Читать книгу Starke Mütter - starke Töchter - Jost Wetter-Parasie - Страница 8
Wenn Gefühle Luxus sind
Оглавление„Meine Mutter ist Ende 80 und seit einigen Jahren verwitwet“, sagt Katja. „Sie wohnt 300 km entfernt. Mein ganzes Leben lang hat sie mich kritisiert. Ich kann ihr nichts recht machen. Egal, wie oft ich sie anrufe oder besuche, immer wirft sie mir vor, dass ich mich zu wenig um sie kümmere. Sie ist eine Meisterin darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen.“
Ja, Mütter geben ihren Töchtern viel. So viel, wie sie ihnen nie zurückgeben können. Deshalb ist es auch so leicht, den Töchtern ein schlechtes Gewissen zu machen. Und damit können Mütter ihren Töchtern das Leben ganz schön schwer machen.
Frauen, die jetzt 87 Jahre alt sind, sind um 1930 geboren. Als der Zweite Weltkrieg begann, waren sie neun, als er endete, 15 Jahre. Ihre Kindheit und Jugend fiel in diese furchtbare Zeit. Da konnte oft nicht viel Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern genommen werden. Die Kinder mussten sich durchkämpfen. Es ging ums Überleben. Gefühle waren Luxus, Anerkennung Mangelware. „Nicht geschimpft ist gelobt genug“, hieß die Devise. Manche mussten in der Nachkriegszeit sofort Geld verdienen, um mit für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sorgen. Denn die meisten Väter waren im Krieg geblieben und fielen als Verdiener aus. Daran sind viele Frauen stark geworden, aber manchmal auch hart. Jedenfalls nach außen.
Es ist ähnlich wie bei einem Igel. Wenn er sich bei Gefahren schützen will, rollt er sich zusammen und zeigt nur noch seine Stacheln. Die weiche Bauchseite wird versteckt. Die Stacheln machen den Igel unangreifbar. Wer ihm zu nahe kommt, wird verletzt.
Manche Mütter sind aufgrund ihrer Geschichte „stachelig“ geworden. Sie haben viel geleistet und erwarten nun auch viel von ihren Töchtern. Die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, dass die Tochter sich von ihrem schlechten Gewissen hin- und herschieben lässt. Sie darf vielmehr die Handelnde werden und aktiv die Regeln bestimmen, klare Vereinbarungen treffen. Katja könnte ihrer Mutter beispielsweise sagen: „Einmal in der Woche rufe ich dich an. Und einmal im Monat komme ich dich besuchen. Ich unterstütze dich auch gerne dabei, Hilfe vor Ort zu organisieren.“ – Möglicherweise kann auch die Mutter mit solchen verlässlichen Absprachen besser leben. Und vielleicht könnte Katja bei diesen Besuchen auch mal nach früher fragen, nach Mutters eigener Kindheit. Manche alte Menschen erzählen gerne davon. Es könnte Katjas Verständnis dafür vergrößern, warum ihre Mutter in manchem so hart und unbeugsam geworden ist. Und vielleicht bekommt Katja dann irgendwann statt der Stacheln das weiche Fell des Bauches gezeigt.