Читать книгу Kehrtwende - Dirk Bierekoven - Страница 8

Оглавление

Oberst Karl Steinhoff

Drei Abteilungen waren in dem Geschoss untergebracht, ein Teil der Verkehrspolizei, Kriminalpolizei und wir vom MUK.

Insgesamt acht zuständige Mitarbeiter inklusive einer Stenosachbearbeiterin zählte unsere glorreiche Truppe.

Unsere Büros lagen am Ende des Ganges und meines war das letzte hiervon. Ein Eckbüro mit Blick auf den Alexanderplatz. Absoluter Hauptgewinn.

In den letzten vier Büros rechts und links vor meinem saß normalerweise der Rest der Kollegen.

Im ersten Büro links arbeitete Melanie Schober, besagte Stenosachbearbeiterin.

Rechts gegenüber Helmut Krug, Kriminaltechniker.

In den nächsten zwei Büros vier weitere Mitarbeiter, die sich zu zweit ein Büro teilten, und dann, wie gesagt, meines am Ende.

Ich schaute im Vorbeigehen in jedes einzelne Büro und erntete gähnende Leere. Das war jetzt schon seit Tagen so. Nicht mal die Schober war da, die eigentlich immer da war, was verdammt frustrierte.

Ich betrat mein schmales Büro, schmiss die Lederjacke an den Kleiderständer und ließ mich in den weich gefederten Drehstuhl fallen. Der Schreibtisch vor mir, aus hellem Hartholz, quoll über von Akten, Papieren, einer Schreibmaschine und dem beigen Telefonklotz mit Drehwählscheibe. Ein Holzregal stand an der gegenüberliegenden Wand und bog sich bis aufs Äußerste gespannt unter Büchern und weiteren Aktenordnern. Hinter mir hing als einziges Bild im Raum, in feinem Holzrahmen, das Konterfei des Genossenbosses Honecker.

Kaum dass ich saß, ließ der erste Koffein-Zucker-Aufpäppler von zu Hause bereits nach und die verlorenen Nächte forderten ihren Tribut. Ich sackte in mich zusammen und fühlte mich furchtbar alt und erschöpft. Verdrängen hilft ja eine Weile, aber eben nicht ewig. Entschloss mich aber weiter fürs Verdrängen. Öffnete die Schreibtischschublade, nahm mir zwei weitere Titretta, ein Glas und eine Flasche Wodka heraus. Schmiss die Titretta in den Mund und zerkaute sie. Der bittere Geschmack brachte mich zum Würgen, aber die Tabletten wirkten schneller so und irgendwie hatte ich diese leichte Geißelung auch verdient. Füllte das Glas bis zum Rand voll mit Wodka und spülte die Arznei runter. Dann stand ich auf, schlenderte ans Fenster und schaute rechts hinüber auf den sich ausbreitenden Alexanderplatz.

Feiner Nieselregen bedeckte den Platz mit einer dünnen Schicht Wasser und ließ ihn aussehen wie einen riesigen Spiegel, vereinzelt durchzogen von schwarzen Regenschirmen, die scheinbar selbständig über den Platz zu schweben schienen.

Der Regen traf im leichten Winkel auf mein Fenster, sammelte sich dort zu kleinen Tropfen und perlte dann in langen Streifen ab.

Ich schaute den schmalen Rinnsalen zu und wurde verdammt schwermütig. Es sollte noch ein paar Tage so regnerisch bleiben, hatten sie im Radio gesagt. In der Nacht zuvor hatte es einen Temperatursturz gegeben. Innerhalb kurzer Zeit waren die Temperaturen um fast fünfzehn Grad gesunken. Die Luft kühlte sich schnell ab, aber der Boden brauchte etwas länger, so bildeten sich Nebelschwaden, die noch immer durch die Straßen zogen wie herrenlose Schäferhunde auf der Suche nach Abwechslung.

Oh, Mann, jetzt analysiere ich schon das Wetter, dachte ich gerade, als das Telefon klingelte.

Ich wollte es ignorieren, wirklich. Fühlte mich gerade so richtig schön mollig warm eingepackt in meiner Melancholie und hätte noch Stunden am Fenster stehen und rausschauen können, doch das schrille Läuten überstrapazierte meine Nerven unmittelbar, also lief ich zurück zum Schreibtisch, hob ab und trällerte: „Jawoll!“

Die Stimme am anderen Ende sagte: „Mulder, sind Sie das?“

Hauptmann Sacher, mein Boss.

