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Kapitel Zwei

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Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend gross seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.

(Epheser 1,18-19)

Zoe las den Brief mehrmals, um wirklich sicherzustellen, dass sie alles verstanden hatte, was darin stand. Die Einladung schien tatsächlich echt zu sein. Mit einem Mal war ihr Herz von Vorfreude erfüllt, und sie sprang aus ihrem Sessel auf, bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen – doch ebenso unvermittelt hielt sie inne, weil sie plötzlich an die möglichen Gefahren dachte.

Ihre ängstlichen Gedanken wurden unterbrochen, als ihr bewusst wurde, dass sie bisher das Päckchen des Königs noch gar nicht geöffnet hatte. Sie riss das braune Papier ungeduldig auf und zog zwei lange Kleider aus einer kleinen Kiste – eine sehr unerwartete Überraschung. Aber ihre Freude wurde durch einen Anflug von Enttäuschung getrübt, als sie die Farbe der Kleider sah. Sie waren von dem eintönigsten Violett, das sie je gesehen hatte. Als sie die beiden näher betrachtete, bemerkte sie, dass beide den gleichen, einfachen Schnitt hatten; aber das eine war aus Wolle, während das andere aus Baumwolle war. Sie streifte das Baumwollkleid über, und es sass wie angegossen und hatte genau die richtige Länge, so dass es bis auf ihre Knöchel fiel, wie sie es mochte.

Als sie das Kleid wieder auszog, wurde es dabei von innen nach aussen gewendet. Sie sah genau hin und bemerkte eine Tasche an der Innenseite des Mieders. Was für eine seltsame Stelle für eine Tasche, dachte sie. Als Nächstes entdeckte sie ein in Leder gebundenes Buch. Ein Tagebuch, um all ihre Abenteuer aufzuschreiben, vermutete sie – noch niemals hatte sie etwas derart Schönes besessen. Sie wusste, es war etwas, das sie wie einen Schatz hüten würde.

In dem Tagebuch fand sie eine zusammengefaltete, vergilbte Karte, die ihr einen Weg zeigte, der sich durch bewaldetes Gebiet, über Klippen, durch eine riesige Wüste, das Meer, Höhlen, einen Fluss, Wasserfälle und Weideland bis hin zu dem Berg wand, wo der König lebte. Aber selbst mit dieser Karte, der sie folgen konnte, fragte sie sich, ob sie Remira jemals finden würde, weil sie grosses Geschick und Mut brauchen würde, all die angegebenen Stellen zu finden und ihnen zu folgen. Was war mit all den seltsamen und fremdartigen Geschöpfen, die angeblich in den Regionen jenseits von Brenmoor lebten? Aber trotz allem konnte sie ihre Sehnsucht nicht länger leugnen, nach Remira aufzubrechen. Etwas schien sie dorthin zu ziehen.

Sie sah noch einmal in der Kiste nach und entdeckte dabei eine Kristallflasche. Als sie die Flasche öffnete, stellte sie fest, dass sie mit Wasser gefüllt war. Da sie für ihre Reise auf jeden Fall Wasser benötigen würde, war sie selbst für diesen kleinen Behälter dankbar. Ganz unten in der Kiste kam ein fester brauner Lederbeutel zum Vorschein, damit sie alles Nötige tragen konnte. Sie packte alle Gegenstände sorgfältig in den Beutel und setzte sich auf ihren Stuhl. Dieser Tag erschien ihr wie einer ihrer vielen Tagträume.

Zoes Magen knurrte und durchbrach die Stille, was sie daran erinnerte, dass sie immer noch nichts zu sich genommen hatte. Aber im Moment stand ihr der Sinn nicht nach Essen. Ihre Augen schweiften in ihrem kleinen Zuhause umher und blieben endlich bei der verlöschenden Glut im Kamin hängen. Sie fragte sich, ob ihr Leben enden würde wie diese Kohlen, die nach und nach ihr Leben verloren, bis sie schliesslich ganz verlöschten und starben.

Sie quälte sich stundenlang mit den Zweifeln in ihren Gedanken. Sie war zu aufgewühlt, um zu essen, und da es immer später wurde, beschloss Zoe, zu Bett zu gehen. Als sie letzten Endes im Bett lag, dachte sie an all die Leute, von denen sie gehört hatte, die über die Grenzen von Brenmoor hinaus gereist waren, und die einfach verschwunden waren. War es möglich, dass auch sie auf dem Weg nach Remira waren? Sie erschauerte, als sie daran dachte, aber sie hatte schliesslich eine Einladung erhalten, und der Bote schien ebenfalls echt gewesen zu sein. Und was war mit ihrem Traum? Es war nur ein Traum – aber er schien so real gewesen zu sein. War Remira der Ort, an dem Träume wahr werden? Es war ein Abenteuer, nach dem sie sich zutiefst sehnte; aber hier in ihrem kleinen Häuschen war alles so sicher. Sie führte ein wunderbar geschütztes Leben, weshalb sollte sie all das aufs Spiel setzen? All ihre Unsicherheiten brachen auf einmal über sie herein. Es schien fast, als würden sie die Oberhand gewinnen, während sie sich noch stundenlang hin und her wälzte.

