Читать книгу König der Kobolde - Karl-Heinz Witzko - Страница 5
2.
ОглавлениеIm Nu war Kinnwolf bei ihr, packte sie und zerrte sie in die Küche. Nelli dachte überhaupt erst daran, Gegenwehr zu leisten, als sie bereits auf den Küchentisch geworfen und von kräftigen Händen festgehalten wurde. Flinke Finger banden Riemen um ihre Gelenke, so geschickt, als täten sie es gewiss nicht zum ersten Mal. Plötzlich sah Nelli Adalbrands Gesicht. Kalte Wut loderte in seinem Blick.
»Du machst mir alles kaputt. Warum lauschst du auch, blöde Kuh? Was geht es dich an, was ich und mein Bruder zu besprechen haben? Das war nicht nötig!«
Er wandte sich ab, ging zum Küchenschrank und entnahm ihm ein schmales, mit Samt gefüttertes Kästchen, das ein Messer enthielt. Adalbrand hatte Nelli von Anfang an verwehrt, es jemals zu benutzen, da die Klinge angeblich bei unzureichender Pflege Schaden nahm. Dieser Ermahnung hätte es nicht bedurft, da schon ein kurzer Blick auf die unterarmlange, handbreite Klinge ausreichte, um Nelli für alle Zeiten davon zu überzeugen, dass sie sich unweigerlich schneiden würde, sollte sie sie jemals anrühren.
Adalbrand nahm das Messer heraus, griff nach einem Wetzstahl und begann die Klinge mit gleichmäßigen Strichen zu schärfen. »Alles macht sie kaputt!«, wiederholte er dabei düster.
Nelli wurde so elend vor Angst, dass sie meinte, sich übergeben zu müssen. Sie bäumte sich auf und schrie. Doch sogleich drückte Kinnwolf ihren Kopf roh auf die Tischplatte und drohte: »Einen Mucks noch, und ich breche dir den Hals!«
Trotz dieser letztlich sehr sinnlosen Drohung wimmerte Nelli. Kinnwolfs fester Griff verhinderte, dass sie Adalbrand bei seinen Vorbereitungen noch weiter zusehen musste. Das Fenster, das war nun alles, was sie sah.
Draußen regnete es inzwischen in Strömen. Der Himmel war gleichmäßig dunkelgrau und würde noch viel dunkler werden, je mehr der Tag seinem Ende zuging. Vielleicht wäre der letzte Sonnenstrahl auch gleichzeitig das Letzte, was sie in diesem Leben sehen würde? Vielleicht kam ihr Ende aber auch früher oder später, kein bisschen geplant und passend, sondern völlig beliebig und beiläufig. Gerade dieser Gedanke erfüllte Nelli mit besonderer Trauer.
Mit einem Mal vermeinte sie fremde Stimmen zu hören. Sie waren sehr leise und schienen weit weg zu sein. Nelli gab sich alle Mühe, sie zu verstehen, und verkrampfte sich regelrecht dabei. Gerne hätte sie Adalbrand aufgefordert, für einige Augenblicke mit dem gleichmäßigen »Schrapp! Schrapp!« des Messerschleifens aufzuhören. Doch das wäre vielleicht kein guter Einfall gewesen.
Endlich löste sich das Murmeln in zwei einzelne, flüchtige Stimmchen auf.
»Diese Eile ist unvernünftig. Wenn sie ihn jetzt finden, dann haben sie ihn bereits gegessen.«
»Aber nicht, wenn wir früher kommen.«
»Auch früher ist keine Gewähr, dass es rechtzeitig ist.«
»Aber wenn wir rechtzeitig da sind, so ist es doch wieder zu spät.«
»So ist es. So oder so ist diese Eile sinnlos. Er ist nicht mehr da, auch wenn er jetzt noch da sein sollte.«
»Also sollten wir uns beeilen, willst du damit sagen?«
Die merkwürdige Rede verunsicherte Nelli. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich Stimmen vernahm oder ob nur die knarrend aufschwingenden Tore zum endgültigen Wahnsinn diese Geräusche verursachten.
