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6.

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»He, du!«

Brams blieb stehen und wandte sich zu einem Kobold um, den er nicht kannte. Anders als er selbst, trug der Fremde keinen Kapuzenumhang, sondern eine abgewetzte, offene Lederjacke, ausgefranste Hosen, die gerade bis über die Knie reichten, dazu unförmige Stiefel und einen spitzen roten Filzhut mit breiter Krempe, in den er einige zerzauste Federn und vertrocknete Zweige gebohrt hatte. Irgendwo am Körper musste er ein Glöckchen tragen. Brams sah es zwar nicht, hörte es aber klingeln.

»Bist du Brams?«, fragte der Kobold.

Brams bestätigte es. »Das bin ich tatsächlich. Was gibt es?«

»Du sollst zum Letztacker kommen.«

»Wer sagt das denn?«

Der unbekannte Kobold spuckte aus und zuckte die Schultern: »Weiß nicht, wie er heißt. Einer deiner Kumpane, vermutlich.«

»Da gibt’s etliche«, meinte Brams und wunderte sich dabei über die Bezeichnung. »Kannst du ... meinen Kumpan ... vielleicht beschreiben?«

Sein Gegenüber runzelte die Stirn und gab ein nachdenkliches Schmatzen von sich: »Kopf ... Arme ... Beine.«

»Das schränkt es nicht sonderlich ein. Fällt dir vielleicht noch mehr ein?«

Der andere Kobold zog geräuschvoll die Nase hoch und dachte einen Augenblick lang nach. »Bauch!«

»Bauch?«, wiederholte Brams. »Er hat einen Kopf, Arme, Beine und einen Bauch?«

Sein Gegenüber nickte bei jedem Wort bestätigend, als gäbe es irgendetwas misszuverstehen.

»Na gut, ich werde ja sehen, wer es ist«, meinte Brams. »Bei einer solchen Beschreibung sollte er mir kaum entgehen können.«

»Am besten gehst du gleich zum Letztacker und lässt ihn nicht warten«, riet ihm der fremde Kobold, spuckte aus und zog die Nase hoch. »Womöglich ist er ungeduldig ... Glaub eigentlich schon ... machte so den Eindruck.«

»Ist gut«, erwiderte Brams und schlug den Weg zum Letztacker ein. Offenbar ging es um etwas Wichtiges, da dieser Ort zu den wenigen im gesamten Koboldland-zu-Luft-und-Wasser gehörte, wo man vor Streichen sicher war. Im Gehen dachte er über den Boten nach, den ihm sein gesichtsloser Bekannter, sein Kumpan, geschickt hatte. Offenbar war er gerade eben erst von einer recht anstrengenden Mission heimgekehrt. Das verriet der beklagenswerte Zustand seiner Kleidung: fleckig, zerschlissen, ausgefranst, keine einzige Naht, die nicht irgendwo aufgeplatzt wäre. Dazu die wächserne Haut, die tief liegenden, rot unterlaufenen Augen, das ständige geräuschvolle Hochziehen der Nase, die schmutzigen Fingernägel, die etwas zu sehr an die erdverschmierten Krallen eines Maulwurfs gemahnten ...

Brams blieb ruckartig stehen, als ihm bewusst wurde, dass er im Geiste keinen Kobold beschrieb, sondern einen Dämmerwichtel! Er fuhr herum, sah den anderen aber nicht mehr.

Was hatte das zu bedeuten? Bestimmt nicht Gutes!, dachte er. Vorsichtshalber rief er, so laut er konnte: »He du! Sagtest du eben Brams? Brams mit langem A? Eine bedauerliche Verwechslung! Ich heiße überhaupt nicht Brams! Mein Name ist Brmms! Brmms mit kurzem ... mit kurzem Nichts!«

Wie nicht anders erwartet, antwortete ihm niemand. Brams überlegte: Noch war sein Verdacht nur ein Verdacht. Er brauchte dringend jemanden, der seine Vermutung bestätigen oder widerlegen konnte. Hoffnungsvoll sah er sich um, doch die einzige einigermaßen geeignete Zeugin der Begegnung war eine Buche, die am Wegrand wuchs. Brams trat zu ihr und sprach sie an.

