Читать книгу Der Engel mit den blutigen Händen - D. Bess Unger - Страница 9

18. Oktober, Freitag, Piliongebirge

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Gelangweilt saß Athina am Küchentisch und starrte nach draußen in den trüben Herbstmorgen. Ein Mann in einer lilafarbenen Weste eilte vorbei. War das nicht Biglia? Ihr Herz begann zu klopfen. Aufgeregt lief sie in den Flur. Es klingelte, sie riss die Haustür auf, Biglia, ihr heiß geliebter Zauberer, stand vor ihr!

Athina stieß Freudenschreie aus, Biglia strahlte sie an. Begierig fanden sich ihre Lippen zu einem sinnlichen Kuss. Er schob sie zurück in den Flur, mit dem Fuß warf er die Tür ins Schloss. Ihrer beide Hände waren überall, Gesicht, Brust, Rücken, Po, vergewisserten sich der zurückliegenden Vertrautheit ihrer Körper.

Sie unterbrach den Kuss. »Mein Zauberer, endlich, endlich bist du bei mir.« Ihre Stimme zitterte, prüfend fixierte sie seinen Stern, hoffte an der Intensität zu erkennen, ob Biglia ihr die Treue bewahrt hatte. ›Eifersüchtiges Ding‹, schalt sie sich. ›Das ist total belanglos.‹

»Mein Engel, du hast mir gefehlt.« Biglia strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. »Endlich, finden unsere Liebesnächte eine Fortsetzung.«

»Wieso Nächte? Das geht auch am Tag!« Athina schmiegte sich an ihn, spürte seine erwachende Männlichkeit. »Komm«, flüsterte sie und zog ihn in ihr Schlafzimmer. Hastig streifte sie die Kleider ab und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. Mit sehnsüchtiger Erwartung sah sie zu, wie er das T-Shirt über den Kopf zog, Jeans und Shorts abstreifte. Sie streckte die Arme nach ihm aus, zog ihn zu sich herab, sein Glied, prall und pulsierender Vorfreude, fand sofort das Ziel seiner Bestimmung.


Am Mittag suchte Athina den Hexer im Wohnwagen auf. Der stand zusammen mit anderen Campern auf einem betonierten Parkplatz in der Kolokotroni 34. Vor der Tür stand ein Bambuskäfig mit zwei Hühnern. »Das sind spezielle Tiere, mein Engel«, schwärmte Biglia ihr vor. »Sie werden dir bei deinen magischen Künsten helfen.«

»Hühner können mir in der Magie helfen?« Athina beäugte den Käfiginhalt skeptisch. Wollte er sie auf den Arm nehmen?

»Das sind keine Hühner«, verbesserte er sie. »Das sind Hähne! Du musst wissen, nur vier Tierarten haben für uns Roma einen herausragenden Stellenwert.« Er begann aufzuzählen: »Der Wolf, der Rabe, die Taube und der Hahn.« Seine Stimme wurde eindringlich. »Für magische Rituale steht bei mir der Hahn an erster Stelle. Ein einzelnes Hühnerbein, dessen Krallen ich in eine festgelegte Form gebogen und an einem speziellen Ort hinterlegt habe, kann für meinen Feind eine schreckliche Krankheit bedeuten. Mit Körperteilen von unreifen Hähnen kann ich meinem Gegner in einen grausamen Tod schicken.«

»Das kann man mithilfe von Hähnen bewirken?« Zweifelnd starrte sie auf die zwei Vögel.

»Nicht nur, mein Engel«, klärte er sie auf. »Es ist die Energie, die einem Hahn innewohnt, sie unterstützt die Wirkung eines Fluches. Der Knackpunkt besteht in einer speziellen magischen Geste. Erst diese versetzt den Sternenstaub in Bereitschaft, Schicksalslinien zu verändern.« Prüfend taxierte er ihren Körper. »Du bist zwar beweglich, doch für die Ausführung der komplexen Bewegungsabläufe nicht elastisch genug. Wir müssen dir einen Träger als Verstärker erschaffen.«

»Hilft nicht auch eine Beschwörungsformel?«

»Abrakadabra?« Biglia lachte. »Du hast zu viele Schmöker gelesen! Einen machtvollen Träger, mit dessen Energie du dich vereinen kannst und magische Gesten, das ist alles, was du brauchst.« Er löste die Adlerkralle, die um seinen Hals hing und reichte sie ihr.