Der nächste Augenblick verstärkte ihre Unsicherheit beträchtlich, denn etwas Großes bewegte sich draußen vorbei. Wegen des starken Regens war sich Nelli auch nach dem zweiten Blinzeln nicht sicher, was sie sah. Der regenverhüllte, braunweiße Fleck sah zwar aus wie ihre Kuh – ganz bestimmt! –, aber nicht so, als habe sich das Tier wundersamerweise aus dem Stall befreit und trotte nun gemächlich im Regen einher, sondern arg, arg anders.
Eher so, als habe jemand die Kuh im Stall erstarren lassen und trage sie nun bauchaufwärts am Fenster vorbei. Steif und gerade zeigten ihre Beine und Hufe zum Himmel.
Nelli vergaß, dass sie eigentlich um Hilfe hatte rufen wollen. Stattdessen flüsterte sie »Fenster!« und lernte daraus, wie wenig ihr der Wahnsinn drohte, denn Kinnwolfs Griff um ihren Kopf lockerte sich sogleich. Nicht einmal, dass ihn Nelli in den Daumen biss, um seine Hand ganz zu verscheuchen, kümmerte ihn. Er sagte bloß: »Adi, da klaut einer die Kuh!« und rannte zornig ins Freie.
Die Kuh hörte auf, sich zu bewegen. Mit wem sich Kinnwolf stritt, konnte Nelli nicht erkennen. Umso besser verstand sie seine überschnappende Stimme.
»Was soll das? Ihr Gören nehmt sofort die Finger von unserer Kuh!«
»Meins!«, antwortete trotzig eine unbekannte Stimme.
Kinnwolf stieß einen Schmerzenschrei aus: »Mein Schienbein!« Dann schien er zu stürzen. Er rief noch nach seinem Bruder, doch gleich danach war nur noch das eifrige Trommeln des Regens zu hören.
Adalbrand fluchte. Das große Messer in der einen Hand, den Wetzstahl in der andern, sah er nun ebenfalls draußen nach dem Rechten.
»Wachsam, er scheint auf einen bösen Streich aus zu sein!«, warnte eine der fremden Stimmen.
»Und ob er das ist!«, brüllte Adalbrand. »Verschwindet, ihr frechen Kinder, oder es endet übel. Das ist meine Kuh!«
»Deine?«, äffte ihn eine spöttische Stimme nach. »Dann fang sie eben!«
Nelli vernahm einen fassungslosen Ausruf, gefolgt von etwas sehr schwerem, das auf dem Boden aufschlug. Wieder herrschte Stille.
Nelli zögerte nicht länger. Sie riss an ihren Fesseln, ungeachtet des Schmerzes, mit dem sie in ihr Fleisch schnitten, und schrie aus Leibeskräften: »Hilfe! Hilfe! Rettet mich! Sie wollen mich morden!«
Doch niemand kam.
Sie hatte schon beinahe die Hoffnung aufgegeben, als sie plötzlich leichte Schritte hörte.
»Hier ist niemand«, sagte eine Stimme.
»Ich bin doch hier!«, rief Nelli. »Schnell, bindet mich los, bevor sie zurückkommen.«
»Das kommt von da oben«, hörte sie nun sagen und wunderte sich. Wer mochte eine Tischplatte als »da oben« bezeichnen?
»Wer mag das sein?«, ging es weiter.
