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4.

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Mit einem letzten Blick in den Wald zog Brams die Tür hinter sich zu. Für einen winzigen Augenblick gaukelten ihm seine Sinne vor, dass er durch eine schlecht beleuchtete Diele ging, dann war er plötzlich daheim, im Koboldland-zu-Luft-und-Wasser, mit seinen verschlungenen Wegen und seinen kleinen Häuschen, die an zu groß geratene Pilze oder Wurzeln und Kieselsteine erinnerten, eben an vieles, nur nicht gerade an Häuser. Von dieser Regel gab es nur wenige Ausnahmen. Brams’ eigenes Haus war eine davon, da es ein Spitzdach besaß, eine rechteckige Tür und Fenster zu beiden Seiten mit Blumentöpfen davor. Es galt als sehr exotisch.

Während Brams die Tür vorsichtig kippte, damit Pürzel wieder ihr vorderes Ende tragen konnte, wiederholte diese ihre letzte Aufforderung: »Ein ganz neues Licht auf die Geschichte wirft das. Los, Brams, erzähle weiter!«

»Wo war ich denn?«, fragte er.

»Der Mensch sprang eben aus dem Haus: links ein Messer, rechts den Wetzstahl, Harz schäumte ihm aus dem Mund ...«

»Das hat er dir schon zweimal erzählt, Birke«, ertönte Rempel Stilz’ Stimme unter der Kuh hervor. Da er sie im Wesentlichen allein trug – Krümeline hielt sich als Zeichen guten Willens an ihrem Schwanz fest –, war außer den Füßen fast nichts von ihm zu erkennen.

»Weiß ich, aber diese Stelle ist so spannend«, erwiderte die Tür.

Nun schaltete sich Pürzel ein. »Er war schon viel weiter, nämlich da, wo uns die Menschenfrau Nelli fragte, ob wir nicht eine Tür für sie öffnen könnten. Pass gut auf, Birke, diese Stelle wird jetzt nämlich ebenfalls sehr spannend! ... Ich stehe also vor der Tür, hole gerade mein Werkzeug heraus, da sagt sie: ›Man kann vielleicht vorher fragen!‹ Ich – völlig überrascht – antworte: ›Oh, eine Tür!‹ Darauf sie: ›Oh, ein ganz Schlauer!‹ ... Und zwar in einem völlig herablassenden Ton: Oh, was für ein Schlauberger! ... Ohoho, ein richtiger Schlaukopf, was? Hohoho, die Sonne der Schläue geht auf! Warum ist es plötzlich so zappenduster? ... Hojotoho ...«

»Wir waren alle dabei und haben es gehört«, unterbrach ihn Brams, bevor Pürzel sich noch weiter hineinsteigerte.

»Toll!«, rief Birke. «Aber warum sagte sie das zu dir?«

»Weil sie eine Tür war.«

»Ich weiß, du wolltest ja eine öffnen.«

»Ein Tür wie du selbst, Birke!«

»Toll!«, antwortete die Tür. »Toll! Wie ich! ... Was machte sie in dem Haus? Warum haben wir sie nicht mitgenommen?«

»Das wäre etwas gewesen!«, brummte Pürzel. »Heiaha, noch ein paar Schlaufüchse!«

»Sie wollte es nicht«, sagte Brams. »Sie meinte, sie habe lange genug Kobolde ins Menschenland und zurück kutschiert und wolle nun ihren Lebensabend in Ruhe in diesem Haus verbringen. Eine Beschäftigung als Tür, die kaum einmal geöffnet werde, sei ihr gerade recht.«

»Toll!«, rief Birke. «Aber sie ist nicht wie ich. Ich möchte meinen Lebensabend nirgends verbringen.«

»Sie war auch wesentlich älter als du«, erklang Rempel Stilz’ gepresste Stimme, »mindestens so alt wie Bookweetelins Tür.«

»Toll! Wer ist das?«

»Ein Klabautermann, den Rempel Stilz und ich kennen«, erklärte ihr Brams. »Wo sollen wir dich übrigens absetzen, beim Fein geölten Scharnier? « Damit meinte er eine Kneipe, in der viele Türen die Zeit verbrachten, in der sie nichts Besseres zu tun hatten.

