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7.
ОглавлениеKobolde und Dämmerwichtel waren längst nicht mehr so sauber voneinander getrennt wie zu Anfang. Bei einem Haus auf der anderen Seite der Wiese waren sogar Rangeleien ausgebrochen. Zudem war eine kleinere Schar Kobolde indessen so weit vorangeprescht, dass sie nun zwischen beiden Fronten stand. Brams vermutete Krümeline unter ihnen und glaubte auch Pürzel und Rempel Stilz zu erkennen, war sich aber gerade bei Letzterem nicht ganz sicher.
Ich sollte eigentlich bei ihnen sein, dachte er und kämpfte sich weiter vor. Plötzlich öffnete sich in der Schar der Dämmerwichtel eine Gasse. Was hatte das zu bedeuten? Es wurde stiller. Brams blieb stehen und wartete angespannt wie alle anderen. Nachdem aber einige Augenblicke später immer noch kein Grund für das Verhalten der Dämmerwichtel auszumachen war und sich die Kobolde bei jedem ihrer Nachbarn versichert hatten, dass diese auch nicht mehr wussten als sie selbst, wurde erneut kämpferisch gerufen: »Raffnibaff war nett!«
Doch dann offenbarte sich urplötzlich der Grund der Gasse. Über den Kamm eines der begrenzenden Hügel schob sich etwas, was man leicht für einen hoch mit Heu beladenen Wagen halten konnte. Doch diese Illusion währte nur kurz, und bald stellte sich heraus, dass das vermeintliche Heu Haare auf einem Haupt beträchtlicher Größe waren! Dem Kopf folgten Hals, Brust und Leib, bis schließlich das ganze Wesen in all seiner Grobschlächtigkeit auf der Hügelspitze zu bestaunen war. Fast sein gesamter Körper war mit rötlichem Haar bedeckt. Vor allem aber war das Geschöpf mindestens so groß wie zwanzig oder dreißig übereinanderstehende Kobolde. Ein Riese!
Mit ausdruckslosem Gesicht, dessen Stirn, Augen und Nasenpartie, verglichen mit dem mächtigen Unterkiefer, geradezu lächerlich klein erschienen, schritt der Riese den Hügel abwärts und durch die Gasse, die ihm die Dämmerwichtel geöffnet hatten, geradewegs auf die getrennt stehende Gruppe von Kobolden zu, die sich so vorwitzig vorangewagt hatten. Ohne Vorwarnung sprang er zwischen sie und ließ den Boden kräftig dröhnen. Dann hob er den rechten Fuß, zupfte zerquetschte Leiber von der Sohle und aus den Zwischenräumen der Zehen, betrachtete sie kurz, rollte sie zwischen den Fingern und warf sie wie Dreck achtlos beiseite. So verfuhr er auch mit dem anderen Fuß, bevor er seinen unheilvollen Marsch fortsetzte.
Inzwischen befanden sich jedoch alle Kobolde schreiend auf der Flucht, entsetzt von dieser unerhörten Gräueltat. Auch Brams rannte, so schnell er konnte, und hatte wie alle anderen nur eins im Sinn – möglichst schnell fortzukommen. Besorgt wandte er sich während des Laufens um und entdeckte zu seinem Schrecken drei weitere Riesen, die wie Türme in den Himmel ragten. Auch sie verfolgten die Flüchtenden, traten wahllos auf sie drauf und zerquetschten und zermalmten sie.
