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02 STERNENNACHT

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Was habe ich getan?

Diego weiß gar nicht, wo ich bin, er wird mich suchen im Greek-Theatre! Mein Handy liegt zerschmettert am Straßenrand! Er kann mich nicht erreichen! Warum fühle ich mich so merkwürdig gut dabei? Warum? Es ist wie ein Gefühl von süßer Rache: Soll er sich doch auch mal Sorgen machen, so wie er mir mitgespielt hat. Soll er doch, dann weiß er mal, wie das ist, wenn man ...

Ich fange wieder an zu zittern. Er weiß doch gar nicht, was ich weiß. – Egal! – Ich schließe die Augen und sehe Bilder - Bilder der vergangenen Nacht.

Ich sehe Lou, wie sie langsam nach vorne kippt. Schon ist ihr Schwerpunkt jenseits des Geländers. Sie rutscht ab. – Panik - Lou soll nicht sterben. - Meine Hand an ihrem Hosenbund. - Sie rutscht! - Endlose Sekunden - Mein halber Oberkörper ragt über das Geländer. Unter mir hängt Lou hoch über dem schwarzen Wasser der Bay, nur gehalten von meiner rechten Hand.

Später: Die blinkenden Lichter des Streifenwagens. - Der Cop, der uns mit seiner Taschenlampe anleuchtet. - Und über all dem das ruhige, warme, unwirkliche Weihnachtsbaumlicht der Golden Gate Bridge.

Lous Geständnis: „Ich kenne Alicia. Sie hat keine Seele! ... Ich war mal mit ihr zusammen. Sie hat mich ausgenutzt. Sie hat mir vorgespielt, dass sie mich liebt, und ich habe es geglaubt.“ - Ihr bitteres, verzweifeltes Lachen.

Die Fahrt zu Lou: Ich rieche nach meinem eigenen Erbrochenen und komme mir so zerfleddert vor, wie ein alter, stinkender Putzlumpen. Gleichzeitig spüre ich die warmen Gedanken von Lou neben mir. Im Radio läuft „It’s my life“. - Die Dunkelheit, die uns umschließt wie ein schützender Mantel, als wir endlich Lous Haus erreichen. - Das harmlose Gezirpe der Grillen in der duftenden, warmen Nacht, das mich an Port Grimaud erinnert und an die unbeschwerten Tage dort, bevor so viel Schreckliches passiert ist.

„So, deine Sachen sind in der Waschmaschine“, sagt Lou als sie hereinkommt.

„Danke“, bringe ich mit leiser Stimme heraus. Über Marisas flauschigen rosa Bademantel habe ich mir noch eine dicke Decke gezogen. Meine Haare sind feucht von der heißen Dusche. Mit angezogenen Knien sitze ich auf dem Boden an die Couch gelehnt. In die Decke gekuschelt schaue ich wie hypnotisiert auf die Flammen im Kamin.

Ich sitze in Lous Wohnzimmer und versuche, die Bilder der Nacht loszuwerden. Meine Füße stecken in dicken Socken, aber ich werde nicht warm. Immer wieder überlaufen mich eisige Schauer, die mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagen.

Lou reicht mir einen Becher Tee und setzt sich zu mir auf den Boden.

Das ganze wirkt so alltäglich, so schön, dass ich fast schon versucht bin, hysterisch aufzulachen. Woher nimmt sie die Kraft, so zu handeln, so - normal? Ich muss den Becher, den sie mir reicht, mit beiden Händen entgegen nehmen, um nichts zu verschütten, so sehr zittern meine Hände, so sehr bebt mein ganzer Körper.

Aufmerksam schaut Lou mich an. „Frierst du immer noch?“

Ich presse die Zähne aufeinander, um ein Klappern zu verhindern und nicke stumm. Mein ganzer Körper steht unter einer solchen Anspannung, dass sich kein einziger Muskel entkrampfen will.

„Das ist kein wirkliches Frieren“, stellt Lou fest. „Das ist der ganze Druck, die ganze Anspannung, die jetzt bei dir rauskommt. Trink mal was von dem Tee. Ich hab dir ein bisschen Wodka dazu gekippt, das soll bei euch ja helfen.“

Erstaunt schaue ich sie an.