»Du hast doch sicher beobachtet, mit wem ich mich gerade unterhalten habe?«

»Ich bin neu hier«, antwortete der Baum.

Brams ließ den Blick über den dicken, glatten Stamm des Baumes bis zu seiner prächtigen Krone wandern. »Du bist mindestens achtzig Jahre alt«, stellte er fest.

»Zweiundneunzig im nächsten Frühjahr«, verbesserte ihn der Baum stolz.

»Zweiundneunzig? Nicht schlecht!«, antwortete Brams in geheuchelter Bewunderung und führte umgehend den tödlichen Streich. »Wie kann ein so alter Baum behaupten, neu hier zu sein?«

Der Baum schwieg. Brams wartete geduldig. Diesen Augenblick wollte er auskosten, schließlich war es nicht leicht, eine Buche in die Enge zu treiben.

»Na?«, drängte er schließlich triumphierend.

Doch der Baum schien nur auf eine Äußerung von ihm gewartet zu haben. So kurz wie Brams’ »Na?« auch war, schaffte er es dennoch, ihm ins Wort zu fallen.

»Soll ich Hinweise geben, oder ist sowieso Hopfen und Malz verloren?«

Brams konnte plötzlich sehr gut Pürzels Gefühle in Nellis Haus nachempfinden. »Du bist wohl nicht zufällig mit einer etwas ältlichen und ungehobelten Tür verwandt?«, fragte er.

»Behüte!«, rief der Baum aus. »Behüte! Viel zu flatterhaft! Einmal so, einmal so – das ist nichts für meiner Mutter Spross. Auf, zu, einen Spalt weit geöffnet, dann wieder halb geschlossen – ach, grausig! Grausig! In meiner Familie ist man gesetzt und bodenständig. Da hat man so etwas nicht ... Übrigens ›haben‹: Hast du’s jetzt herausgefunden? Ich könnte dir ja einen Hinweis geben, aber womöglich wäre danach ein Hinweis für den Hinweis fällig. Kurz und gut, Hopfen und Malz, Torf erhalt’s, wie man bei uns sagt: Ich wurde verpflanzt. Kürzlich. Hierher.«

»Verpflanzt?«, antwortete Brams zweifelnd. »Ich dachte, so alte Bäume verpflanzt man nicht?«

»Es sei denn ...«, fügte die Buche umgehend hinzu. »Es sei denn ...? Kleiner Hinweis benötigt?«

»Ich weiß es nicht«, gab Brams in säuerlichem Ton zu.

Der Baum schien den Augenblick sehr zu genießen. »Alte Bäume verpflanzt man nicht, es sei denn ... es sei denn ... auf eigenen Wunsch!«

Brams staunte. »Warum sollte sich ein Baum so etwas wünschen? Besserer Boden? Besseres Wasser?«

»Unfug!«, tadelte ihn sein Gegenüber. »Die üblichen Gründe: streitsüchtige Nachbarn, Genörgel vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl und dann möglichst noch die gesamte Wachstumsperiode hindurch! So etwas erträgt man vielleicht dreißig oder fünfzig Jahre lang, aber irgendwann ist einfach Schluss! Schluss, aus, basta!«

»Das verstehe ich gut«, stimmte Brams zu. »Zumal, wenn noch eine allgemein herablassende Art hinzukommt.«

»Ich sagte nichts von Herablassung«, belehrte ihn der Baum schroff. »Niemand lässt sich zu mir herab! Hörst du? Herablassung ist etwas für kleine Geschöpfe, für Knollenblätterpilze oder Mickerlinge wie dich.«

»Lass uns auf meine Frage zurückkommen«, bat Brams.

»Welche Frage?«, gab die Buche zurück. »Wahrscheinlich habe ich gar nicht zugehört. Nun, es wird ja wohl nicht so wichtig gewesen sein.«

Brams ließ sich von den Worten nicht abschrecken und begann ganz von vorne. Mitten in der Beschreibung des vermeintlichen Dämmerwichtels unterbrach ihn der Baum.

»Warum fragst du ihn nicht einfach? Dort geht er doch.«

Brams sah sich vergeblich um. »Wo?«

»Ja, dort hinten!«

»Wo dort hinten?«

Der Baum räusperte sich. »Erwartest du, dass sich plötzlich einer meiner Äste senkt und auf ihn deutet? Vorstellungen haben manche Leute. Vorstellungen!«

»Nein! Selbstverständlich nicht«, wehrte Brams peinlich berührt ab.