»Du solltest vielleicht nachschauen, Brams.«
»Hilf mir hoch, Rempel Stilz!«
Einen Herzschlag später kletterte eine kleine Gestalt auf den Tisch. Sie trug einen hellen Kapuzenmantel mit Dutzenden von Knöpfen und war so groß wie ein zweijähriges Kind. Flüchtig betrachtet würde sie zweifellos auch als eines durchgehen, doch der klare Blick, den Nelli dank ihrer misslichen Lage auf ihren Besucher hatte, ließ einen solchen Eindruck gar nicht erst aufkommen. Das Gesicht der Gestalt besaß weder die Proportionen eines Kindergesichts, noch wies es die großäugige, runde Niedlichkeit auf, diese angeborene Unschuld, die selbst den Jungen der blutgierigsten Raubtiere noch zu eigen ist. Andererseits war es auch nicht das Gesicht eines Erwachsenen oder allenfalls in dem Sinne, dass, wenn sein Besitzer kein Kind oder Heranwachsender war, er schließlich irgendetwas anderes sein musste. Entweder oder! Das Gesicht war völlig glatt, geradezu maskenhaft und unnatürlich! Die vielen kleinen Spuren, die die Jahre hinterlassen, die Erinnerungen an Freude, Glück, Trauer, Enttäuschung, Verdruss und Eintönigkeit, die sich in Kanten, Fältchen oder grauen Haaren niederschlagen und wohlmeinend als Reife bezeichnet werden, fehlten vollkommen. Von diesem Gesicht war keinerlei Auskunft zu erwarten, ob es dreißig, fünfzig oder neunzig Jahre zählte. In ihm konnte man wie in dem Gesicht einer Puppe allenfalls Ausschau nach einem Geflecht feinster Haarrisse auf der glatt polierten Oberfläche oder nach Sprüngen im Holz halten. Aber es war nicht aus Holz! Schon die überaus lebhaften, alles neugierig erfassenden Augen sprachen dagegen.
Nelli war sich auf einmal ganz sicher, dass sie es nicht mit einem Menschen zu tun hatte. Sie musste an die Geschöpfe des Waldes denken, die vielen reizbaren, aber mitunter auch hilfreichen Geister, die die alten Legenden und Märchen ihrer Kindheit bevölkerten und die die Priester Monderlachs scharf als Aberglauben verurteilten, als kaum verhüllte Verniedlichung des Erzbösen. »Kobolde« kam ihr in den Sinn. Gehörten ihre Besucher etwa zu diesem Volk?
Sprachlos starrte Nelli die winzige Erscheinung an. Einen Augenblick lang schwankte sie zwischen ihrer Furcht vor dem Zorn der Priester und dem Drang zu überleben, dann bat sie: »Schnell, binde mich los!«
»Warum?«, fragte das Männchen auf dem Tisch.
Nelli dachte nach. Was wusste sie über Kobolde?
»Heißt du vielleicht Klaas?«
Der Kobold schüttelte den Kopf.
»Heißt du dann womöglich Kunz?«
»Mitnichten!«
Nelli lächelte. »Heißt du dann etwa ... Brams?«
Der Kobold seufzte. »So ist es. Brams, das ist mein Name.«
Nelli atmete erleichtert auf. »Also musst du nun tun, was ich befehle, da ich deinen Namen kenne! Binde mich auf der Stelle los, Brams!«
Das Gesicht des Kobolds wurde ganz runzlig. Nelli hatte ein unbestimmtes Gefühl, dass er womöglich über sie lachte. »Mitnichten! Es wirkt nicht bei mir«, sagte er.
»Es wirkt nicht?«, wiederholte Nelli enttäuscht.
»Wie ich es sage. Doch da wir schon einmal dabei sind, uns einander vorzustellen: Heißt du womöglich Hedewiche?«
»Nein, wieso?«, antwortete Nelli verwirrt.
»Dann heißt du bestimmt Forstpurga?«
»Auch nicht! Wie kommst du denn darauf?«
»Dann womöglich Brünntruda?«
Nelli wollte bereits erneut verneinen, als sie durchschaute, worauf diese Fragen hinauszulaufen schienen. Konnten dieses Spiel etwa auch zwei spielen? Sie erinnerte sich, dass sie noch einen anderen Namen gehört hatte, und rief, als er ihr wieder einfiel: »Rempelpilz! Derjenige, der Rempelpilz heißt, muss mir gehorchen und mich losbinden.«
»Stilz!«, klang es fröhlich unter dem Tisch hervor. »Rempel Stilz ist der Name. Aber bei mir wirkt der Zauberzwang auch nicht.«
»Bei wem wirkt er denn?«, rief Nelli ungeduldig.