»Was soll ich damit?« Sie ekelte sich vor der Berührung, die Farbe der scharfen Kralle ließ sie an geronnenes Blut denken.

»Erwürge die Hähne und reiße ihnen damit die Brust auf«, befahl er. »Jetzt, auf der Stelle!«

Ihr Mund verzog sich vor Entsetzen. »Bitte, mach du das«, flehte sie. »Ich vermag das nicht.«

Biglia war unerbittlich. »Jeder Magier muss seinen Träger persönlich erschaffen«, sagte er. »Wenn du jetzt versagst, bleibst du ein ungeschliffener Diamant dein Leben lang.«

Die verwöhnte Athina hatte in ihrem bisherigen Leben weder einen Kohlkopf noch ein Huhn zerlegt. Mit zitternden Händen und zugekniffenen Augen begann sie ihr grausames Werk. Als der erste Hahn verendet war und sie den zweiten an der Gurgel packte, schrie der wie aus Verzweiflung auf, er wusste, dass die Reihe an ihm war. Mit aller Kraft drückten ihre Hände zu, ein maßloses Zappeln und Flügelschlagen und es war vorbei.

»Jetzt öffne mit der Kralle die Brust und zerlege die Körper«, kommandierte Biglia. »Sortiere vier Beine, einen Kopf und einen Magen, zwei Herzen und vier Hoden aus!«

Als Athina das Herz herausschnitt, schoss ihr ein Blutstrahl entgegen. Sie würgte vor Ekel, rannte zur Tür des Wohnwagens, riss sie auf, stützte sich mit einer Hand an die Wand des Wagens ab und übergab sich. Ihr Mittagessen platschte auf den Asphalt.

Sie hörte ein entsetztes Aufkreischen und sah auf. Zwei Kinder standen vor ihr. Mit aufgerissenen Augen starrten sie auf den blonden Engel mit den blutigen Händen. Schreiend liefen sie davon.


Endlich waren die Körper der Hähne zerlegt, vier Beine, ein Kopf, ein Magen, zwei Herzen und vier Hoden aussortiert. Die restlichen Körperteile wurden zu Asche verbrannt, die Knochen in einem Mörser zerstoßen. Der Magier hieß Athina die Teile so zusammenbinden, dass drei Beine mit nach oben weisenden Krallen die Organe umgaben. Ein Bein mit nach unten weisenden Krallen sorgte für die Standfestigkeit der Monstrosität. Blut, Asche und die Knochenreste gab sie in einen Topf und steckte den Klumpen in den widerlichen Brei.

Am Nachmittag machten sie sich mit Biglias Auto auf, den Topf im Piliongebirge zu vergraben. An der Kirche Agios Nikolaos parkten sie und schlugen sich in die Büsche. Der Himmel hatte sich eingetrübt, von den Bergen her wehte ein kalter Wind.

Als sie einen steilen Berghang hinaufstiegen, kreuzte ein Hirte mit zwei schwarzen Hunden ihren Weg. Den Hunden sträubte sich das Fell, da sie in Kali den Wolf erkannten, die Ziegen hetzten in Panik den Hang hinunter. Der Rüde stellte sich der Wölfin in den Weg, senkte den Kopf und zeigte mit einem gefährlichen Knurren die Zähne.

Ohne Regung blieb Kali an Biglias Seite, ihre gelben Augen fixierten nur den Hirten.

»Hierher Nestor!« Ein langgezogener Pfiff, der Hund wandte sich ab und trottete den Ziegen nach. Ein frostiger Blick des Hirten traf Biglia. Grußlos folgte er mit der Hündin der Herde.

Von dieser Begegnung an war die Wölfin beunruhigt. Ständig ließ sie ihre Blicke über Täler und Höhen gleiten. Weit lief Kali voraus, mit hochgerecktem Kopf witterte sie in alle Himmelsrichtungen, kam zurück, schaute zu ihrem Herrn empor und schien ihm Bericht zu geben.

»Was hat Kali? Spürt sie die Anwesenheit ihrer Wolfsbrüder hier im Gebirge?«

»Nein, das ist es nicht. Sie fühlt die Anwesenheit einer gewaltigen magischen Kraft.«

»Geht sie von dem Hirten aus?«

»Er ist daran beteiligt, ist aber nicht der Träger der Macht. Merkwürdig ...«

Schweigend irrten die Drei auf der Suche nach einer geeigneten Stelle umher. Jählings gab Kali einen warnenden Laut von sich. Ein heißeres Kraa, Kraa, Kraa war in den Lüften zu hören, es folgte ein scharfes Rak, Rak, Rak. Die Wölfin blickte zum Himmel empor, drehte ihren Kopf hin zu einer Bergkuppe, die mit Bäumen und Büschen bewachsen war. Obwohl windstill, bogen sie sich wie unter einer Windbö. Eingeschüchtert strich Kali ihrem Herrn um die Beine.

