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09 INTERNATIONAL HOUSE

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Gnadenlos werde ich aus tiefstem Schlaf gerissen. Biggy ist über mir und hat meinen Oberkörper hoch genommen, als sei ich ein Baby. Atemlos umarmt und drückt sie mich.

„Lana! Da bist du ja wieder! Mein Gott was siehst du blass aus! Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht. Was war denn nur mit dir? Was ist denn passiert? Wo warst du?“ sprudelt es aus ihr heraus, während sie mich wieder und wieder an ihren Busen zieht.

Einen Moment lang werde ich weich und mir steigen wieder Tränen in die Augen. Sich in mütterlicher Umarmung auszuheulen scheint mir plötzlich sehr verlockend. Aber ich wüsste nicht, wie ich Biggy mein Gefühlschaos wirklich erklären könnte. Also versuche ich sie zu vertrösten: „Morgen Biggy, ja? Lass mich einfach erst Mal schlafen. Morgen erzähle ich es dir, aber jetzt nicht.“

Ich befreie mich sachte aus ihrer Umarmung und lasse mich wieder zurücksinken. Die Decke ziehe ich mir über die Schultern, um mich vor ihren fürsorglichen Blicken zu schützen. „Ich muss einfach mal schlafen ja?“ murmele ich.

Enttäuscht zieht Biggy sich von mir zurück und sieht mich etwas maulig an. Ein verzagtes Lächeln legt sich über ihr Gesicht. „Na ja“, grinst sie, „ich gebe zu, das war jetzt wohl ein Überfall. Aber morgen erzählst du mir wirklich alles, ja?“

„Ja“, murmele ich und drehe mich zur Seite. Gleichzeitig überlege ich halb verschlafen, was ich ihr überhaupt erzählen könnte von all dem. Ich will da gar nicht drüber nachdenken und auch nicht darüber, dass ich immer noch in voller Montur im Bett liege. Das ist mir alles zu viel. Ich will im Moment keine Entscheidungen mehr treffen. Ich will nur noch schlafen.

Biggy wirtschaftet leise im Zimmer herum. Im Moment will sie nichts von mir. – Gut!

Schließlich rastet die Tür ins Schloss und ich atme erleichtert auf. Nun brauche ich mich nicht mehr zu verstellen und gebe meine Tiefschlafpose auf. Etwas entspannter ruckele ich mich bequem zurecht, da fällt mir ein, dass Biggy wohl zum Abendessen runter gegangen ist.

Rasch stehe ich auf, ziehe meine Klamotten aus und schlüpfe in mein Schlafshirt. Schlechtes Timing: Ich spüre einen leichten Druck in meinem Unterbauch, also schnell noch über den Flur gehuscht, Pipi gemacht und dann wieder ins Bett.

Ein leichtes Ziehen in der Magengegend erinnert mich daran, dass ich heute außer ein paar kalten Pancakes noch nichts gegessen habe. - Vielleicht doch wieder anziehen und runtergehen?

Nein! Allein die Vorstellung, Biggy gegenüber zu sitzen und endlose Fragen zu beantworten, lässt mich derartig schlapp werden, dass ich mir die Decke noch höher über den Kopf ziehe. Sofort spüre ich einen leichten Luftzug an meinen nackten Füßen. – Das alte Spiel, das ich kenne, seit ich vierzehn war. Lana zu lang, Decke zu kurz! Ich versuche es zu ignorieren. Einfach nur schlafen. – Aber das geht nicht mit kalten Füßen, also zappele ich ein bisschen herum, bis alles so ist, wie ich es brauche um mich zu entspannen. Nun könnte ich weiterschlafen – statt dessen fange ich an im Kopf mit Biggy Gespräche zu führen. „Hör mal Biggy, das ist so ...“

‚Hallo Lana! Du willst schlafen! Du kannst hier niemandem etwas erklären!’

Oh mein Unterbewusstsein, es meldet sich mal wieder. – Toll! – Was hast du mir denn zu sagen?

‚Lass es Lana! Du redest mit dir selbst!’

Stimmt, aber ich muss doch noch dieses eine Argument ...

‚Nein musst du nicht, Lana! Du liegst allein in deinem Bett und niemand – ich wiederhole – niemand hört dir zu!’

Ich gebe auf, drehe mich auf die andere Seite und schlafe schließlich wirklich wieder ein.

