Читать книгу Teheran im Bauch - Mathias Kopetzki - Страница 6
Boarding, zwölf Jahre später
Оглавление»Fliegen Sie allein?«
Eine Rothaarige mit dunklem Teint riss mich in bemühtem Deutsch aus den Gedanken. Wie wir anderen in der Schlange wartete sie seit einer Stunde darauf, in die Maschine gelassen zu werden.
20 Meter vor uns flüsterte die Stewardess in ein Walkie-Talkie, doch der Einlass war noch nicht freigegeben. Einige Passagiere trippelten auf der Stelle. Babys schrien, größere Kinder liefen Slalom durch die Beine der Erwachsenen.
Ich lächelte und setzte an, der Dame zu antworten. Im selben Augenblick wandte sich ein Pagenkopf mit Sonnenbrille zu mir und wollte etwas auf persisch wissen. Ehe ich reagieren konnte, wurde ihm klar, dass er an den Falschen geraten war – mein iranischer Wortschatz beschränkte sich auf eine Vokabel: »Salemaleikum«. Stattdessen half ihm ein Managertyp, der viel zu süßes Parfüm verströmte. Was er sagte, klang weich und melodiös, mit viel Rachen und langen Vokalen.
»Ja, ich bin allein«, lächelte ich endlich der Rothaarigen zu, und das stimmte auch. Wohl oder übel. Mein biologischer Vater hatte mir am Telefon zwar vorgeschlagen, jemanden mitzubringen, doch ich war nicht in der Lage gewesen, jemanden zu finden. Meine Freunde hatten Freundinnen oder Frauen und die meisten Nachwuchs. Es war aussichtslos gewesen, sie vom Ausflug in einen Terroristenstaat zu überzeugen. Und eine Freundin gab es bei mir nicht. In meinem Terminkalender standen nur die Nummern von zwei Affären, die eine noch nicht lange und die andere nicht mehr lange, wie ich prophezeite. Beiden Mädchen schien bewusst zu sein, dass ich nicht der Mann ihrer Träume war. Ich sah sie einmal wöchentlich, abwechselnd am Wochenende – sie erwarteten so wenig von mir wie ich von ihnen. Wir boten uns gute Laune, Sex und Alkohol, manchmal Party, Kino, seltener ein Picknick. Das war schön, doch mal ehrlich: Klang das stabil genug für sechs Wochen Islamische Republik?
Ich hatte Angst vor dieser Reise, es war sinnlos, das nicht vor mir zuzugeben. Aber diese Angst wollte ich mit meinen Affären nicht teilen. Ich nahm mir vor, wenn ich wieder zu Hause wäre, ihnen ausgesuchte Fotos auf einem Goldtablett zu servieren.
»Wir zwei sind auch allein«, lächelte die Dame zurück. Erst jetzt entdeckte ich den kleinen Blondschopf an ihrer Hand, der mich mit braunen Kulleraugen musterte. Sofort reagierte sie auf meinen verwunderten Blick.
»Ihr Vater ist Deutscher«, sagte sie und strich sich mit den Fingern durchs Haar. »Maja ist naturblond, nur ich habe die Haare gefärbt. Erst gestern. Schade, dass sie gleich unterm Kopftuch verschwinden müssen.«
Mir fiel auf, dass sie nicht die einzige war, die barhäuptig herumstand, und das erstaunte mich: Die wenigsten Frauen trugen Kopfbedeckung. Dort, wo wir hinfliegen würden, war das aber Pflicht. Doch wieso hatte ich mir eigentlich jede Perserin schon in Deutschland verschleiert vorgestellt?
Sie schmunzelte. Ich spürte, dass sie mir gefallen wollte. Auch die Kleine schien mich zu mögen.
»Kann schon allein aufs Klo«, berichtete Maja und grinste mir ins Gesicht.
»So? Wie alt bist du denn?«
»Drei im September.«
Endlich kam Bewegung in die Schlange und ich schob mein Handgepäck einen Schritt nach vorn. Von allen Seiten vernahm ich unverständliches Gemurmel, und als mein Blick über die Menge schweifte, hatte ich das Gefühl, der einzige Nicht-Iraner zu sein, der heute nach Teheran flog. Ich musste grinsen. Auch bei mir konnte schließlich niemand auf einen Nachfahren Barbarossas wetten. Nahöstlich, wie ich nun mal wirkte, unterschied ich mich überhaupt nicht von der Reisemasse. Umso mehr war ich überrascht, dass mich die Rothaarige nicht auf persisch angesprochen hatte.
»Warum fliegt Ihr Mann nicht mit?«, fragte ich sie, um irgendwas zu fragen, während ihre Tochter mich nicht aus den Augen ließ.