Das Gesicht des Koboldes Brams wurde runzelig. »Bei niemandem. Es ist nur ein Streich.«
»Von unserem König!«, schallte es von unten hoch. »Dem Guten König Raffnibaff!«
Ein Schatten legte sich für einen winzigen Augenblick auf Brams’ Gesicht. »Das ist nicht erwiesen!«, widersprach er. »Aber nun müssen wir wieder weiter.«
»Bindet mich los!«, flehte Nelli noch einmal. »Ihr bekommt auch Milch von mir.«
Dieses Angebot wirkte wie ein mächtiger Zauber. Mit lautem Scharren wurden Stühle an den Tisch geschoben und Nelli war ihre Fesseln so schnell los, dass sie es kaum mitbekam. Als sie sich aufsetzte und ihre Handgelenke rieb, zählte sie vier Kobolde. Sie standen auf den Stühlen, klopften mit ihren Becherchen auf den Tisch und riefen: »Milch! Milch! Milch!«
Nelli stieg vom Tisch herunter. »Ich muss erst in den Stall, um die Kuh zu melken«, sagte sie und öffnete vorsichtig die Haustür. Der Regen hatte fast aufgehört. Von Adalbrand und seinem Bruder war weit und breit nichts zu sehen. Die Kuh steckte wie ein riesiges Spielzeug mit dem Rücken im aufgeweichten Boden. Noch immer zeigten ihre Beine zum Himmel. Bei dem Anblick fiel Nelli noch etwas Weiteres ein, was sie über Kobolde gehört hatte.
»Die Kuh«, begann sie in dem Wissen, dass ihr mindestens einer der kleinen Gesellen gefolgt war.
»Das ist unsere«, wurde sie schnell unterbrochen.
Ansichtssache, dachte Nelli und stellte die entscheidende Frage: »Ist im Stall ebenfalls eine Kuh?« Bewusst vermied sie die Wörter »meine« oder gar »unsere«.
»Ja«, wurde ihr mit merklicher Verzögerung bestätigt.
Aha, dachte Nelli. Die Geschichte mit den Wechselbälgern stimmte also. Denn so sagte man: Immer wenn Kobolde ein Tier stahlen oder jemanden entführten, ließen sie etwas zurück, das ihm bis aufs Haar glich, aber vor Tücke strotzte, nämlich einen Wechselbalg. Sie war froh, gefragt zu haben, bevor sie arglos in den Stall gegangen wäre. Bestimmt hätte die vermeintliche Kuh scheinbar unabsichtlich fortwährend den Melkeimer umgestoßen, sie mit dem Schwanz geschlagen oder am Ende gar besudelt!
Unterdessen trugen die Kobolde die echte Kuh mit vereinten Kräften auf die andere Hausseite, wo sie dem Regen nicht ganz so ausgesetzt war.
»Ich glaube, in der Küche ist auch noch Milch«, sagte Nelli, als sie zurück waren, und trat wieder ins Haus. Dort füllte sie die Becher ihrer Gäste aus einem Krug, der zum Schutz vor Mücken mit einem Teller abgedeckt war. Während die vier – Nelli hatte zwischenzeitlich erfahren, dass die übrigen beiden Pürzel und Krümeline genannt wurden – genießerisch ihre Milch tranken, als wäre sie der alleredelste Wein, dachte Nelli über ihre Zukunft nach.
Hier konnte sie selbstverständlich nicht länger bleiben. Am besten schnürte sie, so viel sie tragen konnte, zu einem Bündel. Viel würde das allerdings nicht sein, dachte sie traurig. Sie würde diesen unheilvollen Hof mit weitaus weniger verlassen, als sie ihn vor ein paar Wochen betreten hatte. Dann musste sie an Adalbrand und Kinnwolf denken. Die Kobolde hatten sie zwar vertrieben, doch irgendwo mussten die beiden stecken. Sie dachte an den stundenlangen Weg durch den Wald, ganz allein, und an die vielen, vielen Bäume und Büsche, hinter denen ihr die beiden Brüder auflauern konnten. Was sollte sie bloß tun?
Plötzlich hatte sie einen ungeheuerlichen Einfall. »Ich möchte euch begleiten«, sagte sie zu ihren Besuchern.