„Nun guck nicht so, der ist nicht von mir, den hat Alicia hier gelassen – damals. Sie brauchte so was immer, vielleicht konnte sie mich anders nicht aushalten.“ Lou dreht den Kopf zur Seite und seufzt leise. Ich lege ihr kurz meine Hand auf den Arm. Schweigend sitzen wir dicht nebeneinander, schauen ins Feuer und trinken unseren Tee.

Merkwürdig, wie sich bestimmte Situationen wiederholen: Noch nicht mal ein halbes Jahr ist es her, da saß ich auch vor einem Kaminfeuer, eine Tasse Tee mit Rum in der Hand und Bea neben mir. Wir hockten im Wohnzimmer von Tante Claire und hatten keine Ahnung, was für unheimliche Erlebnisse uns in Saint Malo erwarten sollten.

Nun sitzt Lou neben mir. Wir beide haben die wohl schlimmste Nacht unseres Lebens hinter uns.

Dennoch, der Tee zeigt seine Wirkung: Ich spüre, wie mein verkrampftes Zittern langsam nachlässt und eine wohlige Wärme mich durchströmt. Ich stelle meinen leeren Becher weg und lehne mich an Lous Schulter. Sie legt den Arm um mich. Diese kleine, liebevoll tröstliche Geste bricht den Bann vollends.

Mit der Verkrampfung lösen sich auch endlich die vielen ungeweinten Tränen, die in meiner Kehle feststecken wie ein hart gekochtes Ei. Die ganze Wut und Enttäuschung über Alicia und Diego, über diese Hacker und dieses ganze Lügengebäude, mit dem Diego mich hierher nach Berkeley gelockt hat, steigt brennend in mir hoch. „Warum hat er das getan ...warum?“, schluchze ich. „Wie konnte er mich so einkaufen? Hacker beschwatzen, damit sie mir ein fingiertes Stipendium basteln? Und diese Alicia wusste davon. Wahrscheinlich haben sie sich darüber kaputt gelacht, wie gutgläubig ich in die Falle getappt bin. Ein Stipendium für Lana Rouvier, wie blöd muss man sein, um das wirklich glauben zu können?“

Alles sprudelt aus mir heraus. Wortlos zieht Lou mich an sich und drückt ihre Wange an meine Haare. Still hört sie mir zu und drückt ab und zu meine Schulter.

Als ich schließlich schweige, murmelt Lou: „Auch wenn du das jetzt vielleicht nicht hören willst Lana, aber diese ganze Sache klingt nicht nach Diego, absolut nicht! Der hätte es dir erzählt. Er hätte mit offenen Karten gespielt. Der hätte das niemals heimlich gemacht!“

Wütend richte ich mich auf und schiebe mich von Lou weg: „Hältst du auch zu diesem Lügner? Glaubst du wirklich, dass ich das glauben könnte, nach allem, was Alicia mir erzählt hat? Woher sollte sie denn sonst von der ganzen Sache wissen, hä? Sie kannte sogar das Zeichen mit dem Dreizack, das überall auf meinen Dokumenten zu sehen ist. Woher sollte sie das wissen, wenn sie es nicht vorher gesehen hätte?“

Lou zuckt mit den Schultern und schaut ins Feuer. „Von diesem Hacker vielleicht? Die beiden kennen sich.“

„Ja klar, der wird ihr auch gerade sagen, dass er ein linkes Ding gedreht hat!“

„Du kennst Alicia nicht Lana, die kriegt alles aus den Leuten raus, was sie will! Das ist eine Schlange und eine verdammte Heuchlerin. Ich kenne sie!“ Lou schüttelt den Kopf und spielt mit dem Löffel in ihrem Teebecher.

Wütend starre ich Lou an, aber wie sie das so sagt und so traurig neben mir sitzt, wird mir plötzlich bewusst, dass auch sie sich in dieser Nacht das Leben hatte nehmen wollen, und nun sitzt sie hier und muss mich trösten und beruhigen. Ich komme mir plötzlich ziemlich egoistisch vor.