Urplötzlich spürte Brams eine Hand an seinem Unterarm. Dämmerwichtel, dachte er und wehrte sich verzweifelt gegen den Griff. Doch eine Stimme, die er lange nicht mehr gehört hatte, verlangte von ihm: »Du solltest dich lieber von mir leiten lassen, Brams!«
Überrascht gab er seinen Widerstand auf und ließ sich von dem anderen Kobold, der ihn entschlossen hinter sich herzog, aus dem Strom der Flüchtenden hinaus und zum erstbesten Haus führen. Es war verlassen. Wahrscheinlich hatten auch seine Bewohner den König begrüßen wollen und rannten nun wie so viele andere um ihr Leben. Drinnen im Haus strich Brams’ Führer die Kapuze zurück und erklärte: »Die Riesen zertreten offenbar keine Häuser - jedenfalls noch nicht. Für den Augenblick sollten wir hier sicher sein.«
Zwar hatte Brams seinen alten Freund Hutzel bereits an der Stimme erkannt, aber als er ihn nun von Angesicht zu Angesicht sah, staunte er dennoch, denn auf seinem Kopf wuchsen statt Haaren weiße und graue Federn. Da Brams keine bessere Gesprächseröffnung einfiel, fragte er: »Hast du den Drachen gesehen?«
»Wer nicht?«, erwiderte Hutzel erwartungsgemäß. »Ist es denn derselbe?«
Brams nickte: »Haargenau derselbe Drache, den wir anderen damals in der Höhle trafen. Er erträgt es ja auch immer noch nicht, wenn man ihn Raffnibaff nennt.«
Hutzel presste den Mund zu einer schmalen Linie zusammen, trat zu einem der vorderen Fenster und spähte hinaus. Nach wenigen Augenblicken richteten sich die Federn auf seinem Kopf erregt auf. Offensichtlich hatte Hutzel mit dem Reiher, seinem Bekannten, Freund, womöglich auch Erzrivalen – so genau ließ sich das nicht sagen –, wieder eines ihrer seltsamen Tauschgeschäfte getätigt. Als Brams zum ersten Mal Zeuge geworden war, wie Hutzels Nase von einem Tag auf den anderen die Form eines Reiherschnabels angenommen hatte, und er bald darauf erfahren hatte, dass gleichzeitig auch ein Reiher mit einer Stupsnase als Schnabel gesichtet worden war, hatte er noch angenommen, beide hätten miteinander gewettet und einer von ihnen – schwer zu sagen, wer -hätte gewonnen. Später war er zu der Einsicht gelangt, dass es bei den wiederholten Tauschgeschäften der beiden vermutlich nicht um Würfeleien ging, um Gewinnen oder Verlieren, sondern um eine außergewöhnliche Form der Selbsterfahrung. Schon damals war es das Beste gewesen, die Veränderung einfach hinzunehmen. Hutzel hatte einen Schnabel gehabt. Na und? Heutzutage wuchsen ihm Federn auf dem Kopf. Na und? Dennoch konnte Brams seine Neugier nicht ganz bezähmen.
»Wie lang waren deine Haare, als du mit dem Reiher tauschtest?«
Hutzel streckte wortlos und ohne den Blick von den Vorgängen draußen abzuwenden, den kleinen Finger hoch. Brams schüttelte stumm den Kopf. Irgendwo im Koboldland gab es also derzeit einen Reiher mit Stoppelhaaren. So, so.
Nicht ganz so ungewöhnlich, aber dennoch weit abseits des Üblichen war Hutzels Kapuzenmantel, der so bunt war, als sei er nach den Mustern eines jeden anderen Umhangs im gesamten Koboldland-zu-Luft-und-Wasser gefertigt worden. Dass sein Träger jemals einem anderen Kobold mit dem gleichen Umhang begegnen würde, war so gut wie ausgeschlossen. Offenbar waren Moins Angaben über Hutzels Genesung etwas übertrieben gewesen. Er hatte mittlerweile nur gelernt, mit seinem Husch-dich zu leben.
Nach einer Weile sagte Brams: »Übrigens erinnert sich der Drache an mich.«
Hutzel wandte sich vom Fenster ab und sah ihn fragend an. Also erzählte ihm Brams, wie ihn der Dämmerwichtel, an dessen Natur er mittlerweile nicht mehr zweifelte, zum Letztacker hatte locken wollen.