»Nein«, widersprach Birke. »Lieber beim Denkmal des Guten Königs Raffnibaff. Ich bin dort verabredet.«

Brams war verblüfft. »Du weißt doch gar nicht, wie lange wir dieses Mal weg waren. Hier können ein paar Wochen vergangen sein, weil völlig unvorhersehbar ist, wie lange der Übergang vom Menschenland zum Koboldland ...«

»Hoplapoi Optalon«, unterbrach ihn Birke in belehrendem Ton. So lautete nämlich der genaue Fachbegriff, mit dem die Türen beschrieben, warum ein Vorgang, der für einen Kobold nur aus dem Öffnen einer Tür, dem scheinbaren Durchschreiten einer kurzen Diele und dem Schließen der Tür bestand, manchmal einen Augenblick dauerte und manchmal viele Tage. Insgeheim war Brams davon überzeugt, dass die Türen diesen und andere unverständliche Fachbegriffe nur erfunden hatten, um zu verschleiern, dass sie selbst nicht genau wussten, was sie wirklich trieben. Sie hätten ebenso gut Tralala oder Huba-huba verwenden können, nur hätte dann jeder die Wahrheit erkannt.

Brams kam zurück auf seine Frage. »Deine Bekannten werden doch nicht wochenlang am selben Fleck auf dich warten?«

»So war es aber ausgemacht«, erwiderte Birke.

Brams sagte nichts mehr. An manchen Tagen teilte er die Ansicht vieler Kobolde, dass es im Grunde nur zwei Sorten von Türen gab: sonderliche und absonderliche.

Pürzel hatte seine Geschichte noch nicht zu Ende gebracht, als die kleine Schar das Denkmal des Guten Königs erreichte. Es war ein bedeutendes Zentrum koboldischen Gemeinlebens. Hier traf man sich, hier schwatzte man miteinander, hier lernte manches Koboldkind seinen ersten Streich zu spielen oder zu erdulden. Zwar würden ihm noch viele weitere folgen, bis die jungen Kobolde erlernt hatten, was gleichzeitig Stützpfeiler, Zement und Strebebogen koboldischer Lebensart war, doch dieser allererste Streich, das stolze Lächeln ihrer Eltern oder – je nachdem – auch spöttische Grinsen, blieb ihnen für immer in Erinnerung.

Bei der Beliebtheit dieses Ortes war es nicht verwunderlich, dass Brams sogleich einen Bekannten ausmachte: Regentag. Stocksteif stand er auf der obersten Stufe des Denkmals und blickte in die Ferne, umringt von ein paar Kindern. Die Hälfte von ihnen plärrte endlos dasselbe Lied, der Rest sagte selbst erdachte Gedichte auf und brüllte gebrechliche und bettlägerige Verse. Offenbar hatten ihnen ihre Eltern zu Lehrzwecken eingeredet, Regentag sei der Gute König Raffnibaff. Selbstverständlich konnte ihn keines der Kinder aus der Fassung bringen. Er war nämlich kein Kobold, sondern ein Erdmännchen, das Brams und Rempel Stilz vor einigen Jahren ins Koboldland-zu-Luft-und-Wasser gefolgt war. Wenn Regentag beschlossen hatte, seiner früheren Tätigkeit des Wachehaltens aus lieber Gewohnheit nachzugehen, so konnte ihn nichts, aber auch gar nichts ablenken, außer dem Einbruch der Nacht.

Dieser gern gespielte Streich, nämlich eine Horde von Kindern auf einen arglosen Besucher des Denkmals zu hetzen und ihnen zuvor einzureden, er sei der Gute König, den sie nun gebührend erfreuen sollten, konnte vor allem deswegen so leicht gelingen, weil das Denkmal nur aus einem Sockel rot geäderten schwarzen Steins bestand. Es gab kein Bildnis Raffnibaffs, da niemand wusste, wie er einst ausgesehen hatte. Groß, klein, schlank oder rund -nichts sprach für das eine oder andere. Tatsächlich war auch sonst nicht viel von ihm überliefert, außer den beiden Sätzen seiner Abdankungsrede. Die kannte allerdings jeder:

Liebe Kobolde, ihr braucht mich nicht länger mehr als König! Ich wünsche euch allen auch weiterhin noch viel, viel Spaß!

Diese wenigen Worte hatten als einzige die Zeit überdauert. Sie galten als Zeugnis von Bescheidenheit, nobler Größe und Sorge um das Wohl aller und hatten bewirkt, dass der einstige König Raffnibaff im Herzen seines Volkes zum Guten König Raffnibaff verklärt worden war.