„Jawoll“, wiederholte ich.

„Warum dauert das so lange?“

„`tschuldigung, war grad beschäftigt, der Regen zeichnet so wunderschöne Formen auf mein Fenster und …“

„Kommen Sie in mein Büro, sofort!“ Und legte auf.

Ihnen auch einen schönen guten Morgen, wollte ich nachschieben, aber die Leitung war bereits tot.

Jemand hat mal geschrieben: „Man kann immer nett zu jenen sein, die uns nichts angehen.“ Ich lächelte, schüttete mir noch mal von dem Klaren ein, stellte die Flasche zurück in die Schublade und leerte den Magenwärmer in einem Zug. Dachte kurz über ein paar Amfis nach, die Aponeuron-Packung lächelte mich schief unter einem Stapel Papieren an. Verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Es war besser, halbwegs nüchtern beim Chef anzutanzen. Könnte wichtig sein und da wollte ich nicht wie ein Wackeldackel auf dem Armaturenbrett eines Rallyewagens erscheinen und irgendwas verpassen.

Ich stiefelte zurück in den Flur, horchte kurz noch einmal in die Stille und erschauderte. Der Laden ging ernsthaft den Bach runter.

Das Büro von Sacher lag zwei Stockwerke über unserem. Ein Treppenhaus befand sich gleich neben meinem Büro. Zum Aufzug hätte ich den gesamten Flur wieder zurück durchqueren und mir den Frust des Zerfalls noch einmal vor Augen führen müssen. Ich entschloss mich, die Treppe zu nehmen, und hoffte, dass die Bewegung mir guttun würde.

Tat sie nicht.

Oben angekommen, war mir übel, und mein Hirn pochte im Einklang mit meinem Puls an seine Rinde. Das war definitiv noch nicht genug Wodka zum Überbrücken gewesen.

Vor Sachers Büro standen zwei Gestalten Spalier. Einer links, einer rechts. Beide groß und grimmig dreinschauend. Beide trugen Cordhose, Rollkragenpulli und Lederjacke.

Geleitschutz.

War gespannt, wer da wohl im Büro wartete. Mir wurde ein wenig mulmig. Hatte ich Mist gebaut? Kramte in den letzten Tagen, fand aber nichts, oder vielleicht das Auto auf der Bornholmer Straße? Zuckte kurz mit den Schultern und trat ein.

Mein Boss saß hinter seinem Schreibtisch und unterhielt sich mit einem weiteren Mann, der auf einem Stuhl in der Ecke des Büros saß. Der Mann, ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig, hatte schwarzes Haar, mit grau durchzogen und zum Seitenscheitel gekämmt. Schmale Lippen eine große, leicht schiefe Nase und seine Augenbrauen waren an ihren Enden leicht hochgebogen. Eigentlich gutaussehend, so ein bisschen wie Klaus-Peter Thiele, wenn er nicht diese beschissen hässliche Uniform getragen hätte, die ihn automatisch zum Arschloch abstempelte.

Sie unterbrachen ihr Gespräch abrupt, als ich eintrat, und Sacher bat mich Platz zunehmen.

Er sah mich mit seinen dunklen Augen, die weit verborgen hinter seinen buschigen Augenbrauen saßen, ausdruckslos an. Ich konnte nichts daraus lesen. Keinen Ärger, keinen Zorn und definitiv keine Freude. Das war nicht gut, so viel war klar, und es irritierte mich.

Ich kannte Sacher jetzt seit einigen Jahren und mit den Jahren lernt man kleinste Hinweise in Gestik und Mimik zu lesen, beabsichtigte und unbeabsichtigte, doch an diesem Tag, in diesem Raum schenkte mir sein rundes, aufgequollenes Gesicht nicht den kleinsten Furz eines Hinweises.

Das war ein Fehler gewesen und das hätte ihm klar sein müssen. Das konnte ich ihm nie mehr verzeihen.

Ich nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz und er begann:

„Mulder, das ist Oberst Karl Steinhoff vom Staats-sicherheitsdienst, er wird an unserer Unterhaltung teilnehmen.“

Stasi? Hier? Warum? Eigentlich hatten wir mit denen nichts an der Backe, das war gar nicht gut.

