar nicht mehr vor. Niemand außer mir hat den Wunsch, Co-Lha wieder zu verlassen, ging es ihr bitter durch den Kopf, und sie fühlte sich eingesperrter denn je. Und selbst wenn mir dieses Zauberkunststück gelänge, ich hätte nicht viel davon. In dieser Aufmachung hätten die Bauern draußen mich sofort erkannt. Ich will aber nicht mit Ehrfurcht und Respekt behandelt werden, ich will ... etwas ganz anderes. – Dann dachte sie daran, dass ihr sogar etwas noch Schlimmeres passieren könnte, als mit Ehrfurcht und Respekt behandelt zu werden. Wenn ich draußen entdeckt werde – womöglich halten sie mich sogar als Geisel fest, um Wasser zu erpressen.

Bei diesem letzten düsteren Gedanken verzagte Riyala vollends und hätte vor Zorn und Selbstmitleid am liebsten geweint.

Blicklos starrte sie auf einen kleinen Lichtdornenstrauch, der am Fuße der rötlichen Stadtmauer wuchs. Seine staubigen gelben Blüten bewegten sich im Wind.

Im Wind? ---

Aber es ging doch nicht die kleinste Brise! Schwer und heiß, beinahe wie ein Gewicht lastete die Luft ... doch die Zweige des Strauches zitterten nun sogar noch heftiger!

Im nächsten Moment erkannte Riyala, was genau an dieser Stelle geschah: Jemand kam aus einem Loch unter der Stadtmauer hervor.

Die Tochter des Herrscherpaares von Co-Lha hielt unwillkürlich den Atem an. Sie erkannte die magere Gestalt eines jungen Mädchens, das wie eine Gauklerin gekleidet war: in ein buntes, sackartiges Kleid, dessen Schärpe sich gelöst hatte.

Riyalas erster Impuls hätte sie beinahe gezwungen, „Alarm!“ zu schreien – gerade noch rechtzeitig biss sie sich auf die Lippen. In ihrem Kopf wirbelte plötzlich ein einziger Gedanke, aufgeregt wie ein vom Wind aufgestörtes Blatt – ja, das war die Gelegenheit! –

Wenn ich geschickt und kaltblütig genug bin.

Das Gauklermädchen stand jetzt ängstlich an die Mauer gepresst da, ohne Riyala zu bemerken.

Im nächsten Moment sprang diese vor, packte das Mädchen und zerrte es in ihr schattiges Versteck, wobei sie ihm den Mund zuhielt. Das magere Ding war zu überrumpelt und zudem zu schwach, um Widerstand zu leisten. Riyala konnte Knochen fühlen, die offenbar direkt unter der Haut lagen.

Sie unterdrückte eine kurze Regung des Mitgefühls und zischte dem Mädchen ins Ohr: „Bleib ganz ruhig, dann passiert dir nichts! Ich werde dich nicht den Wachen ausliefern, wenn du mir gehorchst.“

Ihre Gefangene nickte zitternd, und daraufhin lockerte Riyala ihren Griff ein wenig.

„ Wie heißt du?“

„ Sandirilia ...“

„ Gut. Hör mir nun aufmerksam zu, Sandirilia. Und beantworte meine Fragen. – Du hast verbotenerweise einen Geheimtunnel benutzt, um nach Co-Lha zu gelangen. Wissen noch andere davon? Hast du etwa eine ganze Schar hungriger Bettler im Schlepptau?“

„ Nein, nein!“, beteuerte die junge Gauklerin. „Nur ich kenne diesen Weg ... ich suche meine Schwester, die ...“

„ Das interessiert mich nicht“, schnitt Riyala ihr barsch das Wort ab. „Nur ich kann dafür sorgen, dass du nicht wieder hinausgeworfen wirst – oh, und ich kann sogar dein Leben retten; denn wenn ich behaupten würde, dass du mich angegriffen hast, wirft man dich von der höchsten Burgzinne!“

Sandirilia wurde totenblass unter ihrer dunklen Sonnenbräune; zwischen den sandfarbenen und erdbeerroten Haarsträhnen, die ihr wirr ins Gesicht hingen, starrten ihre himmelblaue Augen das andere Mädchen in nackter Angst an.

