Читать книгу Die geheimnisvolle Nähe von Mensch und Tier - Immanuel Birmelin - Страница 27
Paviane – die große Überraschung
ОглавлениеBarbara Smuts von der Michigan University studierte jahrelang das Verhalten von Pavianen in Kenia. (Quellennachweis, Smuts, >) Ihre Freilanduntersuchungen zeigten eindeutig, dass Paviane Freundschaften entwickeln und dass die Fähigkeit dazu von der Persönlichkeit des Tieres abhängt, obwohl sie promiskuitiv sind. Von Promiskuität spricht man, wenn sich beide Geschlechter nacheinander mit wechselnden Partnern paaren.
Paviane paaren sich mit mehreren Weibchen und die Weibchen mit mehreren Männern. Das war die allgemeine Vorstellung vom Sexualverhalten der Paviane. Aber nachdem man Tausende Kopulationen beobachtet und die Daten ausgewertet hatte, stellte man fest, dass es Paarbindungen gibt. Die Weibchen wählen sich ihren Sexualpartner. Wer wird der Auserwählte? Es ist derjenige, mit dem das Weibchen befreundet ist. Diese Entdeckung war so überraschend wie sensationell.
Hier einige Ergebnisse von Barbara Smuts Forschungsarbeit:
1. Unabhängig vom Alter oder von der Dominanzstellung innerhalb der Gruppe haben Pavian-Weibchen meist ein oder zwei männliche Freunde, mit denen sie sich paaren.
2. Männliche Paviane dagegen haben meist gar keine oder manchmal bis zu acht Freundinnen. Gleichgültig, ob dominant oder nicht, die Anzahl der Freundinnen ist davon nicht abhängig.
3. Die Freundschaft der beiden Tiere überträgt sich auch auf die Kinder, selbst wenn das Männchen nicht der Vater war. Barbara Smuts berichtet von einem Fall, bei dem die Mutter einige Wochen nach der Geburt starb. Wenn das Kind weinte, hörte der Freund sofort auf zu fressen, ging zu dem Affenkind, gab Töne von sich und knuddelte es. Es durfte immer unter seinem Schutz fressen. Der Freund hatte eine Bindung zu dem Kind aufgebaut.
4. Die Freundschaft der Mutter führt dazu, dass das Männchen Freundschaft mit den Kindern schließt. Der Freund verteidigt Mutter und Kind gegen andere angreifende Paviane.
5. Wir halten fest: Pavianweibchen paaren sich mit mehreren Männchen, ob Nichtfreund oder Freund, aber in der Regel ziehen sie bei der Wahlmöglichkeit zwischen Freund und Nichtfreund den Freund vor. Oder kurz und knackig, wie es Barbara Smuts formulierte: Sex und Freundschaft gehen Hand in Hand.
Freilandforschung ermöglicht eine neue Sicht auf unsere Mitgeschöpfe. Der Forscher lernt die Tiere als Individuen kennen. Er weiß, welch wichtige Rolle die Persönlichkeit bei seinen wissenschaftlichen Aussagen spielt. Durch das tägliche Zusammensein entwickelt sich Respekt vor den Mitgeschöpfen. Man erlebt sie in ihrem Umfeld, in ihrer Gruppe, in der sie interagieren. Daher nimmt es nicht Wunder, dass Forscher, die jahrelang das Leben der Tiere in freier Wildbahn studierten, beobachteten, dass manche Individuen einer Gruppe häufiger miteinander Kontakt hatten als andere. Dass Affen, darunter auch unsere nächsten Verwandten, freundschaftliche Bindungen mit ihrem Artgenossen eingehen, war oft nicht einfach wissenschaftlich festzustellen, aber keine allzu große Überraschung.