Doch der Baum schien bereits beim nächsten Thema angelangt zu sein: »Übrigens strömen dort hinten etliche deiner Leute zusammen.«

»Wo?«, fragte Brams.

Die Buche räusperte sich erneut. »Hatten wir das nicht gerade erst?«, fragte sie nachsichtig.

»Brams, hör auf, dich mit dem Baum zu streiten!«, rief plötzlich jemand.

Er wandte sich um und entdeckte Krümeline, die ihm zuwinkte. Vielleicht konnte sie ihm weiterhelfen! Allzu viel Hoffnung hegte er zwar nicht, doch eine schlechtere Augenzeugin als die Buche konnte sie nicht sein. Er ging zu ihr und sprach sie an, bevor er noch ganz bei ihr war: »Hast du ...«

»Wer nicht?«, antwortete sie, ohne stehenzubleiben. »Es geht ja um wie ein Lauffeuer!«

Brams stutzte. Das klang nicht so, als meinte sie seine Begegnung mit dem Dämmerwichtel. Er schloss zu ihr auf und ging neben ihr her. »Wovon sprichst du?«

»Ich dachte, das wüsstest du«, erwiderte sie. »Der König ist zurückgekehrt. Alle reden davon. Deswegen bin ich doch unterwegs.«

Schlagartig fühlte sich Brams, als habe jemand seine Ohren mit Watte verstopft. »Welcher König?«, hörte er sich mit dumpfer Stimme fragen.

»Welcher König wohl?«, spöttelte Krümeline. »Unserer! Der Gute König Raffnibaff ist zurückgekehrt!« Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte Brams.

»Nein«, erwiderte Krümeline. »Er ist bei Moin-Moin.«

»Passt er denn ins Haus?«, gab Brams überrascht zurück.

»Du bist heute offenbar nicht ganz bei dir, Brams«, tadelte ihn Krümeline. »Jeder andere hätte gefragt, was er dort will, und nicht, ob das Haus groß genug ist. Natürlich passt der König in Moin-Moins Haus. Notfalls setzt er eben die Krone ab.«

»Er ist ziemlich alt«, gab Brams zu bedenken.

»Sie wird ja nicht auf seinem Kopf festgewachsen und von Haaren zugewuchert sein«, entgegnete Krümeline lachend.

»Er hat Haare?«, fragte Brams erstaunt. »Haare?«

Krümeline zuckte die Schultern. »Was weiß ich! Vielleicht hat er auch eine Glatze.« Plötzlich blieb sie stehen und musterte Brams misstrauisch. »Falls du mir etwas sagen willst, Brams, so sprich es einfach aus, anstatt dich in Andeutungen zu ergehen.«

»Keine Andeutungen und nichts zu sagen«, behauptete Brams. »Hat er vielleicht gebrüllt und nach jemand im Besonderen verlangt?«

Krümeline atmete tief durch. »Es reicht jetzt. Ich werde keine deiner seltsamen Fragen mehr beantworten, bis wir dort sind.«

»Wohin gehen wir denn?«

»Kartoffelsalat mit Pilzen«, erwiderte Krümeline äußerst knapp.

Gleich nach dem Denkmal des Guten Königs Raffnibaff und dem Koboldmeer-zu-Land-und-Luft war Kartoffelsalat mit Pilzen sicherlich der drittbeliebteste Treffpunkt im Koboldland, und zwar hauptsächlich wegen des Namens, der auf sechs Häuser zurückging, von denen eines aussah wie eine Kartoffel, ein zweites wie ein Salatkopf und die übrigen vier wie Pilze. Die Hügel standen hier ein wenig weiter auseinander und machten dadurch Platz für eine flache, mit kurzem Gras bewachsene Senke. Brams war ganz erstaunt, als er sah, wie viele Kobolde sich auf der baum- und buschlosen Wiese versammelt hatten. Mehr als je zuvor, das war gewiss. Vielleicht Hunderte, vielleicht Tausende.

Der Erste, den er erkannte, war Moin. Mit seinen hängenden Schultern und zusammengekniffenen Augen machte er einen äußerst schuldbewussten Eindruck. Brams hielt sofort auf ihn zu.

