Читать книгу Marrascas Erbe - Gerhard Schumacher - Страница 7
drei / tres
ОглавлениеWie es mir inzwischen zur angenehmen Gewohnheit geworden war, ging ich eines Tages nach dem Mittagsschlummer in die Bibliothek hinauf, um mir ein Buch auszusuchen, das ich bei einem Glas Wein auf meiner Dachterrasse durchblättern wollte. Als ich die Regale entlangging und die Buchrücken las, bemerkte ich einen kleinen Unterschrank mit zwei Schubladen, der mir bislang noch nicht aufgefallen war. Ich zögerte, die Schubladen zu öffnen und deren Inhalt zu durchsuchen, es kam mir vor wie eine Verletzung der Intimsphäre der verstorbenen Eigentümer, auch wenn sie mir alles ohne Einschränkungen vermacht hatten und ich nun der rechtmäßige Besitzer war. Auch im übrigen Haus hatte ich aus Respekt meinen Gönnern gegenüber so weit es ging alles beim Alten gelassen, nur wenig verändert und den Inhalt der Schränke, viele waren es ohnehin nicht, weitestgehend unberührt gelassen. Schon wollte ich auch den Unterschrank ignorieren, als ein sechster sich den vorhanden fünf Sinnen anschloß und mich dazu bewog, die beiden Schubladen doch zu öffnen.
In der Unteren befanden sich einige Briefe, die ich ungelesen wieder zurücklegte. Außerdem eine sehr dicke Kladde im Folioformat, die sich als Haushaltsbuch herausstellte. Fein säuberlich waren Tag für Tag die Ausgaben aufgeführt, saldiert und kumuliert, so daß sich eine genaue Aufstellung der Haushalts- und Lebenskosten ergab. Und zwar über Jahrzehnte hinweg.
Beim flüchtigen Durchblättern erkannte ich zwei unterschiedliche Handschriften, offensichtlich hatte Don Xavier die Auflistung begonnen, die nach seinem Tod dann von Dona Maria fortgeführt worden waren. Sie endeten mit dem 31. Dezember des vergangenen Jahres. Der Januar des neuen Jahres, der Monat, in dem Dona Maria starb, war nicht mehr begonnen worden. Auch fehlte nach meiner ersten Durchsicht jeglicher Hinweis auf irgendwelche Einnahmen, von denen die Ausgaben bestritten worden waren. Letztere aber waren akribisch auch für den kleinsten gekauften Artikel (beispielsweise Wäscheklammern, das Päckchen zu 5 peseta) bis auf die letzte Kommastelle aufgeführt. Ich legte die Kladde wieder zurück und wollte sie später einmal genauer unter die Lupe nehmen.
Die obere Schublade wurde von einer Holzkiste vollkommen ausgefüllt. Als ich sie herauszog und öffnete, stellte ich fest, daß sie bis an den Rand mit Fotos unterschiedlicher Größen bestückt war. Meinem ersten Impuls folgend, wollte ich auch diese Fotos ungesehen wieder der Verschwiegenheit des Schranks anvertrauen, doch dann obsiegte die Neugierde und ich nahm sie statt eines Buches mit auf die Dachterrasse. Ich kann heute gar nicht mehr genau nachvollziehen, was mich dazu bewog, meiner Neugierde nachzugeben. Offensichtlich versprach ich mir einen vergnüglichen Nachmittag, von dem ich abends Don Remigio zu berichten gedachte.
Nachdem ich mir ein Glas kühlen rosados eingegossen hatte, breitete ich einen Teil der Fotos auf dem Tisch aus. Es war ein eigenartiges Gefühl, in die bildhaft dokumentierte Vergangenheit toter Menschen einzudringen, zu denen ich zur Zeit der Aufnahmen noch keinerlei Bezug hatte, geschweige denn überhaupt von ihrer Existenz wissen konnte.
Ein Großteil der Motive zeigte Dona Maria und einen Mann, von dem ich wohl zu recht annahm, es handelte sich um Xavier Marrasca. Meist waren sie zusammen vor wechselnden Hintergründen zu sehen. Don Xavier, etwas größer als seine Frau, stand stets rechts von ihr, den Arm besitzergreifend (diesen Eindruck hatte ich zumindest) um ihre Taille gelegt. Dona Maria aber zeigte immer das stolze, nur leicht angedeutete Lächeln der überlegenen Senyora, als würde sie allen Nebenbuhlerinnen mitteilen wollen, seht her, ihr habt euch alle vergebens bemüht, ich aber habe ihn bekommen.
