Читать книгу Die geheimnisvolle Nähe von Mensch und Tier - Immanuel Birmelin - Страница 19
Auf der Suche nach Bindung
ОглавлениеDer Begriff Bindung stammt aus der Psychologie und wurde von den Forschern Mary Ainsworth, James Robertson und John Bowlby eingeführt. Nach ihrer Auffassung ist Bindung eine essenzielle biologische Größe, die nicht von Hunger oder Durst abhängt. Bindung entwickelt sich auf der Grundlage des Zusammenspiels und Handelns zwischen mindestens zwei Individuen. Wie gut das Zusammenspiel ist, zeigt sich daran, wie genau das Verhalten zeitlich aufeinander abgestimmt ist, wie genau die Verhaltensweisen der Individuen ständig aufeinander bezogen sind und wie sie reguliert werden. Die erste Bindung, die ein Kind eingeht, ist die zur Mutter. Zwischen Mutter und Kind wird eine enge emotionale Beziehung aufgebaut.
John Bowlby erhielt von der Weltgesundheitsorganisation den Auftrag, einen Bericht über das Schicksal heimatloser Kinder im Nachkriegs-Europa zu verfassen. Bowlby zeigte, dass Babys genetisch vorprogrammiert sind, eine Bindung an eine feste Bezugsperson zu suchen und aufzubauen. Die sichere Beziehung zu einer vertrauten Person spielt eine wichtige Rolle bei der seelischen Entwicklung des Menschen, wie es auch bei allen anderen Primaten der Fall ist.
»Die Bindungstheorie ist im ethologischen Denken der 1960er Jahre entstanden und verbindet psychoanalytisches Wissen mit evolutionsbiologischem Denken.« (Quellennachweis, Grossmann, >) Bowlby und Ainsworth beziehen sich auf die Tatsache, dass die Bindung an die Mutter ein lebensnotwendiges System in der Entwicklung vieler Tierarten darstellt und im Laufe der Stammesgeschichte einen hohen Anpassungswert erlangt hat. Beim Menschen ist dieser Mechanismus als stammesgeschichtlicher Rest noch vorhanden; der Säugling bindet sich zwangsläufig an seine Bezugsperson. Auf der Gegenseite bildet auch die Bezugsperson eine Bindung zum Kind aus.
Eine Bindung des Kindes entwickelt sich nach Auffassung von Bowlby und Ainsworth in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen.
1 Vorbindungsphase: Hier reagiert der Säugling zwar allgemein auf Menschen, besonders auf das menschliche Gesicht, jedoch ohne zwischen einzelnen Personen zu unterscheiden. Die besondere Bevorzugung des Gesichts hängt mit der Reifung der Sinnesorgane zusammen.
2 Entstehungsphase: Das Kind unterscheidet Personen hinsichtlich ihrer Vertrautheit. Diese Entwicklungsphase wird ab dem dritten Lebensmonat angenommen.
3 Bindungsphase: Man nimmt an, dass etwa ab dem siebten Monat Bindungen zu individuellen Personen ausgebildet sind. Die Fähigkeit, Personen wiederzuerkennen, setzt bestimmte kognitive Leistungen voraus. Das Kind muss eine Vorstellung davon entwickelt haben, dass bestimmte Personen oder Objekte existieren, auch dann, wenn sie nicht sichtbar sind.
Ein Foto, das Bände spricht: Mutter und Kind in inniger Vertrautheit.