Die Kobolde kreischten vor Vergnügen und konnten sich kaum beruhigen. Offenbar schien sie der Vorschlag sehr zu belustigen, und wenn Nelli noch irgendwelche Zweifel gehabt hatte, dass ihre Gesichter runzelig wurden, wenn sie lachten, so wurden diese nun endgültig ausgeräumt.
»Ausgeschlossen!«, sagte Brams, nachdem er mit Lachen aufgehört hatte. »Völlig ausgeschlossen. Wir können dich nicht mit nach Hause nehmen.«
Nelli erschrak. Bei allen guten Geistern! Das hatten ihre Worte nun wirklich nicht bedeuten sollen. Tatsächlich klang der Vorschlag, die Kobolde nach Koboldheim oder Koboldhausen oder wohin auch immer zu begleiten, nicht wesentlich verlockender, als von Adalbrand und Kinnwolf ermordet, zerstückelt und mit Knödeln und einer Preiselbeersoße angerichtet zu werden.
Rasch stellte Nelli den falschen Eindruck richtig. »Ich meinte doch nur, wir könnten ein Stück gemeinsam wandern. Am liebsten, bis wir aus dem Wald heraus sind. Doch wenn es nicht anders geht, dann eben so weit wie möglich.«
»Warum?«, fragte Krümeline. Nelli vermutete, dass sie eine Koboldfrau war, war sich aber nicht ganz sicher.
»Weil ich euch einen Kuchen dafür backen werde«, antwortete sie.
»Abgemacht!«, brüllten die Kobolde.
Das war ja einfach, dachte Nelli. Offenbar galt hier das eiserne Gesetz von Angebot und noch einem Angebot. Sie machte sich sogleich ans Werk und duldete es, dass die Kobolde später über den Kuchen herfielen, obwohl er noch dampfte. Wie sie eben so vieles hinnahm seit ihrer wundersamen Errettung vor dem Verzehrtwerden. Morgen, vielleicht auch erst in ein paar Tagen würde sie sicherlich alles, was sich gerade zutrug, in einem anderen Licht sehen. Vielleicht würde sie kreischen, weinen und sachkundige Hilfe benötigen. Doch nicht jetzt. Jetzt weilten Kobolde im Haus, und das Beste war es, gar nicht erst darüber nachzudenken, wie seltsam und befremdlich das war.
Inzwischen waren die vier dazu übergegangen, ihre Becher selbst zu füllen. Dass der Krug immer noch nicht leer war, war merkwürdig, doch vielleicht hatten sie einen Weg gefunden, ihre stocksteife Kuh zu melken. Auch darüber lohnte es nicht, sich den Kopf zu zerbrechen. Nicht jetzt. Es gab Dringlicheres zu erledigen, wie etwa die Vorbereitung ihrer Abreise.
Nelli ging ins Schlafzimmer und häufte alle ihre Kleidung auf dem Ehebett auf. Danach trennte sie die Kleidungsstücke, die sie mitnehmen wollte, von denen, die sie aufgeben müsste. Sie hatte sich von vornherein vorgenommen, erheblich weniger zusammenzupacken als sie tragen konnte. Denn falls während ihrer Wanderung eine schnelle Flucht nötig wurde, wollte sie nicht Gefahr laufen, ihren gesamten verbliebenen Besitz wegwerfen zu müssen, um den Verfolgern zu entkommen.
Als sie nach einiger Zeit mit viel Herzschmerz den ursprünglichen Haufen in zwei kleinere geteilt hatte, seufzte sie unzufrieden, warf alles wieder zusammen und begann von vorne. Erst nach dem dritten Anlauf gab sie den Versuch auf, eine Aufteilung zu finden, die sie weniger unglücklich machte. Sie konnte einfach nicht alles mitnehmen! Niedergeschlagen faltete sie die Wäsche zusammen, die hierbleiben musste, und legte sie wieder in den Schrank zurück. Erst nach einer Weile wurde ihr die Unsinnigkeit ihres Ordnungsdranges bewusst. Sie wischte die restliche Kleidung auf den Boden, ließ sich aufs Bett fallen und starrte zur Decke. Da sie vor noch nicht allzu langer Zeit frisch gekalkt worden war, war sie noch strahlend weiß und ohne Risse oder Spinnweben. Von diesem Anblick wurde Nelli plötzlich ganz flau.
