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KAPITEL 4 Sie glauben mir meine Lebensgeschichte wohl nicht!

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„Maté, Sie nehmen mir meine Lebensgeschichte wahrscheinlich nicht ab. Aber alles, was ich Ihnen sage, ist wahr.“

„Denken Sie, ich würde sie Ihnen nicht glauben?“

Serena wirft mir einen Blick zu, der resigniert und herausfordernd zugleich ist. Sie ist eine groß gewachsene Ureinwohnerin mit langen, schwarzen Haaren und hat einen leicht überdrüssigen Ausdruck auf ihrem schmalen Gesicht. Obwohl sie auch spontan fröhlich sein kann, behalten ihre Augen selbst beim Lachen ihre Traurigkeit. Serena ist knapp über dreißig Jahre alt und hat fast ihr halbes Leben hier in Downtown Eastside verbracht, gefangen in ihrer Drogenabhängigkeit.

Was willst du mir erzählen, so denke ich mir, was ich hier noch nicht gehört habe? Später, nachdem ich ihre Geschichte gehört habe, fühle ich mich beschämt.

Serena teilt nicht bereitwillig etwas über ihr Innenleben mit. Sie kommt regelmäßig zu Methadon-Terminen und versucht ab und zu unter dem Vorwand, Kopf- oder Rückenschmerzen zu haben, mich wegen eines anderen Betäubungsmittels übers Ohr zu hauen. Wenn ich mich weigere, ist sie nie streitsüchtig. „Okay“, sagt sie dann leise, zuckt mit den Schultern. Eines Tages, vor zwei Jahren, erschien sie in meiner Praxis und bat um Methadon zur „Mitnahme“ – das heißt, anstatt die Dosis jeden Morgen vor dem Apotheker trinken zu müssen, wollte sie sieben Tagesdosen im Voraus. „Meine Großmutter ist in Kelowna gestorben“, sagte sie in einem flachen, monotonen Ton. „Ich muss für die Beerdigung nach Hause.“

Die Süchtigen in Downtown Eastside fragen oft nach Methadon zur Mitnahme für illegale Zwecke, zum Beispiel um die Substanz zu verkaufen oder sie zu injizieren und dadurch einen stärkeren Rausch zu haben. Andere gehen in die Apotheke, aber anstatt ihre ganze Dosis zu schlucken, halten sie etwas davon im Mund und spucken es später in einen Pappbecher. Das ausgespuckte Methadon wird dann zur Ware. Trotz des Risikos einer übertragbaren Krankheit zögern die Käufer nicht, eine Droge gemischt mit dem Speichel eines anderen zu trinken. Von den Apothekern wird erwartet, dass sie die vollständige Einnahme des von ihnen verabreichten Methadons überwachen, aber diese Regel wird oft nicht eingehalten, sodass der „Saft“ immer wieder auf der Straße zum Verkauf angeboten wird.

„Das muss ich erst überprüfen, bevor ich Ihnen Methadon zur Mitnahme geben kann“, antwortete ich Serena. „Wer ist der Arzt Ihrer Großmutter?“ Nonchalant gab sie mir den Namen. Während sie in meiner Praxis saß und ruhig wartete, wählte ich die Nummer des Arztes in Kelowna. „Frau B. …“, sagte mein Kollege über die Freisprechanlage, „Oh, nein, sie war durchaus sehr lebendig, als ich sie heute Morgen sah.“

„Sie haben es gehört“, sagte ich zu Serena. Kein Zucken, nicht das geringste Anzeichen von Peinlichkeit waren in ihrem Gesicht zu erkennen. „Nun“, sie hob die Schultern und stand auf, um zu gehen, „man sagte mir, sie sei tot.“ Oft schon ist mir die kindliche Unbekümmertheit meiner süchtigen Patienten aufgefallen, wenn sie mich belogen haben. Eine naive Manipulation wie die, die Serena versuchte, ist einfach Teil des Spiels, und erwischt zu werden, ist nicht schlimmer, als beim Versteckspiel gefunden zu werden.

