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6. Kapitel
ОглавлениеTagebuchaufzeichnungen von Prof. Dr. Rüdiger Kolczyk.
Anhand aufgefundener Fragmente vom Autor rekonstruiert.
Verflucht sei er am Tage und verflucht sei er bei Nacht, verflucht beim Niederlegen und verflucht beim Aufstehen, verflucht bei seinem Ausgang und verflucht bei seinem Eingang. Gott möge ihm nie verzeihen! Diesen alt jüdischen Fluch murmelte ich zwar oft vor mich hin, wenn ich an Ziegenhals dachte, aber er war bei mir durchaus nicht Ausdruck einer tiefen Ohnmacht. Dem Schock der ersten Stunde war anfänglich eine gewisse Resignation gefolgt, ein fast demütiges Hinnehmen des Unabänderlichen, aber bald darauf hatte sich mein tief verwurzelter Wille zur Auflehnung durchgesetzt. Ich hatte früh Camus gelesen und begriffen, dass erst Auflehnung dem Leben seinen Sinn gibt, und wenn sie sich über die Dauer der Existenz erstreckt, sogar Größe. Und nach Größe habe ich immer gestrebt.
Aber mein Widerstand erwuchs nicht nur aus meinem Intellekt, er hatte auch andere, tiefere Quellen. Schließlich entstamme ich einer alten Soldatenfamilie, die sich bis zum Jahre 1755 zurückverfolgen lässt. Ich gebe mich zwar stets als überzeugter Antimilitarist, aber etwas vom martialischen Geist der Väter erbt man eben doch, und etwas Tradition fließt in jede Erziehung mit ein. So ist es kaum verwunderlich, dass ich zum Kampf entschlossen war, dass ich Ziegenhals vernichten wollte.
Das Wie war eine andere Frage. Tagelang zerbrach ich mir den Kopf, nächtelang grübelte ich über eine Strategie nach, die mir den Sieg bringen musste. Jetzt machte es sich sehr nachteilig bemerkbar, dass ich mein Leben lang nur Fachbücher und schöngeistige Literatur konsumiert hatte und keine Kriminalromane. Mir wollte partout nichts einfallen. Ich konnte mir doch nicht einfach eine Pistole kaufen und Ziegenhals in irgendeinem Mausflur niederschießen ... In Augenblicken, in denen meine Gedanken auf diese Ebene herabgesunken waren, kam mir das ganze Unternehmen höchst kindisch vor. Aber davon lassen konnte ich auch nicht mehr.
Ein wenig Ablenkung brachten mir dann die Vorbereitungen zu meiner lange geplanten Vortragsreise durch die USA. Verschiedene Universitäten hatten mich eingeladen, so die Cornell University in Warren Hall, die University of California in Berkeley, die University of Wisconsin in Madison und die University of Michigan in Ann Arbor. Ich sollte über die Weiterentwicklung des Weberschen Bürokratiemodells, über die deutschen Gewerkschaften und über meine Untersuchungen in der Berliner Unterwelt sprechen. Es war alles wunderbar vorbereitet, und ich hatte mich schon seit Wochen auf die Reise gefreut.
Es war am Abend vor meiner Abreise, ich hatte die gepackten Koffer zur Garage hinuntergetragen und wollte gerade ins Wohnzimmer gehen, um noch ein wenig mit meiner Familie zusammenzusitzen, als es läutete. Ich stellte den 55er Chateau Margaux, den ich mir aus dem Weinkeller geholt hatte, auf die helle Flurkommode und ging zur Wechselsprechanlage hinüber. Möglicherweise der Parteikassierer, der wie alle Jahre wieder von Haus zu Haus zog, um die Spenden für unsere Rentner und Veteranen zusammenzubekommen. Mit meinen 200 Mark waren sie dann immer in der Lage, die Weihnachtsfeier mit Kinderchor und Märchenspiel würdig zu gestalten und den alten Leutchen bunte Teller und einige nützliche Kleinigkeiten zu schenken.
