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Dosierung: 0,5 mg. Dosis unverändert. Adam fängt an einer neuen Schule an. Weigert sich immer noch zu reden. Vielleicht kann die neue Umgebung als Katalysator für den therapeutischen Fortschritt dienen.

29. August 2012

Es ist ziemlich beschissen, vor dem Labor Day mit der Schule anzufangen. Und damit meine ich wirklich beschissen. Aber wahrscheinlich ist die erste Schulwoche nach den Sommerferien immer kacke, egal, wann sie losgeht. Und sie ist noch nicht einmal vorbei.

Ich habe keinen Führerschein und auch nicht die Absicht, ihn in absehbarer Zeit zu machen, weil das nur eine zusätzliche Verantwortung wäre, mit der ich klarkommen müsste. Und das ist es mir einfach nicht wert.

Zu meiner alten Schule bin ich meistens zu Fuß gegangen, aber an meinem ersten Tag in St. Agatha bestand meine Mutter darauf, mich zu fahren. Ihre Fahrweise war irgendwie manisch. Sie wollte unbedingt lässig wirken, war jedoch viel zu aufgeregt, um mich zu überzeugen. Als wir endlich bei den Autos angelangt waren, die sich vor der Schule aufreihten, lächelte sie nur und sagte: »Ich wünsch dir einen schönen Tag.« Ich merkte, dass sie mir am liebsten einen Abschiedskuss gegeben hätte, aber als ich acht war, hatte ich einmal mit ihr geschimpft, weil sie mich vor anderen Leuten geküsst hatte. Seitdem hält sie sich immer zurück. Heute wünschte ich, ich hätte das damals nicht gemacht.

Ich glaube, ich bin einfach ausgestiegen und mit meinem Rucksack zur Schule gelatscht. Eigentlich wollte ich ihr noch beruhigend zulächeln, vergaß es allerdings in letzter Minute. Also dachte sie wahrscheinlich, ich sei auch aufgeregt, dabei stimmte das gar nicht.

Sie hatten ein paar Fragen zu meinem ersten Tag. Konzentrieren wir uns auf die, okay?

Sie haben gefragt, inwiefern sich die neue Schule von meiner alten unterscheidet. Eigentlich gar nicht, abgesehen von den Uniformen. Auch hier sahen alle total unglücklich aus. Niemand war schon richtig wach. Und auf allen Gesichtern lag die Frage: Warum ausgerechnet ich? Das sorgte für eine gewisse Solidarität, nehme ich mal an.

Nachdem ich mein Schließfach gefunden und mein Zeug darin verstaut hatte, bestand meine erste Mission darin, mich mit meinem Schulbotschafter Ian Stone zu treffen. Offenbar bekommen alle neuen Schüler einen Schulbotschafter zugeteilt, der dafür verantwortlich ist, ihnen die Schule zu zeigen und sie zu ihren Klassenzimmern zu begleiten. Er wartete im Sekretariat auf mich, als ich hereinkam, und ich wusste sofort, dass er ein Arsch ist. Nicht wegen seiner Frisur oder der Art, wie er mich von Kopf bis Fuß musterte, als wir uns die Hand gaben. Auch nicht deshalb, weil er mit offenem Mund Kaugummi kaute. Irgendetwas lag in der Luft, die ihn umgab. Es war, als nähme er mehr Raum ein als nötig. Sein Grinsen reichte nicht bis zu seinen Augen, als er die Umgebung scannte.

Manchmal muss man einen Menschen erst besser kennenlernen, um herauszufinden, wie er ist, aber Ian war sehr leicht zu lesen. Er war ein Sammler von Informationen.

Das sah ich an der Art, wie er mit der alten Frau an der Rezeption plauderte. Während er sich nach ihren Kindern erkundigte, nahm er sich, ohne zu fragen, eine Handvoll Minzbonbons aus dem Glas auf dem Tresen und stopfte sie lässig in die Hosentasche. Sie lächelte ihm zu, und als er sich umdrehte, um zu gehen, sah ich, wie er seinen Kaugummiklumpen aus dem Mund nahm und ihn an die Unterseite der Tresenplatte klebte.

Dann führte er mich auf den Flur hinaus.