»Verdammt, ein Rabe kreist über uns! Das ist kein gewöhnlicher Rabe. Sieh dir die Spannweite der Flügel an, zwei Meter zum Allermindesten.«

»Was ist an einem Raben so besonders? Im Gebirge sieht man sie oft«, wollte Athina ihn beschwichtigen. So aufgeregt hatte sie Biglia noch nie erlebt.

»Er ist der Bote, unter Umständen der Ausgangspunkt der magischen Macht, die Kali spürt, ich weiß es!« Für Minuten stand Biglia bewegungslos da, blickte misstrauisch zu dem Raben hin, der immer noch sein Kraa, Kraa, Kraa schrie.

Endlich flog der Vogel nach Westen und verschwand hinter einem Berg.

»Die Gegend gefällt uns nicht«, sagte Biglia, ließ im Weitergehen misstrauisch die Augen wiederholt zur Bergkuppe und zum Himmel schweifen.

Endlich fand der Magier, was er suchte. An einem karg bewachsenen Südhang stand der abgestorbene Stamm einer Robinie. Biglia zog ein Messer aus seinem Rucksack und grub zwischen den Wurzelsträngen ein Loch in die harte Erde, tief genug, um den Topf mit dem unheimlichen Inhalt aufzunehmen.

»Das wird genügen. Stell das Gefäß hinein.« Sorgfältig bedeckte er den Topf mit Erde, füllte den Rest in den Rucksack und verwischte mit den Händen alle Spuren.

»In einem Jahr werden der harte Winterfrost und die sengende Sommersonne die Teile verhärten, Athina. Mithilfe des magischen Trägers werde ich dich lehren, ihn für Beschwörungen zu gebrauchen.«


Nackt kuschelten sie nach ihrem Liebesakt in gelben Kerzenlicht unter warmen Fellen. Eine Frage quälte Athina schon lange: Wenn Biglia unverbrauchte magische Energie brauchte, würde er sich – ohne auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen – nach einer jugendlichen Sternenstaubträgerin umtun, um mit ihr zu schlafen. Was würde sie im gleichen Falle machen?

»Wenn mein Sternenstaub verbraucht ist, woher beschaffe ich mir Ersatz? Und wie?«

Der Hexer blickte sie an. »Langfristig darfst du nicht hier in Volos Wurzeln schlagen! Ziehe, so wie ich, kontaktfreudig durch die Welt. Wenn es dir an Geld fehlt, suche die Freundschaft der Reichen. Erweitere deine Suche bis in fernliegende Länder. Lege dir auf deinen Reisen eine Liste der jugendlichen Männer an, die Träger unberührten Sternenstaubs sind. Wenn du in eine Notlage kommst, ziehe die Liste zurate und wähle einen passenden Jüngling aus. Du vereinigst dich körperlich mit ihm, entreißt ihm seinen Sternenstaub und aktivierst ihn in dir. Hierfür muss in ihr zumindest noch ein minimaler Vorrat an Sternenstaub vorhanden sein. Warte deshalb damit nicht zu lange.«

»Ich soll mit anderen Männern Liebe machen?« Athina war fassungslos. »Das macht dir nichts aus?«

»Nein. Warum auch? Es geht dabei ja nicht um Liebe, es geht um einen rein technischen Akt, der dir helfen soll, deine magischen Fähigkeiten zu erhalten.«

Im Geheimen beglückwünschte sie sich, die Nähe zur reichen Atridi mit dem Tod ihrer Eltern perfekt vorbereitet zu haben.

Einen Schwachpunkt in Biglias Vorschlag fand sie sofort: »Wenn ich keinen geeigneten Spender finde, wenn mir nur Frauen und Kinder als Sternenstaubträger über den Weg laufen? Wie gehe ich dann vor?«

Biglia zögerte mit einer Antwort, als Weißmagier hatte er seit geraumer Zeit erkannt, dass seine Geliebte trotz ihrer engelhaften Erscheinung die Anlagen zu einer Schwarzmagierin in sich trug.