„Ja ...?“
„Guten Abend! Hier Oberkommissar Rannow von der Kriminalpolizei. Ich hätte gern Herrn Dr. Kolczyk gesprochen.“
Ich erstarrte. Wie immer, wenn ich einen Schreck bekomme, krampften sich meine Därme zusammen und ich litt unter dem Gefühl einer heftigen Diarrhö. Ich presste die rechte Hand auf den Unterleib und setzte mich für ein paar Sekunden auf den Hocker neben dem Spiegel, um den Anfall zu überwinden.
„Hallo, sind Sie noch da?“ Eine typische Durchschnittsstimme, keine Akzentuierung, keine mundartliche Färbung, keine Faszination.
„Nein, ich bin inzwischen geflohen!“, entgegnete ich ärgerlich, während ich auf das kleine weiße Knöpfchen für den Öffnungsmechanismus drückte. „Kommen Sie bitte rein!“
Draußen summte es, dann wurde die Gartentür zugeschlagen. Ich rief noch schnell ins Zimmer, dass sie sich ein paar Minuten gedulden sollten, dann ließ ich den späten Besucher ins Haus.
Oberkommissar Rannow war mir vom ersten Augenblick an unsympathisch. Seine braunen, etwas asymmetrisch stehenden Augen erinnerten mich an einen eben verprügelten Hund; die wulstigen Lippen, die knollige Nase und die großen Ohren widerten mich an. Und dazu noch der kurze Beamtenhaarschnitt – jedes Haar an seinem Platz ... Er roch ein wenig säuerlich; offenbar war er magenkrank. Zwar bekämpfe ich meinen Hochmut und mein elitäres Bewusstsein, wo immer es geht, aber ich empfand es dennoch als ziemliche Zumutung, dass sie mir ausgerechnet diesen Kretin ins Haus geschickt hatten.
Ich nahm ihm seinen gräulichen Lodenmantel ab, unterließ es aber, nach einem Bügel zu suchen. Er registrierte diesen Affront mit einem unfreundlichen Blick. Dann blieb er ein paar Sekunden vor einem Aquarell stehen, das Friedrich den Großen auf einem Schimmel zeigt, während ein schnauzbärtiger Kroate hinter einem Zaun stehend das Gewehr auf ihn anlegt. Wenn man meinem Vater, der dieses kleine Bild geliebt hatte, trauen durfte, dann hatte der Alte Fritz in dieser Szene ausgerufen: „Kerl, Er hat ja gar kein Pulver auf der Pfanne!“, worauf der Soldat voller Verblüffung seine Waffe fallen gelassen und Reißaus genommen haben soll.
„Nett, nicht ...?“, sagte Rannow.
„Hm ... Bitte!“ Ich stieß die Tür zu meinem Arbeitszimmer auf und wies auf die schwarzen Ledersessel, die vor der rostroten Klinkerwand standen.
„Danke!“ Rannow ließ sich in den bequemsten aller Sessel fallen, musterte kurz das längliche Ölgemälde rechts vom Fenster, eine Straßenszene von Lesser Ury, die an die 20.000 Mark wert ist, staunte über die gewaltige Bücherwand und studierte dann das Muster meines Täbris.
Ich war sicher, Neid in seinem Gesicht zu erkennen, Neid und Frustration. Wie hätte er, der aller Wahrscheinlichkeit nach in einer engen Neubauwohnung lebte und sich seine Einheitsmöbel im nächsten Kaufhaus beschafft hatte, auch anders reagieren können?
„Darf ich Ihnen einen Kognak anbieten?“ Ich bemühte mich um eine gewisse Herzlichkeit, denn natürlich war es unsinnig, ihn unnötig zu reizen.
„Danke, ich bin im Dienst. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!“
Darauf konnte ich nur im Stillen stöhnen, denn wenn ich etwas hasse, dann sind es Gemeinplätze. Ich goss mir selber ein Glas ein und setzte mich hinter meinen Schreibtisch. Damit hatte ich mir einen kleinen Vorteil verschafft, denn nun befand sich mein Gesicht im Schatten, während Rannow haargenau unter der herabhängenden Studiolampe saß.