Verschiedene Aufnahmen waren auf einem Boot gemacht worden, denn hinter den beiden konnte man Reling und Meer erkennen. Dann wieder standen sie in Artà vor der Pfarrkirche, zusammen mit Don Remigio als blutjungem Priester, der unbeschwert fröhlich in die Kamera winkte.
Auf einzelnen Bildern hatten sie sich wahrscheinlich gegenseitig aufgenommen. Eine ganze Serie von 10 bis 15 Fotos zeigte im Hintergrund die Kathedrale La Seu in Palma und den dortigen Hafen.
Das älteste Foto, das ich fand, war in einem Atelier entstanden. Dona Maria saß auf einem Stuhl, die Hände züchtig im Schoß gefaltet, während Don Xavier schräg hinter ihr stand, eine Hand ruhte auf ihrer Schulter, nicht aufdringlich, sondern in beiderseitigem Einverständnis Eigentum andeutend.
Es handelte sich offensichtlich um das Hochzeitsfoto und mußte, der Kleidung beider nach zu urteilen, um 1875 gemacht worden sein. Es war auf Hartpappe aufgezogen und mit einem ovalen Passepartout versehen. Die Rückseite hatte den braunen Aufdruck eines Fotoateliers in Manacor, eine Jahreszahl war nicht angegeben.
Alle anderen Fotos waren aber ganz offensichtlich jüngeren Datums, das heißt, mit diesem Hochzeitsbild begann die dokumentierte Geschichte des Paares Maria und Xavier Marrasca. Ich beschloß, das Bild rahmen zu lassen und an zentraler Stelle im Haus aufzuhängen, sozusagen als Reminiszenz an meine Gönner, die ehemaligen Besitzer.
Der Tisch war nicht groß genug, alle Bilder der Kiste auf einmal nebeneinanderzulegen. Deshalb mußte ich erst eine Schicht wieder abräumen, bevor ich eine neue auflegen konnte. Mittlerweile ließ mein Interesse allerdings merklich nach, da die Fotos mit wenigen Ausnahmen immer die gleichen Motive, nämlich Dona Maria und Don Xavier, mal einzeln, mal zusammen, vor wechselnden Hintergründen zeigten und bis auf die durch die verschiedenen Jahrzehnte wechselnde Garderobe und Haartrachten so gut wie keine Abwechslung boten.
Alle Fotos, die zur Zeit ihrer mehr als dreißig Jahre währenden Witwenschaft aufgenommen worden waren, wiesen nicht einmal die wenigen modischen Unterschiede auf, da Dona Maria sich ab dem Heimgang ihres Mannes nur noch in das traditionelle Schwarz der vom Tod um ihren Partner betrogenen Frauen kleidete. Das ermüdete mich zunehmend, die Aufmerksamkeit ließ zu wünschen übrig und bald schon merkte ich, daß ich mich mehr mit dem vorzüglichen rosado beschäftigte, denn mit den Fotografien vor mir auf dem Tisch, die ich mechanisch Lage für Lage abräumte, um dann eine neue an die Plätze der alten aufzulegen.
Allmählich näherte ich mich dem Rest der noch in der Kiste verbliebenen Bilder. Und auch dem in der Weinflasche. Als ich die Treppe hinabstieg, eine neue aus dem kellerartigen Verschlag zu holen bemerkte ich einen leichten Rausch in Kopf und Beinen, über den ich völlig unmotiviert plötzlich laut auflachen mußte. Daraufhin steckte Álvaro den Kopf aus seinem Zimmer und fragte, was los sei und ob er helfen könnte. Ich verneinte, immer noch lachend, setzte zu einem Erklärungsversuch an, und als dieser nicht so recht gelingen wollte, lud ich Álvaro ein, die nächste Flasche Wein zusammen mit mir auf der Dachterrasse zu leeren.
Erfreut über die Einladung sagte der Chauffeur sofort zu, und nachdem ich eine neue Flasche rosado aus dem Verschlag geholt hatte, begaben wir uns beide gemeinsam nach oben auf das Dach.
Während ich die Weinflasche entkorkte, erklärte ich Álvaro, wo ich die Bilder gefunden hatte und wer darauf abgebildet war. Der Chauffeur räumte die Fotos vom Tisch ab und legte den in der Kiste verbliebenen Rest nebeneinander auf. Aufmerksam betrachtete er die Bilder und murmelte Unverständliches in mallorquin vor sich hin. Als wäre er kurzsichtig, hob er Bild für Bild hoch, hielt es sich vor die Augen und nachdem er es eingehend betrachtet hatte, legte er es zurück auf den Tisch, um das nächste aufzunehmen.