Leider fiel es einem ganz bestimmten Kobold an manchen Tagen schwer, noch weiterhin an dieses hehre Bild zu glauben. Der Betreffende hieß Brams und war zu Brams’ Bedauern kein Namensvetter von ihm. Dieselbe Reise, auf der er auch Regentag begegnet war, hatte ihn nämlich zu jemandem geführt, der steif und fest behauptete, Raffnibaff zu sein, aber alles verkörperte, was jener nicht war. Er war weder gut noch bescheiden, noch von nobler Größe oder gar Sorge um das Wohl aller erfüllt. Er war ein Drache, gefangen unter einem Berg, und hatte jene schreckliche, nicht wieder zu vergessende Behauptung ausgestoßen, dass er nämlich der wahre König der Kobolde sei.

Zum Glück war er nur ein unverschämter Lügner gewesen! Daran glaubte Brams an vielen Tagen leichter, an manchen aber umso schwerer.

Birkes Bekannte waren ebenfalls Türen und daher leicht auszumachen. Sie lehnten am Rande des Geschehens zeltartig aneinander und stützten sich so gegenseitig. Wie Brams erst sehr spät gelernt hatte, kannten die Türen keine unterschiedlichen Geschlechter. Sie waren gleichzeitig männlich und weiblich. So hatte es ihm jedenfalls eine der ihren mit derben Worten erklärt: Jede von uns besitzt ein Schloss und einen Schlüssel, du Einfaltspinsel!

Als Brams und Pürzel näher kamen, begannen alle drei Türen laut zu kreischen und wie Wasserfälle aufeinander einzureden. Die beiden Kobolde stellten ihre Tür ab und verabschiedeten sich. Wenn Birke später woandershin getragen werden wollte, würde sie sich schon zu helfen wissen.

Nun musste nur noch die Kuh abgeliefert werden. Ihr Empfänger war wie stets Moin, der Rechenkrämer. Wegen seiner beeindruckenden Körpergröße, die laut Moin auf einen Zwerg in seiner Anverwandtschaft zurückzuführen sein sollte, war es weitverbreitete Sitte, seinen Namen zu verdoppeln und ihn nicht nur mit »Moin!«, sondern mit »Moin-Moin!« anzusprechen. Manchem erschien es nämlich falsch, dass ein solch großer Kerl einen ganz kurzen Namen haben sollte.

Als Brams und seine Gefährten bei Moin anlangten, stand dieser breitbeinig vor seinem Haus und gab seinen Gehilfen besorgte Anweisungen. Die beiden waren aufs Dach geklettert und mühten sich unter Jammern und Wehklagen damit ab, eine blau-grün gestreifte Plane über das Gebäude zu ziehen.

Moins Haus stand nämlich üblicherweise in einem Zelt. Einmal im Jahr baute Moin es ab, um die Tücher gründlich zu säubern. Für ein paar Tage wurde dann jeder daran erinnert, dass es überhaupt ein Haus im Zelt gab. Ansonsten sah man es nicht und konnte sein Vorhandensein leicht vergessen. Offenbar war es nun wieder so weit.

Brams hatte lange geglaubt, dass Moin nur deswegen in einem Haus wohnte, das in einem Zelt stand, weil er sich nicht entscheiden konnte, worin er eigentlich wohnen wollte. Moin hatte das immer bestritten und auf die angeblich unleugbaren, aber nie weiter ausgeführten Vorteile dieses Wohnstils verwiesen. Erst vor Kurzem hatte er Brams bei ein paar Bechern süßer Milch mehr über die Hintergründe enthüllt: Ein Haus stehe für Beständigkeit und Zuverlässigkeit, also Eigenschaften, die man von einem Rechenkrämer erwarte. Ein Zelt hingegen werde mit Beweglichkeit und Abenteuerlust in Verbindung gebracht. Ein Haus im Zelt vermittle also den Eindruck zuverlässiger Beständigkeit bei gleichzeitiger Aufgeschlossenheit für frische Gedanken!

Damit war ein altes Rätsel gelöst und geschwind durch ein neues ersetzt worden: Wer mochte Moin diesen unglaublichen Unfug eingeredet haben? Brams wäre so gern der Urheber dieses Streichs gewesen, dass er sich noch Tage später bei Selbstgesprächen oder stummem Nachstellen der entscheidenden Überredungsszene ertappte: Moin-Moin, was du als Erstes brauchst, sind Mauern, unglaublich dicke und schwere, selbst errichtete Mauern!