„Dürfte ich wissen, was Sie zu so später Stunde noch zu mir geführt hat?“ Ich sprach so prononciert wie ein Schauspielschüler vor einem allmächtigen Intendanten.
„Klar ...“ Rannow zündete sich in aller Ruhe eine Roth-Händle an. „Gestern Nacht ist die Prostituierte Marianne Ihlow ermordet worden ...“
„Das habe ich bereits in der Zeitung gelesen.“
„Man hat Sie wenige Stunden vor der Tat in Begleitung der Ihlow gesehen ...“
„Das ist durchaus möglich ...“ Ich gab mich uninteressiert, lächelte leise und spielte den Überlegenen, aber in Wirklichkeit war ich ziemlich erregt, und mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
Der Oberkommissar hatte Recht; am Nachmittag war ich einige Zeit lang in der Wohnung dieser Miezi gewesen. Ich war mit ziemlich klar umrissenen Vorstellungen in Ziegenhals’ ehemalige Wohnung in der Naunynstraße gefahren, deren Bewohner ich über Ziegenhals vorsichtig ausgehorcht hatte, und zwar hatte ich von Miezi und Opa Melzer einige Auskünfte über die meiner Ansicht nach kriminelle Vergangenheit ihres ehemaligen Hausgenossen einholen wollen. Ich hätte wetten mögen, dass Ziegenhals allerhand Dreck am Stecken hatte – dafür sprach schon dieses Milieu. Bei den relativ niedrigen Aufklärungsquoten, die die Kriminalstatistiken ausweisen, konnte er ohne große Schwierigkeiten unentdeckt geblieben sein. Aber bestimmt musste es in dieser Gegend eine Hand voll Leute geben, die von seinen Straftaten wussten. Wenn ich Ziegenhals wirklich etwas nachweisen konnte, dann hatte ich ihn zwar noch nicht in der Hand, aber ich konnte ihn immerhin daran hindern, seine Forderungen höher und höher zu schrauben. Ich hätte schwören können, dass dieser oder jener Autodiebstahl oder Einbruch auf sein Konto ging. Und hatte ich erst einmal Zeugen und Beweise dafür, dann konnte ich ihm jederzeit mit einer Anzeige drohen, ohne fürchten zu müssen, dass er vor Gericht etwas von meinem Plagiat und seiner Erpressung erzählen würde. Damit hätte er sich nur einige zusätzliche Jahre Gefängnis eingehandelt und wäre außerdem um den Genuss meiner regelmäßigen Zahlungen gekommen. Natürlich konnte er mit der Ankündigung kontern, er werde todsicher auspacken, wenn ich ihn wegen der Einbrüche anzeigte, aber ich durfte dennoch ziemlich sicher sein, dass er meine Trümpfe in seine Strategie mit einbezog und auf eine Eskalation seiner Forderungen verzichtete. Kurzum, und ohne weiter spieltheoretischen Erwägungen nachzugeben: Ich brauchte unbedingt beweiskräftiges Material über die Delikte meines Gegners.
„Na, was ist nun?“ Rannow wurde langsam ungeduldig.
Naunynstraße. Ich sah mich wieder die ausgetretenen Stufen zum dritten Stockwerk hinaufsteigen. Auf mein mehrmaliges Klingeln hin hatte mir Miezi geöffnet.
„Ja, wat jibt’s denn?“
„Guten Tag! Entschuldigen Sie, ich suche meinen Neffen, einen Herrn Ziegenhals – Bernd Ziegenhals!“
„Der is vor ’n paar Tagen umjezog’n, tut ma leid.“
Da hatte ich also richtig kalkuliert. Ziegenhals versuchte also, sich unsichtbar zu machen. Offenbar fürchtete er meine Attacken.
„Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich ihn jetzt finden kann?
„Da müssen se mal Opa Melzer fragen. Kommse man rin!“ Sie führte mich in Opa Melzers Zimmer. Der hatte zwar Ziegenhals’ neue Adresse auch nicht mehr im Kopf, fand dann aber nach einigem Suchen einen alten Omnibusfahrschein, auf dem er sie notiert hatte.