»Sie meinen den Vater von Maja? Er ist nicht mein Mann. Ich war nur kurz mit ihm zusammen. Maja hat ihn nie gesehen. Eric hat nichts übrig für seine Tochter.«
»Das tut mir leid«, antwortete ich.
»Das muss es nicht. So sind deutsche Männer.«
Sie schaute mir in die Augen, als wollte sie das Gegenteil hören.
Die Melancholie in ihrem Blick machte mich verlegen. Sie war nicht besonders hübsch, aber ihre Pupillen hatten eine Tiefe, in der ich fähig gewesen wäre einzutauchen. Wenn ich es zugelassen hätte.
»Sind iranische denn besser?«, fragte ich.
Sie wurde ernst. »Anders. Das Gegenteil. Sie können nicht loslassen. Besonders nicht, wenn es um Kinder geht. Ich will keinen Iraner mehr als Mann. Aber die Deutschen haben es mir auch nicht leicht gemacht.«
»Hab Hunger!«, rief die Kleine und zupfte mich am Ärmel. Ich kramte in meiner Hosentasche, wo noch ein paar Hustenbonbons lagen. Ich fischte eins hervor und packte es ihr aus. Majas Mundwinkel wanderten nach oben.
»Sie fliegt das erste Mal in den Iran. Mein Vater wollte nicht, dass ich sie mitnehme. Eigentlich wollte er überhaupt nicht, dass ich komme.«
»Warum nicht?«
»Ich bin geschieden. Neun Jahre ist es her, da bin ich meinem Mann gefolgt. Von Tabriz nach Deutschland. Er bekam eine Arbeit in Hamburg, an der Universität. Farsad ist Physiker. Vor fünf Jahren hat er sich dann in eine Deutsche verliebt. Er hat sich von mir scheiden lassen.«
»So ein Mistkerl«, sagte ich. »Er hat Sie einfach im Stich gelassen. Warum sind Sie nicht zurückgegangen in den Iran?«
»Wissen Sie nicht, was Scheidung dort bedeutet? Du bist geächtet in der Gesellschaft. Kein rechtschaffener Mann wird dich auch nur anschauen. Ich habe mich in Deutschland durchgeschlagen. Das ist das Ergebnis.« Sie lächelte und zeigte auf ihren Spross. »Ein bezauberndes Ergebnis«, ergänzte sie und hob Maja auf ihren Arm.
Die schmatzte und hörte nicht auf, mich zu betrachten.
»Hast du noch einen Bonbon?«, fragte die Kleine.
»Erst, wenn das andere weg ist«, antwortete ich.
Sie kaute nicht mehr und schluckte den Rest hinunter. Dann öffnete sie den leeren Mund und streckte ihre Hand in meine Richtung. Ich musste lachen und wühlte erneut in der Tasche.
Die Rothaarige streichelte über den blonden Lockenkopf und sah mich dankbar an. »Fliegen Sie das erste Mal in den Iran?«
Ich nickte. »Und Sie? Wann waren Sie das letzte Mal dort?«
»Das ist lange her. Ich war noch verheiratet. Farsad und ich waren jedes Jahr bei unserer Familie. Wir haben zusammen einen Sohn. Farsad hat ihn mit in den Iran genommen, zusammen mit seiner deutschen Frau. Er wollte hier nicht bleiben. Er hatte Heimweh. Und Madjid, der damals vier war, hat er mitgenommen. Ich konnte nichts dagegen tun. Es war sein Recht. Im Islam darf eine geschiedene Frau ihr Kind nur behalten bis es zwei Jahre alt ist. Ab dann gehört es dem Mann. Er darf der Frau verbieten, es zu sehen und mit ihm zu reden. Genau das ist geschehen.«
Ich hatte von solchen Geschichten gehört, doch niemanden gekannt, dem sie widerfahren waren. Dafür hatte ich einfach zu wenig mit Muslimen zu tun.
Als ich sie fragte, ob sie ihren Sohn nun wiedersehen würde, schüttelte sie den Kopf. »Ich bin nicht lebensmüde. Ich möchte keinen Ärger. Und ich möchte vergessen. Ich hoffe, dass es Madjid gut geht. Er hing an seinem Vater immer mehr als an mir, und war noch so klein, als er in den Iran ging. Es hat sicher nicht lang gedauert, bis er sich eingelebt hat. Bei seiner neuen Mutter und bei der Familie meines Mannes, die eine gute Familie ist. Und auch Farsad ist ein guter Mann. Ich war nicht richtig für ihn. Ich hoffe, dass er sein Glück gefunden hat.« Ihr Mund lächelte, aber die Augen nicht.
Ich blickte weg und merkte, dass ich wütend wurde. Ich wollte nicht in ein Land reisen, wo solche Dinge geschahen. So kurz vor diesem Urlaub mochte ich hören, wie großartig die persische Kultur war, wie faszinierend die Landschaft und freundlich die Menschen. Ich wollte, dass verdammt noch mal jemand sagte, wie schön es sich dort leben ließ.
