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Kapitel 10
ОглавлениеFreitag, der 12. August
Karla sah auf ihre Armbanduhr. Siebzehn Uhr dreißig. Die Beerdigung hatte sich doch länger hingezogen. Gott sei Dank hatte sie noch im letzten Moment daran gedacht, sich etwas Schwarzes in den Koffer zu packen. Die Luft im Kommissariat war schwül und abgestanden. Sie ging zu einem der Fenster, riss es weit auf und ließ sich erschöpft auf ihren Schreibtischstuhl sinken. Zu Hause hätte sich um diese Zeit auf ihre kleine Terrasse gesetzt und vielleicht ein Glas gekühlten Wein getrunken. Ihre Verwandten hatten ihr ein winzig kleines Gästezimmer unter dem Dach zu Verfügung gestellt. Ansonsten hatte sie dort ihre Ruhe. Egon Albrecht, von dem sie eigentlich nicht genau wusste, in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu ihrem Vater stand, irgend ein Cousin vermutete sie, und seine Frau, fuhren jeden Tag mit dem Fahrrad zu ihrem fünf Kilometer entfernten Schrebergarten und kamen meistens erst spät zurück. Zu Mittag konnte sie in der Polizeikantine essen. Ein Luxus, den sie sich gerne gönnte. Wann konnte man sich schon mal an den gedeckten Tisch setzten ohne sich um die Zubereitung des Essens zu kümmern? Höchstens im Urlaub, aber der würde diesen Sommer auch flach fallen. Schließlich wartete eine Menge Arbeit auf sie.
Sie bevorzugte sowieso kältere Urlaubsziele. Die klare Luft in Norwegen, den Urlaub, den sie sich vor zwei Jahren, nach diesem Fall mit dem Aufsehen erregenden Mordfällen in ihrer Kleinstadt, gegönnt hatte, so etwas gefiel ihr.
Sie stöhnte. Dieser unerträglichen Hitze konnte man einfach nirgendwo entfliehen, besonders nicht hier in der Stadt. Die Luft war dick und träge und über den Dächern der Stadt schien ein seltsamer süßlicher Geruch zu liegen. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, die sterilen Räumlichkeiten der Gerichtsmedizin waren die einzigen, in denen es noch angenehm kühl war, schoss es ihr durch den Kopf, als sie an Dienstagmorgen dachte, jener Morgen, genauso heiß und drückend, an dem sie sich die Leiche von Patricia Bahran angesehen hatte. So unangenehm es war, und sie hätte sich gerne diesen Anblick erspart, so wichtig war es auch gewesen.
Sie hatte dagestanden, wie sie es immer in solchen Momenten tat, und einige Zeit stumm den Körper der toten Frau betrachtet. Das Blut war natürlich nicht mehr da, aber die zahlreichen tiefen Wunden und offen gerissenen Hautstellen gaben an dem leichenblassen Körper der Ermordeten ein bizarres Bild ab.
Grausam und zugleich unwirklich.
Und doch schien es, als hätte der Täter nicht planlos gehandelt und nur in blinder Hysterie zugeschlagen. Alle Schläge mit der schweren Skulptur verteilten sich nur am Oberkörper und am Kopf.
Es war eine geplante Tat, das stand für Karla fest und das hatte sie auch Zacharias Weinfeld mitgeteilt. Warum hätte der Täter oder die Täterin schließlich sonst eine Perücke getragen? Er war also mitten in der Nacht zu Frau Bahran gekommen, inkognito sozusagen, um nicht erkannt zu werden, aber mit der festen Absicht, die Frau zu töten.
Das gefundene Perückenhaar stammte von einer dieser wild gelockten Hippie-Karnevalsperücken, so viel hatten sie herausgefunden. Von einer sehr alten Perücke. Wahrscheinlich einer, die vor mindestens zwanzig Jahren angeschafft wurde, das bewies die Zusammensetzung des synthetischen Materials, und die eingemottet in einer Schrankkiste vergessen wurde.
Bis zu jenem Tag, an dem der Mörder sie zu seiner Tarnung brauchte. Die Perücke gab es in mehreren Größen, was darauf hinwies, dass sie sowohl ein Mann als auch eine Frau tragen konnte.
