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Meine Mutter, die Terroristin

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Auch Bettina Röhls Lebensthema ist bestimmt durch ihre Mutter: die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Dabei hatte alles ganz undramatisch begonnen. Bettina und ihre Zwillingsschwester wurden 1962 in Hamburg geboren. Der Vater Klaus Rainer Röhl war Herausgeber der linken Zeitschrift konkret, bei dem die Mutter Ulrike als Chefredakteurin arbeitete. Ein linksintellektuelles, aber doch bürgerliches Milieu in Hamburg-Lurup. Die Zwillinge wurden von Anfang an von verschiedenen Bezugspersonen mitbetreut. Ulrike Meinhof war eine zwanghafte analytische Intellektuelle, Klaus Rainer Röhl dagegen lebenslustig und spontan. Die beiden stritten häufig, hatten aber auch viele angeregte Diskussionen über ihre Artikel, es gab unbeschwerte Familienurlaube und Partys. Einen dramatischen Zerbruch erlitt die Familie, als Klaus Röhl eine Liebesbeziehung mit einer anderen Frau einging. Ulrike trennte sich 1968 von ihm und zog mit den Kindern nach Berlin. Dort schloss sie sich extrem linken Kreisen an. 1970 beteiligte sie sich daran, den Gefängnisausbruch des Terroristen Andreas Baader zu organisieren. Danach lebte sie als Illegale. Sie war an mehreren terroristischen Überfällen und Sprengstoffanschlägen beteiligt, bei denen Menschen getötet wurden, auch zwei Polizisten. „Auf Bullen darf geschossen werden!“, propagierte Ulrike Meinhof. Die Töchter ließ sie mithilfe der terroristischen Vereinigung RAF 1970 in ein Flüchtlingslager nach Sizilien verschleppen. Erst vier Monate später konnten die beiden Achtjährigen dort befreit werden und lebten fortan beim Vater in Hamburg. Im Juni 1972 wurde Ulrike Meinhof verhaftet. Viermal besuchten ihre Töchter sie im Gefängnis, bis die Mutter 1974 den Kontakt abbrach. Am 9. Mai 1976 beging Ulrike Meinhof in Stuttgart-Stammheim Selbstmord, ohne ihre Kinder noch einmal gesehen zu haben.

Wie geht man damit um, dass die Mutter eine staatsbekannte verurteilte Terroristin war, die mehrere Menschen auf dem Gewissen hatte und für viel Leid und Unglück verantwortlich war? Deren verblendete radikale Ideologien ihr schließlich wichtiger wurden als die eigenen Kinder und die diese Kinder wildfremden Menschen und größten Gefahren ausgesetzt hat?

Bettina Röhl hat ein Buch über ihre Mutter geschrieben, es ist 677 Seiten dick und eine kritische Gesellschaftsanalyse jener Zeit.9 Sie deckt in ihrem Buch viele politische Verstrickungen und Intrigen auf und denkt sich tief hinein in das, was ihre Mutter umgetrieben hat. Man entgeht so einer Mutter ja nicht und so hat Bettina Röhl die Flucht nach vorne angetreten und sich aktiv mit ihrer Biografie und den politisch-gesellschaftlichen Umständen jener Zeit auseinandergesetzt. Es ist entlarvend, was man da zu lesen bekommt. So wurde z. B. die Zeitschrift konkret von der SED, der Sozialistischen Einheitspartei in der früheren DDR, mitfinanziert und mitbeeinflusst. Von wegen freie Presse! Bettina Röhls Fazit: „Was den Kommunismus anbelangt, hat die Geschichte nach 100 Jahren entschieden, dass diese naturgewaltige Kraft aufgrund vieler immanenter Irrtümer, aber noch viel mehr aufgrund missbräuchlicher Anwendung, zu Ende ist. Die soziale Frage, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit [...], ist und bleibt das eigentliche Anliegen, dem die Autorin dieses Buch widmet.“10

Und so grenzt Bettina Röhl sich einerseits deutlich von ihrer Mutter ab: Kommunismus ist out, er ist gescheitert, und terroristische Handlungen sind Verbrechen. In ihrem Buch und auch in vielen ihrer Artikel setzt die Journalistin sich kritisch und kämpferisch mit linken Ideologien auseinander. Andererseits aber widmet sie ihr Buch dem, was ihre Mutter im tiefsten Inneren umtrieb: der sozialen Frage und der Vision von einer gerechteren Welt. So gelingt es Bettina Röhl, das desaströse Erbe ihrer Mutter für sich in konstruktive Aufgaben zu wenden.

Starke Mütter - starke Töchter

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