Читать книгу Freundinnen und der Segelmord - Ingrid Magellan - Страница 5
3: Misslungene Backlust
ОглавлениеVon ihrem Besuch bei Sven Fritzen mußte sich Tea Sommerda erst einmal erholen. Sie fühlte sich verloren, wie sie in der Wohnhalle vor dem Fenster zum Garten stand und ihre Nasenspitze die Fensterscheibe berührte. Die dünnen Zweige und Blätter des Lindenbaums im Garten wiegten sich in der Brise, die zum Azursee wehte. Ideales Segelwetter bei einer Windstärke von 3-4 dachte sie, obwohl sie selbst kein Segelfan war. Es würde heute noch weiter auffrischen.
Dann kehrten ihre Gedanken zurück zu dem Gespräch mit Sven Fritzen. Warum behandelte er sie stets herablassend, wie ein kleines Schulmädchen? Warum ist es nicht möglich mit ihm ein ruhiges und sachliches Gespräch zu fuhren? Sie solle sich anstrengen, hatte er gesagt. Darüber ärgerte sie sich immer noch: Vielleicht liegt es gar nicht an mir, so ihre Erkenntnis, sondern an Sven Fritzen: Er ist einfach ein Idiot!
Das Weihnachtsprojekt mit dem neuen Rezept für einen Keks fand sie trotzdem interessant. Wie immer bei einem neuen Projekt gab sie ihm einen Namen. Ihr fiel „Spicy“ ein. Allmählich fühlte sie sich entspannter. Ihre alte Gelassenheit und ihr Optimismus kehrten zurück; zumindest äußerlich. Sie drehte sich einmal um ihre Achse. Im 2 m großen Wandspiegel an der Eingangsseite ihrer Wohnhalle betrachtete sie sich von allen Seiten. Ihr Businesskostüm vom Vormittag hatte sie abgelegt. Ein legeres Outfit mit weiter roter Hose und kurzer weißer Bluse umspielte ihre gut proportionierte, schlanke 40-jährige Figur bei einer Körpergröße von 1,70 m. Sie legte den schmalen Kopf mit der vielleicht etwas zu langen Nase und den grünen Augen in den Nacken. Ihre aschblonden Haare fielen ihr auf die Schultern. Selbstzufrieden fand sie sich durchaus attraktiv für ihr Alter. Nicht so übel, dachte sie.
Im Hintergrund hörte sie Gepolder und Möbelrücken. Ein Zeichen dafür, daß Frau Bergmann vom Housekeeping Service ihrer Reinigungsaufgabe nachging. Der Krach hörte sich nach erstem Stock an, was bedeutete, daß Parterre, Wohnbereich und Küche bereits fertig waren und blank blitzten.
Die Gründerzeitvilla hatten ihr Mann Manfred und sie vor 10 Jahren gekauft. Nach seinem Tod vor 4 Jahren bewohnte sie das geräumige Haus allein. Viel zu viel Platz für eine Person allein, dachte sie oft. Mit einem lässigen Einrichtungsstil gab sie dem ernsten Gebäude eine gewisse Leichtigkeit. Tea kombinierte ihr Chesterfield-Sofa mit einem Coachtisch im Shabbychic-Stil. Zu dem dunkelbraunen Leder des Sofas standen im Kontrast italienische Designersessel. Ein ausladender Wandschrank trennte die Wohnhalle von der Küche mit dem rechteckigen langen Eßtisch aus Walnußholz. Eine Wand der Küche war ungekachelt sondern tapeziert. Eine weiße Tapete mit Tellern in Delfter Blau-Weiß-Dekoren schmückte die Wand. Tea liebte das Muster. Es gab ihrer Küche ein frisches und romantisches Aussehen. Das war ein gewisses Wagnis wegen des Kochdampfs, was Tea nicht störte.
Ein plötzlicher Einfall von Tea machte Frau Bergmann zur Hauptperson. Gerade kam Frau Bergmann bepackt mit Staubsauger und Besen die Treppe herunter.
