Читать книгу Tochter der Diebin - Bo R. Holmberg - Страница 6

Оглавление

Kerstin erwacht voller Schrecken. Im Traum hat sie nah beim Schandpfahl gestanden, und sie hat die Schläge gegen den Körper ihrer Mutter gesehen, gehört und gefühlt. Sie begreift nicht sofort, dass sie sich im Alkoven zusammen mit der Schwester befindet, sondern tastet schutzsuchend mit den Händen umher. Erst als Elsa sich im Schlaf umdreht, steht der gestrige Tag klar vor ihren Augen, und sie klettert aus dem Bett.

Die Mutter liegt mit wundem Rücken auf dem Bauch, ihr Kopf ist Kerstin zugewandt. Wie unschuldig sie aussieht, während sie so daliegt. Kerstin versteht nicht, wie jemand glauben kann, sie sei eine Diebin.

Sie holt die Salbe, und behutsam, weich fährt sie mit der Hand über den gemarterten Rücken. Anna stöhnt im Schlaf. Im Zimmer ist es so warm, dass kein Feuer nötig ist. Kerstin holt einige Stückchen Brot hervor und legt sie für die Kinder auf den Tisch.

Sie zieht Kleid und Schürze über den Kopf, lauscht noch einmal nach der Mutter und geht hinaus ins tauschwere Gras.

Die magere Kuh starrt sie an und lässt sich melken. Es ist nur wenig Milch, Kerstin stellt sie auf den Tisch der Kate. Sie weckt Per und flüstert ihm zu, er soll auf die Mutter und die Geschwister aufpassen, während sie fort ist. Vorsichtig streichelt sie noch einmal über den gequälten Rücken, bevor sie geht.

Die Sonne wärmt schon ein wenig, Kerstin läuft über die Wiesen, über den Weg und hinunter zur Holzbrücke über den Fluss. Dort steht der Schuppen, nicht weit entfernt, doch sie blickt nicht in die Richtung. Wenn sie den Schuppen nicht sieht, hat die Mutter nicht dort gesessen, und was geschehen ist, ist nicht geschehen.

Ins Dorf an der anderen Seite des Sees will sie, zu Eliassons, wo sie morgens und abends die Kühe melkt.

Es ist ein weiter Weg, aber am Stand der Sonne sieht sie, dass noch genügend Zeit ist. Sie geht am Seeufer entlang. Mitten auf dem See rudert jemand ein Boot mit kräftigen Ruderschlägen. Er ist auf dem Weg zur anderen Seite, nach Myckelbyn, und Orientierungspunkt ist die Kirche.

Kerstin öffnet die Pforte, die das Vieh von Weg und Wasser fernhält, und eine andere Pforte fällt ihr ein. In die sie als Kind ein K geritzt hat, es war auch die Pforte, an der ihr Vater in Uniform gestanden und sie umarmt hat, ehe er aufbrach, um nie zurückzukehren.

Wenn der Vater am Leben geblieben wäre, wohnten sie heute noch in Nordmaling, und alles wäre anders gewesen. Dann wäre Mutter keine Diebin geworden.

Das Wort schmerzt sie wie ein weher Zahn.

Die Kühe glotzen ihr nach. Jetzt hat sie den Hang und all die Häuser, die das Dorf bilden, erreicht. Ins letzte Haus muss sie, sie verlässt die Wiese und kommt auf einen Pfad zwischen Schuppen und Ställen. Sie hält den Blick auf die Erde gerichtet, aber sie begegnet niemandem. Das Melken hat noch nicht begonnen. Eliasson hat nur fünf Kühe, die sie allein melkt. Zuerst muss sie jedoch zum Wohnhaus hinauf, um saubere Eimer zu holen.

Die Tür steht offen und Eliasson sitzt am Tisch, steht aber sofort auf und kommt ihr entgegen, fuchtelt mit der Hand und scheucht sie wieder hinaus.

Sie steht vor ihm und sieht auf ihre Füße. Er räuspert sich und schaut mit seinem einzigen Auge zum Pferd, das bewegungslos bei einer Birke steht.

»Du wirst hier nicht mehr gebraucht«, sagt er kurz und geht zurück ins Haus.

Sie knickst nicht, sie bleibt nur einen kurzen Augenblick stehen, bevor sie wieder nach Hause geht, denselben Weg, den sie gekommen ist.

Jetzt haben sie nicht einmal mehr das Essen, das der Lohn fürs Melken ist.

Selbst hat sie noch gar nichts gegessen. Bei Eliassons bekommt sie sonst morgens und abends nach der Arbeit zu essen. Sie sah immer auf den Teller mit der Grütze, nicht nur aus Angst, die leere Öffnung zu sehen, die einmal das Auge des Bauern gewesen war.

Aber Hunger verspürt sie nicht, in ihrem Körper ist kein Platz dafür, ihr Körper ist ein einziges klaffendes Loch voller Sorge.

Die Gemeinde hatte sich vor der Kirchentür aufgereiht, als sie kamen, wie ein Wald, durch den sie sich kämpfen mussten.

Kerstin versuchte, sich unsichtbar zu machen, sich abzuschirmen, gegen das, was um sie herum geschah. Sie ging einige Schritte hinter der Mutter, Margareta auf dem Arm. Per und Elsa gingen an ihrer Seite. Anna wurde nach vorn zur Sühnebank geführt, während sich Kerstin mit den Geschwistern auf die hinterste Bank setzte.