Ich drehte mich um und nickte der Uniform zu. Sie nickte zurück und versuchte kläglich, freundlich zu grinsen. Das war gruselig.

„Mann, Mulder, Sie sehen beschissen aus“, bemerkte Sacher, „in welchem Loch haben Sie die letzten Tage gesteckt?“

„Hab nur schlecht geschlafen, Chef, alles gut.“

Sacher schaute in die Ecke und zog die Augenbüschel hoch, nahmen sie mir natürlich nicht ab.

„Sicher“, sagte er, „aber egal jetzt, ich bin froh, dass Sie hier sind“, und hierbei zeigte er das erste Mal eine Regung, die ich deuten konnte. Er war nicht froh, dass ich da war.

Und er fuhr fort: „Ich habe Arbeit für Sie. Ich möchte, dass Sie einen Mordfall übernehmen.“

Mordfall? Plötzlich ging es mir besser. Adrenalin schoss mir in den Magen, dass es fast weh tat.

„Gestern Abend gegen 22 Uhr ist ein Mann auf offener Straße angegriffen worden. Der Angriff ereignete sich in Berlin-Köpenick, Alfred-Rand-Straße Ecke Sandschloßweg. Der Mann wurde mit über zwanzig Messerstichen in Oberkörper, Hals und Kopf getötet, hat ihm dabei fast den gesamten Kopf abgetrennt, bestialisch. Offensichtlich ein Verrückter. Ich habe Krug bereits hingeschickt, um die Spuren zu sichern, und Schober, damit sie ihm assistieren kann.“

„Moment“, unterbrach ich ihn, „Melanie Schober, die Stenosachbearbeiterin?“, fragte ich.

„Ja, ich weiß“, antwortete er, „das ist eigentlich nicht ihre Arbeit, aber wie Sie wissen, sind wir zurzeit dünn besetzt …“, (was die Untertreibung des Jahres war), „…und sie soll lediglich dokumen- tieren, was Krug findet. Es gibt wohl zahlreiche Hinweise am Tatort. Fußabdrücke, Stofffetzen und Erbrochenes.“

Ich stockte.

„Kotze?“, fragte ich.

„Ja, möglicherweise vom Täter. Könnte den Hunden helfen. Ich möchte, dass Sie den Fall übernehmen. Packen Sie Ihre sieben Sachen und fliegen Sie mit Ultraschall ein. Dürfte kein großes Problem sein, den Kerl zu fassen“, und schmiss mir die Akte rüber.

Ich nahm sie an mich, ohne aber gleich reinzuschauen, ich wollte den ersten richtigen Fall seit einer kleinen Ewigkeit in meinem Büro mit einer heißen Tasse Kaffee genießen.

Blieb aber erst mal noch sitzen und fragte: „Irgendwelche Zeugen, Tatverdächtige, Verwandte, Freunde?“

„Lesen Sie die Akte!“, antwortete Sacher.

„Alles klar, bin schon bei der Sache.“

Blieb aber weiter sitzen.

Was machte die Stasi hier?

Für einen Durchschnittsmordfall sortierten die normalerweise nicht mal ihre Eier in der Hose neu und jetzt saß ein Oberst des MfS hier im Büro und hörte sich unsere Unterhaltung an.

Irgendetwas fehlte.

Alle schauten sich an, aber schwiegen und als letztlich scheinbar doch keiner mehr etwas hinzuzufügen hatte, erhob ich mich vom Stuhl, sagte kurz: „Alles klar, Chef, bin schon bei der Arbeit“, und schlurfte zurück zur Tür. Gerade wollte ich die Türklinke drücken, da seufzte Sacher ein lang gedehntes „Muuldeer“ aus. Ich blieb stehen, sah ihn an und dachte: „Jetzt aber.“

„Sehen Sie sich die Akte an“, wiederholte er genervt.

„Äh, jetzt gleich hier?“, fragte ich. „Ich wollte eigentlich in mein Büro gehen, mir eine Tasse Kaffee machen und …“

„Sehen Sie sich die Akte an. Jetzt. Hier.“

Ich nahm wieder Platz, schaute die Uniform kurz an, dann meinen Chef.

Die Luft knisterte, ich öffnete die Akte und begann zu lesen:

Polizeibericht, vom 11.11.1989, ... bla, bla, bla … das Opfer, Max Schulte, wurde aufgefunden mit ca. 20 Messerstichen,

bla, bla, bla …

.