>Haben Sie 5 Minuten Zeit für mich, bitte, bitte<, fragte Tea die Reinigungsfrau, die immer hektische Betriebsamkeit ausstrahlte. >Ich muß meine Termine halten <, antwortete Frau Bergmann. Sie blieb auf der letzten Stufe der Treppe stehen. Neugierig und zögerlich zugleich wartete sie auf eine Reaktion von Tea.
>Mich interessiert ihre Meinung< , lockte Tea. >Wozu?< Frau Bergmann legte den Staubsauger ab und stellte sich breitbeinig vor Tea hin. >Zu Weihnachten, genaugenommen zu Weihnachtsgebäck, das ich neu erfinden, eh, ich meine backen möchte<, erklärte Tea. >Haben Sie sich nicht in der Zeit geirrt, wir haben Sommer, bis Dezember dauert es?<, antwortete die Reinigungsfrau ungläubig. >Reife Sommerfrüchte fallen nun vom Baum. Aprikosen, Äpfel und Birnen gibt es. Die Früchte schmecken saftig imObstkuchen.< >Ja stimmt schon. Aber im Dezember gibt es Weihnachtskekse<, machte Tea weiter. >Welches ist Ihr Lieblingskeks zur Adventszeit? Erzählen Sie es mir.< >Mein Lieblingskeks, zu Weihnachten, das ist ein Gewürzkuchen. Im Advent esse ich noch kein Gebäck<, sprudelte es wie auf Kommando aus Frau Bergmann heraus. >Wie schmeckt er, wie fühlt er sich auf der Zunge an, wie riecht er<, regte Tea den Eifer von Frau Bergmann an. Sie wollte unbedingt wissen, welche Empfindungen diese Frau mit einem solchen Gebäck verband, alles im Sinne des Projekts „Spicy“. >Natürlich mag ich einen solchen Keks knackig; er darf ruhig ein bißchen zwischen den Zähnen knirschen. Er soll würzig riechen und schmecken, eben so richtig mit vielen Weihnachtsgewürzen gebacken. Ein bißchen scharf, nicht zu süß soll er sein. Das ist mir lieber als diese Zuckerbatzen, die sonst als Keks angeboten werden.< Frau Bergmann atmete erst einmal durch, selbst überrascht von ihren Wünschen, die sie Tea gerade mitgeteilt hatte.
Tea war hoch zufrieden. Ihr Gesicht strahlte. Sie lächelte entspannt. Die ersten Ideen zu „Spicy“ hatte Frau Bergmann ihr gerade geliefert. Am Geschmack konnte sie herumprobieren und ihn verfeinern.Es gab eine Grundlage, auf der sich das Rezept entwickeln konnte. >Vielen herzlichen Dank für Ihre Rezeptideen, Frau Bergmann. Sie sind sehr hilfreich für mich<, antwortete Tea. >Das hat richtig Spaß gemacht. Eine gute Abwechselung zum Reinemachen. Wenn Sie noch einmal meine Meinung brauchen, ich bin dabei<, antwortete Frau Bergmann erfreut.< >Jetzt muß ich aber los. Bis nächste Woche.< Mit diesen Worten verschwand sie durch die Haustüre. Die Türe schloß mit einem satten Clack.
Tea drehte sich um. Sie schaute automatisch auf ihre Armbanduhr. Mit einem Schreck stellte sie fest, daß der Vormittag fast vorbei war. Es stand noch kein Versuchskuchen im Backofen. Sie mußte jetzt aufs Tempo drücken. Geradewegs marschierte sie in die Küche. Ihre Country-Küche war seit einem Monat neu eingebaut. So richtig daran gewöhnt hatte sie sich noch nicht. Der Küchenraum war großzügig bemessen. Hier hielt sie auch Kochpartys ab, zu denen sie von Zeit zu Zeit Freunde und Bekannte einlud.
