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Die Nacht war tiefschwarz, der Lago d’Orta unter einem sternenlosen Himmel fast unsichtbar, die Luft von einem stetigen Rauschen erfüllt. Der See toste, es regnete in Strömen. Ein Gewittersturm fegte über das Wasser, türmte düstere Wellen mit weißen Schaumkämmen auf, die wuchtig auf das Dorf zurollten, klatschend an der Ufermauer brachen und Gischt hochschießen ließen. Alle paar Sekunden flackerte ein greller Lichtschein über dem See und den Hügeln rund um ihn herum auf, als hätte jemand ein Streichholz entzündet. Dann hörte man ein langgezogenes Grollen, bis sich die Spannung endlich in einem krachenden Donner entlud.

Wie ein Schiff lag Simons Haus in der Brandung, den Wogen und Böen schutzlos ausgesetzt. Es war ein altes Steinhaus, dreistöckig und mehr als zwei Jahrhunderte alt, und es stand mit den Füßen im Wasser, wie man in Frankreich sagte, ein Ausdruck, der Simon gefiel. Wieder ging ein Blitz über dem See nieder, und fast zeitgleich donnerte es, das Gewitter war jetzt ganz nah.

Simon sah auf die Uhr. Gleich neun. Er blickte hinaus auf die Uferpromenade und in den Regen, der im gelben Schein der Straßenlaternen aus dem Nachthimmel fiel, auf den See prasselte, von den Böen über das Wasser gepeitscht wurde. Es half nichts, er musste los. In einer Stunde würde Luisa mit dem Flugzeug aus Frankfurt in Malpensa landen, und trotz des Unwetters würde sie laut Website des Mailänder Flughafens pünktlich ankommen. Der war nicht weit entfernt, aber bei dem Sturm und dem heftigen Regen brauchte er für die Strecke bestimmt viel länger als sonst. Bevor er zu seiner Regenjacke griff, warf Simon noch einen Blick auf den ungestümen See, auf den gerade wieder ein Blitz niederging, dem sofort ein Donner folgte, dann verließ er sein Haus, zog die Kapuze über den Kopf und nahm den schmalen Fußweg nach oben zum Parkplatz, wo alle aus dem Dorf ihre Autos abstellten. Dicht aneinandergedrängte Steinhäuser zogen sich seitlich den Hang hoch, akkurat gemauerte, schöne alte Gebäude, die jetzt im Regendunst und im fahlen Schein der Laternen düster und unwirtlich aussahen. Die Gassen waren still und ausgestorben, nur aus wenigen Fenstern fiel Licht.

Simons Nachbarn – gerade mal sechzig Menschen waren es, die immer hier lebten – saßen um diese Zeit noch beim Abendessen mit Pasta und Wein oder schon vor dem Fernseher und würden bei dem Wetter keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Es war kurz vor Weihnachten und Ronco ein halb verlassenes Dorf. Viele Häuser, vor allem die an der Uferpromenade, standen leer, da ihre Besitzer, fast alles Ausländer, Deutsche, Schweizer und Franzosen, nur in den Ferien und dann am liebsten im Hochsommer an den See kamen.

Dabei war der Winter, fand Simon, hier oft die schönste Jahreszeit. Es konnte richtig kalt werden, manchmal fiel Schnee in dicken Flocken, bedeckte Dächer, Holzstege und die Palmen am Seeufer mit der weißen Last, bis eine grelle Sonne zurückkehrte, den Schnee abschmolz, den See versilberte und die Landschaft in ein wunderbares Winterlicht tauchte. Jetzt war es Mitte Dezember und ungewöhnlich warm. Bis vor zwei Tagen der Regen einsetzte, hatte Simon seinen Cappuccino noch an jedem Morgen auf seiner Terrasse getrunken, dazu eine Brioche mit crema gegessen, auf seinen See geschaut und das Licht und die laue Luft genossen.

