Читать книгу Der Engel mit den blutigen Händen - D. Bess Unger - Страница 6
18. August, Sonntag, Volos
ОглавлениеZu guter Letzt war der unvermeidliche Tag gekommen, Biglia musste mit der Sippe weiterziehen. Trauer befiel Athina, wenn sie an die kommenden Nächte dachte, die sie im Bett ohne ihn zubringen musste. Verzweiflung vor den vielen Tagen, die sinnentleert, weil ohne magische Unterweisungen, verstreichen würden. Nicht zuletzt begannen sie Zukunftsängste zu quälen. Als ihr Vater noch gelebt hatte, war sie an ein sorgenfreies Leben gewöhnt. Das war vorbei, jetzt musste sie sich höchstpersönlich um so belanglose Dinge wie Geld für das Überleben kümmern. ›Wäre ich nur an Atridis Stelle!‹, war ihr täglicher Gedanke, ›Ich könnte mein Leben ausschließlich der Magie widmen, wäre frei von allen finanziellen Sorgen.‹
Die Ängste wurden zur fixen Idee. ›Was, wenn es mir gelänge, diese Streberin an mich zu binden? Als Busenfreundin?‹ Zwar bestand ihre gegenseitige Nichtachtung seit Schulzeiten. Nicht ohne Grund, sie hatte der angeberischen Person eins auswischen wollen und ihren Bruder angestiftet, die vierzehnjährige Atridi in ein Gebüsch zu zerren, um sie zu begrapschen. Dass eine Lehrerin dazugekommen war und ihr schwächlicher Bruder nach einer Ohrfeige sie verpetzt hatte, mein Gott, darüber war doch längst Gras gewachsen!
Wie vorgehen? »Mit meinen magischen Künsten ist es noch nicht viel Staat zu machen«, stöhnte sie. »Ich muss an die frische Luft, um meinen Kopf freizumachen.«
Gegen die Abendkühle, die vom Piliongebirge heranzog, warf Athina eine Jacke über die Schulter und ging hinunter zum Hafen. Sie warf einen kurzen Blick zurück. Wie erwartet erhaschte sie ihren Verfolger, der sich hastig in einen Hauseingang drückte. Er stellte ihr schon seit Jahren nach, ein Stalker war er nicht, eher ein schüchterner Verehrer. »Mein Gott, Marios! Wann kapierst du endlich, dass ich in einer anderen Liga spiele«, zischte sie. »Wie kann ein Autoklempner, der mit ölverschmierten Händen herumläuft, die Hoffnung hegen, dass ich mich für ihn interessiere?«
Klempner in der Mercedes-Werkstatt von Volos? Blitzartig hatte sie eine Idee: Atridis Eltern besaßen ein Auto dieser Marke. Fuhren sie nicht jede Woche über das Piliongebirge, um einer Tante ihren Nachkömmling zu präsentieren? Das war doch eine gefährliche Strecke! Was, wenn die Drei dort einen tödlichen Autounfall erlitten? Langfristig wäre die reiche Erbin in Trauer versunken, zugänglich für den Annäherungsversuch einer mitfühlenden Freundin. Natürlich mit etwas Magie untermauert!
Bei der Abreise hatte Biglia bei ihr einen Zaubertrank vergessen, der Trank der Hörigkeit, der für Tage den freien Willen in Knechtschaft zwang.
Sie wandte sich ihrem stillschweigenden Verehrer zu. Gellend pfiff sie durch die Finger. Die Domina gebend befahl sie »Herkommen!« Zögernd verließ der Junge die Deckung, mit gesenktem Blick schlich er herbei.
Mit unterdrückter Verachtung zwang Athina sich zu einem Lächeln. «Dein Benehmen ist unmännlich«, kanzelte sie ihn ab, wechselte sodann in eine schmeichlerische Tonlage. »Wenn du Etwas von mir willst, sag es frei heraus! Vor mir brauchst du keine Angst zu haben.«
»Darf ich dich zum Eis einladen?«, kam es zaghaft aus ihm heraus. »Bei Jam?«
»Dem vornehmen Café in der Argonauton unten am Hafen?« Da Marios nickte, fasste sie ihn, der sein Glück nicht fassen konnte, an der Hand und zog ihn die Kartali hinunter und bog in die Argonauton ein.
Die prächtige Uferstraße war gesäumt von den beigefarbenen Sonnenschirmen der zahlreichen Restaurants und Cafés. Zwischen den Schirmen standen Palmen, die mehrstöckigen Gebäude schirmten die Flaniermeile der Touristen vor dem Lärm der quirligen Stadt ab.
Jetzt am Sonntagmorgen war im Jam noch nicht viel los. Athina steuerte auf eine mit gelben Stoffkissen belegte Zweierbank zu. »Bitte setz dich mir gegenüber«, bat sie Marios, der neben ihr Platz nehmen wollte. »Da können wir uns besser ansehen.« Sie ließ ihren Blick zur Reede hingleiten, die von den Jachten der Reichen gesäumt war. ›Eine von denen gehört Atridis Eltern‹, dachte sie. ›Mit der werde ich bald die Ägäis unsicher machen.‹
»Was für ein Eis möchtest du?«, fragte Marios. Erschrocken schielte er auf die Preise in der Karte.