Ihre HIV-Behandlung war schon lange eine Quelle der Auseinandersetzung zwischen uns, da sie sich gewöhnlich weigert, Blutbilder machen zu lassen. „Ich weiß nicht, welche Behandlung Sie brauchen“, erkläre ich, „wenn ich nicht den Zustand Ihres Immunsystems kenne.“ Einmal versuchte ich völlig frustriert, sie mit der Drohung, ihr das Methadon vorzuenthalten, zu den Bluttests zu zwingen. Eine Woche später nahm ich es zurück. „Ich habe kein Recht, Sie zu irgendetwas zu zwingen“, sagte ich als Entschuldigung. „Das Methadon hat nichts mit HIV zu tun. Ob Sie sich testen lassen oder nicht, hängt ganz von Ihnen ab. Ich kann Ihnen nur meinen guten Rat geben. Es tut mir leid.“ „Danke, Maté“, sagte Serena. „Ich will nur nicht, dass mich jemand kontrolliert.“ Bald darauf unterzog sie sich freiwillig den erforderlichen Tests. Und bis jetzt waren ihre Immunwerte gut genug, sodass keine antiviralen Medikamente nötig waren.

Die Frage der Kontrolle ist ein heikles Thema. Kein Teil der Bevölkerung fühlt sich so ohnmächtig wie die Drogensüchtigen in Downtown Eastside. Selbst dem Durchschnittsbürger fällt es aus einer Vielzahl kultureller und psychologischer Gründe schwer, die Autorität eines Arztes infrage zu stellen. Als Autoritätsperson löst der Arzt bei vielen von uns ein tief verwurzeltes Gefühl der kindlichen Machtlosigkeit aus – ich selbst habe diese Erfahrung sogar noch Jahre nach Abschluss meiner medizinischen Ausbildung gemacht, als ich in Behandlung war. Aber im Fall eines Drogensüchtigen ist die Entmachtung real, spürbar und sehr präsent. Bei seiner Verstrickung in illegale Aktivitäten zur Finanzierung seiner Lebensgewohnheit – eine Gewohnheit, die an sich schon illegal ist – wird der Süchtige von allen Seiten durch Gesetze, Regeln und Vorschriften eingeengt. Es kommt mir manchmal so vor, als ob aus der Sicht meiner süchtigen Patienten die Aufgaben der Kriminalbeamten, Staatsanwälte und Richter auf mich als Arzt übertragen werden. Für sie bin ich nicht nur als Heiler, sondern auch als Vollstrecker da.

Da der Downtown-Eastside-Süchtige meist aus einem sozial benachteiligten Umfeld stammt und wiederholt durch Gerichte und Gefängnisse gegangen ist, ist er nicht daran gewöhnt, Autoritäten direkt herauszufordern. Für seine lebenswichtigen Methadon-Rezepte ist er auf den Arzt angewiesen und daher nicht in der Lage, sich durchzusetzen. Wenn er mit seinem Arzt nicht zurechtkommt, hat er wenig Spielraum, um sich anderswo behandeln zu lassen: Die Kliniken von Downtown Eastside sind nicht darauf erpicht, die „Problem“-Patienten der anderen zu übernehmen. Viele Süchtige erzählen verbittert von medizinischem Personal, das, wie sie finden, mit Arroganz und Gefühllosigkeit seine „Entweder so oder gar nicht“-Autorität durchsetzt. Bei jeder Konfrontation mit einer Autoritätsperson, sei es eine Krankenschwester, ein Arzt, Polizist oder der Sicherheitsbeamte eines Krankenhauses, ist der Süchtige praktisch hilflos. Niemand akzeptiert seine Seite der Geschichte – oder handelt danach, selbst wenn er es täte.