»Ich sollte nicht immer so viel Milch durcheinander trinken«, begrüßte ihn Moin mit Leidensmiene und stieß auf. Das war nicht das Geständnis, mit dem Brams gerechnet hatte.

»Schlecht geträumt habe ich, aber ansonsten geht es mir gut«, erwiderte Brams. Das war auch nicht die flammende Anklage, die er hatte vorbringen wollen. Er senkte die Stimme. »Wie sieht der König aus? Hast du ihn vor dem Haus empfangen oder auf dem Dach?«

»Überhaupt nicht!«, wehrte Moin in weinerlichem Ton ab. »Was sollte er wohl bei mir wollen? Die längste Mission aller Zeiten abrechnen? Es ist ein ganz unsinniges Gerücht, das jemand in die Welt gesetzt hat. Trotzdem hält es jeder hier für nötig, mich darauf anzusprechen. Gerade heute, wo ich so etwas überhaupt nicht brauchen kann! Was soll übrigens der Unsinn mit dem Dach?«

»Eine Redensart«, behauptete Brams. »Keine sehr häufige: jemanden auf dem Dach empfangen. Du weißt schon.«

Unvermittelt drängte sich Erpelgrütz zwischen sie. »Scher dich deiner Wege, Bramsel! Moin hat den Guten König nicht getroffen und plant derlei auch nicht.«

»Ich weiß«, sagte Brams überheblich. »Es ist ein Gerücht, das mancher für Wahrheit genommen hat. Doch was machst du jetzt hier?«

»Ich?«, erwiderte Erpelgrütz.

»Nein, nicht du, sondern Moin-Moin.«

»Ich?«, antwortete Moin. »Irgendjemand meinte, wir sollten uns hier versammeln. Der König werde sich dann zeigen. Aber frag mich nicht, wer es war. Du weißt ja, wie das geht: Einer sagt etwas, der Nächste gibt es weiter, und so spricht es sich eben dann herum.«

Brams hob die Augenbraue. Er verspürte plötzlich ein gewisses Gefühl der Erleichterung. »So«, sagte er. »So? Das ist also alles?«

»Was erwartest du mehr?«, mischte sich Erpelgrütz ungefragt ein. »Vielleicht, dass jemand die dürre Glaubhaftigkeit des Ganzen etwas aufplustert, indem er verbreitet, dass jetzt in diesem Augenblick der König bei einem angesehenen ...« Urplötzlich verstummte er und warf dem Rechenkrämer einen verstohlenen Blick zu. Doch der schien ganz mit seinem Leiden ausgelastet zu sein.

»Bei mir hatte sich anfänglich gar nichts herumgesprochen«, beschwerte sich Brams. »Hätte ich nicht zufällig Krümeline getroffen ... Allerdings hat mir ein zweifelhafter Bote die Nachricht überbracht, ich solle zum Letztacker kommen.«

»Das klingt nach einem Streich«, urteilte Moin. »Dort wärst du heute ganz allein gewesen.«

»Fast allein«, verbesserte ihn Brams, da der Letztacker der Ort war, wo jeder hingebracht wurde, der lange genug kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte. Es sei denn natürlich, der Betreffende war ein Stein oder ein einschlägig bekanntes Knollengemüse.

»Ein schlechter Streich, möchte man gar meinen«, warf Erpelgrütz ein.

Brams wurde plötzlich bewusst, wen er vor sich hatte. »Moin, du hast doch Erfahrung mit Dämmerwichteln im Allgemeinen?«

Moin zuckte zusammen und sah womöglich noch leidender aus, da seine allgemeinen Erfahrungen mit Dämmerwichteln, wie Brams sehr genau wusste, vor allem aus Erfahrungen mit einer sehr speziellen Dämmerwichtelin in seiner Jugend bestanden.

»Was willst du denn wissen?«, fragte er ungnädig.

