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7.

Isabela Balke war die Tochter deutscher Aussteiger. Ihre Eltern hatten sich auf Ibiza kennengelernt. Sie gehörten zwar zur Generation der Achtundsechziger, hatten aber mit politischen Zielen nichts im Sinn. Ihnen gefielen die Nebenerscheinungen. Der Psychotrip. Haschisch. Partys und Flowerpower.

Die Eltern von Isabelas Mutter waren bei einem Autounfall in Florida ums Leben gekommen. Sie hatte sich ihr Erbteil auszahlen lassen, während der Bruder das Bauunternehmen des Vaters weiterführte.

Isabelas Vater lebte damals schon seit zwei Jahren auf Ibiza. Ein Lebenskünstler auf kleinstem finanziellen Niveau. Er hielt sich mit selbst gebasteltem Silberschmuck und selbst entworfenen Flatterkleidern über Wasser. Dankbare Kundinnen waren meist ältere wohlhabende Frauen.

Isabelas Mutter gefiel dieses Leben am Rande des existenziellen Abgrunds. Sie liebte den Kick mit der Rückversicherung ihres Erbteils im Hintergrund.

1978 wurde Isabela geboren und im Tragetuch mit auf die Hippiemärkte geschleppt, wo Vater und Mutter weiter Schmuck und Kleider verkauften. Wenn die Geschäfte nicht so gut liefen, hob die Mutter das Notwendige von ihrem Konto ab.

Als Isabela vier Jahre alt war, begannen ihre Eltern, sich auf Ibiza zu langweilen. Zu voraussehbar war für sie das Leben dort geworden. Sie wollten noch einmal etwas anderes versuchen.

Sie hatten einen deutschen Antiquitätenhändler kennengelernt, der bei ihnen für seine Frau mehrere Kleider gekauft hatte. Er hatte ihnen davon erzählt, dass alte spanische Möbel und Antiquitäten seiner Einschätzung nach in Deutschland zusammen mit dem sich immer weiter ausbreitenden Landhausstil ein Renner werden könnten. Er wäre auf der Suche nach Leuten, die auf dem spanischen Festland nach solchen Dingen Ausschau halten und sie für ihn kaufen könnten. Das war etwas, was Isabelas Eltern reizte.

Sie siedelten sich bei Barcelona an, kauften auf Kosten des Antiquitätenhändlers ein Chevrolet Pick-up und durchkämmten das Land kreuz und quer. Ihre Fundstücke schickten sie dann per Schiff nach Hamburg. Die Eltern verdienten dabei so gut, dass sie es sich leisten konnten, ihre Tochter ins Internat und auf die deutsche Schule zu schicken, wo sie hauptsächlich mit Diplomatenkindern die Schulbank drückte. Mit siebzehn, kurz vor ihrem Abitur, war sie mit zwei Mitschülerinnen zu einem Konzert einer damals bekannten deutschen Rockband in die Stierkampfarena von Barcelona gegangen.

Sie war äußerst aufgeregt. Sie besaß schon zwei Alben der Gruppe und hatte sich rettungslos in den Gitarristen verknallt. Auf dem Cover, eine Kippe lässig im Mundwinkel, war er gerade dabei, mit einem seiner ekstatischen Gitarrensoli abzuheben.

In ihrem kleinen Internatszimmer war sie immer wieder mit ihm geflogen.

Und nun stand sie direkt vor der Bühne. So nahe, dass sie ihn fast berühren könnte. Er sah noch besser aus als auf dem Foto. Seine braunen Locken fielen ihm über das schmale bleiche Gesicht mit den großen braunen Augen und reichten ihm bis auf die Schultern. Er war sehr schlank, fast dünn. Auf der flachen Brust, die unter dem bis zum Bauchnabel geöffneten Hemd zu sehen war, wuchs kein einziges Haar. Isabela hatte sofort das Gefühl, ihn beschützen zumüssen.