„Hier, nehm Se’n mit!“ Er drückte mir den Fahrschein in die Hand. „Und ’n schön’n Gruß an den Herrn Neff’n. Der is ja wohl ’n feiner Pinkel jeword’n; na, ick gönn et ihm.“
Ich schenkte Opa Melzer drei Zigarren, und er war vor Freude ganz außer sich.
„Mann, is det ’ne Übarraschung! Da bin ick ja janz baff! Ick hab nämlich nischt mehr zu roochen im Hause als wenn Se det jerochen hätten. Und so ’ne teure Marke ooch noch! Ick bin jerührt wie Appelmus!“ Er nahm ein paar dickleibige Schnellhefter vom Tisch und drückte milden ganzen Stapel in die Hand. „Hier, nehmen se man den janzen Klumpatsch mit. Det sind noch Akten und Manuskripte von ihm, die können se ihm ja jeb’n ...“
So zuvorkommend Melzer in diesem Punkt war, so stur stellte er sich, als ich ihn nach etwaigen kriminellen Delikten von Ziegenhals ausfragte.
„Ick kann ma nich erinnan, det Zicke mal ’n krummet Ding gedreht hat.“
„Mir ist aber so etwas zu Ohren gekommen“, beharrte ich. „Verstehen Sie doch, Herr Melzer: Ich möchte doch meinem Neffen helfen. Wenn ich es vor der Kriminalpolizei erfahre, dann kann ich mich mit den Geschädigten in Verbindung setzen und die Dinge mit ein paar Geldscheinen regeln ... Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir da helfen könnten. Auf ein paar Mark kommt es mir dabei nicht an!“
„Tut ma leid, ick weeß von nischt, mir jeht det allet nischt an. Ick bin een alta Mann und will meine Ruhe ham!“
Er sah zwar so aus, als könne er kein Wässerchen trüben; dennoch war ich sicher, dass er eine ganze Menge wusste. Aber es gab leider kein Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen.
„Na gut, wenn Sie nicht wollen ...“ Ich tat betrübt. „Unserem Bernd tun Sie damit bestimmt keinen Gefallen ...“
Ein wenig aus der Ruhe gebracht, spielte er an seinem gelblichen Gebiss herum. „Vielleicht jehnse mal bei die Miezi rüba; die weeß imma ’ne janze Menge. Aba passen se uff, det die Ihn’n nich vanascht – die jeht nämlich uff’n Strich!“
Aber auch Miezi stellte sich taub. „Unsa Zicke? Nee, det gloob ick nich, det der wat uff’m Kerbholz hat. Für den leg ick meine Hand ins Feua!“
Da war nichts zu machen. Aber dann entschlüpfte ihr doch noch der Hinweis, dass Ziegenhals oft und gern in der Heißen Ecke gesessen hatte.
„Mit wem denn?“, stieß ich nach.
„Och, mal mit dem und mal mit dem ...“ Sie hatte sich gegen ihre weiß gestrichene Kommode gelehnt, ihr knapper Rock, tomatenrot, Leinen, war etwas nach oben gerutscht und ihre honigfarbenen, prallen Schenkel waren leicht gespreizt.
Ich spürte eine leichte Erektion. „Es kommt mir auf ein paar Hunderter nicht an, wenn ich meinen Neffen dadurch aus Schwierigkeiten raushalten kann“, sagte ich mit belegter Stimme. „Könnten Sie sich nicht mal umhören, Fräulein Miezi?“
Sie überlegte einen Augenblick. „Na schön ... Heute Abend.“
„Wo treffen wir uns denn? Hier?“
„Sagen wir: halb elf an der Hochbahnstation – am Görlitzer Bahnhof ...“
„Gut. Ich werde dort im Wagen warten.“
„Tun Sie das ... Aber wenn nun was dazwischenkommt – kann ja sein, nich? Wie kann ich Sie da erreichen?“
Dazwischen ... Ich bezog das gleich auf ihre Schenkel und war im Handumdrehen so erregt, dass ich ihr – welch ein Fehler! – meinen Namen nannte. „Anrufen können Sie mich jederzeit in der FU ...“
Ich begehrte sie immer stärker, der Druck zwischen meinen Schenkeln wurde schon schmerzhaft. Meine Moralvorstellungen verboten mir den Ehebruch, aber ein bisschen Petting schien mir erlaubt zu sein. Heiser stieß ich meinen Wunsch hervor.