Luisa landete pünktlich, aber es dauerte eine Weile, bis sich die Automatiktüren am Gate für die internationalen Flüge für Luisa öffneten und sie mit ihrem vollbeladenen Gepäckwagen erschien. Schon aus der Entfernung entdeckte sie Simon in der wartenden Menge, strahlte über das ganze Gesicht und winkte ihm stürmisch zu. Seit gut einem Jahrzehnt waren sie ein Paar, hatten sich in Frankfurt kennengelernt, aber seit Simon vor ein paar Jahren seinen Job als Gerichts- und Polizeireporter bei den Frankfurter Nachrichten aufgegeben und der Stadt den Rücken gekehrt hatte, lebten sie fast siebenhundert Kilometer entfernt voneinander, sahen sich nur von Zeit zu Zeit und dann meist nur für wenige Tage. Luisa hatte ihn allein nach Italien ziehen lassen, auch wenn das ihr Heimatland war. Sie war Architektin, wollte ihren guten Job in Frankfurt nicht aufgeben, außerdem mochte sie die Stadt am Main. Und Simon war das, wenn er ehrlich war, nicht ganz unrecht. Luisa fehlte ihm, das schon, aber er war ein Einzelgänger, hielt sich die Dinge in seinem Leben gerne offen und das bereits zu lange, um Luisa ganz in sein Leben zu lassen, auch wenn der Wunsch danach immer mal wieder in ihm hochkam.

Ihre letzte Begegnung lag fast zwei Monate zurück, und wenn sie sich so lange nicht gesehen hatten, erwartete Simon stets leicht angespannt diesen ersten Augenblick, in dem er sie am Flughafen unter den Ankommenden entdeckte und sie ihm in dieser Sekunde wie fremd erschien. Er malte sich aus, spielerisch, doch nicht ganz ohne Ernst, dass er sie auf einmal nicht mehr anziehend finden könnte. Aber wie immer war die strahlende Frau, die aus dem Gate kam und ihm zuwinkte, die Luisa, in die er sich vor langer Zeit verliebt hatte. Sie hatte sich verändert mit den Jahren, war, wie auch er, etwas fülliger geworden. Aber Simon fand, dass sie das eher noch attraktiver machte. Sie war groß, das volle braune Haar, das meist ein wenig zerzaust war, hatte sie mit einem giftgrünen Tuch gebändigt, ihre Augen darunter waren dunkelgrau, fast schwarz, und sie bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, von der Simon nur träumen konnte. Diesmal würde sie ungewöhnlich lange bei ihm bleiben, bis weit in den Januar hinein, und entsprechend ausladend war ihr Gepäck.

»Mamma mia, che tempo brutto!« Luisa fiel ihm um den Hals. »Ich habe schon gedacht, wir können gar nicht landen. Einmal musste der Pilot durchstarten, es war grässlich.«

»Runter kommen sie immer, das weißt du doch.«

Sie boxte ihm in die Seite. »Du warst auch schon mal origineller! Zur Strafe musst du jetzt meine Koffer ganz allein schieben.«

Simon holte den Peugeot vom Parkplatz, sie luden das Gepäck im strömenden Regen in den Kofferraum und fuhren endlich los. Im Auto lehnte Luisa sich tief in den Sitz zurück, schloss die Augen, legte ihre linke Hand in Simons Nacken und ließ sie dort, während sie auf den See zufuhren. Luisa hatte eigentlich immer etwas zu erzählen, aber jetzt war sie still und in sich gekehrt, ihr italienisches Temperament gedämpft. Die Angst vor dem Fliegen hatte sie erschöpft und vermutlich auch die Martinis, mit denen sie an Bord stets dagegen antrank – auch wenn die Flugbedingungen freundlicher waren. Simon konzentrierte sich auf das Autofahren, genoss die Ruhe. Ihm gefiel es, wenn sie sich so wiederfanden, ohne viel zu reden, in stillem Einverständnis.

