Читать книгу Zwillinge - Lotte Dalgaard - Страница 9
ОглавлениеKapitel 7
Ich war größer geworden und Opa war zum letzten Mal zu einem abendlichen Besuch auf meinem Zimmer gewesen. Das war nun schon lange her und ich hatte jeden Abend wach gelegen, meine Hände zu Fäusten geballt, meinen Atem angehalten und alle Muskeln angespannt. Aber er kam nicht mehr.
Zuerst hatte ich ein komisches, leeres Gefühl in der Magengegend gehabt. Und dann begann es regelrecht in mir zu brodeln. Ich kaute Nägel und die Haut um die Nägel herum, klaute nachmittags Süßigkeiten im Milchladen an der Ecke, die ich oben auf meinem Zimmer in mich reinstopfte. Ich begann, Mutter und Oma Zigaretten zu klauen und rauchte sie, sobald ich Gelegenheit dazu hatte. Und ich hatte mit Erik eine Flasche Kirschwein hinter der Schule geteilt.
Das war ein gutes Gefühl gewesen. Dazusitzen und das Rauschen des Weines im Kopf zu fühlen und die Ruhe, die mir die Zigaretten für einen Moment verschafften. Danach hatten wir welche aus der zweiten Klasse geschubst und ich fühlte mich wie ein Teufelskerl. Das dämpfte alles. Ich bekam das Gefühl, selbst zu bestimmen. Ich war derjenige, der die Kontrolle hatte.
Niemand sollte mich jemals wieder gegen meinen Willen anfassen. Das entschied ich an jenem Abend, als meine Mutter hochkam um Gute Nacht zu sagen. Sie hatte bemerkt, dass Opa nicht länger zu mir ins Zimmer kam und Gutenachtgeschichten vorlas. Aber dafür war ich wohl zu groß geworden. Einen Kuss konnte ich noch bekommen.
Als sie sich über mich beugte, legte ich meine Hand um ihren Hals und flüsterte, dass sie aus meinem Zimmer verschwinden sollte. Mutter hatte ängstlich ausgesehen, als sie ging. Und traurig. Das Mitleid, das ich einen kurzen Augenblick empfunden hatte, verschwand und wurde verdrängt von einem Rausch, der besser war als die Süßigkeiten, Zigaretten und der Alkohol.
Ich hatte gefühlt, wie es war, Macht zu haben. Und von diesem Augenblick an gab es keinen Weg zurück.