Читать книгу König der Kobolde - Karl-Heinz Witzko - Страница 8
5.
ОглавлениеBrams vermutete, dass er träumte, war sich aber nicht ganz sicher. Entweder hielt er sich also noch immer bei Moin auf oder schon wieder. Der Unterschied war nicht allzu bedeutend.
In Moins Haus herrschte ein riesiges Gedränge. Zwar kannte Brams eine ganze Menge Gäste, aber längst nicht alle. Viel mehr waren geladen worden, als er je für möglich gehalten hatte. Fast jeder, den Brams erblickte, hatte einen Milchbart oder einen mit Kuchenkrümeln verschmierten Mund. Einige hielten leere Becher in die Höhe und riefen im Chor: »Mehr! Mehr! Mehr!«, andere stießen krachend miteinander an. Nicht wenige hatten Pauken, Tröten, Fideln und seltsam anzusehende, neu erfundene Instrumente mitgebracht, mit denen sie gleichzeitig, aber nicht gemeinsam musizierten. Da das herrschende Stimmengewirr sie jedoch mit Leichtigkeit übertönte, war von ihrer eben erst ersonnenen Ode an die Dissonanz kaum ein Ton zu vernehmen.
Moin saß in einem Sessel mit Mopf zur Linken und Erpelgrütz zur Rechten. Er machte einen schwermütigen Eindruck. Plötzlich erhob er sich und lallte rührselig: »Wann kommen wir je wieder zusammen?«
»Morgen, gleich morgen«, brüllten seine Gehilfen.
Moin ließ sich wieder in den Sessel fallen und gab sich ein paar Augenblicke lang mit dieser Antwort zufrieden, dann stand er erneut auf und rief: »Wann komme ich je wieder mit euch zusammen?«
Wiederum beeilten sich Mopf und Erpelgrütz, ihn zu trösten: »Sogleich morgen, Moin-Moin! In aller Frühe, wie jeden Tag. «
Auch dieses Mal war Moin nicht lange besänftigt: »Wer weiß schon, wann wir jemals wieder zusammenkommen?«
Da Brams plötzlich von einer Schar Neuankömmlinge abgedrängt wurde, entging ihm dieses Mal die Antwort. Stint und einige aus seiner Sippschaft waren soeben eingetroffen. Sie gehörten zu Rempel Stilz’ Unterdessenmietern und bewohnten sein Haus, währenddessen er auf einer Mission war. Genauso beharrlich, wie sie bei ihm einzogen, pflegten sie zu vergessen, wem das Haus wirklich gehörte, sodass bei der Rückkehr des wahren Bewohners manch rohes Verhalten meist unvermeidlich wurde. Dabei war besonders Stint auf Feiern beliebt, jedenfalls wenn sie nicht im eigenen Zuhause stattfanden. Kein anderer wusste so rasch und treffsicher zu entdecken, was der jeweilige Gastgeber seinen Gästen vorenthielt: die erlesene Flasche Milch, die nur in einem Jahr mit dreizehn Neumonden geöffnet werden durfte, oder das letzte Stück köstlichen Kuchens, von dem er sich nur am ersten Tag eines Monats ohne »R« elf gewissenhaft abgezählte Krümel zu gönnen pflegte.
Zu Brams Erstaunen dachten Stint und die Seinen aber gar nicht daran, umgehend auszuschwärmen, um Kisten, Truhen und Schränke zu durchwühlen. Stattdessen verhielten sie sich auffällig wohlerzogen, was eigentlich nur bedeuten konnte, dass Moin irgendetwas gegen sie in der Hand hatte. Brams lächelte wissend. Vermutlich hatte der Rechenkrämer sie einen seiner windigen Verträge unterschreiben lassen!
Er empfand jedoch kein Mitleid für diese gelegentlichen Leidensgenossen.
Stints besondere Fertigkeiten waren auch gar nicht vonnöten. Fine Vongegenüber, die trotz des Namens das Haus rechts von Moin bewohnte und keineswegs mit Trine Ausdemhinterhaus, seiner Nachbarin zur Linken, verwechselt werden durfte, bewies beinahe ebensoviel Gespür. Wie schon mehrere Male zuvor an diesem Abend sah Brams sie mit verschwörerischem Lächeln auf sich zu kommen. Im Geiste ging er rasch durch, was er bereits getrunken hatte. Begonnen hatte er den Abend mit reichlich Milch von der auf ihre Weiterleitung wartenden Kuh. Daran hatten sich Fines Entdeckungen angeschlossen: Stutenmilch, Eselsmilch, Walkuhmilch und Wolfsmilch. Letztere hatte sich als völliger Reinfall erwiesen, da sie in erster Linie klebrig gewesen war, in zweiter Linie auf der Zunge gebrannt und in dritter überhaupt nicht nach Milch geschmeckt hatte. Wegen dieser leidigen Erfahrung war Brams etwas misstrauisch, als Fine Vongegenüber augenzwinkernd auf den Krug mit ihrem neuesten Fund zeigte und »Spitzmausmilch!« hauchte.
