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ОглавлениеAnomalien im Hochenergiespektrum
Das Zentrum zur Erforschung von abnormen Phänomenen der Hochenergiephysik war eine schwimmende Plattform draußen vor der Küste. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine Ölbohrplattform ohne Beine gehalten. Sie war rot-weiß angestrichen, quadratisch und so groß wie zwei Fußballfelder. Den Auftrieb erzeugten große gelbe Schwimmkörper, die um die gesamte Plattform herum an den Kanten vertäut waren und an Bratschläuche kurz vor dem Platzen erinnerten.
Das Deck war mit einem komplizierten Röhren- und Leitungssystem überzogen. Ein großer roter Kran ragte an der einen Kante empor. Mit ihm konnten nicht nur Verpflegung und wissenschaftliche Geräte von Versorgungsschiffen auf die Plattform gehievt werden, sondern auch das kleine gelbe Unterseeboot zu seinen Missionen ins Wasser und wieder heraus gehoben werden. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Helipad, eine erhöhte Plattform mit einem großen weißen »H« auf dem olivgrünen Boden, worauf Hubschrauber auch bei stärkerem Seegang sicher landen konnten. An der Ecke gleich neben dem Helipad erhob sich wie ein weißes Hochhaus mit großen Funkantennen und Radarschüsseln auf dem Dach der Wohn-, Ess- und Freizeitbereich der Plattform. Hier befanden sich auf fünf Stockwerken die Wohn- und Schlafräume der hier arbeitenden Wissenschaftler, zwei Kantinen, ein Café und mehrere Aufenthaltsräume. Daneben gab es einen Fitnessraum, ein Schwimmbad, eine Sauna und eine umfangreiche Bibliothek. Auch eine kleine Arztstation mit Apotheke gehörte zur Ausstattung der Plattform. Das oberste Stockwerk diente als Kommandozentrale. Hinter dunkel getönten Scheiben wurden von der diensthabenden Crew der gesamte Flug-, Schiffs- und Funkverkehr rund um die Plattform überwacht. Auch der Wetterdienst war hier angesiedelt.
Doch das wissenschaftliche Herz der Anlage befand sich unter Wasser!
Von außen nicht sichtbar, ragte vom Zentrum der Anlage ein langer schmaler Trichter fünf Stockwerke tief in die Ostsee hinein. Von diesem Trichter führten auf jedem Stockwerk waagerechte Röhren hinaus ins Meer wie die Speichen eines Rades, an deren Spitzen jeweils in einer kugelförmigen Verdickung die verschiedenen Labore und Messstationen der Anlage untergebracht waren. Die Station sah damit unter Wasser ein bisschen aus wie ein auf den Kopf gestellter Tannenbaum. An der untersten Spitze des Trichters, tief unter dem Meeresspiegel, befand sich schließlich das Rechenzentrum mit den derzeit leistungsfähigsten Sensoren und Supercomputern zur Auswertung von Messdaten und zur Simulation von Modellrechnungen. Drei Fahrstühle in der Mitte brachten die Wissenschaftler von ihren Behausungen an Deck zu ihren Unterwasser-Arbeitsplätzen und wieder zurück.
Juris Vater, Pjotr Petkov, saß an einem Labortisch auf Ebene drei unter dem Meeresspiegel und blickte angestrengt in ein Mikroskop. Es war schon nach 22 Uhr, und seine Augen brannten und waren gerötet und müde. Er arbeitete nun schon seit einigen Wochen an diesem Experiment, und es wollte sich partout kein Fortschritt einstellen. Wahrscheinlich würde er die eingeschlagene Forschungsidee in ein paar Tagen als sinnlos und unfruchtbar aufgeben müssen.
Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter. Pjotr zuckte vehement zusammen und hätte fast seinen erkalteten Kaffee über seine Aufzeichnungen geschüttet.
»Mensch, Karl, musst du mich so erschrecken?!« fluchte er.
Sein schwedischer Kollege Karl Lundqvist, ein breitschultriger, glattrasierter, blonder Hüne in seinen Dreißigern stand hinter ihm und lächelte verlegen und schuldbewusst.
»Tut mir leid, Tschaikowski, aber ich hatte schon dreimal gefragt, ob du jetzt auch Schluss machst und auf einen Schlummertrunk mitkommst. Aber du warst so vertieft….«
Seine direkten Arbeitskollegen nannten Pjotr immer wie seinen berühmten musikalischen Namensvetter »Tschaikowski«, obwohl der nicht aus der Ukraine, sondern aus Russland stammte. Der Spitzname hatte dennoch ganz schnell die Runde auf der Plattform gemacht, und Juris Vater fand ihn auch gar nicht so schlecht, da er eine Schwäche für klassische Musik hatte.