»Gut, dass du auf der Hut warst und nicht dorthin gegangen bist«, antwortete Hutzel. »Aber das bedeutet, dass auch die anderen in Gefahr sind. Regentag wahrscheinlich nicht, da er kein Kobold ist, sondern ein Erdmännchen und den Drachen sowieso nicht hätte befreien können. Aber ganz bestimmt Rempel Stilz und Riette.«
»Wir müssen sie warnen«, erwiderte Brams aufgeregt, da er an diese Möglichkeit gar nicht gedacht hatte. »Hoffentlich ist es noch nicht zu spät!«
Hutzel sah erneut nach draußen, schnippte mit den Fingern und meinte: »Lass uns zunächst zu Riette und anschließend zu Rempel Stilz laufen. Mit etwas Glück müssen wir bei dieser Reihenfolge vielleicht überhaupt nicht mehr an den Riesen vorbei.«
»Ja, das ist das wohl das Beste«, stimmte Brams zu. Er zögerte. »Er kennt dich nicht, Hutzel. Dich hat er nie gesehen. Du musst nicht mitkommen.«
»Ich weiß«, antwortete Hutzel. »Ich begleite dich dennoch. Wenn er mich nicht gesehen hat, so hat er vielleicht von mir gehört.«
»Das kann wohl sein«, bestätigte Brams entgegen seiner Überzeugung, da er das unbestimmte Gefühl hatte, Hutzel könne sich womöglich zurückgesetzt fühlen, wenn ihm als Einzigem aus seinem alten Trupp kein zorniger Drache und Gebieter über furchtbare Riesen nach dem Leben trachtete.
Beide warteten einen günstigen Augenblick ab und machten sich dann auf den Weg.
Riette wohnte eigentlich gar nicht so weit von dem Haus entfernt, in dem Brams und Hutzel Unterschlupf gesucht hatten. Dennoch war bei ihr von dem Schrecken, der über das Koboldland gekommen war, noch nichts zu bemerken. Womöglich hatte hier niemand mitbekommen, was sich zugetragen hatte. Zum Glück weilte Riette zu Hause. Dass es je einen Streit zwischen ihr und Brams oder Hutzel gegeben hatte, war ihr nicht anzumerken. Vielleicht hatte sie ihn längst vergessen. Gebannt blickte Brams auf Riettes Scheitel. Etwas Seltsames, Braunes wucherte auf ihrem Kopf. Es mochten Haare sein, vielleicht auch Borsten, womöglich etwas ganz anderes. Etwas Braunes eben – auf mehr wollte sich Brams nicht festlegen. Er hätte zwar fragen können, was aus ihrer Frisur geworden war, doch das damit verbundene Risiko, dass sie ihn anschließend zwang, Auskunft zu geben, ob ihr dieses Etwas stand oder nicht, wollte er nicht eingehen. Ganz bestimmt nicht!
»Ich habe überhaupt keine Zeit«, beteuerte Riette geschäftig. »Ich erwarte nämlich Besuch.« Zum Beweis zeigte sie auf ihren mit einer einzigen Tasse gedeckten Tisch, an dem auch nur ein einzelner Stuhl stand. Erst ein zweiter, genauerer Blick offenbarte in ein wenig Abstand von der ersten Tasse noch ein paar andere, ziemlich winzige, als sei vorgesehen, dass die Gäste auf dem Tisch Platz nahmen.
»Ich erwarte meine Freundin, die Spinne, und ihre Kinder«, erklärte Riette bereitwillig. Damit waren auf einen Schlag gleich mehrere Geheimnisse gelüftet, unter anderem auch das, warum es keine Kekse gab – eingesponnen oder nicht. »Daraus wird wohl nichts werden«, erklärte Hutzel kurz angebunden. »Der Drache, der sich als Raffnibaff bezeichnet ...«
»Oder das eher nicht mag, wenn man ihn so nennt«, warf Brams ein.
»Oder es eher nicht mag«, stimmte Hutzel zu. »Er ist jedenfalls im Koboldland-zu-Luft-und-Wasser!«
»Kackpuh!«, schimpfte Riette.
