Читать книгу Tödliches Erbe - Hildegard Grünthaler - Страница 8

Оглавление

Kapitel 2

Wie ein schwarzer, nicht endenwollender Lindwurm schlängelte sich der Trauerzug über den Friedhof, folgte hinter Nadine Brandmüller dem blumengeschmückten Mahagonisarg zum ausgehobenen Grab. Der Bürgermeister, die Stadträte und Honoratioren Kleinaltheims, Kunden, Geschäftspartner, die Nachbarn, die gesamte Belegschaft von BraMüTec, - alle waren sie hier, um Jörg Brandmüller die letzte Ehre zu erweisen. Mit salbungsvollem Pathos hatte der Pfarrer das Lebenswerk des mit 63 Jahren viel zu früh verstorbenen Firmenchefs gewürdigt. Ein Leben nach dem Tod versprochen und all das gepredigt, was Pfarrer bei Beerdigungen an Weisheiten und tröstenden Worten so ganz allgemein von sich geben.

Langsam wurde der Sarg in die Grube hinabgelassen, der Pfarrer sprach mit getragener Stimme seine liturgischen Formeln von Erde, Asche und Staub und spritzte mit Weihwasser. Jürgen und Helga standen zusammen mit Robert Sachmann etwas abseits, sahen zu, wie die junge, atraktive Witwe im schwarzen Designerkostüm vortrat. Sie trug eine große, dunkle Sonnenbrille und einen schwarzen Hut, mit dem sie selbst am englischen Hof Aufsehen erregt hätte. Den schwarzen Schleier, der am Hut befestigt war, hatte sie übers Gesicht gezogen. Sie ließ eine Schaufel voll Erde auf den Sarg hinunterrieseln und warf mit einer großen Geste einen Strauß dunkelroter Rosen hinterher.

»Ob sie die Brille und den Schleier trägt, um die rot geweinten Augen zu verdecken - oder die Freudentränen, dass sie den Alten los ist?«, raunte Sachmann seinem ehemaligen Chefbuchhalter zu.

»Dass Ihr Männer so gehässig sein müsst«, tadelte Helga, fügte dann aber, als Simone Kreuzer ihre Blumen in die Grube fallen ließ, hinzu: »Eines muss man dem verstorbenen Brandmüller lassen: Er hatte einen exquisiten Frauengeschmack.«

»Ja, die Kreuzer sieht seiner Frau sehr ähnlich, wenn man davon absieht, dass sie noch mal gute zehn Jahre jünger ist. Nadine geht ja inzwischen schwer auf die Vierzig zu, auch wenn man es ihr nicht ansieht.«

»Da ist sie ja noch eine junge Witwe«, stellte Helga fest. »Ist sie auch eine reiche Witwe? Oder hat dieser Jachnik sich auch am Privatvermögen bedient?«

»Nein, da kam er ganz sicher nicht ran«, erklärte Robert Sachmann zufrieden. »Aber weil wir grad von Hanno Jachnik sprechen: Nachdem Sie bestätigt hatten, dass sich der Kerl am Firmenvermögen vergriffen hat, habe ich die Polizei verständigt. Die werden Sie demnächst als Zeugen befragen und wenn die Witwe und Firmenerbin offiziell Anzeige erstattet, den Jachnik vermutlich zur Fahndung ausschreiben.«

»Zeugenbefragung - na, damit kennen wir uns zur Genüge aus«, gab Jürgen sarkastisch zur Antwort.

»Ich weiß, ich weiß - aber solche Typen wie den Jachnik darf man nicht einfach ungeschoren davonkommen lassen.«

»Wer ist die ältere Frau, die hinter Frau Brandmüller steht und so herzergreifend schluchzt?«, fragte Helga.

»Das ist Irene Föhr, eine entfernte Cousine Brandmüllers. Sie spekuliert vermutlich darauf, dass er sie großzügig im Testament bedacht hat. Als Jörgs erste Frau starb, hoffte Irene, die nächste Frau Brandmüller zu werden. Sie hat sich furchtbar aufgeregt, als er Nadine geheiratet hat. Die war nämlich damals seine Sekretärin.«

»Sie kennen die Familienverhältnisse wohl sehr gut?«, fragte Helga.

»Aber ja, Jörg und ich gingen schon zusammen zur Schule. Seither sind wir befreundet.«

»Sehen Sie mal, ist das nicht Frau Jachnik? Die Frau in der schwarzen Hose und dem grauen Blazer«, Helga wies auf eine unauffällige Frau mit dunkler, glatter Kurzhaarfrisur, die jetzt Blumen und die übliche Schaufel voll Erde in die Grube warf. »Sie hatte damals auch ein Konto bei der Bank Wiebke & Söhne. Ich hab sie zwar schon lang nicht mehr gesehen, aber ich glaube, sie ist es. Soweit ich mich erinnere, ist sie eine sehr zurückhaltende Frau. Damals war sie IT Spezialistin bei einer großen Versicherungsgesellschaft.«

»Ja, das könnte sie sein. Ich halb sie allerdings nur ein- oder zweimal gesehen.«