Zacharias Weinfeld zerrte an seiner schwarzen Krawatte. „Es waren ganz schön viele Leute da!”, sagte er. Karla nickte. „War ja zu erwarten. Bei dem Kundenstamm. Hast du noch mit der Schwester reden können?”
„Nur kurz. Sie und ihre Familie waren ja sehr gefasst. Wie gesagt, sie hatten wohl nicht viel Kontakt zu der Verstorbenen. Aber ich habe gesehen, wie die Frau bei der Beerdigung doch ein paar Tränen vergossen hat. Ist bestimmt nicht leicht, eine Schwester zu verlieren, trotz allem.”
Karla wirkte nachdenklich. „Meinst du, es gab ernsthafte Differenzen zwischen den beiden?”
„Nein, das glaub ich nicht. Sie führten nur völlig unterschiedliche Leben. Die Schwester hat mir erzählt, dass Frau Bahran vollkommen aufging in ihrer heilenden Tätigkeit. Es schien, als lebte sie ausschließlich für ihre Patienten. Sie fühlte sich berufen, so hat es die Schwester ausgedrückt. Wir haben noch nicht herausgefunden, in wie fern sie noch andere Bekanntschaften oder Freunde hatte. Zu den Nachbarn pflegte sie ein lockeres Verhältnis. Sie ging durchaus auf diverse Grillabende in der Nachbarschaft und auch auf das Bürgerfest in ihrem Stadtteil. Aber niemals lud sie die Leute zu sich ein, auch nicht ihre direkten Nachbarn. Wenn überhaupt, ging sie zu denen.”
„Aha!” Karla runzelte die Stirn. „Und trotzdem wurde sie immer wieder eingeladen?”
„Ja, sie war wohl recht großzügig bei der Auswahl ihrer Mitbringsel. Mal ein extrem ausgefallener Wein für den Herrn, mal ein riesiger Blumenstrauß aus dem teuersten Blumengeschäft am Ort für die Dame des Hauses. Für die Kinder immer etwas Süßes oder bisweilen sogar Spielzeug und Bücher. Tja, solch ein Besuch ist doch immer willkommen, oder?”
„Allerdings. Was sagen die Nachbarn, wie war sie so?”, wollte Karla wissen.
Zacharias zuckte mit den Schultern. „Ja, so richtig konnte niemand etwas dazu sagen. Nur so weit, Frau Bahran war immer ausgesprochen freundlich, manchmal sogar fast herzlich, beteiligte sich an allen möglichen Gesprächsthemen, sie war sehr gebildet und belesen, das sagten alle. Außerdem ist ihr ungewöhnlicher Kleidungsstil aufgefallen. Sie trug immer elegante Kostüme in sehr bunten Farben, oft sogar einen dazu passenden Hut. Meistens war sie etwas overdressed, wie es so schön heißt. Aber daran hatten sich alle gewöhnt. So außergewöhnlich war es dann auch nicht. In dieser feineren Gegend sieht man häufiger Damen, die mit ihren Stöckelschuhen über den Rasen stolzieren.”
„Konnte irgendjemand etwas dazu sagen, ob Frau Bahran sich in letzter Zeit bedroht gefühlt hat? Hat sie sich jemandem anvertraut?”
„Nein, wie gesagt, sie war insgesamt unverbindlich in ihrer Art. Niemandem ist etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Ach, da fällt mir etwas ein. Diese Frau Häberlein, ihre Haushälterin, die hat gesagt, dass Madame Bahran, wie sie sie immer nannte, in letzter Zeit Ärger mit einem ihrer Patienten hatte. Moment, das hab ich gleich.” Zacharias blätterte in seinen Unterlagen. „Hier, ein gewisser Pascal Schlüter. Ein dreiundzwanzig jähriger Arbeiter, der im Kneipenviertel wohnt.”
Karla war erstaunt. „Was macht so einer bei einer Geistheilerin?”
„Das wollten wir ja herausfinden Er war für den achten August hier her bestellt, der Tag, an dem du gekommen bist. Aber er war bereits um acht Uhr morgens so betrunken, dass wie ihn wieder nach Hause geschickt haben. Es war kein Gespräch mit ihm möglich. Hat wohl ein größeres Alkoholproblem, der Gute.”
„Vielleicht war das der Grund für den Ärger mit der Frau.”, mutmaßte Karla.