»Er ist nicht allein, sondern hat mindestens vier Riesen und ein Heer aus Dämmerwichteln mitgebracht«, ergänzte Brams.
»Doppelkackpuh!«, rief Riette.
»Außerdem lässt er nach Brams suchen«, sagte nun wieder Hutzel. »Du weißt schon, wegen eurer Begegnung damals.«
»Dreifachkackpuh!«, stieß Riette aus und ergriff Brams’ Hand. »Ich sage es nicht gern, Brams, aber du kannst dich hier nicht verstecken, denn wenn er nach dir suchen lässt, dann sicher auch nach mir!«
»Weiß ich«, erklärte Brams. »Deshalb wollten wir dich auch warnen.«
»Oh!«, erwiderte Riette. »Nett! Reizend sogar!«, und begann eilig ein paar Sachen zusammenzusuchen und zu einem Bündel zu schnüren. Dabei sagte sie: »Du hast Glück, Hutzelfeger! Dich kennt er nicht. Dich hat er nie gesehen. Du kannst hierbleiben.«
Brams gab ihr verstohlen ein Zeichen und sagte eindringlich: »Vielleicht hat der Drache ja trotzdem von ihm gehört, sodass es sehr unklug von Hutzel wäre, einfach abzuwarten, was noch geschieht.«
Riette hielt inne und dachte nach – viel zu lange, wie es Brams erschien. »Stimmt!«, bekundete sie nach einer ganzen Reihe von Augenblicken. »Wenn ich dieser Kackdrache wäre, ließe ich sogar als Erstes nach Hutzelmann suchen. Ich ließe ihn von Kopf bis Fuß mit Stachelbeermarmelade einschmieren und würde ihn dann anherrschen: Sprich, Hutzelpapp, wo hält sich Riette verborgen? ... Da Hutzel wahrscheinlich nicht so schnell nachgeben würde, ließe ich ihm ein Bein abreißen und spräche dann: Nun, Hutzelholzer, mach es dir nicht unnötig schwer! Wo ist Riette? ... Falls er dann noch immer den Mund hielte, wäre sein nächstes Bein dran, und ich würde es erneut versuchen: Ich weiß, Hutzelhuber, Riette ist lieblich und reizend, aber ist sie diese Qualen wirklich wert? Danach kämen wir zu ...«
Brams unterbrach sie: »Der Drache könnte ruhig auch einmal nach mir fragen.«
»Da ist wahr!«, bestätigte Riette. »Ich als Drache würde dem Hutzelgruber also eine Kopfnuss verpassen und fragen: Na? In letzter Zeit irgendwo Brams gesehen?«
»Ist ja schon gut«, rief Hutzel. Entweder waren Riettes Ausführungen viel zu dick für ihn aufgetragen, oder er war es schlicht leid, weitere Geschichten über seine fortschreitende Verstümmelung zu hören. »Mag ja sein, dass der Drache mich nicht kennt und noch nie von mir gehört hat, aber ich begleite euch dennoch.«
»Reizend!«, meinte Riette. »Sehr reizend!«
Bis zu Rempel Stilz’ Haus war es ein ganzes Stück weiter, als es zu Riette gewesen war, wodurch Brams und seine Begleiter zu erhöhter Wachsamkeit gezwungen wurden. Hierbei erschienen ihnen die Riesen trotz ihrer Mordlust, Zerstörungswut und Schnelligkeit als die kleinere Bedrohung, da sie frühzeitig auszumachen waren. Gefährlicher waren die Dämmerwichtel, von denen sie nicht wussten, wie viele eigens für die Suche nach ihnen dreien eingeteilt waren.
Doch dieses Mal erwartete sie am Ende des Weges eine böse Überraschung, denn von der schrumpeligen Kastanie, der Rempel Stilz’ Zuhause geähnelt hatte, war nichts mehr übrig außer Trümmern. Unverkennbar war das Gebäude von einem riesigen Fuß zertrampelt worden.