Riyala spürte ein rauschartiges Machtgefühl in sich aufsteigen – wie nach dem Genuss von dunklem Traumgift. Die Zauberpriesterinnen Co-Lhas benutzten es gelegentlich; Riyala hatte den verbotenen Brei einmal heimlich gekostet.

Mit sanfterer Stimme fuhr sie fort: „Hab keine Furcht. Ich tue dir nichts, wenn du gehorsam bist – wie ich schon sagte. Mein Schweigen und meine Hilfe hat jedoch einen Preis.“

„ Ich ... ich habe aber keine Goldkörner ...“, stammelte Sandirilia verstört.

„ Ich spreche nicht von Gold. Nein, ich möchte ...“ Riyala holte tief Luft, „ich will, dass du mir deine Kleidung gibst. Du bekommst dafür die meine, darfst sie aber nicht tragen, sondern dich nur damit bedecken, wenn du magst. Denn wenn du damit auf die Straßen gingest, könnte nicht einmal ich dich noch vor der Todesstrafe retten. Es sind zeremonielle Gewänder, verstehst du?“

Sandirilia schluckte trocken. „Aber wo ... wie soll ich ...“

„ Wir finden ein Versteck für dich. Warte einmal – dieses Lagerhaus hat doch bestimmt einen Keller.“

Riyala zog das Mädchen am Arm hinter sich her, immer an der Wand des Gebäudes entlang. – Und tatsächlich: Schon nach wenigen Metern entdeckte sie den Zugang zu den Kellerräumen. Seltsamerweise war dieser nur mangelhaft verschlossen; ein einziger Fußtritt genügte, und die niedrige Tür sprang auf. Sofort darauf begriff Riyala, warum man es nicht für nötig gehalten hatte, sie sorgfältiger zu verriegeln, denn ein Schwall übelriechender Luft schlug ihr entgegen.

„ Das ist ja ekelhaft!“, stieß sie hervor und hielt sich einen Moment lang die Nase zu. Es roch durchdringend nach alten, vergammelten Decken, nach Rattenkot, fauligen Sackfetzen und nach toten Ratten. Dieser letzte Geruch war der übelste.

„ Es tut mir ja sehr leid, Sandirilia ...“ wandte Riyala sich an ihre Gefangene, „aber du wirst hier eine Weile ausharren müssen. Wahrscheinlich macht es dir sowieso nichts aus; du bist schließlich arm und an Gestank gewöhnt.“

Sandirilia erwiderte nichts. Sie schien akzeptiert zu haben, dass sie Riyala auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Sie traten in den verlassenen Raum, in dem sie nur gebückt stehen konnten. Ohne weiteres Sträuben entledigte sich das „Draußen-Mädchen“ ihres bunten, einfachen Kleides, während Riyala ihrerseits ihr eigenes, prachtvolles Gewand abstreifte. Unter dem Kleid trug Sandirilia nur ein geflicktes, schäbiges Untergewand aus Wollresten, das kaum ihre Blöße bedeckte.

Wenig später hatte sich Riyala – zumindest äußerlich – in eine junge Gauklerin verwandelt. Zufrieden drehte sie sich einmal um sich selbst, und das abenteuerlustige Funkeln ihrer Augen verstärkte sich noch.

„ Morgen früh bin ich wieder da“, versprach sie. „Eine Nacht wirst du es hier wohl aushalten, oder? – Natürlich wirst du das. Versuch nicht um Hilfe zu rufen! Glaub mir, das wäre dein Untergang. Übrigens, wohin genau führt dein Tunnel?“

„ Zu einer Baumgruppe auf einem vertrockneten Feld, nicht sehr weit vom Dorf Arjenez entfernt“, antwortete Sandirilia tonlos. Ihre schmalen Hände umklammerten Riyalas Gewand, das diese ihr zugeworfen hatte. „Das Dorf liegt in nördlicher Richtung ...“

„ Sehr schön. Ich werde dir dankbar sein für diese kleine Gefälligkeit ... vertrau mir, ich kümmere mich um dich.“

Bei diesen Worten warf Sandirilia ihren Kopf zurück, und Riyala zuckte leicht zusammen, denn die hellblauen Augen der Gauklerin blitzten jetzt zornig und rebellisch; ihre schmalen Hände ballten sich in ohnmächtigem Hass. Und die Tochter der Matriarchin von Co-Lha glaubte noch etwas anderes zu fühlen, und einen Lidschlag lang rann ihr ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. Riyala glaubte eine Vision zu haben – eine Vision über Sandirilia und sich selbst – rasch unterdrückte sie die aufsteigenden Bilder.

