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3 Von Perwomaiskij nach Lipezk
ОглавлениеEtwa um sechs Uhr morgens kommen wir in Perwomaiskij an. Schnee, Minus sechs Grad Celsius. Ich bin hundemüde. Eine Stunde hatte ich schlafen können. Mit einem Bus geht es zum Wohnlager. Dort im Speisesaal trinke ich Tee – aus gelbem Plastikbecher. In der dortigen Verwaltung weiß niemand von meinem Einsatz als Reporter. Ich bin ihnen offenbar suspekt. „Da musst du dich erst einmal in Lipezk melden. Dort sitzt die Baustellenleitung.“ Ich setze mich in die Wachstube ans Tor, stapfe hin und wieder mit müden Augen am Tor auf und ab. Dann frage ich in verschiedenen Baracken nach, wann ein Bus nach Lipezk fährt. „Heute nicht mehr. Nur dienstags, donnerstags, sonnabends.“ Heute ist Freitag. Morgens sieben Uhr. Minus vier Grad Celsius. Es beginnt kälter zu werden. Erster Schnee fällt. Ich sitze am Zufahrtstor in der Wachstube. Der Wachhabende, leicht gebeugt, unrasiert, sieht mich von unten her an, verbreitet Pessimismus: „Und dann ist es nicht gewiss, ob der Bus fährt. Zehn Mann müssen es sein.“ Eine korpulente Frau kommt, setzt sich zu mir. Sie sei Bibliothekarin – aus Forst, habe dort die Kreisbibliothek geleitet und sich für drei Jahre an die Trasse verpflichtet.
Von einem Kraftfahrer erfahre ich, dass im Laufe des Tages noch Lastwagen nach Lipezk fahren. Ich sitze am Tisch des Wachhabenden, während dieser draußen seine eintönige Arbeit verrichtet: Alle Augenblicke will ein Wagen rein ins Wohnlager oder raus. Und er erhebt sich jedes Mal aus seinem Stuhl, geht raus, schiebt das Stahlrohr mit der Gabel fort, zieht sie wieder vor, stellt sich gebeugt in die windgeschützte Ecke des Eingangs und wartet…..
Ich blättere im Wachbuch. Nichts Aufregendes. Lediglich sechs, sieben Eintragungen während der letzten acht Wochen, die sich wiederholen: „Angetrunkener Sowjetbürger aufgegriffen. Die Miliz verständigt. Sowjetbürger konnte die Flucht ergreifen.“ „Sowjetische Bürgerin im WL angetroffen. Miliz verständigt.“ „Drei sowjetische Bürgerinnen im WL angetroffen.“
Ich spiele mit dem Telefon, versuche jemanden an die Strippe zu bekommen, der ein Auto besorgen kann, das nach Lipezk fährt oder der von einem Transport dorthin weiß.
Vor dem Fenster kommt und geht unentwegt der Pförtner. Jetzt winkt er mir zu, kommt in den Wachraum: Zwei Mann könnten auf einem MAS mitfahren nach Lipezk. „Arbeiter und Frauen zuerst“, sage ich und bleibe sitzen. Es melden sich zwei Arbeiter, also bleibe ich und die Bibliothekarin zurück. Dann um zehn Uhr erscheint der Pförtner noch einmal im Raum und verkündet: „Es fährt ein zweiter MAS nach Lipezk.“
Der Fahrer, ein blonder Hüne mit kurzem strubbeligem Vollbart, kippt das Fahrerhaus einige Male vornüber bevor wir einsteigen, bis der Schalthebel richtig in der Führung sitzt. Die Bibliothekarin platziert sich auf dem Beifahrersitz. Ich mit meinem Gepäck rein ins Fahrerhaus, strecke mich aus auf der Ruhebank hinter den Sitzen, den Kopf auf dem Rucksack.
Es fährt sich nicht unbequem, nur hart rüttelnd und schüttelnd. Bin übermüdet, meine Augen brennen, doch die sich jagenden Neuigkeiten jagen auch mich, verscheuchen den Schlaf: Ich schaue und schaue, um nichts zu verpassen. Wer weiß, wann du wieder in dieses Land kommst. Jeder Augenaufschlag, den du hier tust, ist kostbar. Dann rumpeln wir los. Die Straße zieht sich endlos gerade. Kein Seitenweg, um umzukehren, falls du einen Motorschaden oder dich verfahren hast. Doch auf der Geraden kannst du dich nicht verfahren. Endlos gerade, vereist, voller Eisschlaglöcher. Links und rechts weite weiße Felder – endlos – die ganzen zweihundertfünfzig Kilometer lang. Nur hin und wieder ein Dorf blassfarbener Häuschen, mit malerisch verquer angeordneten Zaunlatten und Lattenzäunen. Wind von der Feldseite hüllt die Fahrbahn in Schneeschleier. Den anderen Wagen etwa zweihundert Meter vor uns erkennen wir kaum. Der meiste Schnee aber bleibt in den Birkenschutzstreifen neben der Straße stecken. Sumpfbirken, mit dem schwarzrissigen unteren Stamm. Nadelwald, den wir streifen, licht und hell, durchsetzt mit Birken. „Unkraut“, sagen unsere Förster. Hier aber dienen die Birken der Melioration, der natürlichen Entwässerung der Schwarzerde. Stichpunkte für mein Notizbuch huschen vorüber: eine abenteuerlich anmutende Brücke über einen Fluss. Nahe des Ufers im vereisten Fluss ein Loch, an welchem eine Frau mit blauem Kopftuch Wäsche spült. Ein Junge gebückt neben ihr hält eine Schüssel. In der Nähe wieder blassrosa, blassgrüne, blassblaue Häuschen. -
Der Fahrer erzählt von sich. Sei Kraftfahrer aus Wismar, hatte sich zur Arbeit an der Trasse beworben beim PMK Leipzig, sei seit Oktober 1982 in Perwomaiskij. Ich liege, höre zu, um mir alles zu merken, träume mich aber alle Augenblicke in den Schlaf. Er erzählt von Fahrgewohnheiten und Fahrkünsten der Russen; von Beerdigungen, die ich mir unbedingt ansehen müsse. Da ich mir vieles vornehme, also auch dieses.
An einem Bahnübergang sind die einseitigen Schranken herunter, doch drei Lastwagen queren sie, freundlich dirigiert vom Schrankenwärter in vorsichtigem Slalom. Zwanzig Sekunden später passiert ein Güterzug in mäßigem Tempo doch mit der Schubkraft einer ausgereiften Diesellok und etwa achtzig Waggons die Strecke. Als er vorüber ist, wollen wir anfahren, aber die Räder drehen durch auf dem Straßeneis. Endlich fassen sie, da aber schiebt sich ein LKW vor uns, wir bremsen. Das gleiche Spiel noch einmal. Der Fahrer flucht, aber wir kommen von der Stelle.
Zwischendurch dämmere ich müde vor mich hin, lasse mich durchrütteln, mal auf der Seite, mal auf dem Rücken liegend. Eine meiner Schwächen: kaum sitze ich im Auto, könnte ich schlafen wie ein Murmeltier. So oft ich die Augen öffne, das gleiche hübsche Bild: der kahle Baumstreifen am Rand der Straße, dahinter unendlich weites Feld, hin und wieder dunkel begrenzt – und schließlich die schnurgerade Straße, die in die Unendlichkeit zu führen scheint.
Als ich schon denke, wir müssten unser Ziel gleich erreicht haben, liegt die halbe Wegstrecke noch vor uns. „Schaffst du zu Hause einen Kilometer, dann hier in gleicher Zeit einen Meter“, sagt der Fahrer.