Brams wollte soeben antworten, als er eine blitzschnelle Bewegung am Rande seines Blickfelds wahrnahm. Er schrie auf, da sie machtvoll die Erinnerungen zurückbrachte, die er so gut verschlossen hatte und am liebsten vergessen hätte. Einen kurzen Augenblick lang stand er wieder in der Höhle und starrte auf den mächtigen Schädel, der sich aus der Höhe zu ihm herabsenkte. Erneut war in seiner Nase der Geruch verbrannter Fledermäuse und klangen ihm die Ohren vom Rasseln der schweren Kette und von der Stimme, der er kaum zu widerstehen vermochte: »Gehorche, Kobold, gehorche! Denn ich bin dein Herr!«

Doch der Verantwortliche für diese rasche Bewegung war Mopf, Moins zweiter Gehilfe. Ganz durcheinander wegen der unerwarteten Wirkung, die sein Erscheinen auf Brams hatte, verkündete er: »Moin und der König haben sich zwar getroffen, aber das ist noch kein Gerücht!«

Eine unerklärliche Unruhe kam auf. Moin reckte den Kopf und sagte: »Was wollen die denn?«

»Wer?«, fragten Brams, Erpelgrütz und Mopf sogleich im Chor. Doch Moin behielt die Antwort für sich. Das war allerdings nicht weiter schlimm, da er nicht der Einzige war, der dank seiner Größe die Menge überragte. Andere waren mitteilsamer: »Dämmerwichtel! Eine ganze Schar Dämmerwichtel!«

Endlich ließ sich auch Moin zu einer Antwort herab: »Die sehen fast so aus wie Menschen. Sie führen Stecken und Prügel mit sich.«

»Wo?«, erwiderten Brams und die beiden Gehilfen sowie zahlreiche andere Kobolde überall in der Menge, die in diesem Augenblick fast genau dieselbe Auskunft erhalten hatten. Sobald auch die zweite Frage, nämlich das »Wo?« beantwortet war, begann ein Schieben und Drängeln, das sich rasch nach allen Seiten ausbreitete. Da solches Verhalten nicht unüblich für Kobolde war, verharrten die Vordersten nicht so lange, bis sie aus dem Weg geschoben wurden, sondern verfielen in einen schnellen Laufschritt, dem sich die anderen anschlossen, sodass binnen weniger Augenblicke die gesamte Koboldmeute lachend, kreischend und immer seltener »Wo?« rufend über die Wiese rannte, auf deren gegenüberliegender Seite angeblich die Dämmerwichtel warten sollten.

Ein lang anhaltendes Donnergrollen rollte plötzlich über die Laufenden hinweg. Es ließ Knochen erzittern, Ohren dröhnen, ging durch Mark und Bein und löste sich erst nach und nach in einzelne Geräusche, Laute, Silben und schließlich Wörter auf. Eine Stimme sprach. Sie duldete keinen Widerspruch und forderte absoluten Gehorsam. »Bleibt stehen!«

Innerhalb eines winzigen Augenblicks hielt die ganze Koboldschar inne und richtete den Blick in die Höhe, woher die Stimme gekommen war. Auch Brams, den das kurze Rennen fast an die Spitze der Kobolde gebracht hatte, machte keine Ausnahme, wiewohl er schon vorher wusste, was er erblicken würde. Die Hoffnung auf eine Lüge war gestorben, und die widerliche Wahrheit hatte gesiegt: Über ihnen flog ein Drache!

Große, ledrige Schwingen trugen einen erstaunlich kurzen, gedrungenen Leib, der in einem langen, immer dünner werdenden Schwanz auslief. Er war mehrheitlich von schwarzen Schuppen bedeckt. Rote Schuppen zeichneten feine Linien. Der Hals war kaum kürzer als der Schwanz; auf ihm saß ein Schädel, dessen Stirn zwei Hörner entsprangen. Spitze Ohren mit fransigen Muscheln erweckten den Eindruck eines weiteren Paares seitlicher Hörner. Man musste schon gute Augen haben, um erkennen zu können, dass die scheinbaren Barthaare an der Spitze des Drachenmauls in Wirklichkeit fleischige Fühler waren. Brams brauchte keine guten Augen, da er es auch so wusste.

Der Drache sprach erneut: »Ich bin Tyraffnir, König des Koboldhimmels-zu-Land-und-Wasser, ihr werdet gehorchen!«

Auch dieses Mal ließ seine Stimme Mark und Bein erzittern. Gleichzeitig rückten die Dämmerwichtel wieder vor, die unter dem Ansturm der Kobolde zurückgewichen waren. Nicht schnell, nicht allzu auffällig, aber beharrlich.