Das Gefühl der Macht hängt vom Umfeld ab und korrumpiert. Im Portland habe ich mich bei Verhaltensweisen erwischt, die ich mir in einem anderen Kontext niemals erlauben würde. Vor nicht allzu langer Zeit war eine andere junge Ureinwohnerin in meiner Praxis, ebenfalls methadonabhängig und HIV-infiziert. Ich werde sie Cindy nennen. Am Ende des Besuchs öffnete ich die Tür und rief nach Kim, der Krankenschwester, deren Büro direkt neben meinem liegt: „Nehmen Sie bitte Blut für Cindys HIV-Werte ab, und wir brauchen auch eine Urinanalyse.“ Mehrere Klienten saßen im Wartebereich, und meine Worte waren für alle deutlich zu hören. Cindy, die verletzt wirkte, machte mir leise Vorwürfe. „Sie sollten das nicht so laut sagen.“ Ich war entsetzt. In der „respektablen“ Hausarztpraxis, die ich zwanzig Jahre lang geführt hatte, bevor ich die Arbeit in Downtown Eastside aufnahm, wäre es für mich undenkbar gewesen, eine so unsensible Verletzung der Schweigepflicht zu begehen und jemanden so schamlos in seiner Würde zu verletzen. Ich schloss die Tür und brachte mein Bedauern zum Ausdruck. „Ich war laut“, stimmte ich zu. „Sehr dumm von mir.“ „Ja, das war es“, schoss Cindy zurück, aber etwas besänftigt. Ich dankte ihr für ihre Aufrichtigkeit. „Ich bin es leid, von allen herumgeschubst zu werden“, sagte sie, als sie aufstand, um zu gehen.

Es gibt noch einen tiefer liegenden Grund für das übertriebene Machtungleichgewicht, das die Arzt-Patienten-Beziehung in Downtown Eastside belastet – nicht spezifisch für diese Gegend, aber hier ist es fast durchgängig vorhanden. In den sich entwickelnden neuronalen Netzen des Kindes, das Misshandlung oder Vernachlässigung erfährt, prägen sich Angst und Misstrauen gegenüber mächtigen Menschen ein, insbesondere gegenüber den Betreuern. Mit der Zeit wird dieses tief verwurzelte Misstrauen durch negative Erfahrungen mit Autoritätspersonen wie Lehrern, Pflegeeltern und Angehörigen des Rechtssystems oder der Ärzteschaft verstärkt. Wann immer ich gegenüber einem meiner Patienten einen scharfen Ton anschlage, Gleichgültigkeit zeige oder gut gemeinten Zwang zu ihren Gunsten ausübe, nehme ich unwissentlich die Züge der Mächtigen an, durch die sie vor Jahrzehnten zum ersten Mal verletzt und verängstigt wurden. Was auch immer meine Absichten sind, am Ende rufe ich Schmerz- und Angstgefühle hervor.

Aus all diesen und anderen Gründen schützt Serena instinktiv ihre innere Welt vor mir. Dass sie heute um Hilfe bittet, ist dem Vertrauen geschuldet, das wir zwischen uns aufgebaut haben, aber mehr noch ihrer gegenwärtigen Verzweiflung.

„Gibt es etwas, das Sie mir gegen Depressionen geben können?“, beginnt sie.

„Meine Großmutter in Kelowna starb vor drei Monaten. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, zu gehen, um bei ihr zu sein.“

„Sich umzubringen?“

„Ich bringe mich nicht um, ich nehme nur ein paar Pillen, um …“

„Das ist Selbstmord.“

„So nenne ich es nicht. Nur schlafen gehen … und nicht wieder aufwachen.“

Serena sieht niedergeschlagen und verzweifelt aus. Diesmal ist der Verlust ihrer Großmutter real.

„Bitte erzählen Sie mir von ihr“, sage ich.

„Sie war fünfundsechzig. Sie hat mich großgezogen, seit meine Mutter mich entbunden und das Krankenhaus auf der Stelle verlassen hatte. Der Sozialarbeiter musste meine Großmutter anrufen und sie informieren, dass, wenn sie nicht kommen und entsprechende Papiere unterschreiben würde, ich in ein Pflegeheim gesteckt würde.“ Während des gesamten folgenden Gesprächs klingt Serenas Stimme traurig, erstickt und weinerlich. Ihre Tränen hören nur kurzzeitig auf zu fließen.