»Wer soll denn so kleine Mäuse melken?«, fragte er argwöhnisch.
»Fünfjährige Feenkinder«, behauptete Fine Vongegenüber. Brams sah sie einen Augenblick lang wortlos an, da er den Scherz nicht verstand und auf eine Erklärung hoffte. Fine Vongegenüber setzte auch schon dazu an und sagte ...
... nichts.
Denn von einem Augenblick auf den anderen füllte ein riesiges Gesicht sein gesamtes Blickfeld aus. Brams sah in weit aufgerissene, wilde Augen voller Wut, Zorn und Wahn und auf einen drohend geöffneten, lippenlosen Mund mit nadelspitzen Zähnen. Von der fremden Stirn, die nicht glatt war, sondern roh aus Knochenplatten zusammengesetzt, strömte unablässig Blut. Es wurde von den Brauen, die unheilvoll an zischende Vipernnester erinnerten, zu den Wangen abgelenkt oder rann den Rücken der mächtigen Nase entlang, die wie dazu geschaffen schien, Mauern einzureißen und Knochen zu zertrümmern. Von dort tropfte es auf das dornengleiche, mit Metallbändern verstärkte Kinn und fiel schließlich prasselnd wie ein heftiger Sommerregen zu Boden.
Brams fand sich urplötzlich aufrecht sitzend und hellwach in seinem Bett wieder. »Das war nun wirklich nicht nötig!«, beschwerte er sich bei niemand im Besonderen.
Mit heftig klopfendem Herzen und in banger Erwartung der Schreckensfratze ließ er die Augen über sein völlig verwüstetes Heim wandern. Wie er rasch feststellte, hatte der Anblick des zusammengebrochenen Schrankes und Tisches, der beinlosen Stühle, der zusammengenähten Kapuzenmäntel, der vielen kleinen und großen, wässrigen und zähflüssigen Pfützen, ja selbst der seltsamen neuen Farbe seines Baldachins etwas zutiefst Beruhigendes. Denn so hatte es schon am Vortag bei ihm ausgesehen, genauer gesagt, hatte die unaufhaltsame Verwandlung seines bis dahin ordentlichen Heimes in den jetzigen Zustand wenige Augenblicke, nachdem er die Haustür geöffnet hatte, begonnen.
Guter Koboldsitte und allgemein höflichem Benehmen entsprach es schließlich, jeden, der von einer Reise heimkehrte, mit einem Willkommensstreich zu begrüßen. Bei einer vierteljährigen Abwesenheit verboten sich rasch erdachte Gelegenheitsstreiche von selbst. Sie wären unweigerlich als peinliche und gedankenlose Pflichtübungen aufgefasst worden. Hier kamen nur große, gründlich durchgeplante Streiche infrage! Solche, in die die ganze Nachbarschaft verwickelt war, bei denen sich eigens kleine Zirkel bildeten, um Teilstreiche zu vervollkommnen. Auch wenn das Wiederherstellen des alten Zustandes von Brams’ Haus etliche Tage erfordern würde, bewies der für Koboldverhältnisse äußerst warme Empfang, wie beliebt und angesehen er doch war.
Diese Bestätigung wirkte Wunder. Brams konnte plötzlich ganz sachlich über das Ende seines Traumes nachdenken. Es gab nichts zu befürchten! Wie er nun erkannte, war ihm das Schreckensgesicht nicht unvertraut. Er hatte es schon einmal gesehen und wusste auch, wann und wo: Damals, nach dem Zerwürfnis mit Riette und Hutzel, war es ihm im Traum erschienen. Dasselbe Gesicht, nur hatte es sich seinerzeit wohlerzogen und gesittet benommen!
Moin-Moin ist schuld, dachte Brams grimmig. Hätte der Rechenkrämer nicht Hutzel erwähnt, so wären die alten Geschichten nicht wieder zum Leben erwacht. Das war eindeutig so!