Ich hatte mein Interesse inzwischen zur Gänze von den Bildern weg zum Wein hin verlagert und hielt gerade das Glas in die untergehende Sonne, um die hellrote Farbe des rosados zu prüfen, als mich Álvaro aus meinen Betrachtungen riß.
„Komisch“, sagte er und betrachtete zwei Fotos, die er sich abwechselnd vors Gesicht hielt, „es ist zwar nach allem, was Sie mir erzählt haben, eigentlich nicht möglich, aber ich würde meinen, auf diesen beiden Bildern sind Sie mit drauf.“
„Unsinn Álvaro, das kann nicht sein.“
„Sag ich ja, aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend. Schauen Sie doch selbst“, antwortete er und hielt mir die beiden Bilder hin.
Die Aufnahmen waren augenscheinlich in einem Straßencafé gemacht. Im Vordergrund an einem kleinen runden Bistrotischchen saßen, vom Betrachter aus gesehen, rechts Dona Maria, ein Bein über das andere geschlagen, die Knie züchtig durch den Rock bedeckt und links Don Xavier, den linken Arm auf die Tischplatte gestützt, in den Fingern eine Zigarette. Auf dem Tisch standen Kaffeekännchen, Tassen und Cognacgläser. Im Schatten des Hintergrunds aber saß ein Mann an einem Tisch, der auf dem einen Bild direkt in die Kamera schaute und auf dem anderen rechts aus dem Bild hinaus, so daß sein Profil recht deutlich zu erkennen war. Und dieser Mann, ich konnte es kaum leugnen, sah mir ähnlich, erstaunlich ähnlich sogar. Wenn ich ehrlich war, was mir in diesem Fall schwer fiel, sah es in der Tat auf den ersten Blick so aus, als hätte ich dort an dem Tischchen unter der Markise des Straßencafés gesessen. Auf dem zweiten Blick sah es immer noch so aus.
„Das ist unmöglich“, ich begann zu stottern, „das kann ich gar nicht sein, wo immer diese Aufnahme gemacht wurde, ich war niemals dort, ganz sicher nicht. Es muß sich um eine Verwechslung handeln, um einen Doppelgänger, eine Halluzination, was weiß ich.“
Álvaro nahm mir die Fotos aus der Hand und betrachtete sie nochmals eingehend. Dann tippte er mit dem Finger im Wechsel mal auf das eine, mal auf das andere Bild und schüttelte den Kopf, als könnte er nicht glauben, was er sah.
„Haben Sie eine Lupe zur Hand, Don Diego?“
Ich nickte und verschwand verwirrt die Treppe hinab, um aus meinem Zimmer zu holen, was er verlangte, kam wieder nach oben und gab dem Chauffeur das Gewünschte.
„Da, sehen Sie hier“, sagte Álvaro und reichte mir die Lupe und ein Bild.
Er deutete auf den rechten Arm des unbekannten Mannes, der nachlässig an der Lehne des Korbsessels herunterhing. Unter der Vergrößerung der Lupe kam die grobkörnige Unschärfe der Aufnahme deutlich hervor. Doch ebenso deutlich zu erkennen war der Ring, den der Fremde an dem Ringfinger der rechten Hand trug. Eine schlichte Fassung, die einen großen ovalen Stein hielt. Nicht besonders auffallend, aber markant.
Álvaro wies erst auf das Foto und dann auf den Ring, den ich am Ringfinger der rechten Hand trug. Einen ovalen Stein in einer schlichten Fassung, nicht besonders auffallend, aber markant.
Es handelte sich bei dem Ring, den ich trug und bei dem, der am Finger des Unbekannten steckte, ohne Frage um ein und denselben Ring.
Das zweite Bild zeigte nichts anderes, sondern beschränkte sich lediglich darauf, das erste zu bestätigen.
Unfähig zu begreifen, was ich da vor mir sah, starrte ich auf die Bilder und dann wieder auf meine Hand, die nun doch recht stark zitterte. Als ich nach dem Weinglas griff und dabei einen Gutteil seines Inhalts verschüttete, kamen mir die Vorkommnisse der letzten Wochen wieder ins Bewußtsein zurück, die Geschehnisse, die ich weder einzuordnen wußte, noch verstanden, sondern deren mysteriösen Umstände ich einfach nur verdrängt hatte.
Die Umstände meines Erbes, der Brief des Don Xavier an mich und nun dies, zwei Fotografien, die unzweifelhaft zu beweisen schienen, daß ich vor mehr als dreißig Jahren zusammen mit dem Ehepaar Marrasca in einem Straßencafé gesessen haben mußte, woran ich mich allerdings mit keiner Windung meines Gehirns auch nur in Bruchstücken erinnern konnte. Kein Wunder, zum Zeitpunkt der Aufnahme war ich höchstens zwei Jahre alt, vielleicht noch jünger, im durchaus denkbaren Fall sogar noch gar nicht geboren.