»Na, ob die wohl Bescheid weiß, welche krummen Sachen ihr Mann gedreht hat?«, überlegte Jürgen. »Oder steckt sie mit drin und verteilt schön brav das ergaunerte Geld auf diverse Konten?«

»Wer weiß«, sinnierte Helga, »obwohl ich es ihr eigentlich nicht zutraue.«

Irene musterte kritisch ihr Spiegelbild. Ihr zur Gänze ergrautes Haar hatte sie gefärbt. »Mahagoni« hatte auf der Packung gestanden, blöderweise war die Farbe viel zu grell ausgefallen. Mit dem Kurzhaarschnitt war sie auch nicht zufrieden. Nun, bald könnte sie sich einen besseren Friseur als diesen einfallslosen Provinz-Figaro leisten, dazu den Aufenthalt auf einer Schönheitsfarm oder sogar ein Facelifting. Im Augenblick sah man ihr jedes ihrer 54 Jahre an. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihre Falten und die großporige, teigige Haut kräftig mit Make-up zu überdecken.

Hätte Jörg sie damals, als seine erste Frau gestorben war, geheiratet, sähe sie heute unter Garantie jünger und besser aus. Sie hätte sich gepflegt und teure Garderobe geleistet. Was hatte sie nicht alles für ihn getan. Sie hatte ihn bekocht, ihm seine Lieblingskuchen gebacken, dafür gesorgt, dass die Putzfrau sein Haus in Ordnung hielt. Und was war der Dank? Er hatte seine Sekretärin geheiratet. Dieses junge Flittchen, das nur hinter seinem Geld her war. Dabei hatte sie selbst vor zehn Jahren auch noch besser ausgesehen.

Sie schlüpfte in ihre Kostümjacke und zupfte die Bluse zurecht. Schwarz musste sein, auch wenn ihr diese Farbe nicht zu Gesicht stand. Selbst auf die Gefahr hin, dass sich Nadine zu einer gehässigen Bemerkung würde hinreißen lassen, wenn sie in demselben Kostüm erschien, das sie schon zur Beerdigung getragen hatte. Aber in ihre schwarze Hose passte sie beim besten Willen nicht mehr hinein; und in dem altmodischen schwarzen Kleid, das im Schrank hing, durfte sie keinesfalls aufkreuzen. Außerdem konnte sie sich wegen ihres überzogenen Kontos im Moment nichts Neues leisten. Nun, ihre finanzielle Situation würde sich jetzt bessern. Jörg hatte Wort gehalten und sie im Testament bedacht, sonst wäre sie ja vom Nachlassgericht nicht zur Testamentseröffnung geladen worden.

Sie schnappte vor Entrüstung nach Luft, vergaß vor schierer Wut das Ausatmen. Dunkle Zornesröte übertönte das zu dick aufgetragene Make-up. Mit einem empörten Aufschrei stieß sie schließlich die angehaltene Luft wieder aus.

»Oooh! Du Schlampe, du Biest! Das hab ich dir zu verdanken, dass ich mit einem Almosen abgespeist werde!«, keifte Irene Föhr außer sich vor Zorn.

Schade, dass ich ihn nicht überreden konnte, dich ganz aus dem Testament zu streichen. »Nennst du 100 000 Euro ein Almosen?«, erwiderte die Angegriffene kühl. »Die hast du nämlich wirklich mir zu verdanken. Jörg hatte damals beim Notar gesagt, dass seine zänkische, nur um fünf Ecken mit ihm verwandte Cousine, keinen Cent bekommen soll. Rechtlich hast du nämlich keinerlei Anspruch. Das wird dir der Richter sicher bestätigen!«

Der Richter, peinlich berührt von der Szene, nickte.

»Er wollte sein Testament ändern! Er wollte sich nämlich scheiden lassen! Das hat er mir selbst erzählt! Stattdessen wollte er mich großzügig bedenken. Deshalb hast du gieriges Luder ihn vorher umgebracht!« Irene Föhr war aufgesprungen, hielt ihre Handtasche hoch wie einen mittelalterlichen Morgenstern, bereit, sie der Gegnerin ins Gesicht zu schleudern.

»Mein Gott, du bist ja noch viel schlimmer, als Jörg mir erzählt hat!«, entgegnete Nadine Brandmüller ungerührt.

Heftig atmend versuchte Irene Föhr den plötzlichen Schwindelanfall zu unterdrücken. Der Raum um sie drehte sich, der Richter verschwamm vor ihren Augen. Wie durch einen Nebel sah sie, dass er weiter aus dem Testament vorlas, aber ihre Ohren rauschten so stark, dass sie die nächsten Sätze, die das Testament abschlossen, gar nicht mehr wahrnahm. Wie in Trance verließ sie den Raum und wankte zur Haltestelle, um mit dem Bus nach Hause zu fahren.

Ihre Kontrahentin blieb bis zum Abschluss der Testamentseröffnung und stieg dann in ihren Sportwagen. Sie hatte einen Termin bei der Bank ausgemacht und am nächsten Tag wollte ein Immobilienmakler die Villa besichtigen.