.

.

Mooomentchen, dachte ich, und es begann mir in den Ohren zu klingeln, das ist jetzt nicht wahr, oder?

Ich sah über die Akte hinweg meinen Chef an und eigentlich hätte ich mir die Frage sparen können. Seine Augen verrieten mir bereits die Antwort, doch ich fragte trotzdem:

„DER Max Schulte?“

Sacher sah in die Ecke, dann wieder zu mir und nickte.

Ich drehte mich auf meinem Stuhl um und starrte die Uniform an, er verzog keine Miene.

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte ich, sprang auf, zeigte auf die Uniform in der Ecke und zischte: „Ist er deswegen hier, um mir Angst einzujagen, falls ich ablehne?“

„Setzen Sie sich“, antwortete Sacher, doch ich wollte mich nicht setzen, ich wollte Stunk.

„Warum ich?“, fragte ich und schmiss die Akte auf den Schreibtisch, als würde sie mir die Finger versengen.

„Was soll das?“, fuhr ich fort. „Ich dachte, Sie mögen mich. Ich dachte, Sie schätzen mich ein wenig. Wie können Sie mir jetzt mit so einem Scheiß kommen. Alles geht den Bach runter und Sie wollen mir jetzt noch einen draufsetzen? Das mache ich nicht, auf keinen Fall! Suchen Sie sich jemand anderen, das geht so nicht.“ Drehte mich um und wollte wieder die Türklinke drücken, als Sacher schrie:

„Setzen Sie sich verdammt noch mal hin, Mulder, und lassen Sie uns wie vernünftige Erwachsene darüber reden.“

Ich sah ihn an. „Wie vernünftige Erwachsene?“, fragte ich. „Was zum flotten Erich ist daran vernünftig?! Sie kennen meine Vergangenheit mit Schulte, wie kann das vernünftig sein, was Sie von mir verlangen?“ Ich sah im Augenwinkel, wie die Uniform beim „flotten Erich“ kurz zuckte, aber sie sagte nichts.

Sacher hob beschwichtigend die Hand. „Bitte setzen Sie sich, damit wir darüber reden können.“

„Ich will nicht darüber reden. Das widerspricht einfach jeglicher Logik und Ethik. Sie können doch nicht ernsthaft eine objektive und professionelle Aufklärung von mir verlangen nach allem, was passiert ist. Polizeiarbeit braucht Leidenschaft, Polizeiarbeit braucht Instinkte, dass wissen Sie genauso gut wie ich. Die einzige Leidenschaft, die ich hier aber gerade verspüre, ist, eine Flasche Krimsekt zu köpfen und auf den Leichensack dieses Arschlochs zu pinkeln. Und mein Instinkt rät mir dringend dazu, genau dies jetzt auch zu tun. Suchen Sie sich jemand anderen.“

Die Uniform schickte sich an aufzustehen, aber mein Chef gebot ihm mit seiner Hand, einen Moment Geduld zu bewahren. Hier lief gerade etwas mächtig schief und war im Begriff zu eskalieren.

„Das ist das Problem“, sagte Sacher, „ich habe keinen anderen, Mulder. Sehen Sie sich um. Es ist niemand hier außer Ihnen, keiner aus Ihrer Einheit, und der Fall gehört nun einmal zu Ihrer Einheit, das ist einfach so. Und da Sie der Einzige und zudem auch noch der Beste sind, werden Sie den Fall übernehmen, das kommt von ganz oben und ist nicht diskutierbar.“

Mir blieb die Spucke weg.

Ich stand da und Hitzewallungen durchzogen meinen Körper.

Rücken rauf, Rücken runter.

Meine Gedanken sprangen in Panik vor den Konsequenzen dessen, was in den nächsten Minuten alles passieren könnte, hin und her.

„Glauben Sie nicht, dass mir das gefällt, Mulder“, fuhr Sacher fort, „und wenn ich könnte, wie ich wollte, würde das anders laufen. Kann ich aber nicht, also tut es mir leid, aber so ist es jetzt.“

Ich war sprachlos, schaute von Sacher zur Uniform und wieder zurück und sagte: „Tut mir leid, Chef, geht nicht.“

Sacher wollte gerade noch einmal ansetzen, wurde aber von der Uniform unterbrochen, die sich nun erhob und auf mich zutrat. Sacher lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er war jetzt raus aus dem Spiel.