»Du musst jetzt deine Sportuniform holen und hast dann Bio, richtig?«, fragte er.

Ich nickte. Er ging mit einstudierter Lässigkeit neben mir her, so als ob ihm trotz seiner schnellen Schritte alles zu egal war, um in Eile zu sein. Auf dem Weg zeigte er mir ein paar Schulgebäude und deutete dann auf eine Tür neben dem Eingang zur Turnhalle.

»Ich warte hier draußen auf dich«, sagte er.

Doch als ich mit meinen Sportklamotten wieder auf den Flur kam, war er verschwunden. Damit hatte ich schon gerechnet. In meiner alten Schule war ich zwar nicht unbeliebt gewesen, aber dieser Typ hatte auf mich gleich den Eindruck gemacht, als habe er vor, sich bei der ersten Gelegenheit zu verdünnisieren. Ich schätze, er war enttäuscht, weil ich nicht aussah wie jemand, der sich leicht manipulieren ließ.

Trotzdem war ich geliefert, denn ich hatte keine Ahnung, wo ich jetzt hinmusste. Die Stunde hatte noch nicht angefangen, also beschloss ich, zurück zum Sekretariat zu gehen und mir einen Plan von der Schule zu holen. In diesem Moment kam ein Mädchen aus dem Klassenzimmer zu meiner Linken. Sie trug ein Klemmbrett mit der Anwesenheitsliste unter dem Arm, die für das Sekretariat bestimmt war. Als sie mich sah, blieb sie stehen und schaute mich fragend an.

»Hast du dich verlaufen?«, fragte sie.

»Glaub schon«, sagte ich und musterte sie einen Augenblick lang. Sie war winzig und dabei sehr hübsch, ein bisschen wie ein wütender Kolibri. Sie machte schnelle, kleine, entschlossene Schritte, aber sie hatte auch etwas Anmutiges an sich.

»Hat man dir keinen Botschafter zugeteilt?«, fragte sie und rückte ihre Brille zurecht.

»Doch, Ian Stone. Aber er …«

»Hat dich stehen lassen«, sagte sie nickend. »Ja, das macht er gern. Was hast du in der ersten Stunde?«

»Bio.«

»Hier entlang«, sagte sie. Ich stopfte meine Sportklamotten in meinen Rucksack und folgte ihr erst durch einen Innenhof, dann eine Treppe hinauf.

»Und warum ist er so drauf?«

Sie schaute mich an, als hätte sie noch nie in ihrem Leben eine so dumme Frage gehört. »Seine Familie spendet riesige Summen an die Schule. All seine Brüder waren hier.«

»Also ist er gewissermaßen Arschloch aus Tradition?«, fragte ich. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»So in etwa. Außerdem brauchen manche Leute keinen Grund, um sich mies zu verhalten. Sie sind von Natur aus so.«

»Nicht alle«, flüsterte ich.

Sie hatte mich gehört. »Die meisten Leute sind mies«, sagte sie. »Hier musst du hin.« Sie nickte in Richtung der Tür vor uns und war dann verschwunden, bevor ich die Chance hatte, mich zu bedanken oder nach ihrem Namen zu fragen.

Ich war nicht der Letzte im Klassenzimmer, also fiel es nicht besonders peinlich auf, als ich mich neben einen geisterhaft blassen Typen mit Kniestrümpfen setzte. Er war gestriegelt und gebügelt. Seine Nägel, seine Klamotten, seine Haut. Alles an ihm war blendend weiß, als hätte er ein Bad in Bleiche genommen. Er stellte sich direkt als Dwight Olberman vor.

Mir wurde sofort klar, dass der Name wie angegossen passte. Auch ein Fremder hätte ihm gleich nach der Geburt im Krankenhaus genau diesen Namen gegeben. Ich weiß, dass »Adam« auch nicht besonders cool klingt, aber Dwight zu heißen und dann noch so auszusehen – das ist Pech. Ich glaube, an seiner Stelle hätte ich mich mit meinem Zweitnamen rufen lassen. Außer natürlich, er heißt Cletus oder so.