Sie lachte mich aus. „Nee, nich bei mir!“
Was dann geschah, möchte ich nicht niederschreiben. Jedenfalls, es gelang ihr, mich mit routinierten Griffen abzuwehren. So viel Aggressivität, so viel – ja – Brutalität hätte ich mir niemals zugetraut. Erst die plötzlich aufschießende Angst, sie – von inneren Zwängen getrieben – zu erwürgen, ließ mich ruhiger werden.
Schließlich, sie schien das alles nicht so tragisch zu nehmen, schieden wir noch halbwegs in Frieden und erneuerten die Verabredung für den Abend.
Aber das alles konnte ich doch unmöglich vor diesem Polizisten ausbreiten.
„Sie brauchen ziemlich lange, um sich zu erinnern“, bemerkte Rannow und schmatzte ungeduldig mit den Lippen.
„Ja, ich kenne das Mädchen, ich bin mit ihr zusammen die Treppe hinuntergegangen. Sie wollte noch in die Hasenheide, ein bisschen frische Luft schnappen. Ich bin dann in meinen Wagen gestiegen und nach Hause gefahren.“
„Sie waren also in ihrem Zimmer?
„Ja. Aber ich muss Sie enttäuschen – es war sozusagen dienstlich. Wir arbeiten im Augenblick an einer Zuhälterstudie und sind natürlich daran interessiert, möglichst viele Prostituierte zu interviewen.“
„Und wie sind Sie an die Adresse der Ermordeten gekommen?“
„Ganz einfach. Ich habe vor zwei Jahren eine Arbeit über das Rekrutierungsfeld Berliner Prostituierter veröffentlicht, und damals haben wir eine Menge Adressen zusammengetragen.“
„Hm ... Sie sagten dienstlich ... Dann haben Sie auch keine intimen Beziehungen zu dem Mädchen gehabt?“
„Erlauben Sie? Für wen halten Sie mich!“
„Man will aber Geräusche gehört haben, die ...“
„Wenn Sie sich auf die Fantasie von klatschsüchtigen Hausbewohnern verlassen, dann kann ich Sie nicht daran hindern!“
Rannow steckte sich ein Vitaminbonbon in den Mund und lutschte mit Hingabe. „Die Herren der besseren Stände sollen sich ja mitunter mächtig für die Mädchen aus der Gosse interessieren. Früher, als es noch Dienstmädchen gab, hatten sie’s wesentlich bequemer.“
„Ich bitte Sie!“
„Das Mädchen ist kurz nach zweiundzwanzig Uhr ermordet worden. Sicherlich haben Sie ein Alibi, Herr Dr. Kolczyk ...?“
„Ein Alibi?“ Ich zuckte zusammen. „Nein, nicht direkt ...“
Rannow blieb ruhig. „Wo waren Sie denn um diese Zeit, wenn ich fragen darf?“
„Bis einundzwanzig Uhr habe ich im Mandarin in der Grolmannstraße gesessen und zu Abend gegessen, und zwar zusammen mit zwei Kollegen, Herrn Professor Steffens und Herrn Professor Breitbart ... Ja, später bin ich dann den Kurfürstendamm hinuntergeschlendert ... Ich hatte einige wissenschaftliche Probleme zu klären, vor allem ging es mir um die Frage nach den funktional äquivalenten Möglichkeiten zur Integration von unqualifizierten Arbeitern ...“
Rannow unterbrach mich. „Vielleicht haben Sie dabei zufällig Herrn Ziegenhals getroffen?“ Er unterdrückte ein Gähnen.
