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Meine Höllenzeit

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Der Teufel will, dass du dich vor ihm niederkniest; Gott möchte, dass du aufrecht stehst und ihm in die Augen schaust. (Verfasser unbekannnt)

Bärbel war inzwischen so in ihrem Hochmut gefangen, dass sie es schon lange nicht mehr nötig hatte, zu arbeiten und sich schließlich von mir aushalten ließ. Ich war ihr Schüler und hatte für meine Meisterin zu sorgen. Sie sah sich als eine hohe auserwählte Seele. Dies ging so weit, dass sie schon bald einen anderen Namen annahm. Einen sogenannten Missionsnamen, den man hier auf dieser Erde bräuchte, wenn man von einem anderen Planeten abstamme und hier eine „Ich-rette-die-Erde“-Aufgabe zu erledigen habe.

Leider nahm ich damals ebenfalls einen anderen Namen an und verfiel auch in diesen Auserwähltheitswahn. Mein Minderwertigkeitsgefühl, zu kurz zu kommen und übersehen zu werden, waren noch zu groß und dies ließ mich noch tiefer in diesen starken Bann geraten. Jetzt wusste ich, warum ich mich auf dieser Erde nicht so wohl fühle. Ich stamme schließlich von einem anderen Planeten. Ich war mein ganzes Leben anders. Ich fühlte mich anders. Aber jetzt hatte ich meine Erklärung.

Der Zeitpunkt, an dem wir neue Namen angenommen hatten, war der Zeitpunkt, an dem die ganze Situation entscheidend ins Negative abrutschte. Meinen schönen Vornamen legte ich ab. Martin, den Krieger, gab es nicht mehr. Meine eigentliche Persönlichkeit verschwand vollends. Ich konnte nicht mehr kämpfen. (Mein Pseudoname lautete übrigens ‚Cynar‘, was bekanntlich ein Artischockenschnaps ist. Genau zu dieser Zeit fand ich in einer Zeitschrift eine Werbung mit dem Titel: „Jetzt ist Zeit für Cynar.“ Das war wieder ein solches Zeichen und der Beweis für mich, dass ich jetzt auch diesen Namen tragen darf. Hätte ich doch von diesem ein oder zwei Gläser getrunken, vielleicht wäre ich dann aufgewacht.)

Bärbel ging dann im Laufe der nächsten neun Monate soweit, dass sie der Auffassung war, dass sie die Mutter von Jesus Christus war. Oder ist. Mutter Maria. „Das glaube ich nicht“, war mein letztes Aufbäumen, „warum nicht?“ meine seelische Resignation. Leider siegte letztere und mein Weg ging dann unaufhaltsam bergab. Dinge passierten, die mich in meinen selbstmörderischen Gedanken, ich sei ein armer Sünder, der weit von seinem Schicksalsweg abgekommen ist, bestärkten. Und nur Bärbel konnte mir helfen. Sie war der Meinung, mein Leid und teilweise das Leid der Welt zu tragen. Als Mutter Maria. Für mich armen kleinen Sünder. Ich war ein Gefangener in einem muffigen Kerker. Ich war das Insekt in einem Spinnennetz und die Spinne wollte mich verspeisen.

Meine Abhängigkeit spielte sich rein in den Gedanken ab. Der Martin von damals wollte zu allen Menschen immer Liebkind sein. Er wollte immer gemocht werden. Nie sollte ein Mensch schlecht von Martin reden oder denken. Leider verstand ich nicht, dass dies absolut unmöglich ist. Mein Motto war: ‚Mit Menschen muss ich unter allen Umständen gut auskommen. Im Zweifelsfall nehme ich mich zurück.’ Und dieser Mechanismus war in mich eingebrannt. Ich wollte Bärbel alles recht machen und nahm mich immer mehr zurück. Das ging soweit, dass ich mich geistig schlagen ließ und mich auch noch für sie freute, dass sie mir wehtun konnte. Spiritueller Sadomasochismus.

Zwei Jahre sollte ich in Bärbels Bann gefangen sein. Und die ganze Zeit – dem göttlichen Geschick sei wieder gedankt - war es nur eine rein geistige, platonische Lehrer-Schüler Be-zieh-ung. Sie zog immer an der Schlinge, die um meinem Hals lag. Und ich bekam immer weniger Luft zum Atmen und musste immer in ihre Richtung gehen, wo auch immer sie mich hinzog. Ich verlor viel Geld und fast auch meine Seele. Zum Glück gingen wir in dieser Zeit oft spazieren und viel essen, denn die Luft und diese deftige irdische Nahrung war für mich überlebenswichtig. Ich aß wie ein Scheunendrescher und nahm trotzdem innerhalb von knapp vier Monaten 14 Kilogramm ab. Den alten Martin Fieber gab es nicht mehr. Ich war ausgemergelt, kraftlos, bleich und verlernte das Lachen. Ich war ein anderer Mann geworden. Von einer fremden Macht besetzt. War ich, als ich Bärbel kennen lernte, devot, so war ich jetzt ein versklavtes, kleines Etwas. So unterwürfig und feige, dass ich sogar aus Angst Spaß daran hatte, mich selbst zu erniedrigen, nur um Bärbel, nein, sie war ja mittlerweile zu ‚Mutter Maria‘ aufgestiegen, einen Gefallen zu tun und mir somit scheinbar ihre Liebe erkämpfte. Bärbel, die ‚göttliche Mutter‘, wurde ein Barbar. Ihre Ausstrahlung wurde härter, wurde männlicher, die Augenfarbe veränderte sich, sie wurden schwarz. Sie wurde absolut bestimmend, tyrannisch. Nein, sie wurde dämonisch.

Unsere beiden Verhaltensweisen in diesem Bann kann ich nur mit einer Besetzung von fremden Seelen erklären. Wir hatten uns mit geistigen Energien beschäftigt, kannten lebensnotwendige Schutzmaßnahmen nicht oder wendeten sie nicht an. Die Geister, die wir riefen, wurden wir schließlich nicht mehr los. Wir unterschätzten die negative Welt und ihre Kräfte, die von so vielen Menschen als nicht existent abgetan werden. Wir wussten von jenseitigen Wesen, die es lieben, auf unsere Gedanken zu reagieren und Schwächen von Menschen zu nutzen und mit ihnen zu spielen. Diese Wesen denken auch immer negativer und ziehen damit noch mehr negative Wesen an, die noch mehr den Menschen schaden wollen. Und so fort. Schließlich wurden wir zum Spielball jenseitiger, erdgebundener Seelen. Nur aufgrund unseren Gedanken. Wie gesagt, wir handelten absolut fahrlässig. Bärbel sonnte sich in ihrer göttlichen Vollkommenheit. Und ich dagegen ließ mich später mit Adolf Hitler und sogar Luzifer betiteln. Aber alles der Reihe nach.

Steh' endlich auf!

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