Читать книгу Tochter der Diebin - Bo R. Holmberg - Страница 7
ОглавлениеSie hieß Anna Ersdotter.
Früher hatte sie in einer Bootsmannskate in Nordmaling gelebt. Damals, als ihr Mann, Bootsmann Nils Bister, noch zwischen den Kriegen und Übungen heimkehrte. Aber eines Tages hatte sie vergeblich gewartet. Keine Kugel hatte ihn aufgehalten, er war ertrunken, zusammen mit allen anderen Soldaten, der ganzen Bootsbesatzung.
Eine Bootsmannswitwe hatte keine Rechte. Ein neuer Bootsmann wurde von den Bauern rasch eingesetzt. Eines Tages hatten sie einfach die Tür geöffnet und sich hereingedrängt und ihr mitgeteilt, sie habe zu gehen, jetzt, da Bootsmann Bister tot war, genauso tot wie die Kinder, die auf dem Friedhof ruhten. Von ihren Kindern hatte nur Kerstin überlebt.
Aufs Überleben kam es an. Es war später Winter gewesen, und sie hatte ihre Tochter zusammen mit dem wenigen Besitz auf einem Schlitten durch Wälder und über feuchte Moore gezogen, während der Hunger in ihrem Magen grub. Schließlich konnte sie es nicht mehr aushalten, sie hörte das Weinen ihrer Tochter, und das war eine Bestätigung für sie, dass sie ein Recht hatte, sich in einem Vorratshaus zu bedienen.
So hatte es angefangen, in jenen Jahren, als es darauf ankam, von einem Tag zum anderen zu überleben. Nur Krumen hatte sie genommen, in vielen Speichern, und nie war sie entdeckt worden. Sie hatte es getan, um zu überleben.
Schließlich war sie in dieses Dorf hier geraten. Auch hier gab es Bauern mit Besitz, und wie überall auch Bootsmänner. Sie hatte sie gesehen, wie sie mit leeren Gesichtern und blanken Augen aus den Kriegen heimgekehrt waren. Und sie hatte an ihren Nils gedacht, der auf dem Meer geblieben war, und an die Bauern, die sie aus ihrem Heim vertrieben hatten.
Sie hatte sich weiter aus fremden Speichern versorgt.
Die waren jetzt mit starken Schlössern versehen.
Nicht, um sie aufzuhalten. Alles wäre gut gegangen, wenn sie das eine Mal, als sie gesehen wurde, nicht allzu nah beim Wohnhaus gewesen wäre. In dem Augenblick, als sie die Tür des Vorratsschuppens einschlug, spürte sie den Blick, sie versuchte, ihr Gesicht zu verbergen, und lief schnell in den Wald und zur Kate. Jede Sekunde erwartete sie, die Schritte des Verfolgers zu hören, erreichte jedoch ohne Zwischenfall das Haus und versteckte die wenigen Sachen, die sie genommen hatte und die kein Essen waren. Doch allzu schnell war er gekommen, Stenberg, und hatte ihre Verstecke aufgespürt.
Wenn sie nur nicht beobachtet worden wäre ...
Anna stand in der Türöffnung und schaute über den Acker. Eine heiße Welle lief ihr den Rücken herunter, als sie sich vorbeugte. Sie blieb stehen, während die Erinnerungen sie überwältigten. Sie hörte die erregten, höhnischen Stimmen, sie spürte die sausenden Hiebe gegen ihren ungeschützten Rücken. Am lautesten dröhnte die Stimme von Lehnsmann Stenberg. Unvermittelt konnte sie plötzlich ertönen, manchmal war sie so deutlich, dass Anna zusammenzuckte und befürchtete, er sei auf dem Hof.
Per und Elsa saßen im Schotter und spielten mit Tannenzapfen. Vom Holzstoß kam ein Gestank nach Urin und Fäulnis. Sie schlug die Tür zu, als wollte sie entkommen und sich vor allem verbergen. Aber selbst im Haus war die Luft erstickend abgestanden von altem Stroh; in einem Eimer schwammen verfaulte Essensreste, und ihre Füße klebten am Fußboden.