„Dann zog sie meine Tochter auf, seit sie ein Jahr war.“ Serena hat ein Kind, das jetzt vierzehn Jahre alt ist und geboren wurde, als Serena selbst fünfzehn war. Serenas Mutter, nun in ihren Vierzigern und ebenfalls eine Patientin von mir, war sechzehn, als sie ihr Neugeborenes verließ. Sie hat jetzt mit ihrem Freund im selben Hastings-Hotel ein Zimmer, in dem Serena wohnt.

„Wo ist Ihre Tochter jetzt?“

„Bei meiner Tante Gladys. Ich denke, es geht ihr gut. Nachdem meine Großmutter gestorben war, fing sie an, Speed zu nehmen und das ganze Zeug …“

„Sie hat mich aufgezogen, auch meinen Bruder Caleb und meine Schwester Devona – eigentlich Cousin und Cousine ersten Grades, aber wir wuchsen wie Geschwister auf.“

„Was für ein Zuhause hat sie Ihnen gegeben?“

„Sie gab mir ein perfektes Zuhause – bis ich wegging, um meine Mutter zu finden. So kam ich hierher, um nach meiner Mutter zu suchen.“ Was diese arme Frau ein „perfektes Zuhause“ nennt, wird erschütternd deutlich, als sie ihre Erzählung fortsetzt.

„Hatten Sie Ihre Mutter vorher noch nicht getroffen?“

„Nie.“

„Hatten Sie vorher schon Drogen genommen?“

„Nicht, bis ich hierher kam, um meine Mutter zu finden.“

Abgesehen von der Bewegung ihrer rechten Hand, mit der sie sich die Augen tupft, sitzt Serena reglos da. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster hinter ihr in die Praxis scheint, hält ihr Gesicht in barmherzigem Schatten.

„Ich war fünfzehn, als ich meine Tochter bekam. Er war der Freund meiner Tante, was auch immer. Er hat mich sexuell belästigt und wenn ich etwas gesagt habe, schwor er, meine Tante zu schlagen.“

„Ich verstehe.“

„Maté, Sie glauben mir meine Lebensgeschichte wohl nicht! Alles, was ich Ihnen erzähle, ist wahr.“

„Sie denken, dass ich Ihnen nicht glaube?“

In der kurzen Stille, die folgt, erinnere ich mich daran, wie ich Serena seit diesem erfundenen Bericht über den Tod ihrer Großmutter vor zwei Jahren als Manipulatorin, als Drogensüchtige, nicht mehr ernst genommen habe. Ich bin anfällig für diese menschliche – aber inhumane – Schwäche, Menschen nach der eigenen Bewertung ihres Verhaltens zu definieren und zu kategorisieren. Unsere Vorstellungen und Gefühle gegenüber einer Person verfestigen sich aufgrund unserer begrenzten Erfahrung mit ihnen und auf der Grundlage unserer Beurteilung. Serena wurde von mir auf eine Süchtige reduziert, die mir Unannehmlichkeiten bereitete, weil sie mehr Drogen haben wollte. Ich nahm sie nicht als Mensch war, der unvorstellbare Schmerzen hatte und diese auf die einzige Art und Weise, die er kannte, dämpfen und lindern wollte.

Ich bin nicht immer in diesem blinden Modus gefangen. Mal bin ich drin, mal nicht, je nachdem, wie es mir in meinem eigenen Leben geht. Wenn ich müde oder gestresst bin und vor allem, wenn ich mich in irgendeiner Weise nicht integer verhalte, neige ich am ehesten zu gefühllosen Urteilen und Festlegungen, die meine Sicht auf mein Gegenüber einschränken. In solchen Momenten erleben meine süchtigen Klienten das Machtgefälle zwischen uns am stärksten.

