Читать книгу Die Prophezeiung - Markus Waldmann - Страница 4
ОглавлениеKapitel II
Jens fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, noch nie hatte er jemanden von seinem Problem erzählt. Aber er wusste, wenn er nicht bald Hilfe fand, würde er sich umbringen. Es war einfach nicht mehr zu ertragen. Er betätigte die Klingel zu Professor Doktor van den Houts Praxis.
Das Haus, in dem sich die Praxis befand, war eine Villa aus dem 19. Jahrhundert. Solche Gebäude gefielen Jens, und dem Besitzer ging es wohl nicht anders. Schon von außen sah man, dass das Haus ordentlich gepflegt wurde. Der Garten und die Fassade waren in einem hervorragenden Zustand.
Als der Summer ertönte, trat er ein, sein Blick fiel auf die Anmeldung, und was er dort sah, überraschte ihn. Auch von Innen war der Charme des alten Gebäudes erhalten worden. Und die Frau hinter der Theke hatte er schon öfter auf dem Campus gesehen, da er aber keine Zeit für Bettgeschichten hatte, ließ er die meisten Mädels links liegen. Nun war er überrascht, dass eines der schönsten Mädchen der Uni ausgerechnet Jasmin war. An ihrem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass sie ganz genau wusste, wer er war und wie er aussah.
Jetzt, wo er im Wartezimmer saß, dachte er darüber nach, welches Glück er hatte, dass er sie nie angesprochen hatte. Wahrscheinlich hätte sie ihn zum Teufel gejagt und zum Gespött der ganzen Uni gemacht.
Während er wartete, hatte er das Gefühl, die Last würde ihn erdrücken. Allein schon die Überwindung, Jasmin anzurufen und um diesen Termin zu bitten, war ein große Hürde gewesen. Sie hier dann wieder zu sehen, hatte seinen Geist dann noch mehr verwirrt, dieses bezaubernde Wesen sollte Jasmin sein? Wenn er in seinen Erinnerungen zurück zu der Zeit ging, als sie noch zusammenlebten, sah er ein kleines plumpes und kräftiges Mädchen. Er wusste, dass er gemein zu ihr war, aber ändern konnte er es nicht mehr.
Als er ihr gegenüber stand, hatte er gespürt, wie kalt sie ihm gegenüber war. Auch heute, nach mehr als 10 Jahren, war sie noch sauer auf ihn.
Jasmin ging zu Nick ins Behandlungszimmer.
“Jens ist da, darf ich dabeibleiben, wenn du mit ihm sprichst?”
Nick sah sie an.
“Ich glaube, dass ist keine gute Idee Jasmin, Jens scheint ein Problem zu haben. Es wäre möglich, dass er sich mir nicht anvertraut, wenn du mit im Zimmer bist. Er spürt die eisige Kälte, die du ihm gegenüber ausstrahlst.”
Jasmin blickte Nick fragend an.
“Woher weißt du was er fühlt?”
Nun lächelte der Doktor.
“Oh je Jasmin, selbst ich spüre die Kälte, und das schon, wenn du nur von ihm sprichst. Wenn du magst, kannst du über die Sprechanlage zuhören. Bedenke aber bitte, dass wir damit sein Vertrauen missbrauchen, also erwähne es ihm gegenüber nicht.”
Geknickt ging sie hinaus, um Jens ins Sprechzimmer zu holen.
Als Jens so dasaß und darauf wartete, zum Doktor vorgelassen zu werden, gingen ihm noch viele Gedanken durch den Kopf. Er hoffte, dass der Arzt ihn nicht für komplett Durchgeknallt halten würde. Eine Einweisung in die Psychiatrie wäre das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Die Tür zum Sprechzimmer öffnete sich und Jasmin erschien.
“Du kannst reinkommen, Dr. van den Hout hat jetzt Zeit für dich.”
Noch immer spürte er die Kälte, die von ihr ausging. Mit einem leichten Seufzer stand er auf und ging auf wackeligen Beinen durch die Tür. Als er das Sprechzimmer betrat und den Arzt erblickte, blieb er augenblicklich wie angewurzelt stehen. Die Person hinter dem Schreibtisch kam ihm bekannt vor.
“Hallo Jens, wie mir Jasmin berichtet hat, hast du ein Problem, mit dem du nicht mehr alleine zu recht kommst!”