Steinhoff sah mich an und begann ganz ruhig zu sprechen. Seine Stimme war ein wenig zu hoch für seine Körpergröße und viel zu sächsisch für meinen Geschmack.

„Hören Sie gut zu, Mulder. Sie werden den Fall bearbeiten, und zwar mit aller nötigen Objektivität und Professionalität, die hierfür vonnöten ist. Schalten Sie von mir aus Ihre Leidenschaft aus, und Ihre Instinkte können Sie ebenfalls zu Hause lassen. Halten Sie sich an die Fakten und finden Sie den Mörder. Und wenn Sie ihn gefunden haben, werden Sie als Allererstes mich und nur mich alleine darüber informieren. Und finden Sie ihn schnell.“

„Das kann ich nicht tun“, antwortete ich, „oder nein, besser gesagt, ich will das nicht tun.“

Steinhoff trat näher an mich heran, sodass wir jetzt Nase an Nase standen.

„Das ist keine Bitte, Mulder“, fuhr er fort, „das ist ein Befehl!“

„Schon klar“, sagte ich, „geht aber trotzdem nicht.“

Das war eine direkte Befehlsverweigerung.

Verdammt.

„Ist Ihnen klar, was Sie da sagen“, fletschte Steinhoff.

Scheiße, dachte ich und antwortete: „Ja.“

„Hören Sie“, versuchte ich es noch einmal vorsichtig, „wenn Sie meine Vorgeschichte mit Schulte kennen würden, dann würden Sie verstehen, dass ich …“

„Ich kenne Ihre Geschichte sehr gut, Oberleutnant Mulder“, zischte er mir dazwischen. „Ich weiß, was Sie früher getan haben. Denunzierungen. Einige meiner Freunde und Kollegen hatten große Schwierigkeiten wegen Ihnen und Ihresgleichen, Mulder, und seien Sie versichert, dass es mir außerordentlich zuwider ist, Ihnen hier gegenüberzustehen, im selben Raum, vermeintlich auf derselben Seite, und die Luft einatmen zu müssen, die Sie ausatmen. Ich könnte kotzen wegen Ihres Gestanks nach billigem Schnaps und Verrat. Und doch stehe ich hier und beuge mich tief runter auf Ihre Höhe, und zwar nur weil Max Schulte und seine Familie langjährige Freunde von mir sind. Und ich befehle Ihnen nun noch einmal, klären Sie den Fall, und zwar schleunigst, ansonsten wird Ihr Rausschmiss noch der angenehmste Teil aller Konsequenzen sein.“

Jetzt verstand ich langsam, es ging um etwas Persönliches, darum war die Stasinase hier.

Aber das interessierte mich einen Scheiß, im Gegenteil, das spornte mich nur noch mehr dazu an, den beiden Herren hier klarzumachen, dass sie sich den toten Schulte und ihre Kumpaneien mit all der restlichen Verbrecherfamilie dahin schieben konnten, wo die Sonne niemals scheint.

Ich war noch nicht fertig.

Ich fuhr meinen Ton runter und fragte höflich: „Das heißt, ich unterstehe Ihrem direkten Befehl und habe Ihnen Bericht zu erstatten.“

„Das ist korrekt“, sagte die Uniform.

„Also direkt Ihnen“, wiederholte ich, „ohne Umschweife, nicht zuerst Hauptmann Sacher, sondern gleich Ihnen?“

„Ja, unmittelbar und unverzüglich mir“, antwortete er mit Nachdruck und bereits leicht genervt, was sich aber in Kürze noch zu einem wahren Nervenzusammenbruch steigern sollte.

„Okay“, sagte ich, „wer hat das autorisiert?“

„Ich habe Ihnen einen klaren Befehl erteilt“, zischte die Uniform.

„Mag sein, ja, aber tatsächlich sind Sie nicht autorisiert, mir Befehle zu erteilen. Von wem kommt der Befehl?“

Und sah meinen Chef an, doch die Uniform grätschte wieder dazwischen.