Sie erhob sich und öffnete eine Truhe, an die sie bislang nicht gedacht hatte. Auch aus ihr blitzte es ihr weiß entgegen, da sie ihre Linnen und Tischdecken enthielt. Nelli blickte zu dem kleinen Häufchen, das sie mitnehmen würde, und entschied, dass sie ohnehin etwas brauchte, in das sie ihr Bündel schnüren könnte. Sie zerrte die jahrelang sorgsam und stolz gehüteten Tücher aus der Truhe und entschied sich für ein Betttuch und eine Tischdecke. Das war doch sicher nicht zu viel des Guten? Dabei fand sie jedoch noch ein Schultertuch, das sich in die Truhe verirrt hatte und einstmals von ihrer Großmutter – ihrer leiblichen Großmutter – bestickt worden war. Auf keinen Fall durfte es den Ungeheuern überlassen werden! Es war das Einzige, was noch vom Leben dieser gütigen Frau übrig geblieben war, und sollte sie, Nelli, je eine eigene Tochter haben, so könnte sie ihr damit beweisen, dass es vor ihnen beiden noch jemand anderen gegeben hatte und damit Hoffnung bestand, dass auch sie einst nicht im Vergessen vergehen würden.
Mit etwas Glück regnete es morgen vielleicht, sodass das Tuch sogar eine nützliche Aufgabe erfüllte, dachte sie, sich selbst beruhigend.
Plötzlich kreischte Nelli auf und rannte in die Küche. Wäsche war nicht das Einzige, was sie mitgebracht hatte! Sie ließ den Blick über ihre Schätze schweifen, die Töpfe, Schälchen, Rührlöffel und so manches Küchengerät, und beschloss dann, dass eine einzige Schüssel in den Rang der erwählten und auserlesenen Dinge aufsteigen sollte, die unter allen Umständen gerettet werden mussten. Sie war nicht wertvoll und nicht einmal sonderlich schön, sondern irden und zwar liebevoll, aber unkundig bemalt. Sie hatte ihrer Mutter gehört. Nelli nahm sie, drückte sie an ihren Busen und eilte zurück ins Schlafzimmer. Dort setzte sie sich schluchzend aufs Bett.
Wie viel leichter wäre alles, wenn der Bauernhof gleich nach ihrer Errettung bis auf die Grundmauern abgebrannt wäre! Dann müsste sie jetzt nicht selbst den Dolch führen, der jahrelanger Arbeit und Mühe den Garaus machte. Alles wäre Schicksal, gegen das sich nicht ankämpfen ließ.
Unter Tränen verfluchte sie ihre Heirat, die sie beinahe das Leben gekostet hätte und deretwegen sie künftig so arm sein würde wie eine Tempelmaus. Nun schickte sie sich auch noch an, die Erinnerung an ihre Verwandten zu vertilgen, ja im Grunde deren ganzes Lebenswerk aufzufressen!
»Nicht weinen, Nelli«, tröstete sie eine sanfte Stimme. Nelli wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte sich um, aber sie war allein im Zimmer. Sie bückte sich, sah unter dem Bett nach, aber auch da war kein Kobold zu finden. Schließlich ging sie zum Fenster und schaute durch einen der Schlitze in den Fensterläden ins Freie. Es regnete nicht mehr, und ein frischer Wind hatte die Wolken vertrieben. Der Mond war nicht so voll, dass ihn Wölfe begierig hätten anheulen wollen, doch hell genug, um jeden Schritt ihrer nächtlichen Jagden zu beleuchten. Eine halbe Armeslänge von sich entfernt erkannte Nelli Adalbrand. Mit derselben sanften Stimme wie zuvor sprach er: »Nicht mehr weinen, Nelli. Und nun öffne, Schatzi!«