Auch auf der Autobahn stürmte und regnete es heftig, und Simon war froh, dass sein Peugeot wie ein Brett auf der Straße lag; nicht auszudenken, wenn der alte Wagen bei dem nächtlichen Unwetter eine Panne hätte und sie in der Dunkelheit auf der vielbefahrenen Autostrada liegenbleiben würden. Sein Bruder hatte ihm das Auto vor vielen Jahren vermacht, und noch nie hatte es ihn im Stich gelassen. Simon hing an dem Wagen, der eines der wenigen Dinge in seinem Leben war, die ihn noch mit Frankfurt verbanden. Außer Luisa natürlich.

Wind und Regenschauer legten weiter zu, je näher sie dem See kamen, und Simon fuhr so langsam, dass sogar Lastwagen ihn überholten und ihm mit ihren Wasserfahnen die Sicht nahmen. Es war schon fast Mitternacht, als sie endlich in Ronco ankamen, erschöpft und durchnässt von den wenigen Schritten, die sie im noch immer strömenden Regen vom Parkplatz den Weg hinunter bis zu seinem Haus machten. Luisa verzichtete zu Simons Erleichterung für diese Nacht auf ihr Gepäck, hatte nur eine Tasche mit dem Nötigsten in die Hand genommen.

Seit gut fünf Jahren lebte Simon nun am See, so lange war es her, dass er seinen Job in Frankfurt aufgegeben, das Haus in Ronco gekauft und sich seinen alten Traum vom Leben am Wasser in Italien erfüllt hatte. Um den Preis des Alleinlebens – wenn es denn für ihn ein Preis war. Bis vor ein paar Monaten hatte noch Nicola, seine Ziehtochter, mit ihm unter einem Dach gelebt. Als sie klein war, war er für sie ein Ersatzvater gewesen, so lange, bis er sich von ihrer Mutter trennte und sie daraufhin den Kontakt zu ihm unterband. Dann war Nico plötzlich wieder bei ihm in Italien aufgetaucht, neunzehn Jahre alt, eine selbstbewusste und extrovertierte junge Frau, die sich schnell in Italien einlebte und, wie Simon fand, mittlerweile fast italienischer war als er. Ein knappes Jahr hatten sie zusammen in Ronco gelebt, und sie war die erste Person, mit der ihm das nicht nach einiger Zeit zu eng wurde, Luisa und seine wenigen ernsthaften früheren Lieben eingeschlossen. Jetzt war Nico in Turin zu Hause, wo sie Tiermedizin studierte. Das war gut so, auch wenn sie Simon fehlte.

Bevor er die Tür aufschloss, warf Simon noch einen Blick auf den schmalen, steinigen Strand neben seinem Haus, wo sein Motorboot lag, ein flaches Metallboot mit Außenborder, wie es auch die Angler auf dem See benutzten. Die Wellen erreichten schon knapp das Heck, aber das Boot war gut vertäut und die Knoten hielten, wie Simon beruhigt feststellte.

Luisa war bereits ins Haus gegangen, warf ihren Regenmantel ab, streifte ihr feuchtes grünes Tuch ab und schüttelte ihre Haare wie ein Hund. Der Kamin im Wohnraum brannte nicht mehr, und obwohl es draußen für Mitte Dezember eher warm war und Simons Haus mit seinen dicken Steinmauern eigentlich lange die Wärme hielt, war es ausgekühlt. Aber sie waren beide zu müde, um noch Feuer zu machen. Sie tranken noch ein Glas Rotwein, fielen dann ins Bett und schliefen sofort ein, trotz des Lärms von Wind und Wellen und obwohl sie beide sich ihre erste gemeinsame Nacht nach wochenlanger Trennung anders ausgemalt hatten.