„Gut möglich, wir werden es morgen erfahren. Dann kommt er wieder. Hoffentlich.”
„Du sagtest, ihr habt eine Liste über die Kunden, die sehr oft bei Frau Bahran waren?”
„Ja, und auf dieser Liste ist Pascal Schlüter auch zu finden. Und auch Mareike Vollmer. Du hast den Bericht über ihre Vernehmung gelesen?”
Karla nickte. „Und diese Sonja Aust, die gestern da war. Ist das Protokoll schon fertig?”
Zacharias reichte es ihr. „Das ergibt alles bisher keinen Sinn, wenn du mich fragst. Alle reden ausgesprochen gut über Frau Bahran, alle waren ihr zu großem Dank verpflichtet. Mehr ist aus ihnen nicht raus zu kriegen.”
„Dann müssen wir ihnen halt noch ein bisschen mehr auf den Zahn fühlen.”, sagte Karla. Sie wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Irgendetwas hat doch einer von ihnen zu verbergen. Da bin ich mir sicher. Verdammt, hört denn diese Hitze nie auf? Es ist gleich halb sieben.” Sie sah nach draußen. Die Sonne war verschwunden und es war absolut windstill. An dem großen Baum, der auf dem Innenhof des Polizeipräsidiums stand regte sich kein Blättchen. Seit Wochen hatte es keinen Tropfen mehr geregnet.
„Also gut!”, stöhnte sie. „Wer sind die anderen? Lass uns alles noch mal durchgehen. Ob ich hier schwitze oder in meiner Dachkammer.”
Zacharias gab ihr Recht und schrieb die Namen an eine Tafel.
1. Mareike Vollmer, 42 Jahre, verheiratet, 2 Kinder, Hausfrau, Minijob in einem Drogeriemarkt
„Sie kam bis zu drei Mal pro Woche zu Madame Bahran, auf Grund ihrer Gelenkschmerzen, und wahrscheinlich zum Reden, allerdings zahlte sie dafür nur zwanzig Euro im Monat.”, bemerkte Zacharias und schrieb weiter.
2. Sonja Aust, 29 Jahre, ledig, Abteilungsleiterin und Einkäuferin in einem großen Modehaus
„Sie kam mindestens zweimal pro Woche, wegen ihrer Magenschmerzen, die übrigens aus ärztlicher Sicht nicht zu erklären waren, also keine organische Ursache vorlag.”
„Psychisch?”, wollte Karla wissen. „Zu viel Stress und zu viel verantwortungsvolle Aufgaben, diesen Eindruck hatte ich jedenfalls gestern von ihr.”
„Ja, da gebe ich dir Recht.”
3. Marianne Schieferstein, 65 Jahre, verheiratet, Hausfrau,
Litt seit Jahren an Fibromyalgie, einer entzündlichen und sehr schmerzhaften Gelenkerkrankung
Zacharias legte den Stift kurz zur Seite. „Mit ihr habe bisher nur kurz gesprochen. Auch sie lobt Frau Bahran in den höchsten Tönen. Ich habe ihr versprochen, dass wir beide bei ihr zu Hause vorbeikommen. Seitdem die Geistheilerin tot ist, hat sie wieder vermehrt Schmerzen. Außerdem haben sie und ihr Mann kein Auto. Um zu Frau Bahran zu kommen, haben sie sich immer das Auto vom Nachbarn geliehen.”
Karla war einverstanden. „Klar, machen wir. Obwohl ich auch nicht glaube, dass das etwas bringt. Zwei harmlose, alte Rentner. Haben sie auch bezahlt?”
„Natürlich. Und nicht zu knapp, so wie Frau Schieferstein andeutete. Wie viel, weiß ich noch nicht. Aber ihr Mann bekommt vielleicht eine gute Beamtenpension. Ach, das hab ich noch vergessen, Sonja Aust, sie ist ja in gehobener Position tätig und für ihr Modehaus sogar oft auf Auslandsreisen. Sie bezahlte einhundertfünfzig Euro. Pro Sitzung!”
Ungläubig riss Karla die Augenbrauen nach oben. „Das gibt’s doch nicht. Woher weißt du das? Das hat sie gestern nicht erzählt.”