Der verdutzte Ausdruck auf Jens Gesicht verflog langsam, jetzt kam eine Mischung aus Freude und Angst in ihm auf. Wie würde Nick auf seine Geschichte reagieren.
“Hallo Nick, ich wusste gar nicht, dass du Arzt bist, und seit wann wohnst du hier?”
Noch immer wusste er nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte, alles hatte er erwartet, aber nicht, dass Nick der Arzt war, an den er sich wendete.
“Nun, du weißt Vieles von mir nicht, hier wohne ich, seit du dich mit Jasmins Eltern überworfen hast. Ich habe geahnt, dass du größere Probleme hast. Nun erzähl doch mal!”
“Ja, ich habe ein Problem, und auch eine Menge Angst, darüber zu sprechen.”
Nick schaute ihn verständnisvoll an.
“Mach dir mal keine Gedanken, egal was du mir zu erzählen hast, es wird mich nicht schockieren können. Dafür höre ich hier viel zu viel abgefahrene Geschichten.”
Es beruhigte Jens ein wenig, das zu hören, seine Unsicherheit war noch immer nicht verflogen.
Im Nachbarraum hörte Jasmin über die Gegensprechanlage mit, es war nicht richtig, es stellte eine Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht dar. Das interessierte sie jedoch im Moment nicht. Sie wollte unbedingt wissen, was mit Jens los war, welche Probleme er hatte. Trotz ihrer Wut auf Jens machte sie sich Sorgen, immerhin kannten sie sich schon ihr ganzes Leben lang. Außerdem hoffte sie zu erfahren, ob in seinem Problem eine Erklärung zu finden war, weshalb er früher so unausstehlich zu ihr war. Sie brannte förmlich darauf, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, vielleicht weil sie sich wünschte, wieder ein normales Verhältnis zu ihm zu haben.
“Also, schieß los.”
Der Plauderton von Nick lockerte etwas die Anspannung von Jens.
“Wie schon früher kommst du ohne Umwege auf den Punkt. Ich kann mich an so viele Sachen erinnern, die mit dir zusammen hängen, so dass es mir nicht gerade leicht fällt, einfach darauf los zu plappern.”
Der Arzt nickte nur kurz.
“Das weiß ich, aber du brauchst dir keine Gedanken darum zu machen. Gehe ich zu Recht davon aus, dass dich Träume plagen, die dir sehr realistisch vorkommen und dich fast in den Wahnsinn treiben.”
Die Überraschung war perfekt, Jens bekam den Mund gar nicht mehr zu.
“Woher weißt du das?”
Nick schmunzelte.
“Wie du dich vielleicht erinnern kannst, kannte ich deine Eltern sehr gut. Schon damals erzählten sie mir, dass du oft nachts heulend aufgewacht bist. Dies war einer der Gründe, weshalb ich so oft bei euch war. Leider warst du schon als Kind sehr verschlossen, zumindest was diese Sache betraf, ich hatte es nicht einfach mit dir, ein Bild von deinen Träumen konnte ich mir nie machen. Nachdem deine Eltern gestorben waren, hörten deine Träume auf. Ich habe immer befürchtet, dass es wieder anfangen könnte, immerhin warst du gerade acht Jahre alt und hattest dein Leben noch vor dir. Mit Anke und Mathias habe ich dann beschlossen, dass sie dich aufnehmen sollten, da es mir so besser möglich war, in Kontakt mit dir zu bleiben.”
Jens unterbrach Nick.
“Wie war es euch möglich, das zu bewerkstelligen, normaler-weise hätte ich doch an die nächsten Verwandten übergeben werden müssen. Und soviel ich weiß, habe ich noch einen Onkel in Köln.”
“Reg dich bitte nicht auf Jens, natürlich wäre das der amtliche Weg gewesen. Nur hatten Anke, Mathias und ich uns verpflichtet, uns um dich zu kümmern, falls deinen Eltern je was zustoßen würde. Außerdem hast du in einer Sache unrecht, dein Onkel wohnt keineswegs in Köln. Er wohnt hier in Wittlich!”