„Ich war fünfzehn, als ich hierher nach Hastings kam“, fährt Serena fort. „Ich hatte fünfhundert Dollar in der Tasche, die ich für Lebensmittel für die Zeit gespart hatte, bis ich meine Mutter finden würde. Ich brauchte eine Woche. Ich hatte noch etwa vierhundert Dollar übrig. Als sie das herausfand, steckte sie mir eine Nadel in den Arm. Die vierhundert Dollar waren in vier Stunden weg.“

„Und das war Ihre erste Erfahrung mit Heroin?“

„Ja.“ Es folgt ein langes Schweigen, nur durchbrochen von den kehligen, weinenden Geräuschen, die Serena zu unterdrücken versucht.

„Und dann verkaufte sie mich an einen verdammten, fetten, riesigen Wichser, während ich schlief.“ Diese Worte äußert sie mit der hilflosen, klagenden Wut eines Kindes. „Sie ist meine Mutter. Ich liebe sie, aber wir stehen uns nicht nahe. Die, die ich Mama nenne, ist meine Großmutter. Und jetzt ist sie fort. Sie war die Einzige, der es etwas bedeutete, ob ich lebe oder sterbe. Wenn ich heute sterben würde, würde sich niemand darum scheren …“

„Ich muss sie gehen lassen. Ich halte sie zurück.“

Serena sieht an meinem Blick, dass ich ihr nicht folgen kann. „Ich lasse sie nicht gehen“, erklärt sie. „In unserer Tradition müssen wir die Geister gehen lassen. Wenn nicht, sind sie immer noch bei uns, stecken fest.“

Ich deute an, dass es für sie wahrscheinlich nahezu unmöglich sein wird, Befreiung zu finden, da sie das Gefühl hat, ihre Großmutter sei die Einzige, die sie je geliebt, akzeptiert und unterstützt habe. „Aber was wäre, wenn Sie jemand anderen finden würden, der Sie wirklich liebt und sich um Sie kümmert?“

„Es gibt keinen anderen. Es gibt niemanden.“

„Sind Sie sich da sicher?“

„Wer denn? Ich selbst? Gott?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht beide.“

Serenas Stimme bricht vor Kummer. „Wissen Sie, wie ich über Gott denke? Wer ist dieser Gott, der die schlechten Menschen leben lässt und die guten Menschen nimmt?“

„Was ist mit Ihnen selbst? Wie steht es mit Ihnen?“

„Wenn ich stark genug wäre, würde ich sie gehen lassen. Ich habe ein Drogenproblem und es fällt mir schwer, mich um mich selbst zu kümmern. Ich habe es schon so oft versucht, Maté. Versucht und versucht. Ich habe schon mal vier, fünf, sechs Monate oder ein Jahr aufgehört, aber am Ende komme ich immer wieder zurück. Dies ist der einzige Ort, den ich kenne, wo ich mich sicher fühle.“ Hier in Kanada, „unserem Zuhause und dem Land unserer Ahnen“, ist die Realität so, dass Downtown Eastside, das von Sucht, Krankheit, Gewalt, Armut und sexueller Ausbeutung heimgesucht ist, der einzige Ort ist, an dem Serena ein Gefühl der Sicherheit hat.

Serena hat in ihrem Leben zwei Orte erlebt, an denen sie sich zu Hause fühlte: das Haus ihrer Großmutter in Kelowna und das eine oder andere baufällige Hotel in East Hastings. „Ich bin in Kelowna nicht sicher“, sagt sie. „Ich wurde von meinem Onkel und meinem Großvater missbraucht, und die Drogen halten mich davon ab, darüber nachzudenken, was passiert ist. Mein Großvater hat meiner Großmutter gesagt, sie solle mir sagen, ich solle zurückkommen und ihm vergeben und alles vergessen. ‚Wenn du nach Kelowna zurückkommst und vor der ganzen Familie darüber reden willst, dann kannst du das tun.‘ Worüber reden, verdammt? Über was? Es ist bereits alles vorbei und erledigt. Es gibt kein Zurück mehr. Er kann es nicht vergessen und ändern, was er mir angetan hat. Auch mein Onkel kann nichts an dem ändern, was er mir angetan hat.“

Der sexuelle Missbrauch begann, als Serena sieben Jahre alt war, und dauerte an, bis sie im Alter von fünfzehn Jahren ihr Kind zur Welt brachte. Während der ganzen Zeit kümmerte sie sich um ihre jüngeren Geschwister.

