Читать книгу Die geheimnisvolle Nähe von Mensch und Tier - Immanuel Birmelin - Страница 22
Drahtattrappe statt Mutter
ОглавлениеWelche verheerenden Folgen das Fehlen einer Mutter-Kind-Bindung hat, konnte das Ehepaar Harlow im Tierexperiment zeigen. Heute würde man vermutlich solche Experimente nicht mehr durchführen, und ich muss gestehen, ich hätte es auch früher nicht gemacht. Aber die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich und unterstreichen, wie wichtig Bindungen im Säuglingsalter sind.
Die Tiere, es waren Rhesusaffenjunge, wurden sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt und in Anwesenheit von zwei Drahtpuppen als Mutterersatz aufgezogen. Bei einer der Puppen bestand der Rumpf aus einem weichen Wolltuch, bei der anderen aus einem Drahtgeflecht. Stellte man die Affenkinder vor die Wahl zwischen Drahtmutter und Wollmutter, entschieden sie sich immer für die Wollmutter, niemals für die Drahtmutter. Sogar dann, wenn man sie an der Drahtmutter durch eine Milchflasche anlocken wollte. Die Bindung des Affenkindes entsteht demnach nicht dadurch, dass das Junge durch Nahrung belohnt wurde. Es zog die weiche Wollmutter vor. Geborgenheit ist wichtiger als Nahrung.
Die körperliche Entwicklung dieser Tiere verlief zunächst normal, und sie entwickelten sogar eine Art Anhänglichkeit an eine der Attrappen, die mit weichem Stoff überzogen war. Später stellten sich bei den mit Attrappen aufgezogenen Tieren allerdings schwere Entwicklungsschäden ein. Man spricht vom Deprivationssyndrom. Dieses Syndrom zeigt folgende Merkmale: Bewegungs-Stereotypien, allgemeine Bewegungsunruhe, aggressive Reaktionen, verbreitete Apathie, Ausreißen der Haare und viele weitere abnorme Verhaltensweisen.
Die meisten Tiere paarten sich nicht mehr, diejenigen Weibchen, die sich paarten und Kinder bekamen, waren schlechte Mütter. Sie ließen ihre Kinder widerwillig saugen. Die Lernleistungen im Vergleich zu normal aufgewachsenen Tieren waren gering, ihr Erkundungs- und Spielverhalten war gestört.