Bei der Ruine, diesem erschreckend niedrigen Schutthaufen, hatte sich ein Grüppchen jammernder Kobolde versammelt. Brams berührte einen von ihnen vorsichtig an der Schulter und fragte mit einem Kloß im Hals: »War Rempel Stilz im Haus, als der Riese kam?«
Der Angesprochene wandte sich zu ihm um und zeigte ein vom Weinen aufgequollenes Gesicht, über dessen Wangen dicke Tränen rannen. Brams wusste, dass er sein Gegenüber irgendwoher kannte, konnte ihn aber nicht zuordnen. Wahrscheinlich gehörte er zu Rempel Stilz’ Nachbarn. Als Brams nicht gleich eine Antwort erhielt, wiederholte er seine Frage. Reichlich unerwartet schluchzte der andere Kobold: »Unser schönes Haus!«
Sogleich brachen auch die restlichen Anwesenden in lautes Wehklagen aus. Brams blickte verwirrt zu Hutzel. Der schüttelte nur den Kopf und knurrte: »Sie wissen offenbar Prioritäten zu setzen.«
Plötzlich erkannte Brams unter den Jammernden Stint und nach und nach auch noch andere aus dessen Sippe. Ein Licht ging ihm auf. Diese Trauergemeinde bestand mitnichten aus Rempel Stilz’ Nachbarn. Das waren seine Unterdessenmieter! Sie, denen das Haus nie gehört hatte, die sich aber stets darin breitmachten, sobald Rempel Stilz auf einer Mission war, beweinten ihren Verlust. Nie wieder würden sie in dem Haus wohnen, das noch nie ihres gewesen war! Zum ersten Mal verstand Brams wirklich, warum Rempel Stilz immer so viel Mühe gehabt hatte, seine Unterdessenmieter bei seiner Rückkehr hinauszuwerfen. Sie hatten die Selbsttäuschung zu einer hohen Kunst erhoben!
Ratlos betrachtete er den Trümmerhaufen, der so flach gepresst war, dass es sich nicht lohnte, nach Überlebenden zu suchen. »Wahrscheinlich war er gar nicht zu Hause«, mutmaßte Hutzel. »Bestimmt war er woanders. Weiß denn jemand, wo er vielleicht zu finden sein könnte?«
Brams hatte tatsächlich eine Ahnung, da er unweigerlich an das Häufchen von Kobolden denken musste, in das der erste Riese gesprungen war.
»Ich weiß nichts«, antwortete er laut.
Unversehens durchliefen Erschütterungen den Trümmerhaufen. Geröll rutschte zur Seite, Steine spritzten durch die Luft, und aus dem Schutthaufen grub sich Rempel Stilz so entschlossen wie ein wütender Maulwurf heraus.
»Du lebst!«, rief Brams fassungslos.
»So ist es«, bestätigte Rempel Stilz und klopfte sich den Staub vom Kapuzenmantel. »Zum Glück habe ich mir vor einiger Zeit einen Keller gegraben, der mich nun vor dem Schlimmsten bewahrt hat.«
»Einen Keller«, wiederholten Riette, Brams und Hutzel erleichtert.
»Er hat auch einen Geheimkeller«, warf Stint ein. Brams fiel auf, dass weder er noch die Seinen sonderlich erstaunt waren über Rempel Stilz’ wunderbare Rettung. Anscheinend waren sie fest davon ausgegangen, dass er sich in den Keller zurückgezogen hatte.