„Ich musste auch meinen Bruder und meine Schwester beschützen. Ich versteckte sie im Keller mit vier oder fünf Flaschen Babynahrung. Sie trugen noch Windeln. Als ich elf Jahre alt war, versuchte ich meinen Großvater abzuweisen, aber er sagte, wenn ich nicht genau das tun würde, was er will, würde er es auch mit Caleb tun. Caleb war damals erst acht Jahre alt.“

„Oh, Gott“, kommt es aus meinem Mund. Ich denke, es ist ein Segen, dass ich nach all den Jahren, die ich in Downtown Eastside arbeite, immer noch fähig bin, schockiert zu sein.

„Und Ihre Großmutter hat Sie nicht beschützt.“

„Das konnte sie nicht. Sie hat so viel getrunken … Jeden Morgen begann sie schon zu trinken. Sie hat getrunken, bis meine Tochter geboren wurde.“

Jahre später wurde Caleb getötet – von drei Cousins nach einem Saufgelage erschlagen und ertränkt. „Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass mein Bruder auch tot ist“, sagt Serena. „Wir standen uns so nahe, als wir Kinder waren.“

Dies war also das perfekte Zuhause, in dem Serena aufgewachsen war, unter der Obhut einer Großmutter, die ihre Enkelin zweifellos liebte, aber völlig unfähig war, sie vor den männlichen Missbrauchstätern in ihrem Haushalt oder vor ihrem eigenen Alkoholismus zu schützen. Und diese Großmutter, die jetzt gestorben ist, war Serenas einzige Verbindung, um tröstende Liebe in dieser Welt zu erhalten.

„Haben Sie jemals mit jemandem darüber gesprochen?“ In Downtown Eastside ist dies fast immer eine rhetorische Frage.

„Nein. Man kann niemandem trauen … Ich kann nicht mit meiner Mutter reden. Wir haben kein Mutter-Tochter-Verhältnis. Wir wohnen im selben Gebäude, wir treffen uns nicht mal. Sie geht direkt an mir vorbei. Das tut mir sehr weh.“

„Ich habe alles versucht. Es hat keinen Sinn. Ich habe so viele Jahre versucht herauszufinden, ob meine Mutter mir nahe sein kann. Und die einzige Zeit, in der sie mir nahe kommt, ist, wenn ich etwas Dope oder Geld in der Tasche habe. Das ist das einzige Mal, dass sie sagt: ‚Tochter, ich liebe dich.‘„

Ich zucke zusammen.

„Das einzige Mal, Maté. Das einzige Mal.“

Ich habe keinen Zweifel, dass, wenn Serenas Mutter über ihr eigenes Leben sprechen würde, eine ebenso schmerzhafte Erzählung herauskommen würde. Das Leiden ist hier generationenübergreifend. Die größte Qual, die fast alle meine Patienten, ob männlich oder weiblich, mir gestehen, ist nicht die Misshandlung, die sie erlitten haben, sondern das eigene Verlassen ihrer Kinder. Das können sie sich niemals verzeihen. Schon die bloße Erwähnung bringt bittere Tränen hervor, und ein Großteil ihres fortgesetzten Drogenkonsums soll die Wirkung solcher Erinnerungen dämpfen. Serena, die hier als das verletzte Kind spricht, schweigt ebenfalls über die eigenen Schuldgefühle gegenüber ihrer vernachlässigten Tochter, die jetzt Crystal Meth konsumiert. Schmerz erzeugt Schmerz. Wer auch immer über eine dieser Frauen urteilen möge, sollte zuerst auf sich selbst schauen.

Wie immer, wenn ich eine unerwartet lange Zeit mit einer Patientin verbringe, bricht die Menge im Wartezimmer in lärmenden Protest aus. „Beeilen Sie sich“, ruft einer lauthals. „Wir brauchen auch unseren Saft!“ Serenas ganzer Schmerz und all ihre Wut explodieren aus ihr heraus in einem lautstarken „Halt’s Maul!“. Ich stecke meinen Kopf aus der Tür, um die nervöse Menge zu beruhigen.