Meist bereiteten sie ein Menü mit mehreren Gängen zu, gekrönt von einem opulenten Dessert und natürlich einer Torte.Mit ihren Händen strich sie unruhig an ihrer Hüfte und ihrem Bauch entlang. Sie stellte fest, daß ihre Hose locker an ihrer Hüfte saß. Ein Zeichen dafür, daß sie in den letzten Wochen ein paar Kilos verloren hatte. Das gefiel ihr, denn es war Badesaison in Cap Mondrian am Azursee. Sie wollte am Strand „bella figura“ machen! Nur weil man Kuchen backt, muß man nicht aussehen wie eine Tonne, ging es ihr durch den Kopf. Mit den sanften Rundungen ihres Körpers an Busen und Po war sie sehr zufrieden. Nicht ganz schlank, aber auch nicht dick.
Sie entschloß sich, das Rezept mit dem Aprikosenkuchen, die „Aprikosentarte TEA“ auszuprobieren. Dazu holte sie das Rezept. Mit schnellen Schritten eilte sie in ihr mit weißen Vintagemöbeln eingerichtetes Arbeitszimmer neben der Wohnhalle. Sie schaltete das Notebook ein. Nach wenigen Minuten vertiefte sie sich in die Zutatenliste des Backrezepts. Zurück in der Küche trat sie an die Kochinsel. Die großformatigen Fronten der Unterschränke hatten kleine Knäufe. Die Arbeitsflächen bestanden aus Keramik. Mit einem Ruck zog sie die Schubkästen auf. Sie holte sich die Backzutaten und Schüsseln hervor. Für den Teig benötigte sie : Mehl, Butter, Eigelb, Vanillezucker, Zucker und etwas Backpulver. Als Belag dazu kamen die Aprikosen mit dem raffiniert neuen Nußstreusel aus Mandeln, Walnüssen, Pinienkernen und Erdnusskernen. Die Aprikosen stammten aus einem streng biologisch bewirtschafteten Obstgarten am Rande der Stadt. Die Früchte lagen prall im Korb, sie dufteten aromatisch und süß.
Sie füllte die Teigzutaten in die Rührschüssel ihrer Küchenmaschine und schaltete sie ein. Sie beobachtete wie sich die einzelnen Bestandteile behutsam zu einer gleichförmigen Masse formten. Wie immer, wenn sie ein neues Rezept ausprobierte, war es still im Haus. In keinem Zimmer hörte man Musik. Tea konzentrierte sich fast schon meditativ auf den Akt des Kochens. Mit flinken Fingern entkernte sie die Aprikosen, steckte die Früchte in den Teig, der inzwischen ausgebreitet in der Backform lag. Den Nußstreusel streute sie akkurat über die Aprikosen. Jetzt nur noch backen, vorher die passende Backtemperatur einstellen, dabei keinen Fehler machen, dachte sich Tea. Sie freute sich auf das neue Kuchenstück. An ihrem Multifunktionsbackofen stellte sie die Temperatur ein. Die Backform verschwand flink im Backfach des Ofens.