„Der Befehl kommt von mir, und ich bin autorisiert, ich bin die Autorisierung in Person.“

„Sind Sie nicht“, sagte ich knapp und sah weiter Sacher an, der antwortete: „Hören Sie, Mulder, dies ist eine klare Anweisung eines Oberst des Staatssicherheitsdienstes und dieser haben Sie sich zu fügen, also fangen Sie an zu arbeiten. Und ich möchte da jetzt nicht weiter drüber diskutieren. Gehen Sie und …“

„Entschuldigung, Chef, aber ich kann das so nicht akzeptieren. Die Zusammenarbeit mit dem Mfs muss autorisiert werden, Sie wissen das. Ich unterstehe nicht dem Befehl des MfS. Ich unterstehe dem Befehl des Dezernats II, MUK, und ein Einsatz für das MfS kann nur auf Weisung des Präsidenten der VP Berlin, des Stellvertreters für den Dienstzweig der VP, des Leiters der Abteilung KP des PdPV oder des Leiters des Dezernats II erfolgen. Also – ist einer der Herren involviert oder hat eine entsprechende Weisung veranlasst?“

Ja, in dieser Verwaltungsscheiße bin ich wirklich gut. Das war mal Teil meiner Arbeit, das alles zu wissen, früher einmal. Wenn Sie nicht verstehen, wovon ich rede, schlagen Sie es nach.

Das Gesicht der Uniform hatte mittlerweile die Farbe einer Brombeere angenommen und Sacher starrte mich mit Funken in den Augen nur noch an.

Dann lächelte er leicht und schüttelte den Kopf.

Die Uniform wollte wieder beginnen, doch ich unterbrach ihn und setzte nach.

„Gibt es ein Führungsdokument?“, fragte ich in die Runde und wollte jetzt so richtig einen raushauen.

„Wenn es eine Anweisung gibt“, fuhr ich fort, „sollte es ein offizielles Führungsdokument geben, wo unter anderem das Zusammenwirken von uns und dem MfS organisiert und dargestellt ist. Ein Führungsdokument von Ihnen aufgestellt und abgezeichnet ...“

Und exakt das war der Moment, in dem es eskalierte, wo der letzte Tropfen meines spuckenden Mundes das Fass zum Überlaufen brachte und mein Leben auf den Kopf stellen sollte.

Während Sacher mich immer nur weiter ungläubig kopfschüttelnd angaffte, verlor die Uniform komplett die Haltung.

„Hören Sie auf mit dem Scheiß!“, unterbrach er mich, doch ich sprach ruhig, aber betont laut weiter.

„… unterschrieben vom Präsidenten der VP Berlin, in dem die Anweisung zur Zusammenarbeit mit dem MfS angeordnet wird uuunndd …“, hob meinen Zeigefinger in die Höhe, machte eine dramatische Pause und fuhr dann fort, „… weiß der Staatsanwalt darüber Bescheid?“

Dann, Stille.

Tiefe, körperlich fast schmerzende Stille trat ein, bis die Uniform sie durchbrach und zitternd stammelte: „Zum letzten Mal, ich befehle Ihnen, Ihre Arbeit zu tun.“

Aber um das Gesagte noch einmal kurz zusammenzufassen, hatte dieses Arschloch mir gar nichts zu befehlen und das sagte ich ihm dann auch.

„Sie haben mir gar nix zu befehlen, Arschloch.“

Er packte mich beim Rollkragen, jetzt so rot, dass sein Kopf drohte zu platzen, stierte mich mit blutunterlaufenen Augen an und fletschte: „Wo waren Sie denn letzte Nacht, Mulder? Vielleicht beziehen wir Sie in den Kreis der Verdächtigen mit ein? Grund genug hätten Sie ja, schließlich hat der Mann Ihnen Ihre Karriere versaut!“ Und grinste.

Da dachte ich mir: Scheiß drauf, und gab ihm eine Kopfnuss par excellence, mitten ins Gesicht.

Patsch.

Ein bisschen überreagiert?

Vielleicht.

Ob ich das im Nachhinein bereue?

Nie im Leben.

Danach war jedenfalls der Teufel los.

Mein Boss auf mich drauf und brüllte mich an, die zwei Lederjacken vor der Tür stürmten den Raum und ebenfalls auf mich drauf. Und bevor ich auch nur ordentlich „Aua“ sagen konnte, fand ich mich in einer Zelle im Untergeschoss des Nebengebäudes Keibelstraße wieder. Nur einen Bierflaschenwurf von meinem geliebten Büro entfernt, in dem ich eben noch so wunderschön melancholisch den Nieselregen auf der Fensterscheibe beobachtet hatte.

Kehrtwende

Подняться наверх