Als Moin Rempel Stilz mit der Kuh kommen sah, rief er sofort warnend: »Nicht auf die Theke!«

Diese stand nämlich vor dem Haus, und üblicherweise wurden alle Beutestücke zur Begutachtung auf sie gelegt. Unter der Kuh schallte der mürrische Ratschlag »Abstützen und gut verfugen!« hervor, dann stellte Rempel Stilz das starre Tiere neben die Theke. Zum ersten Mal seit Stunden sah man wieder mehr von ihm als nur Unterschenkel und Füße.

»Macht allein weiter!«, befahl der Rechenkrämer seinen Gehilfen und kam zur Theke. Er zog das Buch mit den laufenden Missionen unter ihr hervor und blätterte so lange darin, bis er zu der Kuh kam, die ein unbekannter Auftraggeber bei ihm bestellt hatte.

»Brauchst du uns noch?«, fragte Krümeline.

Brams verneinte. »Ihr könnt ruhig schon gehen. Ich erledige die Abrechnung mit Moin-Moin allein.«

Pürzel, Krümeline und Rempel Stilz verabschiedeten sich. Bevor sie gingen, erteilten sie Mopf und Erpelgrütz noch ein paar ungebetene gute Ratschläge, die mit der Vermeidung von Schwielen und roten Köpfen beim Aufbauen von Zelten über Häusern zu tun hatten. Dann verschwanden sie hämisch lachend. Moins Gehilfen lachten zwar ebenfalls, doch ihre Freude klang nicht ganz so echt wie die der anderen.

Der Rechenkrämer überprüfte nun anhand des Buches, ob die wenigen Wünsche des Bestellers beim Beschaffen der Kuh eingehalten worden waren. »Ich hatte gar nicht mehr mit euch gerechnet«, sagte er dabei.

»Wieso?«, fragte Brams. »Wie lange waren wir denn dieses Mal unterwegs?«

»Etwas über einen Monat«, erwiderte Moin und schnippte getrockneten Schlamm vom Rücken der Kuh.

Brams war zwar wie immer etwas erstaunt, weil er selbst kein bisschen beurteilen konnte, wie lange die Reise gedauert hatte, aber keineswegs beeindruckt. »Das ist zwar nicht kurz, aber auch nicht sonderlich lang, Moin-Moin. Ich bin schon länger unterwegs gewesen.«

»Wenn du meinst, Brams«, antwortete Moin und schnippte weitere Schlammbröckchen aus dem Kuhfell.

Brams wunderte sich über die Antwort. »Wie viel länger als einen Monat?«

»Einen Monat und zwölf Tage«, erklärte Moin, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.

»Einen Monat und zwölf Tage waren wir länger als einen Monat ...?«, sprach Brams zögernd. Plötzlich verstand er und schrie entgeistert: »Wir waren zweieinhalb Monate unterwegs?«

»Nicht ganz, etwas weniger«, verbesserte ihn der Rechenkrämer.

Brams konnte es nicht fassen. »So lange hat noch nie eine Mission gedauert! Zweieinhalb Monate! Der arme Rempel Stilz! Er machte sich noch Sorgen, dass jemand seinen Kuchen finden könnte ... Wenn er zwischenzeitlich nicht aufgegessen wurde, so kann er ihn jetzt als Türstein verwenden ... Zweieinhalb Monate! Meine Güte! Fast ein Vierteljahr!«

»Nicht ganz, etwas weniger«, verbesserte ihn der Rechenkrämer abermals. »Was habt ihr nur mit diesem armen Tier angestellt?« Er war noch immer am Dreck-Wegschnippen.

»Es stand eine Weile verkehrt herum im Regen«, erklärte ihm Brams. »Wegen der beiden Menschenfresser, verstehst du?«

»Menschenfresser«, wiederholte Moin und ließ das Schnippen sein. Also erzählte ihm Brams die ganze Geschichte oder zumindest ihre wesentlichen Teile: Wie sie die Kuh ausgetauscht hatten, gleich danach mit den beiden Männern zusammengestoßen waren und schließlich mit Nelli mehrmals handelseinig geworden waren. An manchen Stellen der Erzählung hob Moin missbilligend die Augenbraue. Brams beruhigte ihn jedes Mal mit den Worten: »Keine Sorge, Moin-Moin, wir waren in der Überzahl und hatten alles unter Kontrolle. Die Mission war keinen Augenblick lang gefährdet!«

Ein paar Dinge ließ Brams wohlweislich aus, etwa, wie Rempel Stilz die Kuh nach einem der Menschenfresser geworfen hatte. Er wollte dem Rechenkrämer nicht noch mehr Anlass geben, an ihrem Zustand herumzumäkeln. Schließlich kam Brams zu der Stelle, die ihn selbst am meisten beschäftigte. »Hast du jemals von einem grünen Rauch gehört, der aus einem Behältnis strömt und eine Gestalt annimmt?«

»Gewiss, ein Flaschengeist«, antwortete Moin sofort.

