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Die Tragik im Leben der Mutter erkennen

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Dass sie adoptiert war, war für Jennifer Teege von Anfang an offensichtlich. Schließlich waren ihre beiden Brüder weiß, sie aber hatte eine dunkle Haut. Sie war aus einer Affäre ihrer leiblichen deutschen Mutter mit einem Nigerianer hervorgegangen. Die Mutter hatte sie mit vier Wochen in ein Kinderheim gegeben, im Alter von drei Jahren kam Jennifer in eine Pflegefamilie und wurde mit sieben Jahren von ihnen adoptiert. Das wusste Jennifer, sie kannte auch den Namen ihrer leiblichen Mutter und ihr Geburtsdatum, es ging aus ihren Adoptionsunterlagen hervor. Dennoch lag ein schreckliches Geheimnis über ihrer Herkunft, von dem Jennifer nichts ahnte. Sie hatte jedoch schon früh das Gefühl: Mit mir stimmt was nicht. Als junge Frau leidet sie unter Depressionen, weiß jedoch nicht, warum. Sie studiert fünf Jahre in Israel, hat jüdische Freunde. Mit 38 Jahren macht sie eine entsetzliche Entdeckung: Sie ist die Enkelin des brutalen Krakauer KZ-Kommandanten Amon Göth, der für die Ermordung Tausender Juden verantwortlich war. Er ist bekannt aus dem Film „Schindlers Liste“.

Diese Entdeckung zeigt ihr einerseits: Ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen. Da war noch etwas offen, unerledigt, ein düsteres Geheimnis in ihrer Geschichte, das danach schrie, aufgedeckt und gelöst zu werden.

Andererseits fragt sie sich: „Warum hat meine Mutter mir nie etwas gesagt? Bin ich ihr so wenig wert, immer noch? ... Warum hat mir keiner die Wahrheit gesagt?“6 Später, Monate nach dem großen Schock, kann Jennifer mehr Verständnis für ihre Mutter Monika entwickeln. „Wenn ich jetzt ihre Geschichte betrachte, kann ich besser verstehen, warum sie sich nicht in der Lage sah, mich aufzuziehen ... Ich sehe sie nicht mehr nur als Mutter, die ihr Kind verließ, sondern als Tochter von Amon Göth. Dieser Vater ist ihr Lebensthema ... Etwas, das sie so ausgefüllt hat, dass vielleicht kein Raum mehr war für andere Menschen, für die Mutterrolle, für mich.“7

Amon Göth wurde 1946 gehängt. Da war seine Tochter Monika 10 Monate alt. Monikas Mutter Irene zog sie mit lauter Lügen über ihren Vater auf. Später nahm sich Irene das Leben. Monika brauchte ein halbes Leben, um die Wahrheit über ihren Vater herauszufinden und sich ihr zu stellen.

Jennifer trifft sich mit ihrer Mutter. Monika redet immer noch über Amon Göth, als sei es erst gestern gewesen, dass er im Konzentrationslager Kommandant war. Sie lebt mit den Toten. Wie viele Nazi-Nachkommen der zweiten Generation hat sie ein Leben lang unter ihrer Familiengeschichte gelitten und ist noch ganz davon bestimmt. Viele dieser Menschen denken, sie müssten für die Schuld der Vorfahren Buße tun, sich dafür bestrafen. Das stimmt nicht, denn Schuld vererbt sich nicht. Jeder ist für sich allein verantwortlich. Die Kinder haben nichts zu tun mit dem, was Väter und Mütter verbrochen haben. Aber viele Nachfahren tragen trotzdem schwer an Schuldgefühlen. Bis an ihr Lebensende kommen sie nicht davon los. Tragisch. Jennifer ist erschüttert, ihre Mutter so zu sehen. Sie erkennt: „Meine Mutter gab mich nicht fort, weil an mir etwas falsch war – sondern weil sie genug mit sich selbst zu tun hatte ... Zum Abschied nehmen wir uns kurz in den Arm. Ich habe jetzt eine Mutter.“8

Trotz dieses hoffnungsvollen Beginns schafft Monika es auf die Dauer nicht, eine liebevolle Beziehung zu ihrer erwachsenen Tochter aufzubauen. Es kommt noch zu einigen Begegnungen, dann bricht sie den Kontakt ab. Jennifer hat ihre Mutter gefunden und doch wieder verloren. Dennoch haben die Treffen etwas verändert. Jennifer hat die Tragik im Leben ihrer Mutter erkannt. Das hat ihr die Bitterkeit genommen. Sie hat auch festgestellt: Sie ist viel freier im Kopf als ihre Mutter. Sie kann liebevoll an ihre Großmutter denken und trotzdem Amon Göth und ihr Leben mit ihm verurteilen. Und so gelingt es Jennifer, sich aktiv und konstruktiv mit ihrer Familie auseinanderzusetzen. Sie fährt nach Krakau, befasst sich intensiv mit der Geschichte ihrer Großeltern. Später führt sie israelische Schüler durch das ehemalige Konzentrationslager. Sie erzählt ihnen davon, wie es ist, die Enkelin eines KZ-Kommandanten zu sein. Auch mit ihren eigenen Kindern redet Jen­nifer offen über den Großvater und seine Verbrechen. Mit der Entdeckung des Familiengeheimnisses ist ihren Depressionen die Grundlage entzogen, sie ist geheilt. Die Wahrheit hat sie schockiert, aber auch befreit. Sie blickt nach vorn, setzt sich ein für Versöhnung. Das letzte Wort ihres Buches lautet Hoffnung.

Starke Mütter - starke Töchter

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