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29. Januar
ОглавлениеAus dem Zitatenkästlein des Michel Onfray: »Sprenger und Institoris (die Verfasser des ›Hexenhammer‹ – M.K.) kommt innerhalb der Theologie der Inquisition der Rang zu, den etwa Deleuze und Guattari für die Philosophie der 1970er Jahre haben.«
Gestern lud die Deutsche Atlantische Gesellschaft zum Vortrags- und Diskussionsabend ins Adlon. Als der Hauptredner, Géza von Geyr, Ministerialdirektor im Verteidigungsministerium, den islamischen Terrorismus kurzerhand in »transnationalen Terrorismus« umtaufte bzw. umdefinierte, war ich einigermaßen irritiert; als er erklärte, aus heutiger Sicht gebe es für den Brexit keine nachvollziehbaren Gründe mehr, stand ich kurz davor zu gehen; als er versicherte, das Ziel der deutschen Sicherheitspolitik sei »eine demokratische, tolerante Gesellschaft«, bin ich gegangen.
Ein guter Bekannter bringt die Kategorie des Rangs ins Gespräch. Sie sei für seinen Umgang mit anderen Menschen zentral. Jedem Menschen sei sein Rang gleichsam eingeprägt. Man müsse sich stets bewusst sein, ob man im Range über oder unter seinem Gegenüber stehe. Wenn jeder seinen Platz kenne, erleichtere das den Umgang miteinander ungemein.
Da schluckt der kleine Modernski: Was sind denn das für alte Zöpfe? Schließlich hat jeder Berliner Abiturient schon bei Schiller gelesen: »Dieses Possenspiel des Ranges/ Sei künftighin aus unserm Bund verwiesen!« (Don Carlos, 1. Akt, 9. Auftritt). Rang ist so was von altmodisch und out! Das kann jeder beim Teammeeting, Grünen-Parteitag oder Yogakurs, ja sogar bei der Dienstausgabe in der Bundeswehr studieren. Die Zukunft gehört flachen Hierarchien.
Dieser Rang – der offizielle Dienstrang – ist aber nicht gemeint. Der Rang bezeichnet die Persönlichkeit eines Menschen, seinen Charakter, seine Fähigkeiten, seinen Geist, seinen Stolz, seine Standhaftigkeit, seine – um ein Lieblingswort der aktuellen Mollusken zu verwenden – Haltung. Kurzum: seinen Wert. Carlos spricht zwar von einem »Bund«, doch er weiß, dass Posa in jenem anderen, unsichtbaren Rang über ihm steht. Wenn Sie sich Kurt Schumacher anschauen und dessen späten Genossen Heiko Maas, dann besteht trotz des höheren Dienstranges von Heiko, der Regierungsmitglied und Außenminister ist, während Schumacher bloß Oppositionsführer war, nicht die Spur eines Zweifels über die Rangordnung.
Zwischen zwei Männern existiert immer ein Gefälle, immer eine spontane Rangordnung, und wenn sie von den Betreffenden nicht selbst wahrgenommen wird, erledigt es die Umwelt. Das gilt auch und sogar für gute Freunde. Bei Marx und Engels war das Gefälle so klar wie bei Strauss und Hofmannsthal oder bei Goethe und Schiller. Niemand begegnet einem anderen wirklich auf Augenhöhe. Dass die meisten es nicht bemerken, weil sie für solche Nuancen kein Sensorium besitzen und die Gesellschaft ihnen einredet, Gleiche unter Gleichen zu sein, tut nichts zur Sache, schmälert aber halbwegs verlässlich ihren eigenen Rang.