Eine vergleichsweise dünne Stimme rief: »Unser König heißt aber Raffnibaff!«

»Raffnibaff!«, brüllte der Drache angeekelt. »Raff-ni-baff! Mein Name ist Tyraffnir, nicht Raffnibaff! Tyraffnir! Merkt euch das gefälligst, ihr Tölpel, ihr Spatzenhirne, ihr Koboldtrottel, ihr ...« So ging es eine ganze Zeit weiter, und obwohl die Stimme nichts an Bedrohlichkeit verloren hatte, begann sich Brams doch zu wundern, wie viele Schimpfwörter so ein alter Drache kannte.

Die Koboldin, die Tyraffnir widersprochen hatte und in der Brams nun ganz verwundert Krümeline erkannte, bot ihm jedoch weiterhin die Stirn.

»Raffnibaff war nett!«, rief sie trotzig.

Sie blieb damit nicht lange allein. Umgehend schlossen sich ihr scharenweise andere Kobolde an und brüllten im Chor: »Raff-ni-baff war nett! Raff-ni-baff war nett!« Sie schüttelten die Fäuste, wurden lauter und lauter und übertönten schließlich sogar den Drachen, der immer kleinere Kreise am Himmel flog. Dann kam auch noch Unterstützung.

Offenbar war dem Drachen, der gern König sein wollte, während seiner langen Abwesenheit entfallen, dass fast alle Lebewesen im Koboldland-zu-Luft-und-Wasser, ja sogar Geschöpfe, auf die weder »Leben« noch »Wesen« sonderlich gut passten, sehr gut reden und mitunter auch zuhören konnten. Die Spatzen wussten zwar nicht, was an einem Spatzenhirn schlecht sein sollte, hatten sich aber nach kurzem Hin und Her darauf geeinigt, dass der Verweis auf sie höchstwahrscheinlich nicht freundlich gemeint war. Daher kamen sie in großen Schwärmen angeflogen, um sich zu beschweren. Sie schlugen sich auf die Seite der Kobolde und zwitscherten empört: »Slip-slip! Slip-slip!« Zwar hörte sich ihr Rufen weder nach »Raffnibaff!« noch nach »Tyraffnir!« an, sodass sie letztlich keine große Hilfe waren, doch war ihr Einsatz wenigstens gut gemeint.

Brams war trotz allem stolz. So entsprach es der Koboldart, einem Tyrannen zu begegnen! Seitdem er die Wahrheit über Raffnibaff entdeckt hatte, hatte er sich nur vorgestellt, wie unglücklich alle Kobolde wären, wenn sie erführen, dass ihr Guter König Raffnibaff in Wirklichkeit ein kaltherziger Drache war. Was sie für wahr gehalten und hoch geschätzt hatten, würde sich dann als falsch erweisen. Wie niederschmetternd! Nun war er tatsächlich zurückgekehrt, und alle konnten ihn sehen. Aber dennoch war es nicht so schlimm, wie Brams es sich ausgemalt hatte. Raffnibaff würde bestimmt nicht lange bleiben, das zeichnete sich unweigerlich ab. Einiges würde sich nun allerdings ändern müssen. Künftig wäre nicht mehr die Rede vom Guten König, der seinem Volk zum Abschied viel Spaß gewünscht hatte, sondern vom Furchtbaren, der mit vereinter Kraft vertrieben worden war. Wenigstens einer der überlieferten Sätze bliebe wahr: Ihr braucht keinen König mehr!

Ganz plötzlich wurde Brams unsicher. Alles passte so schlecht zusammen wie aufgequollenes Holz! Mit einem Mal musste er daran denken, wie der Drache sie damals in der Höhle bedroht und verspottet hatte, wie er alles daran gesetzt hatte, sie zu zwingen, ihn zu befreien, wie er als unverhüllte Drohung Feuer gespieen und die Fledermäuse in Brand gesetzt hatte. Würde er vielleicht Gleiches auch jetzt versuchen? War womöglich noch längst nicht alles ausgestanden? Brams verstummte, sah bang hoch zu dem Drachen und merkte auf einmal, dass der Boden unter seinen Füßen vibrierte. Wie lange ging das schon so? Seit eben erst oder schon die ganze Zeit?

König der Kobolde

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