Wie sollte ich mich da an irgend etwas erinnern können?
Verzweifelt versuchte ich Ungewißheit in mir zu schüren, kramte alle möglichen Eventualitäten aus dem Zauberkästchen der Irrtümer und Illusionen hervor, konstruierte Zufälle der unwahrscheinlichsten Art und suchte Entschuldigungen und Ausflüchte, indem ich schlichtweg die Realität zu leugnen trachtete. Indes, es half alles nichts. Immer wieder wurde ich, so ich einen Moment die Augen nicht verschloß, ohne Mitleid auf die fotografisch festgehaltene Unmöglichkeit gestoßen, die da vor mir auf dem Tisch lag und sich weigerte, mittels geträumter und von weit her geholter Argumente ihrer Existenz beraubt zu werden.
Was ich auch anführte, wie ich mich auch wand und wendete, Álvaro wies mich immer wieder mit einem Kopfschütteln auf die Tatsachen hin. Es war zum Verzweifeln.
Über all mein Lamentieren hatten wir auch die zweite Flasche rosado geleert und ich wollte schon eine dritte aus dem Verschlag holen, doch der Chauffeur machte mir einen anderen Vorschlag. Ich sollte, bis auf die beiden mysteriösen, die Bilder wegräumen und im Anschluß daran in die Bar El Ultim kommen, da sowieso bald die Zeit des Nachtessens gekommen sei. Von Bienvenida wüßte er, daß sie eine Delikatesse besonderer Art, nämlich rostit de cabra, Zickleinbraten, im Rohr habe, das würde mich hoffentlich ein wenig ablenken. Er, Álvaro, ginge in der Zwischenzeit in die Pfarrkirche, Don Remigio zu holen, damit er mir in meiner schweren Stunde mit seinem geistlichen Ratschlag und, wer weiß, vielleicht sogar einer Lösung zur Seite stünde. Der Glaube, versuchte er mir Mut zu machen, versetze ein manches Mal Berge, und er zwinkerte mir mit Optimismus zu.
Mochte der Glaube auch Berge versetzen, auf Fotos abgelichtete Personen würde er kaum verschwinden lassen, wollte ich dem braven Chauffeur schon erwidern, unterließ es dann aber, denn ich konnte seinen gut gemeinten Aufmunterungsversuchen schwerlich mit meinem profanen Weltgeist entgegentreten. Auch war der in Glaubensfragen eher zweifelnde Charakter des pare, von dessen ketzerischen Gedankengängen ich ja ausreichend Kenntnis besaß, meines Erachtens nicht einmal dazu angetan, kleinere Sandhäufchen umzuschichten, geschweige denn, ausgewachsene Berge aus Felsgestein, Geröll und Erdreich von einem Ort an einen anderen zu verbringen. Aber mit diesen grundlegenden Fragen konnte und wollte ich natürlich das kindliche Gemüt Álvaros in diesen Dingen nicht belasten. Außerdem war sein Vorschlag vernünftig, ich stimmte also zu und beide machten wir uns auf den Weg. Álvaro den Berg die Stufen zur Kirche hinauf, ich mit der Bilderkiste die Treppe in die Bibliothek hinunter. Die beiden bewußten Fotos hatte ich, ohne sie ein weiteres Mal anzuschauen, zwischen zwei Pappdeckel in meine Jackentasche gesteckt.
Als ich mich auf den Weg in die Bar El Ultim machte, war mir, da ich die Haustür hinter mir zuzog, mit einem Mal klar, daß ich, wenigstens zur Zeit, nicht in der Lage gewesen wäre, alleine in dem Haus des Raben zu wohnen und entwickelte für Álvaros liebesbedingte Anwesenheit eine gewisse Form der Dankbarkeit.
Erst als ich schon einige Schritte die Carrer Major entlanggegangen war, fiel mir auf, daß ich mein Heim mit dem Beinamen Don Xaviers bedacht hatte. Und es war auch das erste Mal, daß mir das Synonym durch den Kopf schoß, wenn ich an Senyor Marrasca dachte.
Wie sich schnell herausstellte, war der Weg Álvaros hinauf zur Kirche insofern vergebens, weil Don Remigio schon geraume Zeit in der Bar El Ultim saß und auf mich wartete. Etwas außer Atem nahm der Chauffeur diesen Umstand nach seiner Rückkehr zur Kenntnis und begab sich verärgert auf seinen Stammplatz nahe der Küchentür, aus der ab und zu Bienvenida ihr, zugegeben, hübsches Köpfchen steckte. Überhaupt war sie seit den Bemühungen ihres Verehrers sichtlich schöner geworden, schöner jedenfalls, als ich sie noch von früher in Erinnerung hatte. Diese Einschätzung konnte jedoch auch auf einem gewissen Wunschdenken beruhen. Ich war mir nicht ganz sicher.