Da der Tag, so weit er sich durch das hereinfallende Licht offenbarte, noch nicht weit fortgeschritten sein konnte, ließ sich Brams wieder auf das Kissen fallen. Er schloss die Augen in dem Bestreben, zurück zu Moins Haus zu gelangen und endlich zu erfahren, welche Bewandtnis es mit den Feenkindern hatte, wo es doch überhaupt keine fünfjährigen Feen gab. Aber eine seltsame Unrast hielt ihn wach. Unzufrieden warf er sich in seinem Bett hin und her – und plötzlich sah er das Schreckensgesicht ein weiteres Mal! Nun aber war es winzig klein.
Neben Brams’ Bett stand ein Stuhl, der über und über mit grausigen, furchterregenden Schnitzereien bedeckt war. Brams hatte ihn während einer lange zurückliegenden Mission entwendet und mit nach Hause genommen, da ihm bei seinem Anblick spontan der Gedanke gekommen war, ihn für einen frühmorgendlichen Aufwach-Scherz zu verwenden, der etliche Gemeinsamkeiten mit seinem heutigen Erwachen gehabt hätte. Diesen Plan hatte er dann allerdings nicht weiter verfolgt und stattdessen den Stuhl ausschließlich dazu benutzt, um seine Pantoffeln darunterzustellen. Ein weiser Entschluss, wie sich nun zeigte, da ganz gewiss seinen abschreckenden Verzierungen zuzuschreiben war, dass keiner der Nachbarn Hand an die Pantoffeln gelegt hatte, um sie womöglich am Boden festzunageln und mit etwas Klebrigem zu füllen. Früher, als Riette noch gelegentlich zu Besuch gekommen war, hatte sie sich bevorzugt auf den Stuhl gesetzt, obwohl ihr das strengstens verboten gewesen war. So müsse sie ihn wenigstens nicht ständig sehen, hatte sie sich immer verteidigt.
Jetzt, zum ersten Mal, entdeckte Brams, dass die Fratze aus seinem Traum gleich mehrfach in den Schnitzereien zu finden war. Erstaunlich! Eigentlich war es ein Wunder, dass er nicht Nacht für Nacht von ihr träumte, so oft wie er sie sah. Aber vielleicht war das gar nicht so einfach mit der Träumerei? Vielleicht bedurfte es eines zweifellos Schuldigen wie Moin, der zunächst ungefragt die Erinnerung an den leidigen Streit mit Hutzel geweckt hatte, worauf er an das Zerwürfnis mit Riette hatte denken müssen und an ihre bevorzugte Art, ihn zu ärgern, indem sie sich auf einen Stuhl setzte, auf den sie sich nicht setzen sollte! Ein geschlossener Kreis sozusagen, dachte Brams. Oder vielleicht auch nur ein geschlossener Halbkreis.
Einen Moment lang erwog er, das nutzlos gewordene Requisit eines verworfenen Streichs woandershin zu stellen. Dann erinnerte er sich jedoch, dass ihm schon damals, als er den Stuhl mitgebracht hatte, trotz gründlichen Nachdenkens keine andere Verwendung eingefallen war, als seine Pantoffeln darunterzustellen. Und wo sonst sollten die sinnvoller stehen als gleich neben seinem Bett? Anscheinend ließ sich am gegenwärtigen Zustand nichts ändern.
Zufrieden darüber, dass nun alles geklärt schien, schloss Brams die Augen und wartete so lange, bis es ihm zu langweilig wurde. Mach schon, dachte er dazwischen ungeduldig. Ich bin fertig, es kann nun weitergehen! Zur Einstimmung beschwor er seine letzte Erinnerung an den Traum herauf: Gerade war Trine aus dem Hinterhaus, nein, Vorderhaus ... links? ... rechts? ... von gegenüber? ... Fine Vongegenüber mit einem Krug ...
Aber auf diese Weise ließen sich weder Schlaf noch Traum herbeizwingen. Schließlich gab sich Brams geschlagen und erhob sich. Er befreite einen frischen Kapuzenmantel aus der langen Kette von zusammengenähten Kleidungsstücken und machte sich daran, seinen Schrank aufzubauen und alle Stühle wieder mit Beinen zu versehen. Doch seine Unruhe wurde nicht kleiner. Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Gewissheit, dass es irgendetwas gab, woran er denken sollte, irgendetwas, das er nicht vergessen durfte, irgendetwas, was unbedingt beachtet werden musste.