Ein knirschendes Geräusch schreckte Simon aus dem Schlaf. Der Wecker zeigte fast halb drei. Schlaftrunken setzte er sich im Bett auf und blickte aus dem Fenster auf den See. Der Sturm hatte nicht nachgelassen, und die Wellen schlugen mit unverminderter Wucht von Norden her gegen sein Haus, aber das Gewitter und der Regen hatten sich verzogen. Die Nacht war jetzt sternenklar, und der Mond warf einen langen, hell schimmernden Streifen auf das tiefschwarze Wasser. Wieder knirschte es.

Simon erkannte sofort, was los war. Die Leinen, die sein Boot am Ufer hielten, mussten sich doch gelockert haben, und es rutschte und schabte nun auf den Kieseln hin und her. Es waren nicht die klatschenden Wellen, die ihn geweckt hatten, sondern dieses Geräusch, für das er inzwischen ein gutes Ohr hatte. Wohl oder übel musste er noch einmal in die Nacht hinaus und nach dem Boot sehen.

Luisa schlief fest, das Gesicht in ihr Kopfkissen geschmiegt, atmete leise. Simon beneidete sie um ihren tiefen Schlaf, aus dem sie durch nichts aufzuschrecken war. Diese Zeiten waren bei ihm vorbei. Sogar wenn er erst sehr spät ins Bett ging, wachte er schon am frühen Morgen wieder auf. Das war einer der Tribute, die er seinem fortgeschrittenen Alter zollen musste. Er war jetzt Mitte fünfzig, fast zwei Jahrzehnte älter als Luisa, und auch wenn er noch gut in Form war und sich wie die meisten seiner Altersgenossen viel jünger fühlte, hatte er Angst vor dem Älterwerden und registrierte peinlich genau jedes Anzeichen dafür. Hin und wieder raste sein Herz und versetzte ihn in Todesangst, doch diese Attacken waren seltener geworden, seit er in Ronco lebte.

Er machte kein Licht im Schlafzimmer und zog sich vorsichtig aus der Bettdecke, um Luisa nicht zu wecken, dann tastete er sich die Treppe hinunter, drückte den Lichtschalter, aber die Deckenlampe unten im Wohnraum blieb dunkel. Der Strom war ausgefallen. Auch die Straßenlaternen an der kleinen Uferpromenade von Ronco waren erloschen; das ganze Dorf lag im Dunkeln, wie so oft, wenn Unwetter von den Alpen her über den See zogen. Meistens dauerte es allerdings nicht lange, bis mit einem Schlag der Strom von selbst wieder zurückkam.

Simon streifte eine Jacke über, schlüpfte in seine Gummistiefel, nahm eine Taschenlampe und lief die paar Meter zum Strand, wo das Boot tatsächlich ein Stück nach unten gerutscht war, mit dem Heck jetzt im Wasser lag und die Wellen über den Außenborder schwappten. Wie er vermutet hatte, war das kürzere der beiden am Bug befestigten Taue gerissen. Er beugte sich hinunter, wollte sich das genauer ansehen, als es hinter ihm einen Schlag tat. In seinem Rücken hatte sich etwas bewegt. Was war das? Er wandte sich abrupt um. War da jemand? Lauerte ihm im Dunkeln jemand auf? Mit der Taschenlampe leuchtete er den Strand ab, und jetzt sah er, was ihn erschreckt hatte. Auf einem der anderen Boote saß ein großer, grauer Kater und starrte ihn aus sehr hellen Augen an. Eine von den halbwilden Dorfkatzen, die sich mit einem Sprung vor ihm in Sicherheit gebracht hatte. Er rief dem Kater etwas zu, der machte einen Buckel und verschwand mit einem weiteren Satz über die hohe Mauer auf das Nachbargrundstück.

Ein wenig irritiert über seine ihm ungewohnte Schreckhaftigkeit – machte ihn Luisas Anwesenheit empfindsamer? –, widmete sich Simon wieder seinem Boot, zog es ein Stück höher, befestigte es mit einer weiteren Leine am Stamm der Palme, deren Blätter jetzt fast gestreckt im Sturm standen, der nur noch aus einer einzigen, andauernden Bö zu bestehen schien.

Isola Mortale

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