Man sah Don Remigio deutlich an, daß er schon eine gut bemessene Zeitspanne gewartet haben mußte, seine Augen schauten etwas verschwommen durch die Umwelt und als ich die Bar betrat, gestikulierte er sogleich etwas wild mit beiden Armen, gab mir zu verstehen, er müßte mir etwas Wichtiges mitteilen und kippte dabei schwungvoll sein Weinglas über der Tischdecke aus.
„Setzen Sie sich Don Diego, nehmen Sie Platz“, er winkte Consuela, den Tisch neu einzudecken, „ein Gläschen, trinken Sie ein Gläschen von diesem hervorragenden tempranillo, Sie werden es nicht bereuen.
Ich habe nachgedacht, Don Diego, ich habe über unser Gespräch vor einiger Zeit nachgedacht, Sie erinnern sich, die Existenz Gottes betreffend und natürlich auch über die dann notwendige seines Gegenspielers, des Herrn Luzifer, oder wie immer man den einen oder den anderen bezeichnen will, ich bin ja in dieser Frage nach allen Seiten offen, wie Sie wissen, trotz meines Berufs, anders im Übrigen als mein Vorgesetzter in der Ewigen Stadt. Also ich habe nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen…“
Ich unterbrach den Redeschwall des pare mit einer Geste, wartete, bis Consuela die neue Tischdecke glattgestrichen hatte und legte dann auf das saubere Tuch die beiden Fotografien vor Don Remigio hin.
Während er die Bilder betrachtete, lehnte ich mich zurück und trank von dem wirklich vorzüglichen tempranillo, der pare hatte nicht übertrieben. Ich hatte mich inzwischen wieder so weit beruhigt, daß ich den verführerischen Duft des Zickleinbratens aus der Küche wahrnahm. Auch Álvaro hatte also die Kochkünste Bienvenidas nicht übertrieben. Beides, der Wein und das bevorstehende Mahl erfüllten mich mit einer inneren Befriedigung, die ich noch vor wenigen Minuten mit meinem weiteren Dasein für unvereinbar erklärt hätte. So schnell kann sich eine angenehme Umgebung im Gemüt niederschlagen.
Don Remigio holte mich schnell aus meinen Träumereien in die Wirklichkeit zurück.
„Wer ist das da auf den Bildern? Ich meine nicht Don Xavier und seine Gattin, sondern den Dritten da im Hintergrund, der so aussieht wie Sie aussehen. Ich frage Sie erneut, Don Diego, wer ist der Kerl?“
Und schon war’s vorbei mit dem harmonischen Gefühl, der gemeine Schrecken hatte mich wieder.
„Offensichtlich bin ich es ja wohl, wer sollte es sonst sein? Bitte beachten Sie den Ring des Senyors, der eine nicht zu verwechselnde Ähnlichkeit mit dem aufweist, den ich hier an gleicher Stelle trage. Ich weiß zwar nicht, wie das gehen soll, aber offenbar bin ich faktisch die Person dort auf den Fotografien. Einmal ungeachtet der Tatsache, daß ich zum Zeitpunkt der Aufnahmen wahrscheinlich noch gar nicht geboren war, oder aber mich erst im zarten Alter von ein oder zwei Jahren befand. Auf jeden Fall jedoch war meine Erscheinungsform vor dreißig Jahren eine andere als sie heute ist. Das kann keiner abstreiten, obwohl die Fotografien es anders darzustellen scheinen.
Und nun, Don Remigio, können Sie Ihre neu gewonnenen spirituellen Erkenntnisse über Gut und Böse, schlecht und noch schlechter, auf Teufel komm raus sozusagen, an meinem konkreten Fall ausprobieren. Tun Sie sich keinerlei Zwänge an, ich erteile Ihnen jede erdenkliche Vollmacht und, wenn es Sie beruhigt, im Voraus die Absolution. Letzteres aber nur, wenn irgend etwas nicht so laufen sollte, wie Sie es sich vorgestellt haben. Te absolvo, hin oder her.“
Der pare schaute mich irritiert an, runzelte die Stirn und sprach dann:
„Nun beruhigen Sie sich doch, Don Diego. Alles wird sich aufklären. Ihre Flucht in den Sarkasmus bringt uns keinen Schritt weiter. Nun erzählen Sie mir erst einmal, wie Sie zu den Aufnahmen gekommen sind, dann sehen wir weiter.“
Ich berichtete ihm von dem Unterschrank mit den zwei Schubladen, den ich heute eher zufällig bemerkt hatte, der Kiste mit den Fotos und meiner Entdeckung darin, die ich ja eigentlich dem Chauffeur Álvaro zu verdanken hatte.