Athina sah ihn liebevoll an, ihre Hand wanderte über seine Brust, seinen Bauch entlang hinunter zu seinem Glied. Mit kräftiger Hand begann sie es zu massieren.

Berauscht vor Wonne stöhnte er auf und stellte alle Bedenken zurück. »Es gibt noch einen anderen Weg, an unberührten Sternenstaub heranzukommen«, flüsterte er und seine Stimme erstarb.

Athina verstärkte ihr Bemühungen.

»Ich bin diesen schweren Weg noch nie gegangen, hoffentlich wirst auch du ihn nie beschreiten müssen«, sagte er endlich. »Du kannst einen sternenstaubträger – Mann, Frau oder Kind – auch mit einer Beschwörung exekutieren, um ihm seine innewohnende Energie zu entreißen. Der Fluch ist verdammt schwierig auszuführen, auch nicht risikofrei für den Magier persönlich! Er gelingt nur, wenn man noch einen umfangreicheren Vorrat an Sternenstaub besitzt.« Jetzt, wo er mit der Sprache herausgerückt war, bedauerte er seine Worte.

Athina gab sich den Anschein, schockiert zu sein. »Du meinst ... Das ist nicht dein Ernst! Ich müsste ein Kind oder eine Frau umbringen?«, stammelte sie.

»So ist es. Dir bleibt keine andere Wahl. Du musst einen Mord begehen!«

›Ich will mein Leben als Magierin enden, nicht als gewöhnlicher Mensch‹, nahm Athina sich vor. ›Jemanden den Tod zu bringen, was ist schon dabei? Ich habe es längst getan und kann es wiederholen.‹ Sie versuchte, ihrer Stimme einen gleichgültigen Ton zu geben. »Gehört der Fluch zu meiner Ausbildung?«

»Ein Magier muss alle Flüche kennen, auch solche, die er nie anwenden wird.«

Athina war mit der Antwort zufrieden. Sie blickte zu Kali hin. »Und Tiere? Wie ist es mit deiner Wölfin? Woher bekommt sie jungfräulichen Sternenstaub her? Von Menschen oder Tieren?«

Biglias Augen verdunkelten sich. Er legte seine Hand auf den Kopf der Wölfin, die neben ihm ruhte und ihn mit unergründlichen gelben Augen liebevoll ansah. »Meine treue Begleiterin, woher bekommst du ihn? Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt, ich bin froh darum!«

»Tragen alle menschlichen und tierischen Sternenstaubträger den gleichen Sternenstaub in sich?«

»In den Legenden der Roma wird erzählt, es gäbe Sternenstaub von auserlesener Reinheit, der schon vor der Geburt des Lichtes existiert haben soll. Seine Träger sollen keinen weißen, sondern einen schwarzen Stern tragen. Der Schwarze Sternenstaub soll es seinem Träger ermöglichen, den Tod zu besiegen, gleichgültig, in was für einer Gestalt er kommt. Im Rahmen der Heilung muss ein Teil dieser speziellen magischen Energie auf den Todgeweihten übertragen werden. Der Fluch der guten Tat ist freilich, dass sich der Hexer damit einen potenziellen Konkurrenten erschafft.«

Athina war elektrisiert. »Heiliger Strohsack, mit dieser Fähigkeit könnte man sich ja über alle Menschen erheben«, sagte sie träumerisch.

»Vorsicht, bleibe immer auf dem Teppich«, ermahnte Biglia. »Ich hörte von den Alten, dass vor über zweihundert Jahren eine Schwarze Sternenstaubträgerin als Hexe bei einer unserer Sippen gelebt habt. Ihr Leben ist in einer Tragödie geendet.«

»Wieso das? Mit ihrer gottähnlichen Macht?«

»Man brachte unseren Schmied zu ihr, ein Bär hatte ihn übel zugerichtet, keinen Pfifferling gab man für sein Leben. Seine Fähigkeiten waren wertvoll für unseren Stamm, mit Schwarzen Sternenstaub konnte die Hexe ihn heilen. Am nächsten Tag war er verschwunden. Monate später kehrte er wieder, seine magische Energie war initiiert, er war zu einem kolossalen Hexer geworden. Die Arbeit als Schmied passte ihm nicht mehr, er beanspruchte die Führung der Sippe. In einem Kampf auf Leben und Tod verloren beide Träger des Schwarzen Sternenstaubs ihr Leben. So viel zu der gottähnlichen Macht.«

Der Engel mit den blutigen Händen

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