In den Schränken war kaum noch etwas zu essen, und ihr Rock hing in Fetzen herunter. Am liebsten wäre sie ins Bett gekrochen zu Margareta, die mit offenem Mund schlief, aber sie musste versuchen, Ordnung zu schaffen. Sie öffnete die Fensterläden und holte Wasser aus dem Brunnen, trug es mit dem Joch über den Schultern ins Haus. Jetzt sollte es hier sauber werden. Sie goss Wasser aus und wischte mit dem Besen über den Fußboden. Viel Wasser verschwand zwischen den breiten Ritzen, und den Rest schob sie durch die Luke neben der Tür ins Freie.
Die Hände in die Hüften gestemmt, blieb sie stehen. Jetzt sah es ein wenig besser aus. Sie schnupperte und nahm nur noch den Geruch nach gereinigtem Holz wahr. Margareta blinzelte, schlug die Augen auf und begann sofort zu weinen. Sie hörte erst auf, als Anna ihr ein Läppchen in den Mund gesteckt hatte, an dem sie saugen konnte.
Sie setzte sich an den Tisch. Sie spürte ihren Rücken, wieder spürte sie die Schläge und hörte die brüllende Stimme von Lehnsmann Stenberg.
Heftig stand sie auf, ging auf dem frisch gescheuerten Boden hin und her. Anna blieb bei Margareta stehen, betrachtete sie lange. Dann angelte sie das Kissen unter ihrem Kopf hervor und drückte es zusammen, ließ los und presste es immer wieder.
Schließlich warf sie es auf den Tisch, hob ihre geballten Fäuste und schlug zu.
Mit jedem Schlag hämmerte sie sich ein:
Nie mehr werden sie mich schnappen, nie mehr darf mich Stenberg durch den Haufen zum Schandpfahl führen, nie mehr werde ich unter den Blicken der Bauern dastehen und das leuchtende Gesicht des Pfarrers sehen.
Nie mehr!
Sie hielten sich meistens in der Kate auf, als wären sie eingeschlossen. Anna starrte ins Feuer, Elsa und Per schlichen nur, um sie nicht zu stören, und sorgten dafür, dass die Kleine still war.
Kerstin umkreiste ihre Mutter.
Sie folgte ihr, stand nah bei ihr, zog den Stuhl heran oder suchte vergeblich ihren Blick. Manchmal fauchte ihre Mutter sie wie eine gereizte Katze an, sie sollte aufhören, sie so anzustarren, und weggehen.
Die Wunden heilten.
Eines Abends stand Anna vor den geöffneten Fensterläden. Sie hatte ihr Hemd angehoben und entblößte ihren Rücken.
»Ist noch was zu sehen?«, fragte sie.
Nein, alle Wunden waren geheilt. Nur eine schwache Röte war noch zu ahnen. Da lachte Anna laut und scharf, und Kerstin hatte ein Gefühl, als ob ihr Herz in den Magen sank.
Am nächsten Morgen war nur noch eine Hand voll Mehl im Kasten, und draußen auf der braun verbrannten Erde dieses Sommers stand die magere Kuh angebunden und brüllte ausdauernd.
... Kerstin denkt an die wenigen Brotkanten im Schrank, an den leeren Mehlkasten und an Eliassons leeres Auge, als er sie hinauswies, und die Angst presst sie zusammen, und sie weiß nicht, was geschehen soll, wenn alles aufgegessen ist. Sie geht um das Haus herum, es ist früh am Morgen, sie geht durch den Tau und versucht die Erinnerung an Geborgenheit hervorzulocken, um damit die Furcht zu verjagen.
Die Schlittenfahrt von damals kommt ihr in den Sinn, auch eine Erinnerung an Trauer, Abschied und Umzug. Aber – merkwürdig – vor allem ist es die Ahnung an eine Geborgenheit, die die Erinnerung wach hält.
