Читать книгу Marionette des Teufels - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 27
ОглавлениеHauptkommissar Berthold Brauser hatte im Café Greindl längst seinen Stammplatz: an der hinteren Wand, mit Blick auf den Tresen, mit Blick auf die Tür, mit Blick auf alle Gäste im Raum.
Wenn er erst einmal Platz genommen hatte, genügte ein Wink mit der Hand und schon brachte Stefan, ein junger Mann, der sich neben dem Studium ein bisschen Geld mit Servieren verdiente, einen Cappuccino mit allem, was das Herz eines Mannes begehrte, den es nach Koffein lechzte.
„Wie wäre es mit einem Heidelbeerstrudel? Ganz frisch und sehr lecker.“
Brauser schmunzelte amüsiert. „Lecker ist bei euch doch alles.“
„Aber Herr Hauptkommissar, bei Ihrem Job braucht man doch vor allem Standfestigkeit, und die bekommen Sie nicht vom Hungern“, argumentierte Stefan, der glaubte, Brauser wäre auf Diät.
Er nickte zufrieden, das war das Argument, das er immer brauchte und dem er sonst nie widerstehen konnte. Doch heute blieb er standhaft und ließ sich nur einen Cappuccino bringen.
Das Café Greindl hatte es ihm angetan. Hier konnte er ungestört und aus einer völlig anderen Perspektive an den Fall denken, den er gerade bearbeitete.
Der Kommissar wählte seinen Platz immer so aus, dass er möglichst viel von den anderen Gästen sehen konnte. Noch lieber, als an der Rückwand des Cafés, saß er draußen auf der Straße und verfolgte das bunte Treiben. Sah den Touristen zu, die hier vorbei und in Richtung Dom oder Innenstadt gingen. Dabei musterte er einen nach dem anderen und fragte sich, woher sie kamen und was sie taten, wenn sie nicht mit Fotoapparat und Regenschirm eine fremde Stadt besichtigten.
Dabei konnte er sich total verlieren. Das ging so weit, dass er im vergangenen Sommer fast nicht bemerkt hatte, dass eine junge Frau zu ihm an den Tisch gekommen war und ihn fragte, ob sie sich zu ihm setzen durfte. So etwas war ihm noch nie passiert und entsprechend verlegen war er dann auch gewesen. Bis heute wusste er eigentlich nicht, was sie bei ihm gesucht hatte. Aber es war ein sehr netter Nachmittag geworden. Vergessen waren die Touristen und was ihn sonst beschäftigt hatte. Sie hatten viel zusammen gelacht und Brauser hatte sich geschmeichelt gefühlt, denn sie war nicht nur jung gewesen, sie hatte auch sehr gut ausgesehen.
Als er den letzten Milchschaum aus seiner Tasse gelöffelt hatte, kam Stefan erneut an den Tisch, räumte das Geschirr zusammen und stellte es auf die freie Seite, dann setzte er sich auf ein Schwätzchen zu ihm. Es war nicht viel los im Moment.
„Und, Herr Hauptkommissar, gibt’s etwas Neues bei Ihrem Fall?“
„Nein, Stefan, nichts, leider.“ Brauser mochte den jungen Mann. Er trug zwar manchmal dick auf, aber das tat er nur, um ein besseres Trinkgeld zu bekommen. Die Leute werden ja immer geiziger, hatte er mal erzählt. Er war auch so ein Kerl, den er vom Fleck weg adoptiert hätte, genauso wie seine Franziska. Vielleicht sollte er sie mit ihm zusammenbringen. Aber erst, wenn Stefan mit seinem Studium fertig war und das konnte noch ein bisschen dauern, denn er wollte Lehrer werden.
„Ich gehe bald in Rente“, sagte Brauser auf einmal.
„Aber das kann doch nicht sein, lassen die Sie denn schon so früh gehen?“
„Du brauchst mir nicht schmeicheln. Ich bin fast fünfundsechzig.“
Stefan erhob sich, weil zwei ältere Damen das Café betreten hatten. Laut unterhielten sie sich über die Einrichtung.
„Fast wie in Wien, sag ich dir und es riecht genauso gut.“ „Grüß Gott, die Damen, was darf‘s denn sein?“
Belustigt beobachtete der Kommissar, wie Stefan sich um die zwei alten Damen kümmerte und sie nach ihren Wünschen fragte, und er hoffte für ihn, dass sich dieses Anbiedern auch hinterher auszahlte. Die zwei mochten sein Alter haben und hatten sich dafür erstaunlich aufgebrezelt. Vielleicht kamen sie gerade vom Friseur, begann er zu spekulieren, und während er das tat, erinnerte er sich wieder an die junge Frau vom Sommer und fragte sich zum hundertsten Mal, was sie von ihm gewollt haben konnte.
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