Sie brummte missmutig und überzeugte sich davon, dass der Keller keinen zweiten Ausgang hatte. Dann schlüpfte sie ohne ein weiteres Wort durch die Tür. Diese war immerhin aus dicken Holzbohlen, und wenn es ihr gelang, ein paar Balken aufzutreiben und sie kreuzweise dagegen zu stemmen, würde das Mädchen nicht fliehen können.

Ein wenig mulmig war Riyala schon zumute, und ihre Drohungen waren schließlich nichts weiter als ein Bluff gewesen; hoffentlich hatte Sandirilia das nicht gespürt! Nicht auszudenken, wenn sie irgendwo Gehör fände ... Es war völlig klar, WER von ihnen beiden dann bestraft würde.

Sie verdrängte diese unangenehmen Gedanken, als sie wahrhaftig zwei Balken ganz in der Nähe fand. Mühsam schleppte sie das schwere Holz die kleine Treppe zum Kellerraum hinab und vollendete ihr Werk.

Und jetzt lag sie vor ihr: die Freiheit! Eine ganze Nacht lang!

Die Sonne ging bereits unter.

Vergessen waren die Zeremonie und auch ihr verschwundener Falke – Riyala dachte an nichts anderes mehr als an ihre Freiheit.

Unentdeckt kroch sie durch den Dornbusch, der ihr die Arme zerkratzte. Der Tunnel war finster und sehr eng; sie robbte ihn auf Händen und Knien entlang, stieß häufig gegen Steine und ab und zu gegen zähe Baumwurzeln. – Allmählich verlor sie vollkommen das Zeitgefühl und musste immer wieder gegen Momente der Platzangst ankämpfen.

Als der unterirdische Gang endlich in einen scharfen Knick nach oben mündete und sie sich langsam, mit steifen Muskeln aufrichtete und den Kopf in den Nacken legte, fürchtete sie beinahe, da oben den ersten grauen Schimmer der Morgendämmerung zu sehen ... doch nichts dergleichen: Hoch über ihr leuchtete ein einzelner Stern durch die tiefe Nacht.

Rasch krabbelte das Mädchen ins Freie und ruhte sich erst einmal im Schutz der Baumgruppe aus.

Aufgrund der langen Trockenperiode hatten die Bäume vorzeitig viele Blätter abgeworfen, und das verbliebene Laub hing schlaff und verwelkt an den Ästen. Riyala spähte zu den Zweigen hinauf und sah am klaren Nachthimmel den kupferfarbigen Sichelmond. Diese Färbung besaß der normalerweise milchweiße Himmelskörper nur wegen der anhaltenden Dürrezeit.

Riyalas Eltern hatten ihrer Tochter beigebracht, wie sie an der Stellung des Mondes und der Sterne die genaue Nachtstunde ablesen konnte, und so stellte sie fest, dass es noch drei Stunden bis zur Mitte der Nacht waren.

Gar nicht weit entfernt bemerkte Riyala einen ausgedörrten Lehmpfad, und als sie ihm nordwärts folgte, konnte sie bereits hinter der nächsten Bodenerhebung das Dorf Arjenez erkennen.

Es war nur schwach und trübe beleuchtet und wirkte nicht sehr einladend.

Zu dieser nächtlichen Stunde war niemand außer ihr auf der einsamen Straße unterwegs. Ein Gefühl der Erregung packte Riyala und ließ sie mehrmals den Atem anhalten – sie spürte, dass diese Nacht ihr Leben verändern würde.

Fantasy Sammelband Riyala - Tochter der Edelsteinwelt Band 1 bis 5

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