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Olin, die Delfindame

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Ort: Nuwaiba, ein verschlafenes Fischerdörfchen in Ägypten am Roten Meer. Freunde sind der Fischer Abdul und die Delfindame Olin. Abdul ist nahezu stumm und kann nur einige Laute von sich geben. Eines Tages passierte es: Die Delfindame Olin sprang aus dem Wasser und umschwamm sein Boot. Abdul wurde wütend, denn sie vertrieb alle Fische. Das hatte dem armen Fischer noch gefehlt. Immer wieder umkreiste sie sein Boot und sprang manchmal in die Höhe. Genug ist genug, dachte Abdul und sprang beherzt ins Wasser, um Olin zu vertreiben. Das war der Beginn einer intensiven und erstaunlichen Beziehung zwischen Mensch und Tier. Am nächsten Tag das gleiche Schauspiel. Abdul verstand die Welt nicht mehr.

In der ersten Woche kam Olin immer zur gleichen Zeit, umkreiste das Boot und sprang häufig aus dem Wasser. In seiner Verzweiflung, da er nicht sprechen konnte, gab Abdul Arm- und Handzeichen. Olin begriff die Arm- und Handzeichen schnell. Und Abdul verstand, dass er mit seinen Gesten seine Wünsche ausdrücken konnte. Er konnte die Delfindame vom Boot aus dazu veranlassen, das Boot zu umkreisen und in die Luft zu springen. Olin und Abdul hatten eine Kommunikationsebene gefunden. Das sagt viel über die Intelligenz von Olin aus. Olin wurde nie durch Futter belohnt. Ihre Lernbereitschaft war freiwillig. Warum sie mit Abdul kommunizierte, bleibt ein Rätsel. Irgendetwas musste sie an Abdul finden.

Aber auch im Wasser verstand sie die Zeichensprache, wenn die beiden miteinander schwammen. Fast jeden Nachmittag zwischen zwölf und drei Uhr kam Olin, und die beiden schwammen und spielten miteinander. Olin störte es nicht, wenn auch andere Menschen in einiger Entfernung ihr das Spiel und ihre Zweisamkeit beobachteten.

Das war eine große Chance für mich. Schnell hatten meine Frau und ich die Flossen, die Taucherbrille und den Schnorchel angezogen und sprangen ins Wasser. Unter Wasser konnte man die Vertrautheit der beiden noch besser beobachten. Olin umkreiste Abdul und ließ sich von ihm zärtlich streicheln. Ihre Basis der Vertrautheit war nur der gegenseitige Austausch von Gefühlen. Es war, wie schon erwähnt, kein Futter im Spiel. Nach etwa einer Stunde schwamm Olin ins Meer hinaus und verschwand bis zum nächsten Tag.

Eines Tages kam Olin nicht, und Abdul machte sich schon Sorgen. Ich glaube, es waren drei oder vier Tage vergangen. Dann tauchte sie wieder auf – diesmal mit Begleitung. Sie hatte ihren Sohn Ramadan mitgebracht, wie ihn Abdul liebevoll nannte. Olin hatte nie ihre Artgenossen verlassen, dafür ist ihr Kind Ramadan der Beweis. Sie nahm sich lediglich ein bis zwei Stunden von der Truppe frei. Die beiden wurden sehr zutraulich, und Abdul konnte beide streicheln. Wenn sie keine Lust mehr hatten, verließen sie den Spielplatz und verschwanden im Meer. Meine Frau und ich waren glücklich, so etwas erleben zu dürfen.

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Eines Tages beobachteten wir, wie der junge Ramadan mit seiner Mutter kopulierte. Ich traute zunächst meinen Augen nicht. Doch ich sah genau, wie er seinen Penis in ihre Geschlechtsöffnung führte, und das nicht einmal rein zufällig, sondern gleich mehrere Male. Delfinmütter unterweisen ihre Söhne im Paarungsverhalten. Das war für mich eine Sensation. Meine Nachforschungen ergaben: Ramadan und Olin sind keine Ausnahme in diesem Punkt. Aber dass sie so viel Vertrauen zu Menschen aufbauen konnten, ist schon ungewöhnlich und schön.

Die geheimnisvolle Nähe von Mensch und Tier

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