Zwischen zwei Stühlen fiel Brams endlich ein, was so wichtig war. Er stieß einen Schrei aus, griff nach dem Kapuzenmantel vom Vortag, wendete ihn, sah im Bett nach, sah unter dem Bett nach und hob schließlich planlos alles an, worauf sein Blick gerade fiel, um nachzuschauen, ob sich etwas darunter verbarg. Aber er wurde nicht fündig. Daher beschloss er, von vorne zu beginnen, allerdings dieses Mal überlegter.
Der vergangene Abend war zweifellos ein günstiger Ansatz. Wie lange war er bei Moin gewesen? Wie war er nach Hause gelangt? Was hatte sich noch in Moins Haus zugetragen? Doch so angestrengt Brams nach Antworten auf diese Fragen suchte, so unweigerlich endeten alle seine Erinnerungen bei dem Augenblick, als Fine von Trine, nein, Fine Vongegenüber von vorne auf ihn zugekommen war, während er gleichzeitig nach Trine Ausdemhinterhaus linker Hand Ausschau gehalten hatte.
Das war doch zum Mäusemelken, zum Spitzmäusemelken sogar! Brams war völlig überzeugt davon, dass, wenn er nur einschlafen und lange genug träumen könnte, sich der ganze verflossene Abend ihm wieder offenbaren würde. Dann wüsste er vielleicht, ja, dann erführe er ganz gewiss, was mit dem Dokument geschehen war, das er Moin abgetrotzt hatte und nun nicht mehr finden konnte, so sehr er es auch suchte.
Und das war vielleicht auch kein Wunder, dachte er, als ein schrecklicher Verdacht in ihm aufkeimte.
Außer ihm gab es nur einen Kobold, für den dieses Dokument von Wert war: Moin! Der Rechenkrämer musste es ihm heimlich entwendet haben.
Brams wurde ganz schlecht bei der Vorstellung, was ihm ohne den Schutz ihrer schriftlichen Abmachung widerfahren sein konnte. Ganz im Gegensatz zu den Traumbildern, die sich ihm so beharrlich verwehrten, wurde er plötzlich von einer Fülle möglicher Szenen aus den unzugänglichen Stunden des letzten Abends überflutet. Ihnen allen war gemein, dass sie ihn glücklich lachend, geradezu dankbar – und meistens lallend und kleine Speicheltröpfchen verteilend – dabei zeigten, wie er eifrig eng beschriebene Pergamente unterzeichnete. Eines ums andere – und dann noch einen weiteren Stapel davon!
Zeitweise vermeinte Brams, die winzige, kaum von einem dicken Strich unterscheidbare Zwergenschrift, in der diese unheiligen Übereinkünfte verfasst waren, entziffern zu können. Er las: »Für die Dauer eines Jahres«, »für die Dauer von zehn Jahren«, »für die Dauer von hundert Jahren«, und schließlich: »Solange es einen lebenden oder toten Nachkommen oder Anverwandten gibt von Brams, genannt der frohsinnige Unterzeichner.«
Brams wähnte sich am Rande einer Ohnmacht. Moin hatte nicht erst einmal eine ähnliche Hinterlist erfolgreich angewandt. Auch nicht zweimal oder dreimal ... Er versuchte es immer wieder! Für Brams stand unumstößlich fest, dass er das Dokument zurückbekommen musste! Am besten begab er sich sofort zu Moin. Zaudern bedeutete in diesem Fall verlieren! Allerdings war es wohl das Beste, den Rechenkrämer nicht sogleich auf das Dokument anzusprechen. Falls er wider Erwarten nichts mit seinem Verschwinden zu tun haben sollte, wäre das Wissen, dass Brams es nicht mehr besaß, geradezu eine Einladung, ihm eine Abmachung unter die Nase zu halten, die er ihn vielleicht nur gewohnheitshalber oder aus Vergesslichkeit hatte unterschreiben lassen. Moin war alles zuzutrauen.
Brams öffnete die Tür seines Hauses und trat in einen ungewöhnlich trüben Tag hinaus. Der mausgraue Himmel verriet ihm, dass es wesentlich später sein musste, als er gedacht hatte. Auf dem Weg zu Moin wunderte er sich, wie wenigen Kobolden er begegnete. Selbst das Denkmal des Guten Königs Raffnibaff, das er von ferne sah, machte einen reichlich verwaisten Eindruck.
Wo waren denn heute alle?, dachte Brams verwundert. Wo waren sie?