»Oh, äh, nein. Danke, Karl. Ich will das hier nur noch schnell zu Ende machen und dann eine E-Mail an meinen Jungen schicken.«
»Ok, Tschaikowski. Der letzte macht das Licht aus.« Karl gähnte und streckte sich theatralisch, nahm seine kleine Aktentasche unter den Arm und ging aus dem Labor in den Vorraum. Er zog dort seinen Kittel aus und hängte ihn an einen Haken, bevor er sich durch ein Schott hinaus durch einen der Speichenarme zum Fahrstuhl begab. Das Schott fiel mit einem metallischen Donnern zu. Dann herrschte Ruhe.
Pjotr wandte sich wieder seinem Mikroskop zu und seufzte. Wie lange hatte er Juri nun eigentlich nicht mehr gesehen? Waren es vier Wochen? Oder doch schon wieder sechs Wochen? Die Wissenschaft war eine harte Geliebte. Aber morgen würde er sich losreißen und einen kurzen Landurlaub machen und seine Familie wiedersehen! Sollte er das schon in seiner E-Mail an Juri erwähnen, oder sollte es eine Überraschung werden? Eine Überraschung wäre schön, aber es könnte ja immerhin sein, dass Juri irgendwelche Pläne machte und gar nicht bei der Ankunft seines Vater zu Hause wäre. Also gut. Keine Überraschung. »Jetzt aber noch ein bisschen Konzentration, Tschaikowski«, trieb er sich selbst an und summte dabei die ersten Takte der ersten Sinfonie seines berühmten Namensvetters mit dem Titel »Winterträume«.
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Zwei Ringe unter ihm in einem anderen Ausläufer des Laborsystems prangte an einem Schott ein Schild »Bosonenfalle - Achtung! Hochspannung! Starke Magnetfelder! Radioaktivität!« Das Schott war mit einem Tastenfeld zur Eingabe eines Zugangscodes gesichert. Dahinter befand sich eine Sicherheitsschleuse, die zu einem dunklen Raum führte, der fast vollständig mit einem großen kugelförmigen stählernen Tank auf sechs Beinen ausgefüllt war. Mehrere Sichtfenster mit dickem Spezialglas erlaubten einen Blick auf die mit superschweren Isotopen gesättigte Indikatorflüssigkeit im Inneren. Durch die Sichtfenster fiel ein blauer Schein aus dem Inneren des Tanks und erzeugte in dem Raum außen eine kühle surreale Atmosphäre. Von der Spitze des Tanks, der den Kern der Bosonenfalle zum Nachweis zahlreicher Elementarteilchen darstellte, führten mehrere mit Kondenswasser beschlagene Rohre zur Decke.
An der linken Wand gelangte man über eine Stahltür in den benachbarten Mess- und Kontrollraum. Der kleine Raum war mit Computern, Spektrometern und anderen wissenschaftlichen Geräten bis zum Bersten gefüllt. Die Dunkelheit im Raum wurde nur von den blinkenden Lichtern der Computerkonsolen und dem bläulichen Licht der Bosonenfalle durchdrungen, das durch ein Beobachtungsfenster hereinfiel. Der verlassene Schreibtisch war sauber aufgeräumt, der bequeme Drehstuhl auf fünf Rollen ordentlich an den Schreibtisch herangeschoben. Außer dem Surren der Geräte und dem rhythmischen Ticken einer digitalen Wanduhr herrschte absolute Stille. Die Wanduhr zeigte 22:03:14.
Zuerst kaum wahrnehmbar veränderte sich etwas. Die Dunkelheit im Messraum schien langsam schwerer zu werden und sich wie ein Tuch herabzusenken. Es herrschte eine Anspannung wie vor einem Unwetter, eine Erwartung, die Hunde winseln und Katzen mit einem Fauchen das Weite suchen lassen würde. An den Grenzen der Wahrnehmung pulsierten die Beziehungen zwischen Raum und Zeit.
Dann war plötzlich die Luft wie von einer elektrischen Spannung erfüllt. Sie schwoll an und stellte die Härchen an den Armen auf. Stärker noch. Sie ließ die Haut kribbeln, bis sie sich vom Fleisch lösen wollte. Die Lichter der Messgeräte begannen heftig zu tanzen. Durch die dicken Glasscheiben zeigten sich in der Bosonenfalle zunächst feine Blasen, die sich rasch vermehrten und anschwollen. Immer noch nahm die mysteriöse Energie zu, bis die Flüssigkeit im Tank heftig blubberte und sich der Lichtschein zu einem tiefen anormalen Blau veränderte. Im Kontrollraum erwachten die Computerkonsolen zu eigenem Leben und zeigten alle möglichen Messdaten mit unerklärlichen Maximalausschlägen.
Und irgendwo tief unten in der kugeligen Spitze der Forschungsanlage bei den Hochenergiesensoren und Supercomputern fing eine kleine gelbe Lampe an, rhythmisch zu blinken.