Fertig ist der Kuchen, jetzt ist der beste Augenblick für eine Musestunde, ging es Tea durch den Kopf. Sie drückte die Taste an der Kaffeemaschine. Mit einer Tasse frischen Cappuccino spazierte sie zum Sofa, auf das sie sich entspannt in die Kissen setzte. Ganz zur Ruhe kam sie nicht. Erst heute morgen der Stress mit Sven Fritzen und jetzt begann sie in einer inneren Berg- und Talfahrt nachzudenken. Immer wenn sie einen neuen Backversuch startete, landeten ihre Gedanken bei Hilda Frey, die früher ihre beste Freundin war. In früheren Zeiten testete Hilda gerne ihre neuen Kuchenkreationen. Sie war immer gespannt, wie ihr Kuchen schmeckte. Jetzt mußte Tea alleine probieren. Die Gedanken in ihrem Kopf umkreisten ihr Verhältnis zu Hilda. Sie hatten sich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen. Sie, Tea, war an allem schuld! Schließlich hatte sie mit Hildas Ehemann, Torston, einige Dates gehabt. Sie hatten heftig geflirtet. Wenn sie daran dachte, krampfte sich ihr Magen zusammen. Damals fühlte sie sich einsam und deprimiert. Torston bestätigte sie in ihrer Weiblichkeit. Sie war einem dringenden Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe eines Mannes nachgekommen. Er gab ihr das Gefühl, eine begehrenswerte Frau zu sein.Sie kämpfte nicht dagegen an, sondern es gefiel ihr. Sie verhielt sich vollkommen egoistisch, mit keiner Sekunde dachte sie daran, daß Torston mit Hilda verheiratet war. Sie blendete es einfach aus. Sie hatte sich schuldig gemacht. Für Torston war sie nicht mehr als eine Abwechslung von einem langjährigen Eheleben.
Ihr Verhalten von damals war ihr heute fremd. Torston entsprach nicht mehr dem Typ Mann, den sie heute bevorzugte. Torston hatte ihr geschmeichelt. Er fing ihre weibliche Seite ein mit seinen Komplimenten, war aber ansonsten ziemlich dominant gewesen. Er braucht eine anpassungsfähige Frau, die nicht unbedingt eigenständig denkt, dachte sie. Wie Hilda mit ihm zusammenleben konnte, war ihr ein Rätsel. Es verwunderte sie immer mehr, je länger sie darüber nachdachte. Sie betrachtete sich als eigensinnige Frau, die gerne eigene Wege ging. Sie verdiente ihren Unterhalt mit der Kreation von neuen Tortenrezepten und wollte über ihre Finanzen selbst bestimmten. Da bevorzugte sie einen Mann wie Rufus Vogl. Ohne Mann zu leben war ihr schlicht zu langweilig. Rufus gefiel ihre Selbstständigkeit. Bis jetzt lief es ziemlich gut mit ihm.
Jetzt waren so viele Monate vergangen, in denen sie Hilda vermißt hatte. Würden sie jemals wieder miteinander sprechen? Vielleicht war es an der Zeit, einen Schritt auf Hilda zuzugehen? Nur wie sollte sie es machen, damit es einen Neuanfang gibt? Alle diese Gedanken machte sich Tea, wenn es um Hilda ging.
Sie schlenderte zurück in die Küche, ging zum Backofen, öffnete neugierig die Türe des Schachts und holte den Kuchen heraus. Ungläubig betrachtete Tea ihr Backwerk. Es entpuppte sich als ein rauchendes Schreckgespenst.Eine dunkle, fast schwarze Masse lag auf dem Kuchengitter. Teas Stimmung verfinsterte sich zusehens, denn heute war offensichtlich nicht ihr Glückstag.Es war ihr Fehler gewesen, raste es Tea durch den Kopf: Sie hatte die Backtemperatur des Teigs für den neuen Ofen falsch kalkuliert. Einfach nur einige Grade zu hoch auf dem Display eingestellt.
Für heute reichten Tea ihre Erlebnisse. Sie brauchte dringend Abstand zu ihrer Backorgie, die gründlich schief gelaufen war.Ein Wechsel der Perspektive mit einer anderen Umgebung würde ihr helfen. Sie entschloß sich einen Spaziergang zum Yachthafen zu machen. Das würde ihrer inneren Balance wieder auf die Sprünge helfen. Vorher zog sie ihr neues, weißes Sommerkleid mit dem Mohnblütenmuster an, bevor sie sich auf den Weg machte.