Sie wusste, dass sie vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens stand. Wenn Remira wirklich das Land aus ihrem Traum war, würde sie dort Frieden, Leben und Sicherheit in Fülle finden. Aber der Weg dorthin war scheinbar eine einzige Folge von Gefahren und Unsicherheiten.

Endlich stellte Zoe zu ihrer grossen Freude fest, wie all ihre Sorgen und Gedanken sie verliessen. Es dauerte nicht lange, und sie träumte von einem friedlichen Land weit, weit weg. Als sie am folgenden Morgen erwachte, war sie sich ihrer Antwort sicher.

Zoe wartete bereits, als der Bote klopfte. Erneut überkamen sie Wellen von Furcht und Zweifel; aber die goldenen Funken in ihren grossen braunen Augen leuchteten voller Vorfreude, als sie ihm die Türe öffnete.

„Ich werden gehen.“ Sie wiederholte lachend: „Ich werde gehen.“

Kieran gefiel diese Antwort ganz offensichtlich. „Die Entscheidung für diese Reise war nicht leicht für Euch; aber Ihr werdet sie nicht bereuen, Zoe. Abenteuer, von denen Ihr bislang nur geträumt habt, warten auf Euch. Sie werden Euch Leben bringen, und Ihr werdet in einem Jahr mehr erleben als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Die Abenteuer werden Euch in den Menschen verwandeln, als der Ihr geschaffen wurdet, damit Ihr, wenn Ihr erst einmal in Remira angekommen seid, dort auch Euren vorherbestimmten Platz einnehmen könnt. Das ist Eure Berufung, aber – wie Ihr bereits gewarnt seid, ist die Reise voller Herausforderungen. Sie soll all diejenigen abhalten, die nicht über den nötigen Glauben und Mut verfügen, Remira zu erreichen und dort mit dem König zu herrschen.“

„Aber, mein Herr, ich bin doch nur eine arme, ganz gewöhnliche Frau. Wenn ich jemals wohlbehalten in Remira ankommen sollte, ist das bereits mehr, als ich erwarten könnte. Aber mit dem König zu herrschen – das geht wirklich über meinen Glauben hinaus.“

„Euer Glaube wird wachsen. Von dem Moment an, als Ihr die Entscheidung getroffen habt, diese Reise anzutreten, wart Ihr keine gewöhnliche Frau mehr. Aber noch seid Ihr nicht in den königlichen Stand eingetreten, zu dem Ihr berufen seid. Gerade deswegen müsst Ihr bereits jetzt beginnen, zu denken und zu handeln wie jemand, der berufen ist, mit dem König zu herrschen“, entgegnete er und verneigte sich tief vor ihr.

Zoe war das äusserst peinlich, und sie wusste, dass ihr Gesicht von einer tiefen Röte überzogen war. Dennoch wurde sie von einer Erregung erfüllt, die sie ihren Kopf höher halten liess. Der Bote fuhr fort, wobei seine Stimme von einem tiefen Res­pekt geprägt war, den sie zuvor nicht bemerkt hatte; und so

hörte sie umso aufmerksamer auf das, was er ihr noch zu sagen hatte.

„Der König hat viele Feinde. Sobald sie herausfinden, dass Ihr versucht, nach Remira zu gelangen, werden sie versuchen, Euch aufzuhalten. Sie wollen nicht, dass sich jemand dem König naht. Sie versuchen verzweifelt zu verhindern, dass Ihr Eure Bestimmung erfüllt. Aber fürchtet Euch nicht – geht immer voran und wendet Euch niemals zurück. Das ist das Wichtigste. Wenn Ihr Euch nämlich zurückwendet und umkehrt, wird der Feind mit einer tödlichen Falle auf Euch warten. Der König wird Euch zur Seite stehen, solange Ihr auf dem richtigen Weg bleibt. Morgen, Zoe, beginnt ein neues Leben für Euch. Macht Euch noch vor Sonnenaufgang auf den Weg. Erinnert Euch stets daran: Ihr werdet nicht versagen, solange Ihr nicht stehen bleibt. Wie Ihr Glauben für den Anfang benötigt habt, werdet Ihr jeden Tag neuen und grösseren Glauben brauchen, um weiter zu gehen. Haltet Euch immer vor Augen, dass Glaube für Euch sogar noch wichtiger als Nahrung ist.“

Auf königlichem Pfad

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