Ich rutsche wieder zu Lou heran und lege ihr eine Hand auf den Arm. „Tut mir Leid, ich wollte dich nicht angreifen. Du hast genug eigenen Kummer, und ich denke nur an mich. Warum wolltest du es tun Lou? Warum?“

Lou seufzt auf. „Ja, warum? Alicia hat wohl immer noch Macht über mich.“

„Du meinst diese Prätorianerkraft?“ flüstere ich und starre dabei ins Feuer. Die Bilder dieser wilden Seewesen, die Caetan in die Tiefe zogen und der betörende Gesang der Prätorianerfrauen. - Mich hatte es doch damals auf den Bermudas auch schon gepackt. Und heute Nacht ist es Alicia beinahe gelungen, mich in den Tod zu treiben. „Aber ich dachte, ihr seid dagegen immun, also es ist doch eure eigene Rasse. - Ich verstehe das nicht.“

„Weißt du“, flüstert Lou neben mir, „irgendwann wird einfach alles zu viel, irgendwann hält man dieses ständige verletzt werden und diese ständigen Verluste einfach nicht mehr aus. Schätze, dieser Punkt war heute Nacht erreicht. Ich hatte plötzlich selber das Gefühl, dass Alicia Recht hat, und dass das der richtige Ausweg wäre.“

„Also auch wegen mir?“ frage ich leise. Immer noch sehe ich sie alleine hier am Pool sitzen, als ich gestern ohne ein Wort gegangen bin.

„Nein, nicht wegen dir, sondern weil ich mit dieser ganzen Situation langsam nicht mehr klar komme. Deine ehrlichen Gefühle haben mir gezeigt, wonach ich mich wirklich sehne und hinter was ich schon mein Leben lang herlaufe. Dann, heute Nacht, deine Unterhaltung mit Alicia: Ich hab gesehen, wie traurig du auf diesem kleinen Stuhl gehockt hast. Ich hab deine Verzweiflung gespürt wie meine eigene. Du warst so verletzt wie ich. Ich hatte das Gefühl ...“ Lou verstummt.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll und lege stattdessen einfach einen Arm um sie. Lou drückt ihren Kopf an meine Schulter. So sitzen wir schweigend und betrachten das Spiel der Flammen im Kamin. Was soll man auch sagen nach so einer Nacht, nach diesen Erfahrungen, die die Grenze des Ertragbaren für uns beide so weit überschritten haben?

Ich merke, wie mir die Augen zufallen wollen. Krampfhaft reiße ich sie wieder auf. Ich will es nicht sehen, dieses kalte schwarze Wasser. Immer wieder spüre ich, wie es mich umschlingt, so als sei es eine Erinnerung an die heutige Nacht. Dabei ist es ein Nachklang der Todesangst, die ich unter Dolores’ Yacht verspürt habe. Diese Kälte und Dunkelheit. Seltsam, dass ich mir trotzdem ausgerechnet das Wasser ausgesucht habe.

„Lou?“

„Ja?“

„Ich – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, es ist vielleicht kindisch, aber ich will nicht alleine schlafen. Ständig tauchen diese Bilder wieder auf. Ich ...“ hilflos schweige ich. Wie muss das klingen für ein Mädchen wie Lou. Fast wie ein Antrag! Dabei will ich wirklich einfach nur schlafen und mich dabei sicher fühlen.

Lou drückt sich an mich. „Mir geht’s genauso. Einfach nur jemanden neben sich spüren und sich sicher und geborgen fühlen. Mit seinen Gedanken nicht allein sein müssen.“

„Ja!“

„Dann lass uns schlafen gehen. Ich stecke deine Sachen gerade noch in den Trockner. Die Maschine müsste fertig sein.“ Lou steht auf und ist nach zwei Minuten zurück. „Komm!“ Sie streckt mir ihre Hand hin. Ich ergreife sie. Die Decke rutscht mir von den Schultern. Ich will sie fest halten, aber sie fällt schon zu Boden.

„Lass sie einfach liegen“, murmelt Lou und zieht mich mit sich.

Ich höre das Zwitschern von Vögeln. Ich mache zögernd die Augen auf und sehe, dass der erste Schimmer des neuen Tages dem Himmel schon eine tiefgraue Färbung gegeben hat. Neben mir höre ich Lous gleichmäßige Atemzüge.

Still bleibe ich liegen und horche in mich hinein. Da ist immer noch diese grenzenlose Leere und Erschöpfung. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, jetzt aufzustehen und irgendetwas zu tun. Was auch? Was wartet denn noch auf mich in diesem Land?

Ganz tief in mir regt sich ein leiser Widerspruch: Was ist mit meinen Träumen zum Beispiel? Soll ich wirklich nur deswegen das ganze Studium hinschmeißen? Das wäre doch bescheuert! Ich hätte nie wieder so eine Chance!