Biggy ist am nächsten Morgen schon früh auf. Ich stelle mich schlafend, um allen Fragen aus dem Weg zu gehen. Sie ist wirklich eine Gute. Aus leicht geöffneten Augenlidern sehe ich sie mit ägyptisch anmutenden Bewegungen auf Zehenspitzen durchs Zimmer schleichen. Ganz offensichtlich will sie mich nicht wecken. Prima! – Ich weiß nämlich immer noch nicht, was ich ihr erzählen könnte. Andererseits kann ich mich aber auch nicht ständig schlafend stellen, sonst wachse ich hier im Bett noch fest.

Erst als ich mir sicher bin, dass Biggy wirklich weg ist, stehe ich auf. Ein großer Zettel liegt auf ihrem Bett. In schwungvoller Handschrift steht dort in rot: Mach dir keine Sorgen Lana! Bin mit Hercule unterwegs! Komme erst spät abends wieder!

Während ich diese Botschaft lese, spüre ich ein leises Ziehen in meiner Brust. Heute ist Sonntag! Mir wird klar, dass dies ein tolles Wochenende mit Diego hätte sein können. Und stattdessen ...

Die alte Traurigkeit übermannt mich wieder. Gleichzeitig bin ich richtig neidisch auf Biggy und Hercule. Die beiden können ihr Zusammensein unbeschwert genießen. Werden Diego und ich das wohl auch irgendwann einmal können? Seit ich ihn kenne, gab es immer wieder irgendwelche Schwierigkeiten.

Schnell hole ich mein Handy vom Schreibtisch und wähle Diegos Nummer. Wieder nur die Mailbox – Merde! Wütend werfe ich das Ding mit viel zu viel Schwung auf mein Bett.

Erschrocken halte ich die Luft an: Das Handy hüpft unkontrolliert auf der Matratze herum und bleibt wippend an der Bettkante liegen. Schnell schnappe ich es mir und lege es auf den Schreibtisch. - Ich muss mich besser beherrschen! Man soll sein Glück im Handy-Kaputtmachen nicht überstrapazieren.

Was für ein Mist! In der Zeit, seit wir uns kennen, war ich viel zu oft sauer auf Diego. Warum ist das so? Ganz klar: Es passieren immer wieder Dinge, die ich Diegos Volk anlastete und dann natürlich auch ihm.

Verdammt! Ich will doch nur mit Diego glücklich sein! Ich liebe ihn, aber immer wenn ich mir gerade sicher bin, mit seiner Fremdartigkeit zurecht zu kommen, passiert etwas Neues, und ich renne wieder vor eine Wand.

Genauso jetzt: Erst habe ich mir nur Gedanken über die blödsinnigen Anschuldigungen von Alicia gemacht. Nun frage ich mich, warum Diego immer noch festgehalten wird, und schon wieder schleicht sich dieses leise Misstrauen in meine Gedanken. Im nächsten Semester wollten wir beide uns eigentlich eine eigene Wohnung suchen. Wird das überhaupt möglich sein, mit ihm zusammen zu wohnen? Mit was werde ich dann noch alles konfrontiert?

Mechanisch suche ich mir frische Klamotten aus dem Schrank und schlurfe niedergeschlagen zum Waschraum.

Nach einer heißen Dusche geht es mir schon ein bisschen besser. Mein Magen macht sich knurrend bemerkbar und ich fahre hinunter in den Speisesaal zum Brunchbüffet. Netterweise haben die hier sonntags etwas länger auf.

Es ist ein seltsames Gefühl, allein in dieser ehrwürdigen, holzgetäfelten Halle zu sitzen. Wieder einmal stelle ich fest, dass dieser Raum nach allem aussieht, nur nicht nach dem Speisesaal eines Studentenwohnheims. Ich würde mich nicht wundern, wenn jetzt irgendein Nordstaatengeneral mit seinem ganzen Gefolge hier hereinkäme. - War hier in der Gegend überhaupt Bürgerkrieg? Der fand doch eher im Osten statt. Na, egal! Träum nicht! Auf geht’s! Seufzend erhebe ich mich von meinem Stuhl.