Ich bemühte mich um ein Pokergesicht, obwohl ich ziemlich erregt war. „Nein. Warum?“
„Er behauptet, Sie seien sein Mäzen ...“
„Das bin ich auch.“ Ich stand auf und goss mir noch einen Kognak ein. „Ich halte ihn für einen klugen Kopf; so einen Menschen muss man fördern. Ich habe ihm ein Darlehen gegeben, etwas mehr als 5000 Mark – das heißt, eigentlich ist es gar kein Darlehen, denn Herr Ziegenhals wird für mich arbeiten; er wird praktisch die Rolle meines Privatsekretärs übernehmen.“
„Das ist sehr ... äh, edel von Ihnen!“
Rannows Ironie zwang mich, weiterzusprechen. „Er hat früher mal an meinen Übungen teilgenommen. Hier, überzeugen Sie sich ...“ Ich wühlte eine alte – geschickt ergänzte – Teilnehmerliste hervor und reichte sie Rannow hinüber. „Ziegenhals hat damals alle anderen ausgestochen, ab und an sogar mich in den Schatten gestellt. In der Zwischenzeit hatte er wohl etwas den Boden unter den Füßen verloren, aber als er dann plötzlich vor mir stand ...“
Rannow sah durch mich hindurch. „Wussten Sie eigentlich, dass Ihr Name in Miezis Notizbuch steht? Die Eintragung dahinter ist ganz eindeutig: zweiundzwanzig Uhr dreißig ...“
Für Sekunden verlor ich die Fassung. Ich hatte das Gefühl, in einem abstürzenden Flugzeug zu sitzen. Doch dann fing ich mich noch einmal. „Ja“, würgte ich hervor. „Ich war mit ihr an der Hochbahnstation verabredet – Görlitzer Bahnhof ... Doch sie ist nicht gekommen.“
„Und warum hatten Sie sich mit ihr treffen wollen?“
„Warum ist man wohl mit einer Prostituierten verabredet?“
„Ach, also doch ... Und warum wollten Sie es nicht bei ihr in der Wohnung abmachen?“
„Wer lässt sich schon gerne dabei beobachten? Sie verstehen – in meiner Stellung muss man gewisse Rücksichten nehmen ...“
Rannow erhob sich. „Danke sehr ... Ich habe von Ihrem Sekretariat gehört, dass Sie nach Amerika fahren?“
„Was denn – darf ich nicht?“
„Doch, doch! Und vielleicht fällt Ihnen unterwegs noch etwas ein, was uns nützen könnte ...“
Rannow schüttelte mir die Hand und wischte sie dann ungeniert an seiner Hose ab. Offensichtlich zog er aus der Tatsache, dass ich Schweißfinger hatte, tief greifende Schlüsse. Dann war er endlich draußen.
Möglicherweise haben wir mehr Worte miteinander gewechselt, als ich hier wiedergegeben habe, aber eigentlich bin ich ziemlich sicher, mich wenigstens an die wichtigsten Passagen erinnert zu haben. Er hatte ungefähr eine halbe Stunde bei mir zugebracht.
„Nun komm doch endlich!“ Reinhild, meine Frau, zog mich ins Wohnzimmer, wo Gina vor dem Bildschirm hockte und einen amerikanischen Krimi ansah.
„Hat dir wieder mal jemand Geld für irgendwelche wohltätigen Zwecke abgeknöpft?“, spottete sie.
„Nein, das war ein Journalist, der etwas über die Mission der Soziologie schreiben will ...“ Ich stellte den Fernsehapparat ab und entkorkte den 55er Chateau Margaux. „Kommt, wir wollen uns noch einen gemütlichen Abend machen; in den nächsten vierzehn Tagen müsst ihr ohne mich auskommen.“
Meine Tochter hatte den Krimi wohl nicht sehr interessant gefunden. „Eine Freundin hat mir geschrieben, dass die Steuben-Parade im nächsten Jahr in Kolczyk-Parade umbenannt werden soll, stimmt das?“, zog sie mich auf.