Jetzt rief die Nonne an der Tafel uns der Reihe nach auf. Ich musste nicht aufstehen und etwas über mich erzählen, was nett von ihr war. Die anderen Schüler drehten sich nur zu mir um und starrten mich kurz an, als ich aufgerufen wurde. Dann wurden wir in Zweiergruppen eingeteilt und mussten die wichtigsten Punkte aus dem ersten Kapitel des Lehrbuchs zusammenfassen.

Dwight war mein Versuchspartner. Er sah aus wie jemand, der sich zu angestrengt bemüht, einen guten ersten Eindruck zu machen. Ein bisschen erinnerte er mich an einen Golden-Retriever-Welpen. Wie sich herausstellte, haben wir beinahe alle Fächer zusammen. Und er redet. Ununterbrochen. Immer.

Er begleitete mich zu meinen nächsten drei Stunden und meine einsilbigen Grunzlaute und mein knappes Nicken brachten ihn nicht davon ab, pausenlos weiterzuplappern. Nach einer Weile hörte ich nur noch weißes Rauschen.

Um eine Ihrer Fragen zu beantworten, ja, neue Orte sind schwierig für mich, weil ich keinen Bezugsrahmen für sie habe. Die Dame im gelben Kleid, die mit einem Stapel Akten zu ihrem Auto geht, sieht völlig normal aus, bis die Blätter aus ihren Armen fliegen und sie wie ein Schwarm Tauben umkreisen. Das dürfte wahrscheinlich nicht echt sein.

Die Nonnen und Kruzifixe in allen Zimmern sind auf jeden Fall ein großer Unterschied zu meiner alten Schule. Und wenn wir davon absehen, dass meine Schulshorts jede Gelegenheit nutzen, um mir in die Poritze zu kriechen, dann würde ich sagen, dass es ein paar ziemlich normale erste Schultage waren. Ich vermisse es wirklich, in der Schule Jeans zu tragen. Vor allem, weil diese extremen Arsch-frisst-Hose-Situationen nur durch diskrete Rektalarchäologie zu entschärfen sind und es beinahe unmöglich ist, so etwas unbeobachtet durchzuführen.

Zum Glück ignorieren die meisten Schüler meine Bemühungen. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade ebenfalls unauffällig versuchen, Unterwäsche aus ihrer Poritze zu ziehen.

An die restlichen Stunden an diesem Tag erinnere ich mich nur verschwommen. Wenn in der ersten Woche nichts Wichtiges passiert, warum sind wir dann hier? Am liebsten würde ich den Lehrern sagen, sie sollen mich anrufen, wenn sie bereit sind, nicht länger meine Zeit zu verschwenden. Auch auf diesen ganzen Lerne-die-Bibliothek-kennen-Quatsch hätte ich gut und gern verzichten können.

Der Sportunterricht war wiederum ein Abenteuer. Er fand täglich in der vorletzten Stunde statt. Am ersten Tag ließ uns Coach Russert eine Meile rennen. Ich bin nicht total unfit, aber normalerweise renne ich nirgendwohin. Dwight versuchte während der gesamten Tortur, sich mit mir zu unterhalten, was ein bisschen nervig, aber ehrlich gesagt auch irgendwie beeindruckend war. Ich hatte noch nie jemanden kennengelernt, der mit solchem Einsatz ununterbrochen redete.

»Machst du Sport? Basketball?«, fragte er. Basketball war naheliegend. Ich bin mehr als einen Kopf größer als alle anderen Kids, also fühle ich mich immer wie ein Riese, wenn ich über die Flure gehe.

»Nö«, sagte ich.

»Ist das dein erstes Jahr an einer katholischen Schule?«

»Jepp.«

»Vermisst du deine alte Schule?«

»Nö«, sagte ich.

Ich versuchte nicht, ihn abblitzen zu lassen. Ich wollte mich nur nicht während des Laufs übergeben, deshalb schien es mir am sichersten, einsilbig zu antworten. Ein paar andere Kids hatten schon an den Rand der Laufbahn gekotzt und ein Typ hatte nicht aufgepasst, war ausgerutscht und auf seinem Hintern gelandet. Ein Mädchen nahm das Handy aus der Tasche und machte ein Foto von ihm, bevor das Gerät konfisziert wurde. Es macht sich eben bemerkbar, wenn man den ganzen Sommer lang bewegungslos vor der Glotze gehangen hat.

