Читать книгу Mords-Schuss - Günther Dümler - Страница 11
Der Experte naht
ОглавлениеDie Marga war wieder einmal voll in ihrem Element. Vor ihr lagen aufgeschlagen nahezu ein Dutzend Kochbücher, sowie ihr grüner Leitzordner mit den Spezialrezepten, die sie im Laufe der Zeit gesammelt, mit Freundinnen getauscht, manchmal auch modifiziert und allesamt erfolgreich ausprobiert hatte. Ungeprüfte wurden erst gar nicht in diese exklusive Auswahl aufgenommen. Die Rezepte waren allesamt fehlerfrei abgetippt, ausgedruckt und fein säuberlich abgeheftet, teilweise auch versehen mit handschriftlichen Anmerkungen darüber, was sie selbst anders machte als es der ausgedruckte Standard vorsah. Sie konnte sich immer noch nicht entscheiden, was sie ihren Gästen vorsetzen sollte, die morgen zu Peters Geburtstag erwartet wurden.
An den Gästen war an sich nichts Außergewöhnliches, es würden die gleichen Verdächtigen sein wie immer. Es handelte sich nicht um einen so genannten Runden, sondern um Peters vierundsechzigsten Geburtstag. Da würden nur die Bräunleins und die Schwarms kommen, wobei der Begriff die Schwarms eigentlich etwas irreführend ist, da es sich immer noch um Lothar Schwarm und seine neue Lebensgefährtin Maria Leimer handelt, die er im vergangenen Frühjahr während der aufregenden Ägyptenreise kennen- und lieben gelernt hatte. Dass sie aber bald auch ganz offiziell und vor dem Gesetz „die Schwarms“ sein würden, daran arbeitet die Maria äußerst beharrlich hin und wer die Beiden kennt, der weiß, dass die Erfolgsmeldung nur noch eine Frage der Zeit sein kann. Lothar ist sicher nicht ernstlich abgeneigt, noch einmal zu heiraten, aber andererseits ist er halt leider auch ein ewiger Zauderer. Dafür hatte man Maria allerseits als resolute Dame mit original oberpfälzer Durchsetzungsfähigkeit kennen gelernt. Das wird schon.
„Horch Beder, woss maansd, mir könndn doch als Vorschbeis woss mit Bilze machen, Steinbilzkarbaddscho, hobbi do grod in der Hand. Dess hommer doch damals ghabd, wie die Heidi äs erschd Mal ihrn Markus midbrachd hodd, wassd ers nu. Neihoggn hädd mer si kenner, su goud war dess.“
Und scherzhaft fügte sie hinzu.
„Sie hodd immer widder gsachd, den Markus hädds gar nimmer lousbrachd, a wenn sie ihn gar nimmer gwolld hädd, der wärerer scho bliebn, ner blouß weecher mein Carpaccio.“
Peter lachte. Die Marga war immer wieder für einen lustigen Spruch gut. Aber er fand ihre Idee gut.
„Und hinderher an schäiner safdichen Zwieblrosdbradn, wall für den Simon brauch mer scho woss mit an ordndlichn Drumm Fleisch“, stimmte er Marga zu.
„Du, etz iss äs Wedder ideal, nach dem langer Regn und derer Wärm heid, dou gibbds bestimmd Bilze ohne Ende und ich wass schließli ja wo die sichersdn Blätz sinn. Wassd woss, ich geh etz glei nu in die Bfiffer. Es is ja nu lang nedd dunkl und dann wern mer scho bald wissn, obs woss wärd mit unsern Staabilzkarpaddscho.“
Er brauchte nicht lange, um sich für den Wald herzurichten. Ein paar feste Schuhe, denn der Boden war sicher noch nicht ganz abgetrocknet und der Weidenkorb stand sowieso im Flur. Wenige Minuten später hatte er seinen Helm auf und radelte davon.
Gleich hinter dem Garten der Kleinleins beginnt ein Feldweg, der geradewegs in den nahen Wald führt, in Peters Wald. Als Kind hatte er tatsächlich geglaubt der Wald würde seinen Eltern gehören, denn sie hatten nur immer davon gesprochen, dass sie in „ihren Wald“ gehen würden. Dabei meinten sie nur, dass sie an einen Ort gehen würden, wo sie sich daheim fühlten, so wie andere eben in ihren Verein oder in ihr Wirtshaus gingen.
