Читать книгу Briefgeschichte(n) Band 1 - Gottfried Senf - Страница 8
Georgetown, 23. Oktober 1990
ОглавлениеLieber Dr. Senf,
vor einer Woche erhielt ich Ihren Brief mit all den erstaunlichen Beilagen, über die ich mich natürlich sehr gefreut habe. Ich danke Ihnen von Herzen. Ich habe sofort versucht, mit Dover in Verbindung zu kommen. Ich telefonierte mit der Stadtbibliothek in Dover und sprach mit der Bibliothekarin. Diese fand Material über Paul Guenther im Archiv und wird mir dieses per Post zukommen lassen. Sie gab mir die Anschriften der Dover Historical Society und der Zeitung „The Daily Record“. An diese werde ich heute ebenfalls schreiben. Was ich in Erfahrung bringe, schicke ich an Sie weiter. Im Dover Telefonverzeichnis ist ein S. C. Guenther aufgeführt. Ich habe dort angerufen. Es ist die Nummer einer alten Dame, die in zweiter Ehe mit einem Herrn Guenther verheiratet war. Dieser Herr arbeitete vor langer Zeit in Paul Guenther´s Strumpffabrik, doch war er nicht verwandt mit dem Besitzer. Er starb vor 20 Jahren und seine Frau, die übrigens aus Thalheim im Erzgebirge stammt, ist jetzt 88 Jahre alt. Weiteres konnte mir die alte Dame nicht mitteilen.
Ihre Artikelfolge in der Leipziger Volkszeitung habe ich mit größtem Interesse gelesen. Vieles darin war mir neu, was kein Wunder ist. Meine Erinnerungen an Geithain enthalten vieles, was ich als Kind so aufgeschnappt habe. Was sich die Leute so erzählten. Zum Beispiel war ich davon überzeugt, dass Paul Guenther als ganz junger Mensch Geithain sozusagen über Nacht verlassen hatte, um dann 30 Jahre später als reicher Mann in die Stadt zurückzukehren. So entstehen Legenden. An Herrn Petermann erinnere ich mich. Meine Großeltern Sommer, die von etwa 1914 bis 1930 in dem Haus am Bahnhof wohnten, das noch im Mai das Wehrkreiskommando war, waren befreundet mit ihm. In dem kleinen Haus im Garten wohnte mein Vater vor seiner Heirat. 1930 etwa verkauften meine Großeltern das Haus an Dr. Waurick, der es modernisierte. Im Gartenhaus hatte Dr. Waurick seine Praxis. Herr Petermann hatte eine Tochter, die Sängerin war, wenn ich mich recht erinnere.
Das zweite Heft der Streifzüge durch den Kreis Gleithain habe ich mit Vergnügen gelesen. Sie erwähnen die Kalköfen auf dem Sommerhof. Dort war zu meiner Zeit der große Rundofen ein wichtiges Denkmal für eine bestimmte Phase der industriellen Entwicklung in der Geithainer Gegend. Mein Vater war der Meinung, dass der Rundofen historischen Wert hatte. Er versuchte ihn zu erhalten. Leider hat man die Büsche, die auf dem Ofen wuchsen, zu Bäumen wachsen lassen, deren Wurzeln den Ofen zerstört haben. Mein Vater ließ diese Büsche aller zwei Jahre herunterschneiden. Sehr schade ist es, dass das schöne Uhrengebäude abgebrochen wurde. Wenn Geithain wachsen sollte und vielleicht eines Tages der Sommerhof ein Teil der Stadt ist, dann hätte dieser Turm ein Brunnen an einem Platz werden können. Es hat mich sehr traurig gemacht, soviel zerstört zu finden, zum Beispiel das Gut in Ottenhain. Frau Pönitz schreibt vom „Volkszorn“ gegen die Rittergutsbesitzer. Ich hoffe, dass hier keine Sündenböcke gesucht werden. Der Volkszorn 1945, wenn es den überhaupt je gab, war ein von den Kommunisten organisierter Volkszorn, der Kristallnacht 1938 vergleichbar. Es gelang den Nazis, den 1.Weltkrieg und alles, was dem folgte, den Juden in die Schuhe zu schieben. Als dann das von so vielen bejubelte Tausendjährige Reich Hitlers 1945 ein verdientes Ende nahm, gelang es den Kommunisten in ihrem Teil des Landes den Leuten einzureden, die Grundbesitzer und Industriellen seien an allem schuld gewesen. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass dieses Märchen aus den Geschichtsbüchern entfernt werden muss. Nazis konnte man in jeder Klasse finden. Mein Vater war einer, aber nicht weil er Gutsbesitzer war, sondern weil er zu dumm war, um die Machenschaften dieser Verbrecher zu durchschauen. Herr Anger dagegen, ein guter Freund meiner Familie, hatte nie etwas mit den Nazis im Sinn. Ich erinnere mich, dass er, nachdem mein Bruder 1940 im Westen gefallen war, zu meiner Mutter sagte: „Frau Sommer, dieser Gefreite des Weltkriegs wird uns alle um Haus und Hof bringen.“ Und so kam es ja dann auch.
Lieber Dr. Senf: Genug für heute. Ich hoffe, Ihnen bald mehr berichten zu können. Und hoffe, bald wieder von Ihnen zu hören. Wie sieht es in Sachsen aus? Wie ist die wirtschaftliche Lage? Herzliche Grüße auch von meiner Frau, Ihr Ulrich J. Sommer
P.S. Der Spruch an der Schule: „Die Liebe zur Heimat …“ Wie geht der weiter? Dem Sinne nach etwa so (oder irre ich mich?): „Die Liebe zur Heimat baute dieses Haus, mögen viele Generationen darin ein und aus gehen.“ Stimmt das? U.J.S.