Rempel Stilz bedachte Stint mit einem mürrischen Blick: »Geheimkeller ist sicherlich übertrieben, Stint. Es ist mehr ein nicht sogleich erkennbarer Verhau, der zudem so klein ist, dass kaum etwas hineinpasst, weswegen er auch fast immer leer steht.«
Stint zwinkerte Brams wissend zu: »Er spricht vom Scheingeheimkeller. Der richtige geheime Geheimkeller befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Kellers, und wenn man das Regal, das dort steht, nach links schiebt ...«
Rempel Stilz unterbrach ihn mit einem Räuspern, das so ohrenbetäubend laut war, dass es leicht als Todeshusten eines usambikischen Geröllschrates hätte durchgehen können. Zudem hatte er eine Haltung eingenommen, als beabsichtige er, umgehend Stint an Bund und Kragen zu packen und aus dem Haus zu werfen, wie er es bestimmt Dutzende Male zuvor getan hatte. Da das besagte Haus aber inzwischen nicht mehr stand, wirkte die Geste etwas hilflos. Dennoch trat Stint vorsichtshalber ein paar Schritte zur Seite, da ihm Rempel Stilz’ Improvisationstalent gut bekannt war.
Rempel Stilz bedachte ihn mit einem funkelnden Blick und wandte sich dann an Brams, Hutzel und Riette: »Was führt euch her?«
»Wir wollten dich warnen«, erklärte Brams. »Nicht gerade vor dem Riesen, denn das ahnten wir ja selbst nicht ... Du weißt doch, dass ein Riese dein Haus zertrampelt hat?«
»Ich dachte mir schon so etwas«, erwiderte Rempel Stilz. »Ein anderer Grund fällt mir nämlich nicht ein, warum jemand Da! Da! Und da! brüllen sollte, während ein Haus einstürzt. Doch was trieb euch dann hierher?«
Brams erzählte es ihm. »Wir denken, dass der Drache es ganz besonders auf uns abgesehen haben könnte, weil er uns noch immer nachträgt, dass wir ihn damals in der Höhle nicht befreien wollten. Einer seiner Dämmerwichtel sollte mich bereits unter einem Vorwand zum Letztacker locken. Zum Glück habe ich diese Tücke sofort durchschaut. Wer weiß, was mir dort sonst zugestoßen wäre.«
Rempel Stilz hörte schweigend zu und sah dabei immer mehr so aus, als wolle er sich wieder in den Untergrund seines zerstörten Hauses zurückziehen. »Was machen wir denn jetzt, Brams?«, fragte er schließlich.
Sein Gegenüber war froh, dass ihm auf dem Weg hierher eine Antwort auf diese Frage eingefallen war: »Wir verstecken uns.«
»Das kann nicht lange gut gehen«, wandte Hutzel nicht ganz unerwartet ein.
»Ich weiß«, antwortete Brams und setzte ein überlegenes Lächeln auf. »Deswegen verstecken wir uns nicht hier, wenn ihr versteht, was ich meine. Nicht hier! Ja? Nicht hier!«
»Was meinst du denn?«, fragten die anderen sogleich. Brams ließ das überlegene Lächeln verblassen und flüsterte: »Im Menschenland!«
»Dafür wirst du eine Tür benötigen«, warf Hutzel ein, als wäre daran etwas Besonderes.
»Wir haben Birke gestern beim Denkmal König Raffnibaffs abgesetzt – des richtigen Königs Raffnibaff«, belehrte ihn Brams. »Ich meine im Vorbeigehen gesehen zu haben, dass sie dort noch immer steht.«
»Wartet auf mich«, meinte Rempel Stilz. »Ich will nur rasch in den Keller und ein paar Dinge einpacken, die wir vielleicht noch gebrauchen können.«
»Keine Sorge«, beruhigte ihn Brams. »Ich will selbst noch bei mir vorbeischauen, und für Hutzel gilt das sicher auch. Riette ist die Einzige, die schon alles beisammen hat. Am besten trennen wir uns jetzt und treffen uns später beim Denkmal wieder.«
Rempel Stilz drehte sich schwungvoll und entschlossen zu den Überbleibseln seines Hauses und gleich anschließend wieder zu den anderen um.