Sie hört die Kufen im Schnee, sie hört die Stimme ihrer Mutter, wie sie alle verflucht, die sie von ihrem Hof vertrieben haben. Aber sie hört auch die leise, schmeichelnde Stimme, die sie in den Schlaf wiegt. Und das Weinen hört sie, das Weinen über den Vater, der ertrunken ist.
Und dann plötzlich das Gefühl, satt zu sein, wenn Mutter ihr etwas geben kann, Trost und Essen.
Das ist Kerstins Erinnerung an Geborgenheit, und diese Erinnerung hält sie fest, auch wenn sie jetzt begreift, dass das Essen gestohlen war.
Darum also hat Mutter gestohlen. Für mich war es damals; und auch später: Sie hat immer nur gestohlen, wenn wir nichts hatten.
Und jetzt gibt es nichts mehr zu essen.
Kerstin geht wieder in die Kate. Sie hat sich entschieden. Sie nimmt den Spankorb und macht sich auf den Weg.
Es ist die Zeit der Heumahd, auf den Wiesen stehen Heureiter aufgereiht, und sie hat kaum den Weg nach Flärke erreicht, da sieht sie schon die Erntehelfer mit Sensen und Harken über die Wiesen kommen. Auch unten im Kirchdorf sind Leute auf den Wiesen zum See, und sie will umkehren, um sich nicht ihren Blicken auszusetzen. Aber dann fällt ihr der leere Schrank ein, und sie sieht starr auf die Erde und geht weiter, nicht nach Myckelbyn hinunter, sondern den Weg nach Flärke hinauf, der voller tiefer Löcher ist.
Sie hat noch nie gebettelt, und sie weiß nicht, wie man es macht. Doch sie trägt den Korb, und sie weiß, dass die Häuser jetzt leer sind und es keinen Sinn hat, sie aufzusuchen. Sie nähert sich den Wiesen, wo die Erntehelfer mit der Arbeit begonnen haben. Sie gehen in einer Reihe, der mit der Sense ein paar Schritte vor den Harkenden, die Sense zischt durchs Gras, und Kerstin senkt wieder ihren Kopf zur Erde und streckt bitte den Korb vor.
»Aus dem Weg, wenn dir deine Beine lieb sind!«
Rasch springt sie zur Seite, jemand lacht über sie, und sie schnappt Wörter wie »Anna, die Diebin«, und »Diebsgesindel« auf, und sie möchte wegrennen. Aber sie folgt der Reihe in einigem Abstand und betet, dass man sie nicht ohne einen Almosen fortjagt.
Als die Erntearbeiter das Ende der Wiese erreichen, dreht auch sie um. Sie flüstert nicht mehr, sie geht mit ausgestrecktem Korb neben ihnen her, hält ihn in der linken Hand. Aber jetzt kümmert sich niemand mehr um sie.
Sie versucht, nicht daran zu denken, was sie tut. Sie bettelt nicht, sie geht hier nur neben ihnen her, sie ist doch wie alle anderen. Sie hilft auch bei der Ernte. So ist das.
Schließlich wirft eine Frau die Harke von sich, geht hinter einen Heuhaufen und holt eine Laib Brot, den sie ohne ein Wort in den Korb steckt. Kerstin knickst, geht aber weiter neben ihnen her. Jemand ruft, sie wollten sich jetzt ausruhen, und alle lassen sich am Grabenrand nieder. Die einen liegen halb und blinzeln in die Sonne, andere sitzen aufrecht da und wischen sich den Schweiß aus dem Gesicht. Kerstin bleibt stehen, den Korb in der Hand. Einer der Bauern erhebt sich und kommt auf sie zu.
Er bleibt vor ihr stehen und spricht erst, als sie zögernd zu ihm aufsieht. Er hat ein rundes glatt rasiertes Gesicht.
»Ich bin Jon Sigfridsson. Du darfst bei mir harken, dann brauchst du nicht zu betteln.«
Für einen Moment bleibt ihr Blick an seinem hängen, und sie nickt ihm zu, bevor sie wieder versucht, sich unsichtbar zu machen.