Nachdem Torston gegangen war, versuchte Hilda ihren Ärger in Luft aufzulösen. Wie immer, wenn sie erregt war, begann sie vom Wohnzimmer zum Arbeitszimmer zu laufen und wieder zurück. Die gleichmäßigen ruhigen Schritte, die sie dabei machte, senkten ihren Stresspegel. Nach zwei Stunden atmete sie auf. Sie betrachtete ihre weiße Inneneinrichtung mit einem zufriedenen Lächeln. In ihrem Arbeitszimmer in der Leseecke mit den hohen Regalen voller Tiermedizinbücher und Ratgeber für den Hundefreund setzte sie sich in ihren Lieblingssessel. Es war ein mit weißem Stoff überzogenes Oval eines skandinavischen Möbelherstellers.
Ihre Medizinliteratur erinnerte sie daran, ehemals einige Semester Tiermedizin studiert zu haben. Damals gab sie ihr Studium auf, als ihr Sohn Felix auf die Welt kam. Jetzt war Felix beim Studium in Wien. Sie hatte die beiden letzten Jahre genutzt, sich eine eigene Existenz aufzubauen: „Lussodog“, einen Online-Handel mit Zubehör für den Hundeliebhaber.
Ihr Kopf funktionierte wieder klar und rational, wie es ihrem Charakter entsprach. Sie wußte nicht, welches Geschäftstechtelmechtel zwischen Torston und Mike Petrus lief, aber es konnte ihr auch egal sein. Ihr Hundeleckerli stand jedenfalls nicht zur Diskussion. Sie besaß die Rezeptur dafür und wollte es als Spezialität über ihren Online-Handel verkaufen. Die Rezeptur stammte aus Hong Kong. Dort hatte sie Hilda einem Chinesen auf dem Markt in Kowloon abgekauft.
Sie erinnerte sich daran, wie sie nachmittags auf dem Markt umherschlenderte, vorbei an Tierkäfigen voller Hühner, Kaninchen und Vögel. Mittendrin stand der Chinese und pries sein Futter für Haustiere an. In viereckigen Körben unterbreitete er Trockenmischungen für Hunde und Katzen. Hilda steckte ihre Nase in die Körbe. Der Chinese sprach Hilda in perfektem Englisch an, was er damit erklärte, einige Jahre in England gelebt zu haben. Hilda war sofort von dem Hundefutter begeistert. Die Stücke hatten eine krosse Krume und rochen nach Kräutern. Sie erklärte ihm, sie könne das Trockenfutter nicht mit nach Europa nehmen. Doch wäre sie auf der Suche nach einem Hundeleckerli mit einem besonderen Geschmack. Kein Problem meinte er. Er nahm einen Stift und schrieb ihr einige Zutaten auf einen klebrigen Papierfetzen. Anhand ihres Wissens über Hundeernährung erkannte sie sofort die ideale Zusammensetzung für die Physiologie eines Hundes. Sie paßte perfekt in die Geschmacksvorliebe von Haushunden. Sie bedankte sich bei ihrem chinesischen Verkäufer, nachdem sie ihm 50 Dollar gegeben hatte. Der Chinese machte daraufhin eine tiefe Verbeugung vor ihr. Als sie zurück im Hotel bei Torston war, kommentierte dieser ihre Errungenschaft mit den Worten: „Was hast du dir wieder für einen Mist andrehen lassen.“
Ihre Idee mit dem Hundeleckerli machte ihr Torston nicht kaputt und erst recht nicht ein Mann wie Mike Petrus. Daß Torston immer wieder mit ihm Geschäfte machte, fand sie haarsträubend. Torston hielt ihre Idee angeblich für eine Laune, sprach aber mit Mike Petrus darüber. Seltsam dachte sie. Hatte Torston inzwischen eine Eingebung gehabt, wodurch sich seine Meinung änderte? Für Hundefutter wurden nach den Marktanalysen der Meinungsforscher jedenfalls Riesenbeträge pro Jahr ausgegeben. Hundebesitzern saß der Euro locker, wenn es um das leibliche Wohl ihrer Lieblinge ging. Hilda hatte die Wirtschaftsinformationen genau gelesen. Die Ausgaben für Hundefutter gingen jedes Jahr in die Milliarden Euro.