Vorbei an abgeernteten Feldern erreichte er endlich den Waldrand, wo er sein Fahrrad an einen Baum lehnte. Er brauchte nicht abzuschließen, in Röthenbach wurde nichts gestohlen. Das mag etwas unverständlich klingen, denn in den vergangenen drei Jahren hatte es zwar ebenso viele Morde gegeben, aber tatsächlich keinen einzigen Diebstahl. Unweit von der Stelle, an der er den Wald betrat parkte ein silbergrauer VW Golf mit Nürnberger Nummer auf dem schmalen Streifen Gras, das sich an den Wald anschloss. Eine deutliche, wenn auch kleine Delle verunzierte den linken vorderen Kotflügel. Anscheinend hatte der Fahrer einen von Farnen überwucherten Baumstumpf übersehen. Peter ärgerte sich ein wenig. Jetzt kamen die Städter anscheinend schon unter der Woche aufs Land, um den Einheimischen auch noch die besten Pilze weg zu schnappen. Daher empfand er fast ein bisschen Schadenfreude darüber, dass dem vermeintlichen Konkurrenten dieses Missgeschick passiert war. Hoffentlich hatte der Eindringling seine Plätze noch nicht gefunden, die natürlich genauso wenig seine Plätze im Sinne von Eigentum waren wie der ganze Wald. Die Fundstellen waren deshalb seine, weil ihre genaue Lage Peters sorgsam gehütetes Geheimnis war, das er außer seiner Marga niemandem verraten würde, nicht einmal unter der grausamsten Folter. Jedenfalls nicht gleich.
Er war kaum ein paar Meter gegangen, über den flachen Graben hinüber, der sonst immer ein guter Platz für Pfifferlinge war, heute aber keinen Erfolg versprach. Da sah er ein weiteres Fahrrad stehen, angelehnt an ein dünnes Fichtenstämmchen, geradeso wie seines. Na das konnte ja heiter werden, noch einer, der ihm seine Ausbeute streitig machen wollte.
Jetzt hatte er es aber endgültig eilig, zu seinem aussichtsreichsten Platz zu kommen. Er brauchte nicht lange zu gehen bis er die kleine Lichtung erreichte, in deren unmittelbarer Nähe eine seiner geheimen Fundstellen lag. Dabei hatte er trotzdem immer den Blick fest auf den Boden gerichtet, scannte praktisch konsequent den Untergrund nach allem ab, was irgendwie auch nur entfernt nach Pilz aussah. Meist waren es aber nur Rindenstücke oder abgebrochene Aststücke, die eine ähnliche Form aufwiesen. Ab und zu zeigte sich auch ein giftiger Fliegenpilz. Er hatte bisher nichts andres erwartet, noch war er nicht ganz an seinem Ziel angekommen.
Trotz des relativ großen Andrangs herrschte eine angenehme Ruhe. Neben dem leisen Zwitschern der Vögel war nur von Zeit zu Zeit das aufgeregte Summen eines Insekts zu vernehmen, das Rascheln von Laub und das Knacken von brechenden Zweigen, auf die er immer wieder einmal trat. Hier konnte man die Erholung buchstäblich mit Händen greifen. Die Luft fühlte sich durch die Feuchtigkeit der letzten Wochen so ungeheuer würzig an, modrig und doch irgendwie seltsam lebendig. Durch die dichte Decke der Baumkronen drang nur an manchen Stellen die gelbe Sonne des späten Nachmittags wie gezielt gesteuertes Scheinwerferlicht auf einer Theaterbühne. Er war froh, dass er heute noch losgezogen war und diese wunderbar friedliche Stimmung erleben durfte.
Gerade, als er dachte, wie herrlich doch diese Ruhe sei, unterbrach ein lauter Knall die andächtige Stille. Da war sicherlich nicht nur ein Pilz aus dem Boden geschossen. Das klang eindeutig nach einem Gewehr.