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Geithain, 04.01.92

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Lieber Herr Sommer,

die ruhigen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind nun vorbei, vorgestern begann für mich wieder die Arbeit. Wenn auch nachträglich, wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau alles Gute für 1992, Gesundheit vor allem und Freude an vielem! Den 4. Teil Ihrer „Erinnerungen 1945“ erhielt ich vor einigen Tagen. Herzlichen Dank dafür! Meine Frau und ich, aber auch die Schwiegermutter (als alte Geithainerin) haben alles nicht nur mit Interesse, sondern auch mit großer Anteilnahme gelesen.

Ich hoffe, dass Sie inzwischen auch meinen Brief vom 1.12.91 erhalten haben. Dort deutete ich an, dass Ihre ersten drei Teile in einer Artikelserie in der LVZ publik gemacht werden sollten. Ich habe 5 Artikel fertig, gab sie aber noch nicht bei der Redaktion ab. Mir wäre es schon lieber, Sie würden alles vor der Veröffentlichung erst noch einmal selbst lesen. Deshalb lege ich sie diesem Brief bei.

Man ist bei solchen Zeitungsartikeln natürlich an bestimmte technische Bedingungen gebunden. Die Serie darf nicht „unendlich“ lang sein, der Einzelartikel soll 1 Seite, einzeilig geschrieben, nicht überschreiten. Hält man sich nicht daran, läuft man Gefahr, dass der Redakteur kürzt oder umstellt und u. U. die Sache so verändert, dass eine Verzerrung entsteht. Er kennt das Original ja nicht! Aber mir ging es zumindest ähnlich. Ihr Original umfasst inzwischen bald 30 Seiten. Ich war gezwungen, manches wegzulassen. Wieder anderes wurde zusammengefasst. In ganz seltenen Fällen habe ich Eigenes hinzugefügt: Teil II letzte 2 Sätze, Teil IV erste Sätze, Teil V Mitte „Die Konfrontation…“ Sie glauben nicht, wie aktuell einige Ihrer Ausführungen sind! Umbruchsituationen damals wie heute!

Ein zweites Problem taucht für mich auf. Sie schildern sehr beeindruckend auch ganz persönliche Dinge. Im Brief ist das möglich und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Für einen Zeitungsartikel liegen die Dinge anders. Bitte sagen Sie mir, ob Sie mit meinen Darstellungen einverstanden sind.

Lieber Herr Sommer, es ist noch eine Sache, mit der ich die ganze Zeit schon persönlich nicht klarkomme. Sie informieren sich sehr intensiv über die Entwicklung in den neuen Bundesländern, speziell auch in Sachsen. Sie wissen, dass die Eigentumsfrage die Frage aller Fragen zur Zeit hier ist. Rückgabe vor Entschädigung oder umgekehrt? Was damals mit Ihnen und Ihrer Familie, mit Angers und Münsters gemacht wurde, war natürlich, gelinde gesagt, ungerecht. Heute sind draußen auf dem Sommerhofgelände mindestens hundert Kleingärten mit Bungalows, etliche haben ein Einfamilienhaus dort gebaut. Die meisten haben nicht die geringste Ahnung von den Einzelheiten um 1945/46 da draußen. Sie sind in der Mehrzahl so jung, dass 1945 für sie so weit zurückliegt wie sonst ein Ereignis der tiefsten Geschichte. Wie kann eine neue Ungerechtigkeit verhindert werden? Man liest schlimme Dinge über Berlin und Umgebung, wo Leute aus ihrem Haus („ihrem“, ja oder nein?) hinausgeekelt werden durch die ehemaligen Eigentümer des Grund und Bodens, meist sind es aber deren Kinder oder Enkel. Ich bin letztens mal in aller Ruhe durch das Gelände draußen auf dem Sommerhof, aber auch in Königsfeld spazieren gegangen, dabei stets Ihre Schilderungen „im Hinterkopf“! Von Schloss Königsfeld ist praktisch nichts mehr zu sehen. Und Angers Wohnhaus hatte man 1946 regelrecht zersägt in zwei Teile. Der „Sommerhof“ ist für Geithain und die Geithainer ein feststehender Begriff, aber eben als eine Geländebezeichnung, nicht als Hof der Familie Sommer. Eine Veröffentlichung in der Artikelserie führt bei den heutigen Bewohnern des Geithainer Ortsteiles mit Sicherheit zu den Fragen: „Was wird?“, „Wird Herr Sommer das Land wieder zurückhaben wollen? Müssen wir weichen oder `blechen`?“

Wie könnte eine gerechte Lösung, hier und allgemein, aussehen? Schon melden die ehemaligen Schlesier aus der DDR ihre Ansprüche an! Voriges Jahr, als ich noch auf dem Landratsamt arbeitete, erzählte ein Mitarbeiter von einem schriftlichen Antrag auf Entschädigung für ein Einfamilienhaus mit 2 ha Land, einigen Kühen und Schweinen. Der Antrag ging tatsächlich von der Tochter eines Kleinbauern aus Liegnitz in Schlesien beim Landratsamt ein. Eine Kuriosität? Wo beginnen Entschädigungsansprüche, wann werden sie anachronistisch?

Fragen über Fragen! Wie gesagt, durch Ihre Schilderungen bin ich auch selbst erst richtig mit der Problematik konfrontiert worden. Ob solche Gremien wie das Bundesverfassungsgericht jemals gerechte Lösungen finden werden, ist zu bezweifeln. Wird die Zeit Wunden heilen oder hatte sie schon Wunden geheilt, die nun wieder neu aufbrechen (oder aufgebrochen werden)?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir bald mitteilen könnten, ob Sie der Veröffentlichung der 5 Artikel zustimmen und wie eventuell folgende Teile für die Öffentlichkeit dargestellt werden könnten.

Mit den besten Grüßen

Ihr

Briefgeschichte(n) Band 1

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