Dwight war ehrlich gesagt kein schlechter Laufpartner. Er machte die ganze Prozedur erträglicher, weil er mich davon ablenkte, wie sehr ich Laufen hasse. Ich hasse es abgrundtief und würde fast alles andere lieber machen. Das Mädchen, das mich am Morgen gerettet hatte, war schon an uns vorbeigezogen und längst mit seiner Meile fertig. Es hatte Spaß gemacht, ihr zuzusehen. Obwohl ihre Beine so kurz sind, flog sie geradezu über die Bahn. Kurz darauf verschwand sie wieder, aber nicht, bevor Dwight mir ihren Namen gesagt hatte. Maya.

Der Name ist genauso kurz und hübsch wie sie.

Ich lief meine Meile in zehneinhalb Minuten und war dankbar dafür, dass ich weder der Letzte noch völlig außer Atem war. Der Trainer wirkte trotzdem enttäuscht, aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie egal mir das war. Scheiß auf den Typen. Sein Job besteht darin, uns beim Rennen zuzusehen und selbst NICHTS zu tun. Und ich soll mich schlecht fühlen, weil er enttäuscht ist? Nö.

Nein, ich glaube nicht, dass die Kids an dieser Schule anders sind als meine früheren Mitschüler. Sie sind nur ein bisschen reicher. An Designerklamotten erkennt man das hier natürlich nicht. Aber an den Accessoires. Die Jungs tragen Designeruhren und Markenrucksäcke. Sogar ihre Frisuren wirken teurer.

Bei den Mädchen ist der Reichtum ein bisschen schwieriger zu erkennen. Wenn man sich mit teuren Schuhen auskennt, dann merkt man es wahrscheinlich daran. Aber ich rieche den Unterschied. Die Parfüms der Mädchen reichen von fruchtigem Zeugs bis zu den sauber und edel riechenden Essenzen, die man in luxuriösen Hotel-Spas findet. Und sie verwenden sie nicht gerade sparsam. Man fühlt sich wie in einer Giftwolke. Manchmal würde ich am liebsten furzen, um die Luft zu reinigen.

Ich schätze, der größte Unterschied ist, dass sie sich schon alle kennen. Sogar die Eltern kennen einander offenbar. Ich sage Eltern, aber eigentlich meine ich die Mütter. Keine von ihnen scheint zu arbeiten, also haben sie Zeit dafür, sich miteinander zu unterhalten. Sie alle haben drei oder vier Kinder, die seit Jahren gemeinsam zur Schule gehen. Sie waren zusammen in der Fußballmannschaft. Im Schultheater. Hier kennt jeder jeden. Wahrscheinlich finde ich deshalb alles so seltsam. In meiner alten Schule waren die Eltern nicht miteinander befreundet, weil sie keine Zeit dafür hatten, morgens miteinander zu plaudern. Sie mussten ihre Kinder absetzen und dann schleunigst zur Arbeit fahren.

Oh, und wir haben fest zugewiesene Sitzplätze in allen Kursräumen, was ich sehr lustig finde. In meiner alten Schule konnten wir sitzen, wo wir wollten. Man ging davon aus, dass Schüler im Highschoolalter sich benehmen können, aber hier mögen sie nun mal ihre Regeln. Aus gutem Grund wahrscheinlich, denn eine Menge der Kids hier rebelliert gern. Bisher wurden schon zwei Mädchen zur Schulkrankenschwester geschickt, wo sie längere Röcke bekamen und sich das Make-up vom Gesicht wischen mussten. Beide Mädchen hießen Mary. Kein Witz.

Gegen Ende des ersten Tages sah ich Ian noch einmal. Er lief mit ein paar Jungs, die so aussahen wie er, über den Flur. Dafür hätten sie keine Uniformen gebraucht, denn sie hatten genau denselben Gesichtsausdruck. Als es klingelte, löste sich die Gruppe auf und die Jungs machten sich auf den Weg zu ihrer letzten Stunde. Ian blieb ein bisschen zurück und beobachtete einige Mädchen, die sich auf dem Flur unterhielten. Irgendwie wirkte seine Miene ominös. Ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen, dessen lange rote Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, hatte vergessen, seinen Rucksack zuzumachen, aus dem ein violettes Heft herausragte.