„Gina!“ Meine Frau hatte etwas veraltete Ansichten über töchterliche Ehrerbietung.
Doch ich war nicht in der Stimmung, ein scherzhaftes Geplänkel mit meiner Tochter zu beginnen; Rannows Besuch hatte mich beunruhigt. Offenbar hatte er mir nicht abgenommen, dass ich Ziegenhals aus rein altruistischen Absichten förderte, und witterte irgendwelche tiefer liegenden Beziehungen zwischen uns. Vielleicht hielt er einen von uns beiden für Miezis Mörder, vielleicht auch nicht; auf alle Fälle aber schien er fest davon überzeugt zu sein, dass wir irgendwie in den Fall verwickelt waren. Da war nun plötzlich eine zweite Front entstanden, und unser Duell spielte sich mit einem Mal auf einem Vulkan ab ...
Die entscheidende Frage war, ob ich Ziegenhals ausschalten konnte, ehe es zu spät war. So suchte ich fieberhaft nach einem Ausweg, während ich, scheinbar versonnen, zwei Gläser des tiefroten Weines leerte. Aber erst eine spöttische Bemerkung meiner Tochter brachte mich auf die rettende Idee.
„... pass auf, sie werden dir deine Werke aus den Händen reißen und in Tag- und Nachtarbeit übersetzen, und die Honorare werden sechsstellig sein. Vielleicht behalten sie dich auch da, und du wirst Ghostwriter im Weißen Haus!“
Da schaltete es bei mir.
Am nächsten Tag, als ich im Jet über Irland hinwegraste, nahm dann mein Plan konkretere Formen an. Ich hatte im Januar zufällig von einem Bekannten erfahren, dass Charles Emery, also der Mann, dessen geistiges Eigentum ich gestohlen hatte, wegen irgendeiner Affäre von der Universität geflogen sei und nun ein ziemlich armseliges Leben als Sozialarbeiter führe. Er würde sicherlich für jeden Dollar dankbar sein. Und darauf basierte mein Plan. Ich wollte Emery eine namhafte Summe bieten und ihn veranlassen, ein Statement etwa folgenden Inhalts abzugeben:
Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass die bei der Duke University Press, Durham, North Carolina, im Jahre 1950 unter meinem Namen erschienene Arbeit ‚Social Change in Pattons Landing‘ in Wahrheit von Herrn Rüdiger Kolczyk, Berlin/Germany, verfasst worden ist. Ich habe ihm damals 250 Dollar dafür gezahlt, dass er diese soziologische Arbeit für mich anfertigt und Dritten gegenüber Stillschweigen über ihre Herkunft bewahrt. Infolge einer vorübergehenden psychischen Störung nach dem Tode meiner Eltern, die im Januar 1950 vor meinen Augen einem Autounfall zum Opfer gefallen sind, war ich zu dieser Zeit nicht imstande, die für meine Karriere sehr bedeutsame Arbeit selber anzufertigen, sodass ich die Hilfe von Herrn Kolczyk in Anspruch nehmen musste. Er teilte mit mir dasselbe Zimmer und war jahrelang mit mir befreundet. Herr Kolczyk hat die obige Arbeit selbstständig verfasst und die dazu notwendigen Erhebungen ohne fremde Hilfe angestellt. Charles Emery.
Dann brauchte ich nur noch seine Unterschrift und das Siegel eines Notars – aber das ist in den USA, wo oft an Tabakläden das Schild Notary Public hängt, kein Problem.
Wenn ich dieses Dokument erst einmal in den Händen hielt, war ich gerettet: Dann hatte ich ja lediglich meine eigene Arbeit übersetzt und brauchte keinen Skandal mehr zu befürchten. Den kleinen Schönheitsfehler würde mir niemand ankreiden, zumal wenn man Zeit und Umstände der Tat in Rechnung stellte; die ganze Angelegenheit wurde einfach zu läppisch, um noch einen Stolperdraht zu bilden.
Wenn mir dieser Zug gelang, dann hatte ich Ziegenhals schachmatt gesetzt!