»Du musst eigentlich gar nicht mit«, sagte er zu Hutzel. »Dich kennt er nicht, weil du damals nicht mit uns in der Höhle warst.«
»So scheint es auf den ersten Blick«, widersprach Riette mit Verschwörerstimme. »Doch wenn die Zeit kommt, wird der Drache unweigerlich versuchen, von dem armen Hutzelbrenner meinen Verbleib zu erfahren. Schreckliche Qualen sind ihm vorbestimmt!«
»Ist das so?«, erwiderte Rempel Stilz zweifelnd.
»So und nicht anders«, bekräftigte Brams. »Gewiss will er ihm sogar eine Kopfnuss verpassen oder eine Feder ausreißen, um mein Versteck zu erfahren.«
»Nicht auszudenken, was er dann erst mit mir vorhat«, brummte Rempel Stilz und kletterte vorsichtig über die Trümmer zum Einstieg seines Kellers.
Brams machte sich ebenfalls auf den Weg. Mittlerweile war ziemlich deutlich zu bemerken, dass etwas faul war im Koboldland-zu-Luft-und-Wasser. Er schob diese Andersartigkeit nicht so sehr darauf, dass kaum jemand im Freien weilte, als vielmehr auf einen fast greifbaren, düsteren Ernst, der jede Unbeschwertheit vertrieben hatte und nun allerorten unter altem Laub und feuchten Steinen, aus leeren Fenstern und türlosen Eingängen hervorzuquellen schien. Auch an weiteren Zeugnissen des unheilvollen Wirkens der Riesen kam er vorbei, doch nirgends ließ sich so eindeutig wie in Rempel Stilz’ Fall feststellen, dass sie ihre Verwüstungen absichtlich verursacht hatten und nicht durch schieres Ungeschick. Brams’ Zweifel wuchsen mit jedem Arglang, ob sich der Weg nach Hause noch lohnte. Was würde ihn dort erst erwarten? Zudem jagten ihm allenthalben aus der Ferne schallende, verzerrte Laute – eine Mischung aus Klagen und Knarren – Schauder über den Rücken. Stammten sie von den Riesen, oder gab es im Gefolge des Drachen Tyraffnir noch andere Geschöpfe, die bislang niemand gesehen hatte?
Beim Fein geölten Scharnier lernte Brams, dass sich Hutzel bei seinem scheinbar überflüssigen Hinweis auf die Notwendigkeit einer Tür zum Gelingen ihres Plans durchaus etwas gedacht hatte. Die Stammkneipe aller Türen wurde belagert! Gegenüber dem fensterlosen, an einen großen Backstein erinnernden Bau lungerte eine Horde Dämmerwichtel. Wohlweislich hielten sie Abstand zu seinem Eingang, der gegenwärtig von vier schweren Eichentüren bewacht wurde, deren Holz übersät war von eisernen Nieten, Zapfen, Bolzen und Beschlägen. Wer immer an ihnen vorbei wollte und keine Tür war, würde wenig Freude aus diesem Unterfangen ziehen.
Brams glaubte allerdings nicht, dass die Dämmerwichtel den Auftrag hatten, den Türen ihren Treffpunkt streitig zu machen. Wahrscheinlich bezweckte ihr gerissener Drachenherr mit diesem Aufmarsch nur, dass so wenig Kobolde wie möglich sich mit Hilfe der Türen seiner Herrschaft entzogen. Das zeigte wiederum, wie dringend es war, nicht unnötig Zeit zu vertun. Birke durfte unter keinen Umständen vorzeitig entdeckt werden! Brams beschleunigte seine Schritte, ohne dabei unvorsichtiger zu werden. Endlich erblickte er sein Zuhause. Die Tür stand auf. Das war kein gutes Zeichen.