»Das Behältnis war aber keine Flasche, sondern ein Kasten.«

»Ein Kastengeist«, schloss Moin nun. Brams bedachte ihn mit einem tadelnden Blick. Noch nie hatte jemand etwas von Kisten- und Kastengeistern gehört! »Es hatte eine spitze Schnauze, spitze Ohren und Stummelflügel.«

Moin vergrub sich in das Buch mit den laufenden Missionen. »Meine Ansicht kennst du, aber sie scheint ja nicht gut genug für dich zu sein. Wenn du also nichts weiter zu sagen hast, Brams ...«

Brams war tatsächlich noch nicht fertig. »Plötzlich geschah etwas ganz Seltsames: Ich hatte Gedanken, die überhaupt nicht meine waren, und ich bin mir sicher, dass es mir nicht als Einzigem so ging. Ein riesiges Durcheinander! Jeder schien plötzlich zu denken, was eigentlich jemand anders denken sollte. Alles war vertauscht.«

Moin blickte auf. »Und das sagst du mir erst jetzt, ganz am Schluss? Das ist doch entscheidend! Da erzählt er mir seelenruhig etwas von spitzen Schnauzen und Ohren, als wären sie einzigartig ... So etwas Auffälliges sagt man doch gleich!«

»Und, was ist es?«, fragte Brams begierig.

»Woher soll ich das wissen?«, brummte Moin. »Ich kann mich ja mal erkundigen.«

»Tu das! Wenn jemand die Gedanken eines anderen kennt, kann er in einem Vierteljahr sehr viel Schindluder damit treiben.«

»Nicht ganz, etwas weniger«, verbesserte ihn Moin. »Übrigens, Brams, warum schaust du heute Abend nicht vorbei? Da ich gerade eine Kuh habe, können wir ein paar Becherchen Milch kippen. Ich lade die Nachbarn ein, wir machen Musik und haben eine richtig nette Zeit.«

Brams’ Nackenhaare sträubten sich. Genau eine solche Einladung hatte ihn einmal in große Schwierigkeiten gebracht. »Einverstanden«, sagte er zögernd. »Aber wir reden über nichts Geschäftliches.«

»Warum sollten wir auch?«, antwortete Moin unschuldig. »Selbstverständlich tun wir das nicht.«

»Das möchte ich schriftlich«, erklärte Brams.

Moin sah ihm fest in die Augen: »Ist dir bewusst, Brams, dass ich dich als Gast zu mir einlade? Als Gast?«

»Schriftlich!«, antwortete Brams kalt. »Schriftlich!«

Moin griff blind unter die Theke und zog ein Pergament hervor. Während er darauf schrieb, sagte er: »Ein minderer Kobold als ich würde dein Beharren als beleidigend ansehen.«

Dann schob er seinem Gegenüber das Pergament zu. Darauf stand:

Moin, genannt Moin-Moin, und Brams, genannt Brams, werden heute Abend über nichts Geschäftliches reden.

Brams las das kurze Schreiben mehrmals gründlich durch. Mit Moin war nicht zu spaßen! Wahrscheinlich enthielt dieser eine Satz mehr Hintertürchen als Buchstaben! Er schob das Pergament zurück und verlangte eine Ergänzung: »Tun sie es dennoch, so sind alle sich daraus ergebenden Abmachungen null und nichtig.«

Moin schrieb wie verlangt und murmelte dabei: »Unbegründetes Misstrauen ... ich das verdient? Grundehrlich und anständig ... viel zu vertrauensselig ... mit Füßen getreten ... ins Gesicht geschlagen ... unsäglich verletzt ... weine mich wieder in den Schlaf ...«

Dann schob er das Schreiben zu Brams. Der las es erneut durch. Zwar hatte er mittlerweile ein ziemlich schlechtes Gewissen wegen seines Misstrauens, aber er war entschlossen, hart zu bleiben. Er deutete auf die freie Stelle unter den beiden Sätzen und sagte: »Aber sie sprechen sowieso nicht über Geschäftliches.«

Dieses Mal gab Moin keinen Laut von sich, allerdings wandte er auch nicht die Augen von Brams ab, während er das Gewünschte schrieb.