Ich bin damit einverstanden, Serena ein Antidepressivum zu verschreiben, und erkläre ihr, dass es je nach der besonderen Physiologie einer Person funktionieren kann oder auch nicht und dass es Nebenwirkungen haben kann. Und ich sage ihr, dass wir ein anderes Mittel ausprobieren können, wenn dieses nicht wirkt. Ich gebe ihr das Rezept und suche in meinem Herzen nach mitfühlenden Worten, nach Worten, die dazu beitragen könnten, die Qualen zu lindern, die Serenas Herz plagen. Und die Worte kommen, zunächst noch stockend.

„Was Ihnen passiert ist, ist wirklich entsetzlich. Es gibt kein anderes Wort dafür, und es gibt nichts, was ich sagen könnte, das auch nur annähernd anerkennen würde, wie schrecklich, wie ungerecht es für jedes Wesen, für jedes Kind ist, gezwungen zu werden, all das zu ertragen. Aber unabhängig davon akzeptiere ich immer noch nicht, dass die Dinge für irgendeinen Menschen hoffnungslos sind. Ich glaube, dass in jedem Menschen eine natürliche Stärke und angeborene Perfektion steckt. Auch wenn sie von allen möglichen Schrecken und Narben verdeckt sind, sind sie da.“

„Ich wünschte, ich könnte sie finden“, sagt Serena mit einer Stimme, die so erstickt und leise ist, dass ich von ihren Lippen lesen muss, um die Worte zu verstehen.

„Es ist in Ihnen. Ich sehe es. Ich kann es Ihnen nicht beweisen, aber ich sehe es.“

„Ich habe versucht, es mir selbst zu beweisen, und ich bin gescheitert.“

„Ich weiß. Sie haben es versucht und es hat nicht funktioniert und nun sind Sie wieder hier. Es ist sehr schwierig. Es sollte viel mehr Unterstützung geben.“

Schließlich sage ich Serena, dass für einen depressive Menschen alles absolut hoffnungslos aussieht. „So fühlt es sich an, wenn man depressiv ist. Wir werden sehen, wie Sie mit den Medikamenten zurechtkommen. Lassen Sie uns in zwei Wochen wieder miteinander reden.“

Und in dieser Situation fühle ich mich beschämt, beschämt durch meine Schwäche, diesem Menschen nicht helfen zu können. Beschämt, dass ich die Arroganz besaß zu glauben, ich hätte alles gesehen und gehört. Man kann nie alles sehen und hören, denn trotz all ihrer schäbigen Ähnlichkeiten entfaltet sich jede Geschichte in Downtown Eastside in der individuellen Existenz eines einzigartigen Menschen. Jede Geschichte muss jedes Mal aufs Neue gehört, bezeugt und anerkannt werden, jedes Mal, wenn sie erzählt wird. Und ich fühle mich besonders beschämt, weil ich es gewagt habe, mir ein Bild von Serena zu machen, das weniger komplex und leuchtend ist als die Person, die sie ist. Wer bin ich, über sie zu urteilen, weil sie sich dem Glauben verschrieben hat, dass sie nur durch Drogen Erlösung von ihren Qualen finden wird?

Spirituelle Lehren aller Traditionen fordern uns auf, in jedem das Göttliche zu sehen. „Namaste“, der heilige Gruß aus dem Sanskrit, bedeutet: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.“ Das Göttliche? Es ist so schwer für uns, das Menschliche überhaupt zu sehen. Was habe ich dieser jungen Ureinwohnerin zu bieten, die in den drei Jahrzehnten ihres Lebens die komprimierten Qualen von Generationen ertragen musste: Jeden Morgen eine Antidepressivum-Kapsel, die zusammen mit Methadon genommen wird, sowie ein- bis zweimal im Monat eine halbe Stunde meiner Zeit.

Im Reich der hungrigen Geister

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