Brams presste sich gegen die Wand eines Nachbarhauses und wartete. Sein kleines, spitzgiebeliges Häuschen mit den vielen rechten Winkeln und Blumenkästen vor den Fenstern, das zwischen den ausufernden Pilzformen und Wurzelstrünken seiner Nachbarn sonst immer wie ein völliger Fremdkörper gewirkt hatte, erschien ihm heute von so rührender Zerbrechlichkeit, dass es ihm eine wehmütige Träne in die Augen trieb. Brams wischte sie gerade weg, als eine Stimme aus einem halb geöffneten Fenster zu ihm sprach: »Sie sind nicht mehr da, Brams. Aber viel Freude wirst du nicht haben.«
»Danke«, erwiderte Brams und ging zu seinem Haus. Sein Nachbar hatte nicht gelogen, denn alle seine Bemühungen, die Folgen des Willkommensstreichs zu beseitigen, waren zunichtegemacht worden. Jetzt sah es noch viel schlimmer aus als vorher. Dem Tisch fehlte die Tischplatte, den Stühlen waren fast alle Beine abgebrochen worden, und den Schrank hatten die Eindringlinge gänzlich auseinandergenommen, nicht jedoch ohne zuvor die Einlegebretter herauszubrechen und den gesamten Inhalt über den Boden zu verstreuen. Auch Brams’ Bett mit dem wunderbaren Baldachin war zusammengebrochen. Das einzige unversehrte Möbelstück war der mit Schauerfratzen verzierte Stuhl neben dem Bett. Brams nahm an, dass die Dämmerwichtel sich nur deswegen nicht an ihm vergriffen hatten, weil wahrscheinlich ein jeder vom anderen irrtümlicherweise angenommen hatte, er hätte ihn bereits verunstaltet. Selbst die Pantoffeln standen noch unberührt unter dem Stuhl.
Einen langen, langen Augenblick kämpfte Brams gegen den urkoboldigsten Drang an, sein Werkzeug zu ergreifen und alles wieder instand zu setzen. Schweren Herzens entschied er sich dagegen. »Es ist eine Falle!«, murmelte er. »Du weißt, dass es eine Falle ist, Brams. Sie wollen, dass du Zeit verschwendest. Womöglich kommen sie sogar zurück.«
Mit zusammengebissenen Zähnen suchte er zusammen, was bei einer längeren Abwesenheit von Nutzen sein würde: Werkzeug selbstverständlich, Nähzeug – derlei vergaß man gern! –, Knöpfe, einen zweiten Kapuzenmantel ...
Wohin willst du, Brams?, meldete sich plötzlich seine innere Stimme.
»Das weißt du doch, ins Menschenland«, murmelte Brams, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.
Allein?
»Nein, nein, Rempel Stilz, Riette und Hutzel werden mich begleiten.«
Wann seid ihr zurück?
»Weiß ich noch nicht«, seufzte Brams. »Alles zu seiner Zeit. Das ist schwer abzuschätzen.«
»Aber ihr kommt doch zurück?«
Brams stutzte. Seine innere Stimme sprach sonst leiser mit ihm und klang auch nicht so besorgt! Rasch blickte er sich um. »Ist da jemand?«
Keine Antwort, nur Schweigen.
Brams wiederholte die Frage, während er gleichzeitig auf Zehenspitzen zu dem eingestürzten Bett schlich. Geschwind hob er die Überreste an und blickte darunter, doch auch an diesem einzigen Ort, wo sich überhaupt noch jemand hätte verbergen können, wurde er nicht fündig.
»Einbildungen!«, flüsterte Brams besorgt. »Einbildungen und Stimmen. Kein gutes Zeichen, aber bei der vielen Aufregung ist das kein Wunder.« Er packte zielstrebig zusammen, was er mitzunehmen gedachte, und spähte dann ins Freie. Als ihm einer seiner Nachbarn zuwinkte, um ihm zu bedeuten, dass nichts zu befürchten sei, brach Brams auf. Wie ihn nicht verwunderte, war er der Letzte, der beim Denkmal des vielleicht doch nicht so Guten Königs Raffnibaff eintraf. Birke hatte sich bereits von ihren Türfreunden verabschiedet und war wie immer aufgeregt wegen der bevorstehenden Reise. Als Brams ihre Klinke drückte, fragte sie unerwartet: »Wo bleiben Pürzel und Krümeline? Kommen sie nicht mit?«