Schnell bringe ich mein Tablett zu einem der Metallregale. Im Vorbeigehen bleibt mein Blick an den Köstlichkeiten des Büffets hängen. Ich spüre noch immer, dass ich gestern einfach zu wenig gegessen habe. Mein Hungergefühl ist noch nicht besänftigt. Kurz entschlossen nehme ich mir ein neues Tablett, auf das ich mir Teller und Schüsseln mit Obst, Joghurt, kaltem Braten, Brot und Salat häufe. Ein großes Glas Fruchtsaft macht das Ganze komplett. Äußerst befriedigt über meine Beute jongliere ich das Tablett zum Aufzug. Die Frau hinter der Theke schaut mir belustigt nach, aber sie sagt nichts, also darf man das wohl. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich heute Mittag mein Zimmer nicht wegen Hungergefühlen verlassen muss. Das ist auch gut so.

Heute kann ich mir keine Ausreden mehr leisten, um mich vor der Arbeit zu drücken, auch wenn sich immer wieder neue Fragen aufdrängen: Haben die Cops am Ende irgendwelche Beweise gegen Diego gefunden?

Entschlossen schiebe ich diesen Gedanken beiseite. Es wird sich alles aufklären, so oder so. Ich glaube einfach nicht, dass Diego so etwas tut oder auch nur veranlasst!

In meinem Zimmer angekommen, stelle ich das Tablett auf Biggys Schreibtisch. Lous Bücher baue ich auf meinem Schreibtisch auf und schalte das Notebook ein.

Die Bücher sind klasse und ich komme gut voran. Bald habe ich schon zahlreiche Beispiele der Unterwasserarchäologie gesammelt und stichwortartige Beschreibungen dazu formuliert. Natürlich ist das noch längst kein fertiger Text, aber immerhin ergibt sich aus dem Ganzen schon eine gute Gliederung.

Auch das Bildmaterial ist beachtlich. Das sind schon ganz besondere und bestimmt auch sehr teure Bücher, die Lou mir da gegeben hat. So etwas gibt es hier in der Bibliothek gar nicht. Einiges davon werde ich einscannen und auf meinen Stick ziehen. Das wird eine tolle Power Point Präsentation ergeben. Seufzend lehne ich mich zurück. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit mir.

Die Luft des späten Nachmittags ist mild und ein leichter Wind spielt mit den Vorhängen am offenen Fenster. Ich schaue hinaus in den schönen kalifornischen Spätnachmittag mit seinem goldenen Licht, atme tief ein und bin stolz darauf, dass mein Kopf trotz all der Anspannung doch noch recht gut funktioniert.

Mitten in meinem Hochgefühl fällt mein Blick auf einen schmalen Band, der noch unberührt auf dem Schreibtisch liegt. Es scheint ein reiner Bildband zu sein. Ich habe ihn mir gewissermaßen als Belohnung bis zum Schluss aufgehoben.

Neugierig beuge ich mich vor und ziehe das Buch zu mir heran. Planlos blättere ich darin herum. Wunderbar fotografierte Unterwassermotive mit Textzeilen darunter in einer Schrift, die altertümlich wirkt. Nein –nicht nur altertümlich, sie ist überhaupt nicht zu entziffern. Was ist das für eine Schrift? In was für einer Sprache ist dieses Buch gedruckt?

Ich betrachte den Band genauer und stoße auf Bilder, die mich verwirren: Was wird denn da gezeigt? Ich sehe nackte Leute unter Wasser, die vor Höhlen herumschwimmen. Männer und Frauen mit strengen Gesichtern, langen, dunklen, wild schwebenden Haaren und kraftvollen Körpern. Sie wirken feierlich und ernst. Aber das Ganze hat absolut nichts mit Unterwasserarchäologie zu tun.

Auf einem Bild erkenne ich eine Gestalt, die liegend in eine Höhle geschoben wird. Ich betrachte das Bild genauer. Irgendwie erinnert mich das Ganze plötzlich an Caetan und an Hamilton. Ist das etwa - ich atme tief ein - eine Darksiderbestattung?

Gespannt blättere ich weiter und sehe die Textzeilen zu den verschiedenen Bildern. Ich würde sie so gern lesen können. Was ist das für ein Buch?

Auch der Einband ist ungewöhnlich: Er zeigt einen bronzefarbenen Dreizack, der kunstvoll mit Schlangen und irgendwelchen Schriftzeichen verziert ist. Die Spitzen, die mit Widerhaken versehen sind, schimmern in einem unwirklich goldenen Licht.