Ich will diese Gedanken nicht und wälze mich zur Seite. Lou liegt zusammengerollt wie ein Kätzchen neben mir und rührt sich nicht.

Nur nicht nachdenken! Eine bleierne Müdigkeit scheint alle meine Glieder zu lähmen. Ich schließe die Augen und versuche, wieder einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht. Wie eine Flutwelle strömen die Ereignisse des gestrigen Abends auf mich ein.

Ich wälze mich auf die andere Seite und starre an die Wand. Dort hängt ein Farbdruck der Sternennacht von Vincent van Gogh. Ich versuche, meinen Blick darauf zu konzentrieren, um mich von diesen anderen, hässlichen Bildern zu befreien. Aber sie füllen meinen Kopf wie ein klebriger Brei. Sie wollen sich nicht verdrängen lassen. Sie sind wie diese wirbeligen, unruhigen, dicken Pinselstriche, die den Nachthimmel über dem kleinen Ort auf dem Gemälde bedecken.

Wie zerrissen muss van Gogh gewesen sein, als er dieses Bild malte? Es ist, als hätte er meine Stimmung einfangen wollen. Diese Wirbel und Striche und Kreise wirken bedrohlich, stürmisch und unheimlich. Ich komme nicht zur Ruhe.

Mit offenen Augen und unfähig mich zu bewegen, denke ich an gestern Abend: Ich sehe wieder Alicias abschätzenden Blick, den Triumph in ihren Augen, als sie merkt, wie sehr sie mich getroffen hat. Ich drehe mich auf den Rücken und streiche verzweifelt mit den Händen über mein Gesicht. Es ist, als wolle ich Spinnweben entfernen. Kann es wirklich möglich sein, dass sie die Wahrheit gesagt hat?

Sie ist scharf auf Diego, hat Hercule gesagt. Warum also sollte sie zu mir ehrlich sein? Sie will mich loswerden, damit sie Diego für sich hat. Warum also sollte sie mir – ausgerechnet mir – die Wahrheit sagen? Könnte es sein, dass sie mich angelogen hat? Aber woher wusste sie dann von dem Dreizack auf meinen Unterlagen, dem Symbol von Stavros, dem Hacker?

Unruhig drehe ich den Kopf zur Seite und versuche mich in eine bequeme Lage zu bringen. Ich will wieder zur Ruhe kommen, aber mein Herz rast. Mit fällt ein, wie Lou heute Nacht so überzeugt gesagt hat, dass das niemals Diegos Art wäre. Was, wenn sie Recht hat und Diego nichts davon wusste?

Ich drehe mich wieder auf die Seite und rutsche ein wenig auf Lou zu, um ihre Nähe zu spüren. Fest presse ich die Augen zusammen. Tränen treten hervor. Ich will nicht mehr weinen! Ich will nicht mehr grübeln! Bitte geht weg – Gedanken!

Lou bewegt sich ein wenig und berührt mich sachte an der Hüfte. Ich drücke mich noch etwas fester an sie. Das tut so gut.

„Ey, Lana, beruhige dich, alles wird gut!“, murmelt Lou schlaftrunken. Ihre warme Hand liegt auf der nackten Haut zwischen T-Shirt und Slip, fast auf meinem Bauch. Ich lege meine Hand darauf und verstärke den Druck. Ich spüre die Wärme ihres Körpers an meinem Rücken. Ihre gleichmäßigen Atemzüge beruhigen mich. Langsam gleite ich wieder in einen leichten Schlaf.

Ich sehe Diego, wie er auf der Golden Gate Bridge nach mir sucht. Er ruft verzweifelt meinen Namen und springt schließlich ins Wasser, um mich zu finden. Ich tauche mit ihm in die kalte Dunkelheit hinab und versuche mich bemerkbar zu machen. Aber er sieht mich nicht, denn in Wirklichkeit bin ich tot.

Erschrocken fahre ich hoch. Nein! Ich bin nicht tot! Ich bin hier! Diego! Ich liebe dich doch! Deinetwegen bin ich doch nach Berkeley gekommen! Verschwitzt sitze ich im Bett und ringe keuchend nach Luft. Das graue Licht des frühen Morgens lässt mich die wirren Pinselstriche der Sternennacht gerade so erkennen. Ich sitze da und starre das Gemälde an. Habe ich einen Gedankenimpuls von Diego empfangen? Ist er wirklich in die Bay gesprungen, um mich zu suchen?

DAS OPFER

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