»Ermordet, sagen Sie?«, Hauptkommissar Jan Warnecke bat die aufgebracht wirkende Besucherin, erst einmal Platz zu nehmen.

»Genau! Kaltblütig ermordet!« Die grell geschminkte Frau mit den roten Haaren zog ein Taschentuch aus der Handtasche und betupfte ihre Augen.

»Und wer wurde ermordet?«

»Jörg. Jörg Brandmüller, Inhaber der Fa. BraMüTec.«

Warnecke schaltete das Aufnahmegerät ein und legte Notizblock und Kugelschreiber zurecht.

»Gut, dann fangen wir doch am besten von vorne an: Fürs Protokoll benötige ich Ihren Namen und Ihre Anschrift.«

Sie reichte ihm ihren Personalausweis.

»Sie sind Frau Irene Föhr?«

»Genau. Jörg war mein Cousin.«

»Also der Sohn einer Tante oder eines Onkels«

»Nein, nicht so direkt. Meine Großmutter war eine Cousine seines Großonkels.«

»Also eine sehr entfernte Cousine«, stellte Warnecke fest. »Und wann geschah dieses Tötungsdelikt?«

»Am 15. Februar«, schluchzte die Besucherin.

»Am 15. Februar? Das ist ja fast vier Wochen her. Der angeblich Ermordete wurde demnach inzwischen beerdigt?«

»Ja, am 19. Februar. Angeblich hatte er einen Herzinfarkt.«

»Es wurde demnach eine natürliche Todesart festgestellt.«

»Vermutlich. Sonst hätte man ihn wohl nicht so einfach begraben.«

Hauptkommissar Jan Warnecke kratzte sich am stoppeligen Dreitagebart. Was sollte er von der seltsamen Besucherin halten? Er argwöhnte, dass sie im Testament des vermeintlich ermordeten Firmeninhabers übergangen worden war und nun auf Rache sann. Trotzdem durfte er diese Anzeige nicht einfach unter den Tisch fallen lassen, sondern musste der Sache auf den Grund gehen. Es war durchaus möglich, dass hier wirklich ein Verbrechen vorlag.

»Und wer hat Ihrer Meinung nach den Mord begangen?«

»Seine Frau natürlich! Die ist jetzt seine Witwe und erbt.« Sie schluchzte jetzt nicht mehr, vielmehr bebte ihre Stimme vor schlecht verhohlenem Zorn. Dieser Kerl, dieser Kommissar, der nahm sie ganz offensichtlich nicht ernst. Sie hatte die Blicke gesehen, die er seinem Kollegen zugeworfen hatte. Auch am Klang seiner Stimme konnte sie es hören, als er jetzt fragte:

»Und deshalb hat sie ihn umgebracht?«

»Er wollte sich nämlich scheiden lassen und sein Testament ändern. Deshalb musste sie ihn vorher umbringen.« Das reichte dem Kerl hoffentlich, um endlich aktiv zu werden.

»Und wie hat die Frau Brandmüller ihren Mann getötet?«, fragte der stattdessen.

»Das herauszufinden ist schließlich Ihr Job. Lassen Sie die Leiche exhumieren, dann werden Sie schon sehen, dass ich recht habe!«

»Nun, ganz so einfach ist das nicht. Da muss schon ein berechtigter Verdacht vorliegen. Wir werden der Sache nachgehen, Zeugen befragen, eventuelle Beweise sicherstellen. Erst danach, wenn sich der Verdacht erhärtet hat, können wir eine Exhumierung beantragen.«

»Tun Sie das! Sie hatte nämlich einen Liebhaber!«

»Das ist vor dem Gesetz nicht strafbar!«

»Aber ein Mordmotiv!«, fauchte Irene Föhr.

Warnecke atmete auf, als die Frau auf ihren viel zu hohen Absätzen endlich zur Tür hinausgestöckelt war.

Frank Becker, Hauptkommissar Warneckes Partner, war dabei, in einem anderen Fall zu recherchieren. Er hatte anfangs nur mit einem Ohr zugehört, was die rothaarige Frau an Anschuldigungen so alles vorgebracht hatte. Aber als zum wiederholten Male der Name Brandmüller gefallen war, war er hellhörig geworden.

»Es muss ja nichts heißen«, meinte er nachdenklich, als die Besucherin das Büro verlassen hatte, »aber neulich war ich zufällig wegen einer anderen Sache bei den Kollegen vom Betrugsdezernat. Dort habe ich Robert Sachmann, den Mitinhaber der Fa. Baumer & Sachmann getroffen. Ich kenne den von einem alten Fall. Er war dort, um die Kollegen von einer Veruntreuung von Firmengeldern bei der Fa. BraMüTec zu unterrichten. Der Prokurist hatte im großen Stil Firmengelder abgezogen. Die Kollegen meinten, die Witwe des Firmeninhabers müsste offiziell Anzeige erstatten. Ich weiß nicht, ob das schon geschehen ist.«

»Aha, das ist interessant!« Jan Warnecke stand von seinem Stuhl auf. »Was hältst du davon, wenn wir uns mal mit den Kollegen unterhalten?«

Tödliches Erbe

Подняться наверх