Der Choral war verklungen. Der Pfarrer stand auf der Kanzel, lang und dünn wie ein Stock. Er hatte wallende Haare und einen gelockten Backenbart.

Nun sprach er zur Gemeinde. Er sprach von der Hölle und dem brennenden Feuer, das uns jeden Augenblick verzehren kann, das unsere Körper in kochenden Schmerz bis in alle Ewigkeit verwandeln wird.

»Dieses Feuer der Hölle ist nicht wie das Feuer, das ein Haus bis auf die Grundmauern niederbrennt«, donnerte er. »Nein und nochmals nein. Dieses Feuer brennt ständig gleich kraftvoll. Und es brennt in deinem Körper. In deinem Körper wüten die Flammen.«

Er hob seine rechte Hand und zeigte mit einem drohenden Finger hinunter zum Chor.

»Hier haben wir heute eine Sünderin, die sich am Eigentum anderer vergriffen hat. Da sitzt sie nun zur Warnung für euch und um ihren diebischen Lebenswandel zu bereuen.«

Anna saß reglos, die Hände nicht gefaltet; sie ruhten auf dem Querbalken. Das Haar war gekämmt, bleich war sie, ihre Augen waren nicht hinauf zur weißen Decke der Kirche gerichtet, die mit ihrem Muster aussah wie der Sternenhimmel. Nein, geradeaus sah sie. Sie saß ganz still, allen Blicken und der Schmach preisgegeben.

Schräg links vor ihr saß Lehnsmann Stenberg. Die Schadenfreude glühte noch in ihm. Er suchte Augenkontakt mit ihr, aber ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, als ob sie beschlossen hätte nichts zu sehen, nichts zu hören, obgleich die meisten Worte des Pfarrers ihr galten.

»In der Hölle landen Diebe, Buhler und alle, die vom Weg des Herrn abweichen. Nehmt euch das Schicksal dieser Frau zur Lehre und Warnung. Lasst die Hölle ohne euren Körper brennen.«

Die Stimme des Pfarrers füllte die Kirche, Menschen seufzten und duckten sich unter seinen peitschenden Worten. Er verstummte, und alles schielte hinauf zur Kanzel. Jetzt erklärte er:

»Und die Ewigkeit, was ist das? Stellt euch eine Tannennadel vor, stellt euch so viele Tannennadeln vor, wie es sie im riesigen Wald gibt. In jedem millionsten Jahr holt sich ein Vogel eine Tannennadel von einem Baum. Wenn er so viele Tannennadeln geholt hat, wie in einer Schüssel Platz haben – dann ist ein Augenblick der Ewigkeit vergangen. Bedenkt das und bedenkt auch, wie unsäglich lang die ganze Ewigkeit ist. In Ewigkeit kann man im Feuer gemartert werden, aber man kann auch eine Ewigkeit in Wonne bei Gott erleben, die ohnegleichen ist ...«

Ganz hinten saß Kerstin mit den Kleinen, in ihrem Arm schlief Margareta. Weder sah sie etwas, noch hörte sie die Worte des Pfarrers, sie blickte auch nicht zu ihrer Mutter, sondern starrte auf die abgewetzten Dielen. Aber sie wusste die Mutter dort vorn. Dort saß sie mit ihrem brennenden Rücken. Kerstin hatte ihn eingesalbt, aber noch waren die Wunden nicht verheilt. Erst fünf Tage waren vergangen, seit die Rute ihren Rücken und die Schultern aufgerissen hatte. Die Kleider schmerzten auf ihrer Haut, und die ganze Zeit war sie mit nacktem Oberkörper auf dem Hof herumgegangen, während die Kinder sie verwundert betrachtet hatten. Meistens hatte sie jedoch gelegen, mit ausgestreckten Armen auf dem Bauch, um von den Schmerzen wegzuschlafen. Aber heute war Sonntag, und heute sollte sie die Absolution in der Kirche erhalten.

Der Pfarrer war bereit. Bald würde er Anna auffordern, Buße und Besserung zu geloben und die Gemeinde und den Pfarrer um Vergebung zu bitten. Vorher erklang jedoch die Orgel, Füße scheuerten über den Boden, Kehlen räusperten sich.

Dann hörte Kerstin die Fragen des Pfarrers, aber die Stimme der Mutter war schwach, und sie musste ihr Versprechen wiederholen, dass sie nun ein ehrliches Leben führen werde. Kerstin hörte, wie die Gemeinde Anna wieder in der Gemeinschaft mit Gott aufnahm.

Leise, ganz leise vernahm Kerstin die Stimme der Mutter. Bald war es vorüber.

Möge es für ewig vorüber sein.

Kerstin trug Margareta auf dem Arm, Per nahm Elsa bei der Hand, und dann schlichen sie hinaus. Schweigend machten sie sich davon, ohne dass jemand es bemerkte. Sie hatten gelernt, sich unsichtbar zu machen, sogar die Kleinen. Sie hatten gelernt, dass es für den, der eine Diebin zur Mutter hatte, am besten war, nicht sichtbar zu sein.

Tochter der Diebin

Подняться наверх