Читать книгу 1000/24: Christoph Strasser und die Jagd nach dem perfekten Tag - Christoph Strasser - Страница 17
Sein Kapital
ОглавлениеEs gab in seiner Laufbahn immer wieder Situationen, in denen die quälende Fragen überhand zu nehmen drohten. Konnte er sich im Jahr 2015, nach dem dritten Lungenödem (diesmal wieder in den Rocky Mountains, während das zweite ihn 2010 beim Race Around Austria erwischte), sicher sein, stärker zurückzukommen? Oder nach dem ersten großen Sturz seiner Karriere, als er sich nicht länger als zwanzig, dann dreißig, dann vierzig Minuten belasten sollte in der Reha, den Ergometer auf Leerlauf, weil kein Schweiß in die Wunden kommen durfte? Wie war es nach dem zweiten Sturz, als es zuerst harmlos aussah, der MRT-Befund jedoch niederschmetternd ausfiel? Christoph hat darauf stets auf seine Weise reagiert. Auch jetzt nach dem RAA und der kurzen Pause – es ist wieder so eine Kopfsituation – hält er sich daran und macht das, was er am besten kann: Er arbeitet an sich, seinem Kapital, seinem Körper. Dem Einzigen, das zählt, wenn er trotz aller Unwägbarkeiten schaffen will, was seine Karriere krönen soll.
1000/24. In diesem Fall, da ist er sich sicher, heißt es: »99 Prozent Körper und 1 Prozent Kopf«. Ein großes Prozent zwar, doch davor fürchtet er sich nicht. Natürlich weiß er darum, dass er dem Kopf in seiner aus jahrelanger Erfahrung gefärbten Betrachtung zu wenig Platz einräumt; dass die mentale Basis für eine derartige Ausnahmeleistung nicht vom Himmel fällt und stets neu erkämpft werden will. Wieso sonst die neu begonnene Ausbildung zum Mentaltrainer, die ihm helfen soll, die Kausalität zwischen unterbewusster Programmierung und bewusster Handlung noch klarer zu sehen? Und dennoch: Wovor er sich an diesem Punkt wirklich fürchtet – und das trotz aller Freude, die ihm gerade der steinigste Weg schon immer bereitet hat –, ist die drohende Erkenntnis, dass es, trotz all dieser Übelkeit verursachenden Trainingseinheiten, trotz der exzellenten Planung seines Trainers, trotz der vielen Erfahrung, trotz Windkanaltests und Aerodynamikspezialisten, trotz Spezialreifen, Zeitfahranzug und in teure Formen gepresstes Carbon, am Ende nicht reichen könnte. Vielleicht um Haaresbreite, vielleicht sogar mit Abstand. Er fürchtet sich nicht vor dem Schmerz, sondern vor der Unzulänglichkeit seines Körpers, dem nüchternen Gradmesser im Spitzensport. Deswegen fällt es ihm leicht, an diesem Herbstmorgen den zweiten Espresso auf später nach der Ausfahrt zu verschieben – obwohl er noch immer keine Ahnung hat, wann er wieder in die USA einreisen darf.