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4. Gedenken an den Beginn des deutschen Russlandfeldzugs

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Zum 75. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion wird im Rahmen einer Sitzung des Bundestages betont unfeierlich in demonstrativer parlamentarischer Routine das Gedenken als „Tagesordnungspunkt 4“ aufgerufen:

„In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941, heute vor 75 Jahren, brach die Hölle los... Über 25 Millionen Menschen in der Sowjetunion, Weißrussen, Ukrainer, Russen und andere, sollten in diesem Angriffskrieg ihr Leben verlieren. Das Ausmaß des Leidens ist nicht in Worte zu fassen.“ (Steinmeier) „Ein beispielloser Vernichtungsfeldzug ..., der in der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassenideologie wurzelte...“ (Bundestagspräsident Norbert Lammert) „Es war der ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg.“ (Bundestagsabgeordneter Alois Karl, CDU/CSU, alle Zitate aus: Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 18/178, 22.6.16)

Mit dem pflichtschuldigen Bekenntnis zu ganz außerordentlichen Täterleistungen stellt der Bundestag zunächst einmal klar, wem hier die führende Rolle in der Erinnerungskultur zukommt – und das, „im Jahr 2 der Ukrainekrise“, mit einem klaren „Um-zu“:

„Wir sind hier, um zu erinnern, und wir sind hier, um uns im Erinnern der Verantwortung zu vergewissern, die wir Deutsche für den Frieden auf diesem Kontinent tragen. Von einem Zeitalter des Friedens sind wir heute weit entfernt, weiter, leider, als wir jemals seit dem Ende des Kalten Krieges waren... Mit der Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ostukraine hat sich erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges ein Unterzeichnerstaat der Schlussakte von Helsinki offen gegen eines der leitenden Prinzipien der europäischen Friedensordnung gestellt, die Unverletzlichkeit der Grenzen und die Souveränität eines anderen Staates. Gerade weil wir unsere historische Verantwortung für die europäische Friedensordnung ernst nehmen, war es diese deutsche Bundesregierung, die auf diesen Prinzipienbruch klar und unmissverständlich reagiert hat und die unsere Partner in diese Reaktion eingebunden hat.“ (Steinmeier)

Das Bekenntnis zur Täterrolle in einem „Vernichtungsfeldzug“ ist offenkundig und ohne Verfallsdatum immer wieder produktiv für die Gegenwart. Man erobert sich damit eine raumgreifende „Verantwortung“ – für Frieden gleich auf dem ganzen Kontinent, womit Russland als heutiger Täter vor ein ideelles Tribunal gestellt und sein moralisches Recht, auf den alten Opfern herumzureiten, grundsätzlich infrage gestellt wäre.

In diesem Sinne legt sich auch die Grüne Marieluise Beck ins Zeug, die darauf deutet, dass auch russische Verantwortung für das große Gemetzel in Rechnung zu stellen ist:

„Der Angriff vom Sommer 1941 traf Stalin weitgehend unvorbereitet und kostete damit vielen sowjetischen Soldaten das Leben.“

Das ist einmal ein guter Einfall, ausgerechnet der mangelnden Kriegsbereitschaft Stalins ein Stück Täterschaft anzuhängen. Und außerdem: Darf Putin überhaupt die alle als seine Opfer reklamieren?!

„Der Überfall auf die Sowjetunion war kein Überfall allein auf Russland, sondern eben auf den Vielvölkerstaat Sowjetunion. Die Sowjetunion existiert nicht mehr. Die historische Schuld, die das Deutsche Reich auf sich geladen hat, und die Verantwortung, die uns bis heute daraus erwächst, gelten also allen Menschen der Nachfolgestaaten, denen in Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Lettland, Litauen, Moldawien, Russland, Tadschikistan, Turkmenistan, in der Ukraine und Usbekistan.“ (Marieluise Beck)

Das kann man Putin nicht durchgehen lassen, mit Opfern auf Rechte zu pochen, die ihm gar nicht gehören. Zumal dank der unermesslichen Schuld der Deutschen die Sorge für die genannten Opfervölker heute in deutsche Verantwortung fällt.

© 2016 GegenStandpunkt Verlag

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