»Warum fliegen Sie dann überhaupt?«, erkundigte ich mich.
Den gereizten Ton in meiner Stimme versuchte ich zu verbergen. Sie fuhr der Kleinen mit der Hand über den Rücken. »Wegen Maja. Nur wegen Maja. Meine Familie verachtet mich. Sie glauben, dass ich an der Scheidung schuld sei. Sie haben mir nie verziehen, dass ich in Deutschland geblieben bin. Und schon gar nicht, dass ich ein Kind von einem deutschen Mann habe – dazu noch eine Tochter. Maja ist das Produkt einer Zina, einer Schändung.«
Ich verstand nicht.
»Jeder Geschlechtsverkehr mit einem nichtmuslimischen Mann gilt im Iran als Schändung«, erklärte sie. »Wäre das in Tabriz passiert, wäre ich jetzt tot. Bei Farsad ist das anders. Von einem Mann wird erwartet, dass er die Frau zu seinem Glauben bekehrt. Und das ist auch passiert: Monika ist zum Islam konvertiert, und sie wird von seiner Familie vollständig anerkannt. Genauso wie Madjid. Aber Maja ist für meine Familie ein Bastard.«
»Ich verstehe«, stammelte ich und dachte darüber nach. »Aber – ich begreife nicht, warum Sie sich so etwas antun! Warum Sie trotzdem fliegen!«
Sie stieß Luft aus der Nase und betrachtete mich. Eine Weile sagte sie nichts, und ihr Blick machte mich nervös. Dann flüsterte sie. »Wissen Sie, wie das ist, wenn man Angst hat? Ich meine, nicht ein bisschen Angst, sondern ständig. In der Nacht, bei Tage, ganz plötzlich. Wenn ich nicht gegen sie kämpfe, sterbe ich an ihr, verrecke. Als feiges Stück Fleisch, nicht als Mensch. Die Angst vor meiner Familie macht mich kaputt. Aber sie ist meine Familie, die werde ich nicht los. Ich habe ja schon gesagt, ich bin nicht lebensmüde. Ich werde die Menschen und die Verhältnisse dort nicht ändern. Aber ich werde meinem Vater zeigen, was für ein wunderbares Mädchen die kleine Maja ist. Und Maja werde ich zeigen, wo sie herkommt. Sie ist Iranerin, so deutsch sie auch aufwächst. Ich werde furchtbare Wochen haben. Aber ich habe mir vorgenommen, sie durchzustehen. Für Maja. Und ein bisschen für mich.«
Endlich waren wir am Pult angelangt und ich reichte der Stewardess mein Ticket. Es war vom Schweiß an den Fingern ganz feucht geworden und begann sich zu wellen.
Während ich die Durchgangstür passierte, drehte ich mich noch einmal um. Die Rothaarige war in eine Diskussion mit der Stewardess verstrickt. Ich hatte keine Ahnung, was los war, denn sie sprachen persisch. Vermutlich ging es um Maja. Sie war noch nicht einmal im Flugzeug, und schon gab es Probleme. Wie sollte das erst im Iran aussehen? Die Kleine tat mir leid. Sie blickte mir hinterher, winkte, und ich lächelte und winkte zurück.
Ich wartete nicht auf die beiden, auch hoffte ich, nicht neben ihnen sitzen zu müssen. Ihre Geschichte würde mir sechs Stunden Magenschmerzen bereiten.
Gleich würde ich meinen Schwedenkrimi zur Hand nehmen, der mich in eiskalte Fjorde entführte. Dort mordeten zwar die Menschen oder wurden ermordet, aber es gab sie nicht wirklich. Die moralinsauren Muslime, deren Gedankenwelt in mir Brechgefühle auslöste, waren dagegen real und die nächsten Wochen würden sie mein Leben bestimmen.
Mein Magen zog sich zusammen, als ich den Flieger betrat und eine Stewardess, der Kapuze und Hütchen die Haare verdeckten, zur Kabine zeigte.
»Salaam«, lächelte sie und ich nickte verkniffen.
War es nicht ein Fehler, diesen Flug anzutreten? Ich hatte meine Ersparnisse zusammengekratzt, ein Visum beantragt, mich gegen Hepatitis, Diphtherie und Typhus impfen lassen. Und das alles nur, um einer Sache hinterher zu reisen, die vor über zehn Jahren ihren Anfang genommen hatte und mit der ich bis heute eigentlich nichts zu tun haben wollte.
Reine Neugier war es, die mich damals zu dem Treffen mit Saeed Moghaddam bewogen hatte. Ich glaubte, ich hätte nichts zu verlieren.
Mit welcher Wucht mich diese Begegnung aber treffen sollte, hatte ich nicht erwartet.