Don Remigio fragte, ob ich der Meinung sei, der Schrank hätte schon immer dort gestanden und war erst jetzt von mir bemerkt worden, oder ob ich es für möglich hielt, daß der Schrank neu an dieser Stelle stand.
„Aber Don Remigio, natürlich muß der Schrank schon immer dort gestanden haben, er dient als Unterschrank zu einem Regal voller Bücher. Mir ist er bisher nicht aufgefallen, weil es zufällig die dunkelste Ecke im Raum ist und ich in meiner Durchsicht der Bibliothek noch nicht bis dahin gekommen war. Wer sollte denn nachträglich einen Schrank ins Haus schmuggeln und ihn mit großem Aufwand unter dem Regal einbauen? Warum sollte der Unbekannte das tun und vor allen Dingen, wann, ich bin ja ab mittags immer im Haus. Ich bitte Sie, das scheint mir nun doch sehr weit hergeholt. Machen Sie mich nicht konfuser als ich ohnehin schon bin.“
Der pare sagte nichts zu meiner Erwiderung, zuckte lediglich mit den Schultern und machte ein zweifelndes Gesicht. Nach einer Pause, in der er nochmals eingehend die Fotografien studierte, sprach er:
„Die abgelichtete Person hat ohne Zweifel eine sehr große Ähnlichkeit mit Ihnen, das steht außer Frage. Es bedeutet aber nicht, daß Sie selbst mit dieser Person identisch sind. Nach allem, was die Naturgesetze uns lehren, wissen wir, daß so etwas nicht möglich ist. Genauso wenig wie es möglich ist, an zwei verschiedenen Orten zur gleichen Zeit zu sein.
Und kommen Sie mir nicht mit irgendwelchen okkulten Sperenzchen, dem Teufel und seinem Schabernack zum Beispiel. Falls es diesen Herrn wirklich geben sollte, wäre er nicht so blöd, mit derart einfältigen Spielchen den Verdacht auf sich zu lenken. Genauso wenig übrigens wie sein Gegenpol Tränen aus Statuen fließen läßt oder anderer Blödsinn arrangiert, den man einfältigen Gemütern als Wunder verkaufen kann. Hokuspokus, Gaukeleien, Jahrmarktsniveau, das wissen Sie ebenso, wie ich es weiß.
Nein, da steckt etwas anderes dahinter. Die einfachste Antwort heißt: Doppelgänger. Sie hatten einen Doppelgänger, der seiner Zeit und damit Ihnen um mehr als dreißig Jahre voraus war. So etwas hat es schon gegeben, Doppelgänger. Wenn da nicht der Ring wäre. Der Ring, der ja nun beweist, daß zwischen der abgelichteten Person und Ihnen irgendeine Verbindung besteht. Und, daß es eine Verbindung zwischen dem Fremden, Ihnen und den beiden Marrascas gibt. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wo haben Sie den Ring eigentlich her?“
In diesem Moment brachte Consuela den Braten vom Zicklein, er roch sehr stark nach all, in unseren Landen als Knoblauch mehr verkannt denn beliebt. Eine Pflanze, die ich zwar kannte, die in meiner Heimat allerdings gar nicht oder nur sehr sparsam in der Küche Verwendung findet, ganz im Gegenteil zu der Küche Mallorcas. Nach einer Phase der Gewöhnung mochte ich all im täglichen Essen nicht mehr missen. Zum Fleisch des Zickleins in leckerer Weinsauce gab es gebackene patatas und ein Gemüse aus Auberginen, Zucchini, Paprika und Tomaten. Es war herrlich, roch, wie ich wünschte, daß es im Himmel röche, so es denn einen oberhalb des realen gab, und ließ mich zunächst einmal die Frage Don Remigios vergessen.
Diesen offensichtlich auch, denn gleich mir aß er schweigsam andächtig aber mit sichtlichem Genuß. Don Remigio wußte die Kunst, ein außergewöhnliches Mahl zu bereiten, durchaus zu schätzen. Geduldig brachte er mir die dafür notwendigen Kenntnisse bei und schulte meine Geschmacksnerven bis auch ich meine rauhen teutonischen Eßgewohnheiten zu Gunsten der verfeinerten mediterranen abgelegt hatte.