Athina stand auf. »Wähl du aus, ich muss mal für kleine Mädchen«, sagte sie. Im Weggehen rief sie ihm »Und bestelle zwei Aperol, die gehen auf meine Rechnung!« zu. In der Toilette streifte sie ihren Slip ab und steckte ihn in die Handtasche.
Zufrieden löffelte Mario sein Eis. Er staunte noch immer über die Vorsehung, die ihn mit dem unfassbaren Glück überrascht hatte, im Beisein des schönsten Mädchens von Volos hier an der Hafenpromenade zu sitzen. ›Würde Athina sich jetzt vorbeugen‹, überlegte er, ›könnte ich ihr heimlich in den Ausschnitt schauen.‹ Er seufzte. ›Doch das wäre zuviel des Glücks.‹
Athina gewährte im nicht den Blick auf ihren Brustansatz. Im Gegenteil, sie lehnte sie sich im Sessel zurück und Marios Hoffnung war dahin. Doch Ungeheuerliches geschah: Die Schöne hob ein Bein und stellte den Fuß auf die Sitzfläche. Ihr ohnehin zu kurzer Rock rutschte nach oben und entblößte eine Scham, die bis auf einen Streifen gekräuselten Blondhaars rasiert war. Als sie das andere Bein leicht zur Seite kippte, öffneten sich feuchtrosa glänzende Schamlippen. Seelenruhig, ihrer Blöße dem Anschein nach nicht bewusst, schlürfte sie ihren Aperol.
Mit offenstehendem Mund starrte Marios auf die Verheißung grenzenloser Glückseligkeit. Einen derartig erregenden Anblick hatte ihm bisher keines seiner zahlreichen Pornohefte geboten. In Gedanken sank er auf die Knie, sein Mund strebte hin zu dem Nektarbrunnen, seine Zunge wollte teilen, eindringen und schmecken. Er schreckte auf, keuchend presste er die Hand auf sein Geschlecht. »Oh«, stöhnte er, »Ich muss zur Toilette, dringend.«
Gleichgültig erhob sich Athina, strich ihren Rock glatt. Zehn Tropfen vom Trank der Hörigkeit ließ sie in Marios’ Aperol fallen.
Verlegen kam er zurück, er schien erleichtert, dass Athina sich unbefangen gab und keine peinlichen Bemerkungen machte.
»Trinken wir auf unsere Freundschaft«, lächelte Athina, hob ihr Glas und prostete ihm zu. »Ex.« Für Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Athina schob Marios einen Zettel zu. »Lies das!«
»Vasilis Papaluka, Nea Ionia, Symi 4«, murmelte Marios. »Ich kenne den Mann, er ist bei uns Kunde. Was ist mit ihm?«
»Mit ihm ist nichts, jedoch mit seinem Auto.«
Verständnislos starrte Marios sie an.
Athina war sich sicher, dass der magische Trank seine Wirkung entfaltet hatte. »Ich befehle dir, Vasilis Papaluka anzurufen. Du sagst, wegen einer Rückrufaktion müsse die Bremsanlage seines Wagens kontrolliert werden. Du holst den Wagen persönlich ab und manipulierst die Bremsen derart, dass sie bei einer Talfahrt versagen. Wie wirst du das anstellen?«
Mechanisch begann es aus Marios herauszusprudeln. »Ich muss die Bremsschläuche manipulieren. Alle Autos haben heute ein Zweikreis-Bremssystem, die Bremsflüssigkeit wird in zwei unabhängigen Kreisläufen zu den Bremsen geführt. Ein Kreis versorgt das rechte Vorderrad und das linke Hinterrad beziehungsweise umgekehrt. Wenn aus einem Kreis Bremsflüssigkeit ausläuft, hat man immer noch 50% Bremswirkung. Mit diesem Manko kann das Auto immer noch zum Stehen kommen. Ich muss zusätzlich die Bremsleitungen für beide Kreise anbohren ...«
»Es muss wie ein Unfall aussehen«, unterbrach Athina seinen Redeschwall. »Auf dich darf kein Verdacht fallen!« Sie fürchtete, dass in diesem Fall auch ihre Person in Verdacht geraten könnte, war doch Marios’ Leidenschaft für sie nicht unbekannt geblieben.
»Ich lasse es wie Marderbisse aussehen, solche Schläuche sind mir oft genug unter die Finger geraten«, beruhigte Marios und fuhr unbeirrt im Vortrag fort: »Bei jedem Tritt auf die Bremse wird etwas von der Flüssigkeit herausspritzen und der Druck im Bremssystem wird immer geringer. Bei einer Berg- und Talfahrt ist ruckzuck Schluss mit der Bremswirkung. Blöd nur, dass eine Kontrollleuchte anzeigt, dass mit den Bremsen irgendwas nicht stimmt. Die werde ich auch noch deaktivieren müssen, doch die Elektronik zu überlisten, ist nicht ohne.«
»Das wirst du hinbekommen«, sagte Athina befriedigt. »Ich sehe, du verstehst dein Handwerk. Du weißt, was du morgenfrüh zu tun hast. Frisch ans Werk!« Sie warf einige Geldscheine auf den Tisch, grußlos stand sie auf, überquerte die Straße und schlenderte über die Uferpromenade davon.
Bewundernd und beduselt vor Seligkeit blickte Marios ihr hinterher. »Sie ist ein wahrhaftiger Engel. Sie wird mich in das Paradies führen.«