Die Offenbarung war etwas zu viel für Jens, sein Kopf begann zu schwirren, er fühlte sich elend. Wer war sein Onkel, und warum hatten Mathias und Anke das nie erwähnt. Vielleicht hätte er ihm ja helfen können oder ihn zu mindestens etwas unterstützt, als er ausgezogen war.
“Aber... Wer.... Ich meine wo?”
Jens brachte nur noch Gestammeltes hervor.
“Ich Jens, ich bin dein Onkel - oder besser gesagt dein Großonkel. Dein Vater und ich waren Cousins; da unsere Eltern, genauso wie dein Vater und ich, Einzelkinder waren, bin ich dein letzter lebender Verwandter.”
Jetzt war es für Jens ganz aus, wie konnte das sein, warum hatte ihm nie einer etwas davon erzählt? Er fühlte sich mies, wie sollte er jetzt reagieren, er stand auf und lief im Zimmer umher.
“Warum hast du mich nicht aufgenommen?”
Nick senkte den Blick.
“Ja, die Frage ist berechtigt, ich möchte dir darauf auch antworten aber als Erstes setzt du dich wieder hin. Es ist angenehmer von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.”
Jens kam wieder etwas zur Ruhe, er nahm Platz und versuchte Nick zuzuhören.
“Also, damals war ich noch ein vielbeschäftigter Mann, zudem unverheiratet. Wie hätte ich dich aufnehmen sollen? Du wärst ständig alleine gewesen. Anke war die beste Freundin deiner Mutter, wie du und Jasmin kannten sie sich schon ein Leben lang. Was lag also näher, als ihnen diese Aufgabe zu übergeben, zumal sie das auch wollten.”
“Oh, ich wusste, dass sich unsere Eltern gut kannten, aber dass Anke die beste Freundin meiner Mutter war, wusste ich nicht. Seit einiger Zeit fühle ich mich auch wirklich schlecht, ich habe eingesehen, dass sie nur das Beste für mich wollten. Aber ich konnte einfach nicht anders, die Träume kamen tatsächlich wieder, als ich vierzehn Jahre alt war. Natürlich habe ich mich nicht getraut, jemanden davon zu erzählen, gerade in der Pubertät hatte ich schon genug Probleme.”
Jens atmete schwer, ihm machte das alles zu schaffen. Nick beugte sich zu ihm hinüber.
“Ist schon gut, sie verzeihen dir, da sie wissen, wie schwer alles für dich war. Sie wussten von deinen Träumen, und es war ihnen auch bewusst, dass dich irgendwann der Verlust deiner Eltern aus der Bahn werfen würde. Nur, dass es so heftig werden würde, damit hatte keiner gerechnet, noch nicht mal ich.”
Erstaunt schaute Jens Nick an.
“Sie verzeihen mir? Ehrlich? Oh es tut mir auch so leid, wenn ich könnte würde ich alles wieder rückgängig machen. Warum habe ich diese Menschen nur so behandelt?”
Jens liefen die Tränen über die Wangen. Nick war darüber überrascht, er hatte nicht damit gerechnet, dass Jens sich das so Herzen genommen hatte. Er bejahte die Fragen von Jens.
“Jetzt beruhige dich doch erst mal, du wirst bald schon die Gelegenheit haben, es ihnen persönlich zu sagen. Nun wird es aber Zeit, dass wir über deine Träume sprechen, ich hoffe wirklich, dass ich dir helfen kann.”
Jens stand erneut auf.
“Tut mir leid Nick, kann ich ein Fenster öffnen, ich brauch etwas Frischluft.
“Aber natürlich Jens.“
Nick hatte eine Ahnung, wie er das Problem von Jens lösen konnte, dafür musste dieser sich erst wieder beruhigen, damit er ihm etwas über seine Träume erzählen konnte. Er ließ Jens noch ein wenig mit seinen Gedanken alleine, während dieser wieder in der Praxis auf- und ablief. Nick freute sich, dass Jens so ein stattlicher junger Mann geworden war. Es war ihm anzusehen, dass er viel Sport trieb und seinen Körper pflegte. Das passte nicht zu den Geschichten, die Nick über seinen Neffen gehört hatte. Endlich kam Jens zur Ruhe.
“Na gut, lass uns endlich darüber sprechen, über die alten Geschichten können wir uns zu einem anderem Zeitpunkt unterhalten.”
Jens setzte sich auf den Stuhl und sah Nick an.