Читать книгу 1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag - Christoph Strasser - Страница 15
Menschliches Neuland
ОглавлениеAlles begann mit der Suche nach etwas Unbekanntem. Es ist schwer sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, geleistet zu haben, was Christoph Strasser vorweisen kann: fast jedes Langstreckenrennen gewonnen, die meisten Rekorde gebrochen, Australien in Rekordzeit durchquert und in 24 Stunden aberwitzige und magenzertrümmernde 3.767 Runden auf einer 250 Meter langen, spiegelglatten Holzbahn zurückgelegt. Auch wenn Christoph selbst bescheiden die noch fehlenden Trophäen den bereits abgesahnten gegenüberstellt: Er ist zweifellos einer der historisch erfolgreichsten Athleten seiner Disziplin, wenn nicht der erfolgreichste von allen und jedenfalls der bestimmende seiner Zeit. Vom Siegerpodest bis zur Intensivstation kennt er alle Schattierungen des extremen Sports, den er seit knapp 20 Jahren betreibt – und doch gibt es noch Neues zu erfahren. Eine Bestmarke fehlt ihm noch, und seit er für sich beschlossen hat, sie sei – wenigstens in der Theorie – machbar, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. One day, one thousand k – das wäre nicht bloß ein Sieg mehr im ohnehin schon endlosen Palmarès.
Am Ende des Tages, das hat Christoph Strasser längst begriffen, ist die neue Herausforderung und nicht die bestandene Prüfung die größte Belohnung. Dieses Rennen, das er da gerade bestreitet, die zwölfte Ausgabe des RAA im August 2020, die er mit neuem Streckenrekord von knapp unter dreieinhalb Tagen gewinnt, wird bald nur mehr eine weitere Anekdote sein, eine schöne Erinnerung zwar, aber doch nur eine von vielen, beinahe unzähligen aneinandergereihten, deren Ausläufer schon verblassen. Was die Vermarktung angeht, strahlt die letzte Heldentat immer am hellsten, und eigentlich ist sie die einzige, die zählt. Christoph ist lange genug im Geschäft, um das nicht persönlich zu nehmen, und speist seine Selbstwahrnehmung wohlweislich nicht aus dem Strohfeuer der medialen Aufmerksamkeit. Mit Wertschätzung für das Erreichte blickt er zurück, verspürt eine tiefe Zufriedenheit, und doch: Der Blick nach vorne ist auch ihm wichtiger als der nach hinten.
1000/24. Eintausend Kilometer Einzelzeitfahren und das in 24 Stunden, besser noch ein paar Minuten weniger, keinesfalls mehr. Das wäre keine stetige Verbesserung, wie man sie von ihm kennt und erwartet. Nein, das ist geradezu eine Mauer, unbarmherzig, unüberwindlich, jedenfalls würde man das denken, wäre man nicht er. Selbst ein Laie, selbst jemand, der noch nie auf einem Rennrad gesessen ist, versteht die Tragweite von 1.000 Kilometern aus eigener Kraft innerhalb eines Tages. Von Wien an die Ostsee könnte man kommen, oder von Paris nach Barcelona. Oder man fährt im Kreis, auf einer Autorennstrecke in Colorado, im Herbst, damit einen die Tornadosaison nicht streift, auf knapp 1.700 Metern Seehöhe, wegen des geringen Luftwiderstands. Gedanken, die dem Ahnungslosen Respekt einflößen, den Wissenden milde lächeln lassen. Menschliches Neuland.
Er wäre der Erste und vermutlich für lange Zeit der Einzige. 1000/24 – das ist der Sub-Zwei-Stunden-Marathon seiner Disziplin und es wäre nur logisch, würde er, Christoph Strasser, der die Grenzen im Ultracycling ein ums andere Mal neu definiert hat, auch hier allen anderen vorangehen. Bis vor zwei Monaten beherrschte nichts anderes sein Denken als dieses Vorhaben, und doch ist er jetzt hier beim Race Around Austria und nicht zu Hause, wo das Training – eines der letzten vor seiner Abreise in die Staaten – mittlerweile beendet wäre, und seine Chance ist dahin für dieses Jahr. Corona und seinen mannigfaltigen Folgen sei Dank.