Nach dem Konzert war sie wie betäubt einfach stehen geblieben.

Vergeblich hatten ihre Mitschülerinnen sie aufgefordert, mit ihnen zurück ins Internat zu kommen.

Sie wartete und schaute den Roadies beim Abbauen zu. Unverwandt starrte sie auf seine Gitarre, die auf einem Gitarrenständer abgestellt war. Sie war sich sicher. Er würde zurückkommen, um seine Gitarre selbst abzuholen. Und tatsächlich. Nach einer viertel Stunde kam er. Ein gestreiftes Handtuch um den Hals. Seine schönen Locken klebten ihm strähnig am Kopf.

Er hatte die Gitarre gerade aus dem Ständer genommen, als er sie bemerkte. Er blickte kurz auf das schlanke Mädchen, das ihn wie eine Erscheinung anstarrte.

Er hatte sich schon wieder abgewendet und war ein paar Schritte in den Bühnenhintergrund gegangen, als er plötzlich stehen blieb, sich umdrehte und sie zu sich winkte. Ohne zu zögern, sprang Isabela auf die Bühne und folgte ihm.

Er legte seinen Arm um sie und führte sie in eine mit Zeltplanen improvisierte Garderobe. Dort herrschte ein atemberaubendes Durcheinander. Aus Kleidungsstücken, Bierdosen und Instrumentenkoffern.

Sorgfältig, beinahe zärtlich, legte er seine Gitarre in den Koffer. Dann ließ er sich in einen Ledersessel fallen und machte den Reißverschluss seiner engen Hose auf.

Sie blieb bei der Band, als Groupie, und reiste mit ihr durch ganz Spanien. Sie konnte sich nützlich machen wegen ihrer Sprachkenntnisse und sie war Tag und Nacht bei ihrem Idol.

Das Abitur ließ sie sausen. Damit man im Internat nicht nach ihr suchte, hatte sie von Sevilla aus angerufen und gesagt, dass sie die Schule vorzeitig verlassen wollte.

Sie wusste, dass ihre Eltern zurzeit wieder unterwegs und telefonisch schwer erreichbar waren.

Für Bernd, den Gitarristen, war sie schon bald vom Groupie zur richtigen Freundin aufgestiegen. Versteckt in seiner Koje kam sie im Nightliner der Band nach Hamburg.

Er besaß einen Bungalow bei Wedel, der von seiner letzten Freundin äußerst spießig eingerichtet worden war. Durchaus in seinem Sinne.

Sie begannen, wie ein normales Ehepaar zu leben. Der fünfundzwanzigjährige Rockstar und die siebzehnjährige Schülerin. Aber seine Drogenexesse wurden immer ausufernder.

Oft hatte er tagelang keinen klaren Moment. Isabela fand dieses Leben, vor allem während der Touren aufregend und exotisch. Außerdem liebte sie Bernd. Schon damals zeichnete sich ab, wie sehr er auf den bei dem jungen Mädchen früh entwickelten mütterlichen Beschützerinstinkt angewiesen war. Ihre Eltern konnte sie schließlich beruhigen. Auch mit dem Versprechen, ihre abgebrochene Ausbildung in Deutschland fortzusetzen.

Aber die Erfolgssträhne der Band riss ab. Das letzte Album wurde ein Flop. Die Bandmitglieder gingen sich auf die Nerven. Es bildeten sich Fraktionen innerhalb der Band, die sich gegenseitig bekämpften. Der Schlagzeuger wurde rausgeschmissen. Es kam zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Es wurde erbittert um den Namen gestritten. Teilweise tourten drei Formationen, die den alten Bandnamen nur noch als Zusatz führen durften. Bernd reagierte auf diese Entwicklung mit verstärktem Drogenkonsum. Er wurde zum Junkie, den nur noch der nächste Schuss interessierte.

