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Georgetown, 26. Juni 1990

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Sehr geehrter Herr Dr. Senf,

am 15. und 16. Mai besuchte ich meine Heimatstadt Geithain. Auf der Fahrt dorthin sahen wir viele halb zerstörte und vernachlässigte Dörfer und Städte in Thüringen und Sachsen. So war ich freudig überrascht, Geithain so schmuck und gepflegt wiederzufinden.

Ich ging zur Paul-Guenther-Schule, in der ich von 1933 bis 1937 als Schüler gewesen bin. Ich liebte dieses herrliche Gebäude, das zu meiner Zeit glänzend neu war (es wurde 1925 eröffnet). Sofort vermisste ich den geschnitzten Tierzaun, der noch bis 1945 den Schulhof am Haupteingang umgab. Was wurde aus dem? Er bestand aus gemauerten Pfosten, zwischen denen hölzerne Paneele mit Schnitzereien, Tiere darstellend, angebracht waren.

Dieser Schulhof hat die bedeutendsten Bildhauerwerke der Schule. Die Tür mit den Bienen ist unvergleichlich. Die Eule mit dem Buch-Symbol der Weisheit – braucht Restaurierung sehr nötig. Die großartigen Figurengruppen am Haupteingang – Vater und Sohn, Mutter und Tochter – haben die Zeit, da durch ein Dach geschützt, recht gut überstanden.

Die Türe war offen. Ich ging hinein. Hier hat man der Schule Übles angetan. Da war früher eine wohlproportionierte Halle mit Säulen, die Elemente darstellend. Diese Säulen hat man halb vermauert, um einen Raum für Turngeräte zu schaffen. Es wird noch schlimmer. Die große Turn- und Festhalle war früher eine einmalige Schöpfung. Die Wände waren in starken Farben, ganz im Stil des Art Deco, bemalt. Bunte Glasfenster waren großen Persönlichkeiten der protestantischen Aufklärung, wie Luther, Melanchthon und Pestalozzi, gewidmet. Wo sind diese Fenster? Es scheint kaum glaubhaft, dass Kunstwerke solchen Ausmaßes einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwinden können. An der Innenwand der Turnhalle war eine Loggia im ersten Stock. Von der hatte man einen schönen Blick auf die Bühne. Ich erinnere mich an Theatervorstellungen auf einer Bühne an der Westwand der Halle. Diese Loggia sollte wieder hergestellt werden.

Ich war erstaunt, die Schule so farblos zu finden. Wenn ich mich recht erinnere, waren die großen Hallen vor den Klassenzimmern alle in den kräftigsten Farben bemalt. Rot im Erdgeschoss, grün im ersten Stock und blau im zweiten Stock. An der Turmwand war ein Steinrelief, den Spender der Schule Paul Guenther darstellend, darunter ein Spruch, ebenfalls in Stein gehauen. Der Turm hatte ein Turmhaus, das in den Proportionen besser zum Turm passte als die heutige Metallkonstruktion (eine Sternwarte?).

Diese Schule war einmal ein erstaunliches Gesamtkunstwerk, aus Architektur, Bildhauerei, Malerei und farbigem Glas bestehend. Sie hat die Jahre fast unverändert überstanden. Sie sollte gesäubert und restauriert werden. Mit Hilfe von sicherlich vorhandenen Photographien sollte man ihr innen und außen ihre ursprüngliche Gestalt wiedergeben.

Spenden zu diesem Zweck könnten auch aus Nordamerika kommen, wo viele ehemalige Sachsen leben, die gern helfen würden, ihr Heimatland wieder aufzubauen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Ulrich Joachim Sommer

Briefgeschichte(n) Band 1

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