„Ich habe sie heute Mittag noch einmal angerufen. Zuerst wollte sie nicht raus mit der Sprache aber ich bin hartnäckig geblieben und schließlich hat sie es gesagt.”
„Unglaublich!”, staunte Karla.
Zacharias schrieb weiter.
4. Pascal Schlüter, 23 Jahre, ledig, Schichtarbeiter
„Wie gesagt.”, bemerkte er. „Was der junge Mann zu sagen hat, werden wir morgen erfahren. Dem Gefasel von Montag nach zu beurteilen, litt er an Rückenproblemen.”
„Wie oft ging er zu dieser Frau?”
„Laut ihrem Buch mindestens einmal pro Woche. Allerdings nicht mehr in den letzten Wochen. Das ist seltsam.”
„Allerdings!”, antwortete Karla.
5. Peter Brüggemann, 35 Jahre, geschieden, Manager in einem Elektrokonzern
„Über den weiß ich noch gar nichts. Außer, dass er auch mindestens einmal pro Woche bei ihr war. Ihn plagten Atemnot und Lungenbeschwerden, wahrscheinlich auch Stresssymthome. Ich werde ihn am Montag an seinem Arbeitsplatz aufsuchen.”
Zacharias drehte sich um und sah zu Karla. Sie hatte es sich, so gut es ging, auf ihrem Schreibtischstuhl bequem gemacht und streckte ihre langen Beine weit von sich. Er konnte sehen, wie sich in ihrem Dekolleté kleine Schweißperlen gebildet hatten, die auf ihrer gebräunten Haut sanft schimmerten. Sie ist schon eine sehr attraktive Frau, dachte er.
„Karla, ich habe hier noch eine andere Sache.”, sagte er, darauf bedacht, dass seine Gedanken nicht abschweiften. Schließlich war er verheiratet. Und zwar glücklich.
„Ja?”, fragte sie und sah zu ihm hoch.
„Es gibt noch eine Patientin, beziehungsweise gab.”
„Gab?”, fragte sie interessiert nach.
„Ja, eine gewisse Britta Braun. Sie starb letztes Jahr, mit vierundfünfzig Jahren, an Krebs.”
„Oh!”
„Sie hatte wohl einen sehr langen Leidensweg hinter sich. Am Schluss lehnte sie jede weitere Behandlung ab. Sie ging nur noch zu Frau Bahran. Alle Therapien der Schulmedizin brach sie abrupt ab.”
„Du hast Recht, das ist auffällig. Aber was soll ich da machen? Ich meine, die Frau ist tot.”
„Sie hat einen Sohn, der auch hier in der Stadt lebt. Ich bitte dich, ihn am Montag aufzusuchen. Da muss ich ja nicht mitkommen. Befrag ihn, warum seine Mutter die anderen Therapien abgebrochen hatte.”
„Vielleicht hatte sie einfach genug von den fürchterlichen Schmerzen und wollte nicht länger leiden.”
„Ja, möglich. Aber vielleicht hat Madame Bahran sie auch dazu gedrängt oder das von ihr verlangt. Und das würde ihre Tätigkeiten in einem anderen Licht erscheinen lassen. Also, frag den Sohn. Finde heraus, ob er vielleicht eine Stinkwut auf diese Frau hatte.”
Karla sah ihn fragend an. „Siehst du da ein Motiv?”
„Wir müssen überall ein Motiv sehen, Karla, einfach überall. In diesem Fall müssen wir in alle noch so ungewöhnliche Richtungen ermitteln.”
„Wie alt ist der Sohn?”
„Fünfundzwanzig. Er lebt in einer Wohngemeinschaft in der Stadtmitte.”
„Oh Gott, eine schmuddelige WG!” Karla schüttelte sich. Sie selbst hielt ihre kleine Wohnung penibel in Ordnung.
„Immer diese Vorurteile. Du kannst auch gerne zu Peter Brüggemann gehen. Dann übernehme ich den Sohn von Britta Braun. Aber dann musst du aufpassen, dass du an der arroganten Vorzimmerdame des viel beschäftigten Herren vorbei kommst. Und lass dich bloß nicht abwimmeln!”, betonte Zacharias mit einem spitzbübischen Lächeln.
Sie winkte ab, er hatte es doch gewusst. „Ach, ne, das kannst du besser. Von mir aus, gehe ich halt zu der WG.”