Der scheinbar riesige Geldberg schmolz beängstigend. Im gleichen Tempo wuchs dagegen die Begehrlichkeit der Finanzämter. Wegen der Auseinandersetzungen der Bandmitglieder hatten sie Witterung aufgenommen. Der Bungalow musste verkauft und gegen eine kleine Dreizimmerwohnung in Altona getauscht werden. Zum Glück hatte Isabela ihr Versprechen eingelöst. Das Abitur hatte sie nachgeholt und schließlich ihren Abschluss als Eurosekretärin gemacht.

Sie fand eine Anstellung bei einer Im- und Exportfirma. Mühelos schaffte sie auf der Abendschule ihr Dolmetscherexamen in Spanisch, Portugiesisch und Französisch. Auch in Englisch hätte sie jederzeit ihr Diplom bekommen können. Sie ernährte beide. Bernd fiel als Partner völlig aus.

Er hatte den Absturz der Band nicht verkraftet. Er war versaut für jedes auch nur annähernd normale Leben. Er veränderte sich erschreckend negativ. Er spürte, dass er in ihrer Beziehung einen jämmerlichen Part spielte. Seine Ohnmacht äußerte sich zunehmend in Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Isabela ertrug alles. Sie verhielt sich wie eine Ko-Süchtige.

Als Bernd damit begann, sich mit den anderen Süchtigen den ganzen Tag hinterm Hamburger Hauptbahnhof herumzutreiben, wusste Isabela keinen anderen Ausweg mehr. Sie verließen Deutschland, obwohl sie gerade ein Angebot als Chefsekretärin bekommen hatte. Kollegen und Freunde hatten sie beschworen, anzunehmen. Aber sie handelte mit der gleichen unbeirrbaren Konsequenz, mit der sie damals aus Spanien weggegangen war.

Ihre Eltern hatten ein halbverfallenes Bauernhaus auf Mallorca entdeckt. Isabela und Bernd konnten es sich von dem Erlös der Dreizimmerwohnung kaufen und zurechtmachen.

Das Haus lag mitten in der Hügellandschaft vor Felanitx.

Ihre erste Zeit auf Mallorca war geprägt vom Umbau des Hauses und von den schlimmen Nebenwirkungen des Entzugs. Sie schafften es.

Im ersten Jahr reichte der Rest des Geldes, um ihre bescheiden gewordenen Bedürfnisse zu bezahlen. Bald schon hatte Isabela ein mögliches Betätigungsfeld für sie gefunden.

Seit der Entdeckung der Insel für Deutsche ab Mitte der fünfziger Jahre hatte die Zahl der Ferienhausbesitzer epidemieartig zugenommen. Die waren auf zuverlässige Leute angewiesen, die ihr Anwesen den Rest des Jahres betreuten.

Isabela besaß alle Voraussetzungen für so eine Tätigkeit. Es dauerte knapp vier Monate, und sie kümmerte sich um mehrere Fincas wohlhabender Deutscher. Bernd hatte, nachdem er clean war, handwerkliche Fähigkeiten gezeigt, die sie noch nie zuvor an ihm entdeckt hatte. Das konnten sie jetzt nutzen.

Um das Kapitel Deutschland ganz abzuschließen, nahmen beide die spanische Staatsangehörigkeit an.

Da sie ihre Aufgaben zuverlässig erledigten und Isabela darüber hinaus auch als Dolmetscherin für Behördengänge gebraucht werden konnte, wuchs der Kreis ihrer Kunden so schnell, dass sie viele Angebote ablehnen mussten. Das wieder vorhandene Geld und die viele Arbeit waren aber auch die Grundlage für das Wiederauftauchen alter Probleme. Sie mussten oft parallel und getrennt arbeiten. Bernd war es gelungen, sich in Palma Drogen zu besorgen.

Seine eigene Wut über diesen Rückfall äußerte sich in Aggression gegen Isabela. Es kam immer häufiger zu Streitereien.

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Oktoberstürme

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