Ich war der Einzige, der sah, wie Ian sich das Heft schnappte und es in den nächsten Mülleimer warf, bevor er mit zufriedenem Gesicht in den nächsten Flur abbog. Er grinste nicht einmal. Er sah nur so aus wie ein Junkie, der seinen Schuss bekommen hat. Das Mädchen ging ahnungslos weiter, also steckte ich die Hand in den Mülleimer, schnappte mir das Heft und rannte zu ihr.

»Das ist dir runtergefallen«, sagte ich.

»Oh, danke!« Sie strahlte mich erleichtert an. »Da ist meine Hausarbeit drin. Das wäre blöd gewesen.«

Der Flur hatte sich inzwischen geleert, und als ich zurück zu meinem Schließfach ging, begegnete ich Ians Blick. Er hatte gesehen, wie ich das Heft aus dem Müll fischte, und er wusste, dass ich beobachtet hatte, wie er es hineinwarf. Es war ein seltsamer Moment. So, wie er mich anstarrte, war er offensichtlich sauer, dass ich ihn erwischt hatte. Aber er verzog keine Miene. Ich fragte mich, welche Informationen er in diesem Moment wohl sammelte. Was dachte er über mich?

Ich beschloss, ihm bei der Meinungsfindung zu helfen, und zeigte ihm den Stinkefinger.

Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen und dann war er wieder verschwunden, diesmal endgültig. Warum verhielt sich jemand absichtlich so gemein und asozial? Um zu sehen, ob er damit durchkam, wahrscheinlich.

Außer Ian Arschgesicht Stone ist bislang niemand unfreundlich zu mir gewesen, aber ich ernte durchaus neugierige Blicke, weil die Schule ziemlich klein ist und ich in der Elften neu dazugekommen bin. In solchen Momenten taucht normalerweise Rebecca auf. Sie möchte nicht, dass ich allein bin. Sie bleibt in meinem Blickfeld und versucht mich nur abzulenken, wenn ich beginne, mich unwohl zu fühlen. Wenn sich Zweifel, Angst oder nervöse Unruhe einschleichen. Dann schlägt sie ein Rad, geht auf den Händen oder jongliert mit Obst.

Rebecca hat mir das Jonglieren beigebracht. Ist das überhaupt möglich? Kann man von jemandem Jonglieren lernen, den es gar nicht gibt? Möglicherweise habe ich es unbewusst gelernt, weil ich es mal auf YouTube gesehen habe. Keine Ahnung. Wie ich es von ihr gelernt habe, weiß ich noch genau. Ich beobachtete, wie die Äpfel ihre Hände verließen, und ahmte ihre Bewegungen nach. Sie zeigte mir geduldig wieder und wieder, wie es geht, bis ich es alleine konnte. Aber auf meine Erinnerungen kann man sich wahrscheinlich nicht verlassen. Schließlich bin ich verrückt.

Jedenfalls fangen wir am Freitag mit dem Religions- und Kirchengedöns an.

Ja, man hat mich vorbereitet. Als kleines Kind bin ich oft zum Gottesdienst gegangen und meine Mom hat mir die wichtigsten Grundzüge des Katholizismus erklärt, also ist mir klar, welche Rolle ich spielen muss. Inzwischen habe ich mir so gut beigebracht, mein Verhalten von meinem Gefühlszustand zu trennen, dass das Schauspielen mir zur zweiten Natur geworden ist.

Die Kirche ist ein Ort für Menschen, die an Dinge glauben, die sie nicht sehen können.

Und mein Leben besteht daraus, dass ich Dinge sehe, an die ich wahrscheinlich nicht glauben sollte. Das hat eine gewisse Symmetrie.

Wie auch immer, auf jeden Fall ist das Medikament ziemlich unglaublich. Diese Distanz zu den Visionen habe ich wirklich gebraucht. Nur ein bisschen mehr Abstand, aus dem ich sie beobachten kann. Es ist nicht alles schlecht, ehrlich gesagt. Manchmal ist es okay. Wirklich. Ich will mich gar nicht über alles beschweren.

Im Moment habe ich keine weiteren Halluzinationen zu melden. Sie werden kommen, wenn ihnen danach ist. Das tun sie immer.

Wörter an den Wänden

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