Der Hintergrund des Bildes ist dunkelblau bis grünlich. Es sieht so aus, als würde der Dreizack über eine Menge gehalten. Man erkennt zahlreiche, im diffusen Licht weiß-bläulich schimmernde Gesichter. Ihre hell schillernden Augen blicken zu den leuchtenden Spitzen des Dreizacks auf.

Das ganze Bild wirkt irgendwie mystisch – ja fast schon satanisch. Ziemlich unheimlich! Mich schaudert, als ich den Band erneut aufschlage. Dieses Buch muss ich mir genauer anschauen.

Plötzlich klingelt mein Handy. Das ist Diego! Er ist endlich frei! Mit der rechten Hand schmeiße ich das Buch zur Seite, während meine Linke zielgenau nach vorne schießt, das Handy schnappt und den Empfang sofort aktiviert. „Diego!“ rufe ich atemlos.

„Lana, endlich!“, dringt Diegos sanfte Stimme an mein Ohr und in mein Herz.

In meiner Erregung bin ich aufgesprungen, doch nun lasse ich mich wieder auf den Schreibtischstuhl sinken. Mir wird ganz weich zumute. „Diego!“ flüstere ich. „Endlich!“ Ich springe wieder auf und beginne aufgeregt im Zimmer herumzulaufen. „Wie geht es dir? Können wir uns sehen? Warum haben sie dich so lange festgehalten?“

„Ich komme zu dir, okay?“ antwortet Diego. „Jetzt sofort.“

Ich höre, dass er lächelt und ich muss auch lächeln. „Ja“, flüstere ich und eine zärtliche, warme Welle zieht durch meinen Körper. „Jetzt sofort!“

„Dann bis gleich.“

Das Gespräch ist beendet, aber ich presse das Handy trotzdem noch an mein Ohr. Der Spiegel über dem Waschbecken zeigt mir eine ziemlich dümmlich grinsende Lana. Ich nehme das Handy vom Ohr, nicke meinem Spiegelbild würdevoll zu und sage: „Siehst du, nun wird alles wieder gut.“

Die Minuten ziehen sich in die Länge, wie Kaugummi. Ich drehe in dem Zimmer eine ruhelose Runde nach der anderen. Zwischendrin hetze ich zum Fenster, wenn ich ein Auto höre. Ich weiß doch, wie Diegos Porsche klingt und trotzdem reagiere ich hektisch auf jedes Motorgeräusch, sogar als jemand mit einem knatternden Miniquad vorbeifährt.

Während ich wieder einmal aus dem Fenster spähe, höre ich hinter mir ein Klopfen. Erschrocken drehe ich mich um. „Ja?“

Die Tür geht auf und ich sehe in Diegos lächelndes Gesicht. Mit schnellen Schritten ist er bei mir und nimmt mich in die Arme.

Warum kann ich jetzt nichts sagen? Warum stehe ich hier rum wie eine Idiotin? Warum passiert mir das immer wieder? Ich lache und weine gleichzeitig.

Diego küsst mir die Tränen weg. Wir sinken auf mein Bett. Ich halte mich an ihm fest. Ich kann ihn nicht loslassen. Meine Fingerspitzen schieben sich durch die Knopfleiste seines Hemds. Die Wärme seiner Haut macht, dass ich mich noch fester an ihn presse. Es ist so schön, seine Hand auf meinem Rücken zu spüren. Endlich wieder zusammen! Wir können einfach nicht mehr aufhören, und schon bald verschmelzen wir in einer sehnsuchtsvollen, zärtlichen und gleichzeitig stürmischen Umarmung.

Liebevoll zieht mich Diego danach in die Arme, küsst mir auf die Haare und flüstert: „Du Lana, wir müssen zu Lou und alles bereden, was passiert ist.“

Ich drehe mich zu ihm um, stütze mich auf einen Ellbogen und streiche mit der Hand sacht über seine glatte Haut Ich folge dem leicht behaarten Pfad, der direkt unterhalb des Bauchnabels beginnt mit dem Finger. „Ich will aber noch mehr.“

Diegos Reaktion ist unverkennbar, und so kommt es, dass Lou doch noch ein wenig länger auf uns warten muss.

Auf dem Weg zu Lou sehe ich von Weitem die Golden Gate Bridge in der Abendsonne liegen. Der Bann ist gebrochen. Ich habe keine schlechten Gedanken mehr, wenn ich diese Brücke sehe, denn Diego ist wieder da. An seiner Seite kann mir nichts passieren. Wir sind endlich wieder zusammen.

DAS OPFER

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