»Dann bleibt es also dabei. Du kannst morgen anfangen.«
Jetzt hat sie es eilig, wegzukommen. Sie drückt den Korb gegen die Brust, während sie zur Bootsmannskate läuft. Sie muss schnell nach Hause und alles erzählen.
Sie hat eine Arbeit, jetzt braucht sie nicht mehr zu betteln.
Und Mutter braucht nicht zu stehlen!
Jetzt war Kerstin Erntehelferin. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend schuftete sie wie die anderen auf den Wiesen, die sich bis zum Wasser hinunter erstreckten. Während der Pausen kühlten sich die Jungen im See ab, schließlich sogar Kerstin. Aber nie hob sie den Blick, wenn sie es nicht musste. Niemand sprach sie an, nur Jon, der mit der Sense ein paar Schritte vor ihr herging. Die kurzen Momente im Schatten des Heuhaufens genoss sie, das kitzelnde Heu im Rücken und am Hals. Und das Essen. Dieses Brot, das weich geworden war in der Hitze, Brot mit Butterklumpen, die durch die Teiglöcher drangen. Und salziger Speck, dessen Würze sich im Mund verbreitete. Sie aß nur wenig von den Butterbroten. Den Rest versteckte sie im Heuhaufen. Später, in der Nacht würde sie die Reste abholen, wenn ihr nicht Mäuse oder andere Tiere zuvorgekommen waren.
Nach der Arbeit wanderte Kerstin den weiten Weg zur Kate zurück. Sie benutzte nicht den Weg, sie lief über die frisch gemähten Wiesen und Waldlichtungen.
Eines Abends auf dem Heimweg streckte sie sich auf dem Rücken zwischen einigen Birken aus und guckte in den Himmel hinauf, der blauer war als Margaretas Augen.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken, jemand sang, und er kam näher. Sie konnte sich nirgends verstecken und erhob sich, um wegzugehen, als die Birkenzweige beiseite geschoben wurden und ein Junge vor ihr stand.
Er war einige Jahre älter als sie. Sein Haar war blond und sein Gesicht offen, noch ohne einen Bart.
Sie standen sich eine Weile gegenüber, als ob sie etwas Unrechtes getan hätten. Aber schließlich lächelte der Junge und reichte ihr die Hand.
»Wer bist du?«
»Kerstin Nilsdotter.«
»Ich bin Erik«, sagte er.
Er setzte sich hin und faltete die Hände im Nacken. Sie stand neben ihm und sah zum Dorf hinunter.
»Ich hab dich noch nie gesehen.«
»Ich helfe Sigfridssons bei der Heumahd.«
Sie wollte nicht, dass er mehr fragte. Sie wollte Kerstin Nilsdotter sein, wenn auch nur für einen Augenblick. Und nicht die Tochter von Anna, der Diebin.
»Viel zu tun jetzt, oder?«, sagte er. Das klang ein bisschen überheblich. Aber sie musste lächeln und begegnete seinem blinzelnden Blick.
»Wegen der Heumahd«, fügte er hinzu.
Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und spürte plötzlich, wie ihr Gesicht heiß wurde.
»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie.
»Wir können uns ja mal wieder hier treffen«, sagte er und erhob sich rasch. »Und uns unterhalten ...«
Aber darauf gab sie keine Antwort. Zögernd blieb sie noch einen Augenblick stehen, wusste nicht recht, was sie tun sollte, aber dann lief sie über die Wiese zum Weg hinunter.
Für einen Moment war sie wie irgendein anderes junges Mädchen und nicht wie eine, die eine Diebin zu Mutter hatte.
Vor der Tür blieb sie lauschend stehen, atmete heftig nach dem Laufen. Sie hörte keinen Laut, drückte die Tür auf und betrat die Kate. Dort saß sie, am Tisch.
Eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung überkam sie. Mutter war zu Hause, und hier war sie zu Hause, in der Bootsmannskate, bei Mutter.
Aber jetzt war sie nicht mehr Kerstin Nilsdotter.