Aber auch das Paradies kann, ganz im Gegensatz zur Aussage von Don Remigios Arbeitgeber, nicht ewig währen. Nachdem wir die letzten Reste unseres Nachtmahls mit Brot von den Tellern gesogen, aufgegessen, einen Schluck Wein getrunken und für einen Moment im Gedenken an das soeben Genossene die Augen geschlossen hatten, erinnerte mich der pare unbarmherzig an sein Anliegen.
„Lassen Sie uns über allen irdischen Freuden nicht vergessen, was uns beide bewegt. Im Übrigen kann ich nach diesem Essen verstehen, warum Ihr Chauffeur so hartnäckig der guten Bienvenida nachstellt, das sei nur nebenbei bemerkt. Aber zurück zu unserem gemeinsamen Anliegen: wo, Don Diego, haben Sie den Ring her, den Sie da am Finger Ihrer rechten Hand tragen, gerade wie die Person auf den Fotografien?“
Also erzählte ich Don Remigio, daß mein Vater den Ring nach seinem Tod für mich bestimmt, so wie sein Vater Gleiches mit ihm getan hatte und ich den Ring an meinen männlichen Nachkommen, so ich dereinst einen solchen haben werde, vererben würde. Mir wäre nicht bekannt, ob der Vater meines Großvaters ihn schon besessen, oder gar hatte anfertigen lassen, auf jeden Fall aber sei er, der Ring, irgend etwas zwischen 120 und 160 Jahren alt und seitdem, meines Wissens jedenfalls, ununterbrochen im Besitz unserer Familie.
Der pare nickte, winkte Consuela um neuen Wein und steckte sich dann eine Zigarre beachtlichen Ausmaßes an. Behaglich schloß er die Augen, zog an der Zigarre und ließ kleine weiße Rauchwölkchen in die Luft steigen.
„Und Ihr Vater, der Ihnen den Ring vererbt hat, war der jemals hier auf der Insel, oder Ihr Großvater, der diesen Ring Ihrem Vater vermachte vielleicht? Ich meine es wäre ja immerhin möglich, bei der Ähnlichkeit, die der Fremde auf den Fotos mit Ihnen hat, daß es sich um Ihren Vater oder Großvater handelte. Dann hätten wir zumindest eins der Rätsel gelöst, das mit dem Ring. Und ein Neues aufgetan, nämlich das, welche Verbindung zum Ehepaar Marrasca bestand. Ach ja, so ist es nun mal, schließt man das eine Leck, reißt man sofort ein neues auf. Finden Sie nicht? Ein Merkmal des Lebens, glauben Sie einem ungläubigen capellà. Also, wie sieht es aus, wissen Sie, ob einer Ihrer Vorfahren jemals unsere schöne Insel besucht hat?“
An diese Möglichkeit hatte ich in meiner Aufregung noch gar nicht gedacht. Don Remigio hatte recht, das wäre eine einleuchtende Erklärung für die unverkennbare Ähnlichkeit der aufgenommenen Person mit mir. Und auch eine Erklärung für den Ring an unseren Fingern. Ich überschlug im Kopf die wenigen Fakten, die ich zur Verfügung hatte. Bei meinem Vater konnte ich einen Besuch auf Mallorca ausschließen. Er war zwar vielfach hin- und hergereist, dabei aber, jedenfalls soweit ich es beurteilen konnte, stets innerhalb der Grenzen deutscher Lande geblieben.
Bei meinem Großvater war mein Überblick über seine diesbezüglichen Aktivitäten schon wesentlich lückenhafter. Ich selbst hatte ihn nie bewußt kennengelernt, er verstarb zu einer Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, ich war damals zwei Jahre alt. Aus Erzählungen meiner Eltern kannte ich ihn als unternehmungslustigen Mann, immer auf der Suche nach neuen Eindrücken, der auch die Strapazen einer weiten Reise nicht scheute, seinen Horizont zu erweitern. Doch, ich hielt es durchaus für möglich, daß mein Großvater Mallorca besucht hatte, und beantwortete die Frage des pare in diesem Sinne.
„Außerdem“, fügte ich hinzu, „haben meine Eltern und andere nahe Verwandte immer betont, wie sehr mein Aussehen dem meines Großvaters ähnelte. Sobald während einer Familienfeier jemand dieses Thema anschnitt, zog sich mein Vater aus Spaß in einen Schmollwinkel zurück und tat beleidigt, weil er seinen Anteil an meiner Existenz nicht genügend gewürdigt sah.“
Ich fragte Don Remigio, ob er sicher sei, daß die Fotos überhaupt auf der Insel gemacht wurden. Vielleicht war ja mein Großvater nicht nach Spanien, sondern das Ehepaar Marrasca nach Deutschland gereist. Oder aber man habe sich in irgendeinem anderen Land, zufällig oder nicht zufällig getroffen. Der vorstellbaren Varianten waren nicht wenige.