»Pass gut darauf auf«, riet er danach. Seinem Ton nach zu urteilen, hätte er auch sagen können: »Lass dich bloß nicht mehr blicken!« Das war nicht zu unterscheiden.

Brams verbarg das Pergament unter seinem Mantel und wandte sich mit gesenktem Blick zum Gehen, da er nicht länger wagte, Moin in die Augen zu sehen.

»Bring Durst mit«, empfahl ihm der Rechenkrämer geradezu widernatürlich freundlich. »Übrigens war Hutzel kürzlich hier. Er hat sich wieder gefangen und seinen Du-weißt-schon überwunden. Jetzt wittert er keine Verschwörungen mehr, sobald er zwei gleich gekleidete Kobolde entdeckt. Ich hatte schon früher von seiner Besserung vernommen, konnte mich nun aber persönlich davon überzeugen. Mopf und Erpelgrütz trugen an dem Tag nämlich zufällig ihre roten Kapuzenmäntel. Vielleicht solltest du ...«

Unwillkürlich wanderte Brams’ Blick zum Dach von Moins Haus. Einer der Gehilfen hielt sich nur noch mit wenigen Fingern am Dachfirst fest und bemühte sich verzweifelt, nicht abzustürzen, während der andere alles daran setzte, ihn zum Lachen zu bringen, indem er stark überzeichnet die Unterhaltung zweier Personen nachspielte: Die eine schrieb etwas, während die andere ständig unzufrieden war und sich immer neue Ergänzungen zu dem Geschriebenen einfallen ließ.

»Schön zu hören«, antwortete Brams kühl. »Aber im Grunde genommen interessiert mich das nicht sonderlich. Wie du weißt, haben Hutzel und ich nichts miteinander zu besprechen.«

Ein schriller Schrei erklang, als Mopf ganz den Halt verlor. Er stürzte jedoch nicht tief, da Erpelgrütz ihn heimlich mit einer Leine gesichert hatte. Nun hing er etwa ein Arglang unter dem Dachrand und zappelte hilflos wie ein Fisch an der Angel. Erpelgrütz musste darüber so sehr lachen, dass er abrutschte und auf der anderen Seite des Dachfirstes verschwand.

Brams klatschte Beifall. Dieser Teil des Streichs gefiel ihm am besten. »Bis nachher«, sagte er und ging endgültig.

Auf dem Heimweg dachte er darüber nach, ob Moin Hutzels Namen vielleicht nur deswegen erwähnt hatte, um ihm sein Beharren auf dem Schriftstück heimzuzahlen. Hutzel hatte nämlich zu seinem alten Wechseltrupp gehört, zusammen mit Riette. Sein zunehmend absonderliches Verhalten, das Moin mit Du-weißt-schon-was umschrieben hatte und wofür andere Kobolde weniger freundliche Bezeichnungen fanden – sein Gaga, sein Nanu?, sein Doppelplem – , hatte kurz nach ihrer letzten gemeinsamen Jagd auf die Roten Männer zum Bruch geführt. Dieser Bruch hatte sich auf Riette ausgeweitet, nachdem ihr Hutzel gestanden hatte, wie oft er schon dafür verantwortlich gewesen war, dass jemand Spottnamen – vor allem solche, die sie besonders hasste – an ihre Tür gemalt hatte. Statt nun aber Hutzel für diese Beleidigungen zu bestrafen, war sie über Brams hergefallen, weil er davon gewusst und ihr nichts erzählt hatte. Sie hatte ihn als Verräter beschimpft, als Kackpuh, als allernichtigste Nichtigkeit! Danach waren nur noch er und Rempel Stilz von ihrem Trupp übrig geblieben. Und natürlich Birke, wenn man die Tür dazuzählen wollte.

Brams erinnerte sich noch gut an diese Zeit, da er damals von völlig wirren Albträumen geplagt worden war. Allnächtlich war ihm eine grauenhafte, blutüberströmte Fratze erschienen und hatte ihn zuerst höflich, dann stetig besorgter, schließlich gar kleinlaut aufgefordert, sich wieder mit Riette zu versöhnen. Meist war Brams lachend aus diesen Träumen erwacht. War das nicht wirklich seltsam?

König der Kobolde

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