In solchen Momenten schweiften ihre Gedanken ab.Sie beschäftigten sich mit ihrem Privatleben. In den vergangenen Jahren war sie viel allein gewesen. Torston nahm ihre beruflichen Wünsche nicht ernst, für ihn waren es Spinnereien. Wie gerne hätte sie sich mit ihrem Projekt mit einer anderen Geschäftsfrau ausgetauscht? In diesem Zusammenhang erinnerte sie sich immer an Tea. Sie war bis vor zwei Jahren ihre beste Freundin gewesen. Mit ihr über Berufspläne zu sprechen, hatte immer Spaß gemacht. Tea stellte den emotionalen Gegenpart zu ihrer eigenen rationalen Seite dar. Tea äußerte sich einfühlsam zu anderen Menschen. Sie hatte Verständnis für deren Wesenszüge, wenn es auch Macken waren. Sie selbst dachte eher daran, welche Vorteile der andere bot oder welche sie ihm bieten konnte. Sie ergänzten sich prächtig, wenn es daran ging, über Probleme zu sprechen. Es kamen immer unterschiedliche Aspekte zur Sprache. So war nichts fest manifestiert. Es gab immer überraschende Lösungen. Und natürlich konnten sie richtig schön herumalbern.Wenn sie es sich ehrlich eingestand, vermißte sie Tea. Wenn da nur nicht der winzige spitze Stachel in ihrem Herzen steckten würde! : Teas verbrachte Liebesnacht mit Torston! Oder irrte sie sich da ganz gewaltig? War das alles nur ihre grundlose Eifersucht?Oder doch die Wahrheit?
Hilda mußte sich eingestehen, daß sie es war, die den Zustand ihrer Ehe negativ beeinflußt hatte. Aus dem gemeinsamen Leben mit Torston hatte sie sich zurückgezogen. Ihr Interesse lag bei ihren beruflichen Plänen. Ihr eheliches Zusammensein verlief teilnahmslos bis lustlos, wobei sie beide nur noch nebeneinander herlebten. Als sie Torston zusammen mit Tea im „Azuro“ entdeckte, war sie vollkommen bestürzt gewesen. Und Torston gab das Treffen mit Tea zu. Sie fühlte sich von ihm gedemütigt und von Tea hintergangen. Am meisten verwunderte sie aber das Gefühl, fürchterlich wütend auf Torston zu sein. Er hatte sich zwischen sie und Tea gestellt. Ihre anfängliche Wut auf Tea verflüchtigte sich innerhalb der vergangenen Jahre immer mehr. Sie wußte inzwischen überhaupt gar nicht mehr, ob sie noch wütend auf ihre Freundin war.
Ihre Ehe mit Torston scheiterte nicht, was daran lag, daß sie ihrem Mann verzeihen konnte. Sie erlebten das gegenseitige Miteinander frisch mit einem ehrlichen Austausch an Worten und Gefühlen. Torston bemühte sich um sie. Sie begannen wieder einander zu vertrauen. Vielleicht ist die Zeit gekommen. Es wäre schön, wieder einmal die Gesellschaft von Tea zu genießen? Tea schaute immer optimistisch in die Zukunft. Mit ihr machte es Spaß, alle Alltagsdinge zu bereden. Sie mußte unbedingt herausfinden, wie sich die Begegnung mit Tea anfühlte.
Hildas Gedankenspiele endeten als Georgi, ihr Hund, sich bemerkbar machte. Er begann um den Sessel zu tänzeln, wobei er die kalte Schnauze an ihre Beine drückte. Es war Zeit für einen Spaziergang mit dem Vierbeiner. Hilda wollte am Seeufer entlang laufen. Rasch lief sie in den ersten Stock, tauschte ihren grünen Kimono gegen ein mit roten Blüten gemustertes Sommerkleid und verließ mit dem bellenden Georgi das Haus.