„Mit Sicherheit kann ich nur sagen, daß die Aufnahmen nicht in Artà gemacht wurden. Vielleicht in Manacor oder in Palma. Es wird schwer sein, das herauszufinden. Andererseits müssen sie vor der Jahrhundertwende entstanden sein, sonst wäre Don Xavier nicht mit drauf. Damals war das Fotografieren noch nicht so üblich wie heute, wo jeder Zweite einen Fotoapparat besitzt. Consuela, ein Vergrößerungsglas bitte.“
Nachdem Consuela das Gewünschte gebracht hatte, schaute er sich die beiden Bilder noch einmal ganz genau an. Dann reichte er sie mir und schob die Lupe über den Tisch.
„Schauen Sie sich einmal die Kaffeekännchen genau an. Sehen Sie die Buchstaben am oberen Rand? Sie sind zwar schwer zu erkennen, aber auf dem einen könnten sie >FORN< heißen. Das andere Kännchen steht auch anders, da sieht man nur noch drei Buchstaben vom Ende der Beschriftung >TRE<. Ich kenne nur ein Café auf der Insel, zu dem diese Buchstabenkombination passen könnte, das Forn des Teatre, eine Bäckerei in Palma“, sagte der Pare.
Mit einiger Mühe entzifferte ich die Buchstaben, jedoch auch nur, weil ich wußte, was sie bedeuten sollten. Immerhin. Wenn es stimmte, was Don Remigio vermutete, hatte die Begegnung hier auf Mallorca stattgefunden und nicht in Deutschland oder sonstwo. Nun mußte ich nur noch herausfinden, ob und wann mein Großvater die Insel besucht hatte. Den Bildern nach zu urteilen, machte es nicht den Eindruck, als würden sich die drei darauf abgebildeten Personen kennen. Dennoch mußte es irgendeine Art der Verbindung zwischen ihnen gegeben haben. Alles andere wäre des Zufalls nun doch zuviel. Aber eine Bekanntschaft zwischen ihnen konnte auch nach den Aufnahmen entstanden sein. Aber diese Dinge mußten herauszubekommen sein, ein Telefonat mit meiner Mutter, einige Briefe müßten Klarheit schaffen.
Auch Don Remigio lächelte mir zu, offensichtlich sehr zufrieden mit seinem detektivischen Gespür.
„Das bringt meine professió so mit sich“, meinte er, machte dann aber ein nachdenkliches Gesicht und fuhr fort, „es gibt nur ein klitzekleines Problem dabei, das Forn des Teatre wurde erst 1927 eröffnet, vor fünf Jahren. Da war der Rabe schon lange tot.“
„Und mein Großvater auch, er ist kurz nach der Jahrhundertwende gestorben. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich ihn selbst gar nicht mehr kennengelernt habe.“
„Es gibt, wie immer, zwei Möglichkeiten. Entweder ich irre bei der Beschriftung der Kaffeekännchen oder die ganze Angelegenheit nimmt einen äußerst komplizierten Verlauf“, sagte Don Remigio und hatte damit, wie so oft, wieder einmal recht.
Wir verabredeten uns für den kommenden Nachmittag auf meiner Dachterrasse, wollten beide nochmals gründlich über alles nachdenken. Vielleicht gelang es mir bis dahin, ein Telefongespräch mit meiner Mutter zustande zu bringen, das ein wenig Klarheit bringen würde.
Nach Don Remigios Buchstabenkombination hielt ich das Rätsel schon gelöst, war erleichtert, ich selbst zu sein und nicht schon eine dubiose Existenz vor mehr als dreißig Jahren hinter mir zu haben, von der ich zu allem Unglück auch nichts mehr wußte. Ich hatte nicht das geringste Verlangen, ein neuer Dorian Gray zu werden. So kann man sich irren.
Álvaro saß verträumt vor der Tür zur Küche der Bar El Ultim und wartete geduldig auf den Feierabend seiner Angebeteten. Er war, wenn wohl auch noch nicht erhört, doch wenigstens bester Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein.
Es war mir an diesem Abend leider nicht vergönnt, Gleiches sagen zu können. Aber immerhin hatte ich ein vorzügliches Essen genossen. Nicht wenig in diesen unklaren Zeiten und überhaupt, man soll ja bekanntlich seine Befindlichkeiten und Wünsche zügeln.
Leicht schwankend begab ich mich zu meiner Heimstatt.